Burroughs, Augusten – Krass!

_Krasser als „American Beauty“_

Als Augusten Burroughs‘ psychisch kranke Mutter den alkoholkranken Vater verlässt, nimmt sie ihren Sohn zwar mit, schiebt ihn aber bald in die Obhut ihres Psychiaters ab. Dr. Finch ist nicht nur ein sehr unkonventioneller Psychologe, auch die neue Familie in der völlig vermüllten Villa hat es in sich …

_Der Autor_

Chris Robison alias Augusten Burroughs wurde 1965 in Pittsburgh als Sohn eines Mathematikers und einer Lyrikerin geboren. Nach der Scheidung gab ihn seine Mutter in die Familie ihres Psychiaters Dr. Finch nach Massachusetts, in dessen Haus er als Ziehsohn, gemeinsam mit den Kindern und Patienten des Doktors, aufwuchs.

Burroughs arbeitete u. a. als Hundetrainer, Süßwarenverkäufer, Kellner und Ladendetektiv, bevor er mit 19 Jahren als Werbetexter Karriere machte. Mit seinem Roman „Sellervision“ erregte er bereits 2000 großes Aufsehen, und seine Memoiren „Running with Scissors“ (2002; „Krass“) hielten sich über mehrere Monate in den Top Ten. Burroughs lebt heute in Manhattan.

Die Hollywood-Verfilmung (Sony) mit Gwyneth Paltrow und Joseph Fiennes (beide in „Shakespeare in Love“) lief bei uns am 18. Januar in den Kinos an, wurde jedoch kaum registriert.

_Der Sprecher_

August Diehl, geboren 1976 in Berlin, ist einer der angesehensten deutschen Schauspieler der jüngeren Generation. Er wurde für seine Rolle in dem Film „23“ mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Seitdem war er in „Kalt ist der Abendhauch“, „Tattoo“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (neben Daniel Brühl) und in Schlöndorffs „Die neunte Stunde“ zu sehen.

Den Text hat Bettina Brömme bearbeitet und gekürzt, Regie führte Marie-Luise Goerke, die Technik bediente Ahmed Chouraqui vom |OnAir|-Studio.

_Handlung_

Ein Name wie „Augusten“ gehört eigentlich verboten, zumal er im Englischen in allzu großer Nähe zu „disgusting“ (= widerlich) steht. Und dann ist dieser Junge auch noch anderweitig doppelt gestraft. Sein Vater ist ein alkoholsüchtiger Mathematiker, seine Mutter eine nikotinsüchtige Möchtegerndichterin. Nichtsdestoweniger eifert Augusten ihr nach, will stets gut aussehen, ausgezeichnete Manieren an den Tag legen und stets wissen, wie man sich kleidet. Er träumt davon, mal Steward bei einer Airline zu werden. Selbstredend ist die beste Zeitschrift, die er kennt, „The New Yorker“, das Intellektuellenblatt der Ostküste. Schließlich konnte Mutter dort eines ihrer Gedichte veröffentlichen. Ohne Zweifel wird er eines Tages ebenso berühmt sein wie sie und mit einer Stretch-Limousine durch die Städte kursiert werden.

Doch die Realität ist etwas anderes als Hoffnungen und Träume.

Sein Vater ist das genaue Gegenteil seiner Mutter, und daher streiten sich die beiden Elternteile ständig. Eines Tages beleidigt Deirdre Norman, und dieser reagiert damit, dass er sie würgt. Augusten schreit, sie sollen aufhören. Es folgt ein Stoß, ein Sturz: Vater liegt am Boden. Kein Wunder, denn er ist mal wieder betrunken. Deirdre hofft, er werde sich umbringen.

Als Psychiater und Eheberater, der die Lage retten soll, tritt Dr. Finch auf. Augusten stellt sich vor, Finch wäre der Weihnachtsmann, und mag ihn auf Anhieb. Augusten ist erst elf Jahre alt. Als er Finchs Praxis besucht, entdeckt er dort Hope, Finchs 28-jährige Tochter, die für ihn als Sprechstundenhilfe arbeitet. Sie ist so nett, dass sie Augusten einen Ring gibt, den er bewundert. Finch hat ein Zimmer in der Praxis, den er als „Masturbatorium“ bezeichnet. Darin stapeln sich Ausgaben von „Penthouse“. Hope schläft hier manchmal in der Mittagspause. Sie fragt Augusten, ob er manchmal auch masturbiert. Klar, aber er braucht dafür kein Extrazimmer.

|Die Finchs|

Als die Ehe seiner Eltern in die Brüche geht – das war abzusehen -, lebt Augusten noch eine Zeit lang bei seiner Mutter, doch irgendwann sieht sie ihn eher als Hemmschuh für ihre Kreativität. Da er sowieso schon sehr häufig die Familie von Dr. Finch besucht hat, übergibt sie ihn Finch als dessen Mündel. Nun ist Finch also sein Vater, neben sieben weiteren Kindern, von denen einige schon ausgeflogen und einige adoptiert sind. Darunter ist auch der 32-jährige Neil Bookman, der später eine wichtige Rolle spielt.

Der Haushalt der Finchs ist das genaue Gegenteil dessen, was unser junger Held bislang gewöhnt war. Die Kids laufen schlampig herum wie Hippies, die Wohnung ist ein Saustall, der Kleinste kackt unters Piano, und wenn man mit einem Elektroschockgerät spielen kann, dann ist das eine gute Gelegenheit, Doktor und Patient zu spielen. Aber endlich ist immer jemand da, mit dem Augusten sprechen kann. Er schreibt die Nacht hindurch an seinem Tagebuch, in das er einträgt, was die Finch-Kids heute wieder angestellt haben.

|Schwul|

Dass sie tolerant gegenüber Schwulen sind, findet er eines Tages von Hope heraus. „Du bist schwul? Na und?“ Ihr adoptierter Bruder Neil Bookman sei es ja auch und lebe trotzdem mit einer geschiedenen Frau zusammen. Augusten ist bereit, neue Sachen auszuprobieren, z. B. Hundefutter zu essen – schmeckt gut. Und als Neil zu Besuch ist, geht er mit ihm spazieren. Sie gestehen einander, dass sie schwul sind, Neil gibt sich offen und hilfsbereit.

Es ist der Beginn einer wunderbaren, intensiven Freundschaft. Doch für Neil ist es mehr: Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe zu Augusten. Aber der Geliebte ist nicht sicher, ob er so viel Verantwortung ertragen kann. Er hat nämlich den Verdacht, dass er die Geisteskrankheit seiner Mutter geerbt haben könnte …

_Mein Eindruck_

Die Story gehört eigentlich ins Kuriositätenkabinett. Die zwei Familien Augustens sind ordentlich verkorkst bzw. verschroben und würden sogar den „Royal Tenenbaums“ zum Vorbild gereichen. Doch wie schon die Tenenbaums sind auch die Burroughs‘ und Finchs nur von begrenztem Komikpotenzial – es ist alles so traurig, dass es schon wieder komisch ist und umgekehrt. Kaum möchte man loslachen, bleibt einem das Lachen schon wieder im Halse stecken.

Dass Augustens Mutter lesbische Neigungen auslebt, erwartet man heute schon automatisch, sobald eine Frau von einem Mann enttäuscht worden ist. Sie setzt noch einen drauf, indem sie sich mit einer Pfarrersfrau und dann mit einer Schwarzen einlässt! Dass auch Augusten homosexuell ist, leuchtet einem schon in der ersten Szene ein, in der er seiner Mutter nacheifert und sich todschick ausstaffiert. Die Finch-Kinder wundern sich denn auch, warum er so „aufgebrezelt“ herumläuft, wohingegen er entsetzt registriert, in welchem Slum er gelandet ist. Diese Kontraste sind alle ganz nett, aber sie vergehen wieder. Augustens Homosexualität bleibt.

Einer der zahlreichen Schockmomente, die der Autor eingebaut hat, besteht in einer völlig unvermittelt einsetzenden Szene, in der Augusten einen Penis in seiner Kehle stecken hat. So etwas liest man in einem biographischen Roman nicht alle Tage, und die Szene verfehlt denn auch ihre Wirkung nicht, so dass sie in Erinnerung bleibt. Eine weitere Szene mit Analverkehr wird ebenso minutiös geschildert und dürfte nur für Schwule von erotischem Schauwert sein.

Aber es gibt auch langweilige Szenen wie etwa die finale Konversation zwischen Augusten und seiner „Schwester“ Natalie, von der nie ganz klar wird, ob er mit ihr ebenfalls schläft. Vertraut genug wären sie ja miteinander. Auch dass eine Kellnerin mit Haaren auf den Zähnen Dr. Finch bei der Behandlung von Mrs. Burroughs in den Arm fällt, ist zunächst ganz amüsant, doch sobald Mom mal wieder von ihrer Geisteskrankheit kuriert aussieht, ist die Luft auch aus dieser Episode raus.

Man könnte dem Buch allenfalls zugute halten, dass es die späten siebziger und frühen achtziger Jahre in Neuenglands Universitätsstädten recht gut einfängt. Zahlreiche Kulturphänomene aus der Musik, dem Fernsehen und aus dem Kino (Burroughs schaut sich vor allem europäische Filme an) werden zitiert. Natürlich kommen sie uns heute entsprechend seltsam und antiquiert vor, aber daran kann man ablesen, wie stockkonservativ das alte Neuengland gewesen sein muss, in dem Augusten aufwächst. In New Hampshire beispielsweise wird stets stramm republikanisch gewählt.

Über Dr. Finch erfahren wir seltsamerweise nur indirekt etwas, nämlich über seine Familie, seine Frauen (zu denen auch Frau Burroughs gehört) und natürlich seine Familie. Ein liberaler Freigeist mit recht unorthodoxen Vorstellungen einer psychotherapeutischen Behandlung. Um es gelinde auszudrücken. Was er mit Mrs. Burroughs im Motel macht, sieht verdächtig nach einer Vergewaltigung aus. Er wird bestraft, natürlich, aber ironischerweise nicht für sein Verhalten als Mediziner, sondern für – Versicherungsbetrug. Das ist ungefähr so, als würde man Al Capone nicht für Alkoholschmuggel etc. einbuchten, sondern für Steuerhinterziehung – was ja auch der Fall war.

|Der Sprecher|

August (man beachte die Namensähnlichkeit!) Diehl liest den Text mit ruhiger Stimme, die sich nur selten zu etwas Energie aufrafft. Die vielen Stellen, die zum Schmunzeln Anlass geben, spricht er beispielsweise mit ganz lässiger Betonung, so dass man sich nichts Böses dabei denkt. Er bevormundet den Hörer nicht.

Allerdings bringt es diese ruhige Art des Vortrags mit sich, dass die einzelnen Figuren kaum voneinander zu unterscheiden sind. Mr. Burroughs hat zwar eine wesentlich tiefere Stimmlage als Mrs. Burroughs, aber die restlichen Figuren sprechen fast alle gleich (die Frauen ein wenig sanfter). Die Situationen geben da schon mehr her. Wenn Augusten wieder einmal, wie so häufig, Anlass hat, entsetzt oder bestürzt zu sein, so hört man ihm dies auch dem Vortrag an. Wenn seine Mom intensiv auf ihn einredet (= doziert), so hört man auch dem Sprecher genau zu. Und wenn gehaucht oder geflüstert wird, so ist auch dies willkommener Anlass für Abwechslung im langen Einerlei des ruhigen Vortrags.

Ich könnte mir eine Menge bessere Sprecher als Diehl vorstellen, aber es ist nicht unbedingt gesagt, dass ein anderer auch die mitunter sehr drastischen Stellen (s. o.) mit so stoischer Ruhe vorgelesen hätte.

_Unterm Strich_

„The Royal Tenenbaums“, „American Beauty“ und „Thirteen“ lassen schön grüßen. Die Familien, in die der Held vom Schicksal geworfen wird, sind schon ganz schön schlimm. Aber nur weil die Verhältnisse im stockkonservativen Neuengland sie so aussehen lassen. Eine lesbische Geliebte, die schwarz ist – ungeheuerlich! Ein schwuler Geliebter, der zwanzig Jahre älter ist – ist es zu fassen! Hinzu kommen die üblichen drogengestützten Psychotherapien; man kennt dies schon aus „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Verwunderlich ist eher, dass sich Augusten Burroughs, der Held, freischwimmt statt im Drogensumpf unterzugehen. Und diese Fähigkeit als Überlebenskünstler wundert ihn selbst am meisten. Aber er ist kein Superman, denn seine beste Freundin, seine „Schwester“ Natalie, schafft es ja auch, nicht kaputtzugehen, sondern einen erfüllenden Beruf zu erlangen: Von der McDonalds-Verkäuferin zur Medizinerin ist ein toller Aufstieg. Warum liegt Augusten nichts daran? Es bleibt ein Rätsel. Vielleicht hat er schon immer Schriftsteller werden wollen: seine Bestimmung, seine Erfüllung. Zahlreiche gefüllte Notizhefte, die in der Geschichte erwähnt werden, zeugen davon. Jetzt haben wir den Salat.

|Originaltitel: Running with Scissors, 2002
298 Minuten auf 4 CDs
Aus dem US-Englischen übersetzt von Volker Oldenburg|
http://www.hoerverlag.de

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