Campbell, Jack – Furchtlos. Die verschollene Flotte 1

_Raumschlachten und der Kampf mit einer Legende_

Seit hundert Jahren kämpft die Allianz verzweifelt gegen die Syndikatswelten, und die erschöpfte Flotte ist in Feindgebiet gelandet. Ihre einzige Hoffnung: Captain John Geary. Seit seinem heildenhaften Gefecht hält man ihn für tot. Doch wie durch ein Wunder hat er im Kälteschlaf überlebt. Nun soll er als dienstältester Offizier das Kommando über die Flotte übernehmen. In einem Krieg, der nur in einem Fiasko enden kann …

_Der Autor_

Hinter dem Pseudonym „Jack Campbell“ verbirgt sich der ehemalige U.S. Navy-Offizier John G. Hemry. In seinem aktiven Dienst bei der Marine sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen ließ. Campbell lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland, unweit Washington, D.C.

Zyklus „Die verschollene Flotte“:

1) Furchtlos
2) Black Jack

_Handlung_

Captain John „Black Jack“ Geary ist ein Kriegsheld aus jenen Tagen vor hundert Jahren, als der Krieg der Allianz mit den Syndikatswelten begann. Damals rettete er sich an Bord einer Rettungskapsel, die ihn im Kälteschlaf hielt, und wurde hundert Jahre später aufgefischt. Jetzt hat ihn die Flotte wieder aufgetaut, weil ein Notfall eingetreten ist: Die Allianz-Flotte ist im Feindgebiet umzingelt, nachdem sie verraten wurde. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen bedingungsloser Kapitulation und völliger Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene Syndic-Flotte.

Geary verlässt seine Kabine an Bord des Flaggschiffs |Dauntless| (= Furchtlos) und geht zur Brücke. Dort übergibt ihm Admiral Bloch als dem dienstältsten Offizier das Kommando über die Flotte und verrät ihm ein ungemein wichtiges Geheimnis: Die |Dauntless| darf um keinen Preis in die Hand des Feindes fallen, sonst ist die Allianz verloren. Dann fliegt Bloch mit einer Fähre zum Flaggschiff des Gegners, um zu verhandeln. Hilflos muss Geary auf dem Bildschirm die Videoübertragung mit ansehen, wie der Vorstandsvorsitzende (CEO) des Syndikats Bloch und seine Adjutanten kaltblütig abknallen lässt. Es gibt keine Verhandlungen, sondern ein Ultimatum: eine Stunde bis zu Kapitulation oder Vernichtung.

Eine Stunde kann eine Menge Zeit sein, wenn es drauf ankommt, denkt Geary. Nach einer Rücksprache mit Captain Desjani, der Kommandantin der |Dauntless|, über das Geheimnis lässt er eine Videokonferenz der anderen Kapitäne einberufen. Er bringt trotz des Widerstands einiger Offiziere – wer traut schon einem Aufgetauten? – alle auf seine Linie und lässt einen Rückzugsplan ausarbeiten: Operation Ouvertüre. In einem Vier-Augen-Gespräch mit der Ko-Präsidentin zweier verbündeter Flotten muss er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass auch sie das Geheimnis der Flotte kennt – oder zumindest gut geraten hat. Immerhin ist Ko-Präsidentin Victoria Rione abschließend bereit, den Gegner hinzuhalten.

Während sich die Flotte umformiert, um den Massensprungpunkt anzuvisieren, der sie aus dem feindlichen System herauskatapultiert, führt Geary ein Gespräch mit dem CEO des Gegners. Der ist zunächst verständlicherweise ungläubig, dass ein vor hundert Jahren gestorbener Offizier nun das Kommando über die Allianz-Flotte übernommen haben will. Das soll wohl ein Trick oder schlechter Scherz sein? Geary pflegt nicht zu scherzen, aber es gibt ihm Gelegenheit, den CEO eine weitere halbe Stunde aufzuhalten. Bis dieser die Verbindung entnervt unterbricht, um Gearys Offiziere einzeln zur Aufgabe zu überreden. Geary unterbindet diesen Versuch energisch.

Mit einem verlustreichen Rückzugsgefecht gelingt es Geary, seine Flotte fast komplett aus dem Feindsystem springen zu lassen. Doch er verliert dabei seinen Großneffen, der sich für die Flotte opfert und in Gefangenschaft geht. Geary verspricht ihm, ihn rauszuholen und Michaels Schwester zu kontaktieren, die auf einer der Allianzwelten lebt.

Doch jenseits des Zielpunktes nach dem Sprung muss Geary feststellen, dass hundert Jahre Krieg ihre Spuren hinterlassen haben, nicht nur auf den Welten, sondern vor allem in Gearys eigener Flotte …

_Mein Eindruck_

Wie andere Military Science Fiction, wie etwa von David Weber („Honor Harrington“), John Ringo oder William Dietz, beschäftigt sich die Handlung ausschließlich mit Kriegshandlungen und wenig mit Politik. Eigentlich sollte es nach einem hundertjährigen Krieg ja nicht verwundern, dass die beiden gegnerischen Seiten nicht mehr miteinander reden. Geary, der aufgetaute Veteran aus den ersten Tagen dieses Krieges, ja, sein erstes Opfer, ist dennoch anderer Ansicht: Ihn erstaunt es immer wieder, wie verhärtet die Fronten sind. Und das nimmt er wider Erwarten als Schwäche wahr. Krieg ist nicht selbstverständlich, aber wie könnte er ihn beenden?

|Drei Probleme: Nr. 1|

Mit Geary, dem aufgetauten Veteranen, tritt eine ganz besondere Art von Figur in dieser Militär-SF auf: Geary ist nicht nur Kriegsheld, sondern Legende. Und Legenden werden seit jeher als Schulbeispiele zur Unterrichtung der Schüler und Novizen herangezogen. Geary macht sich nichts vor, was Mythen anbelangt: Sie bestehen zumeist aus zweckdienlicher Erfindung. Und seine eigene Legende bildet da keine Ausnahme.

|Nr. 2|

Sein Problem nach der Wiederauferstehung besteht daher in vielerlei Hinsicht. Erstens stellt seine Legende eine Lüge dar, die seine Untergebenen, Offiziere wie auch Matrosen, für bare Münze nehmen. Wenn er die Lüge fortsetzt, führt er alle seine Mitstreiter hinters Licht. Victoria Rione zweifelt bereits mächtig an ihm. Problem Nr. 2: Er kann nicht hingehen und sich als etwas anderes hinstellen als das, was die Legende besagt. Das würde der Flotte den psychologischen Todesstoß versetzen, quasi als Stoß in den Rücken. Und dieser Akt würde sowohl die Ehre seiner Vorfahren beflecken als auch das Opfer seines Großneffen entehren.

Also ist Geary notgedrungen dazu gezwungen, die Legende sowohl zu benutzen als auch langsam durch die Wirklichkeit des einfachen Menschen zu ersetzen. Im Verlauf dieses Prozesses kommt es wie erwartet zur Bildung zweier Gruppen innerhalb des Offiziercorps: Leute wie Captain Desjani verehren Geary, weil sie weiterhin an die Legende glauben, doch Ehrgeizlinge wie Captain Feras und Cpt. Numos lehnen Geary rundweg ab, weil er einem Grundprinzip ihrer Ausbildung widerspricht: Dass Stolz und Ehre der Flotte darin bestehen, für sie in den Tod zu gehen. Geary hält nichts von solchen Opfern, auch wenn er sie hinnehmen muss. Sein oberstes Ziel besteht darin, die Flotte nach Hause zu bringen. Schon diese Absicht stößt bei Numos und Feras auf schweren Widerspruch.

|Nr. 3|

Problem Nummer 3 lässt nicht lange auf sich warten, und Co-Präsidentin Rione, Chefin der Verbündeten, zögert nicht, es Geary unter die Nase zu reiben: Wenn er es schafft, die Flotte nach Hause zu bringen und seine Legende zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend intakt ist, dann stellt er den mächtigsten Menschen in der gesamten Allianz dar. Was gedenkt er mit dieser immensen Macht anzustellen? Obwohl es sich um ein Thema handelt, das erst in der Zukunft Bedeutung erlangt, kann Geary ihm nicht ausweichen, ohne Riones Vertrauen zu verspielen. Mehr soll hier nicht verraten werden.

|Weibliches Gewissen|

Wie man sieht, ist dieser Military-SF-Roman, der Auftakt zu einer neuen Serie, nicht so dumm, wie man von ähnlichen Werken (z.B. die „Starfist“- oder die „Nanokriege“-Serien) her erwarten könnte. Die Hauptfigur sieht sich ziemlich selbstkritisch. Das liegt vor allem an den zwei Frauen, mit denen er es zu tun hat und die für ihn Gewissen spielen: Desjani ist die gläubige Heldenverehrerin und verlässliche Mitarbeiterin, doch Rione ist die realistische Politikerin, die stets an hehren Motiven zweifelt, weil sie dahinter meist Eigennutz vermutet. Damit liegt sie meist richtig, doch nicht bei Geary.

|Schlachten|

Natürlich muss jeder Military-SF-Roman ein gewisses Quantum Action vorweisen können. Im Auftakt kommt es bereits zu einem spannenden Gefecht, das Gearys Flotte den Rückzug ermöglicht. Die zweite Etappe der Flottenbewegung stellt die Eroberung eines Syndikats-System dar sowie zahlreiche Reparaturen und die Abwehr von Angriffen. Diesmal lernt Geary die Opposition um Feras und Numos als Feinde und subversive Agitatoren kennen.

Im dritten Akt kommt es schließlich zu der obligatorischen Raumschlacht gegen die verfolgende Syndic-Flotte. Auch hier zeigt sich, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, dass die Opposition nicht schläft – und beinahe den sicher geglaubten Sieg vermasselt. Die neue Kampftaktik der dirigierten Flottenverbände widerspricht dem Kampfprinzip des Mottos „Alle feste druff!“ vollkommen, weil erstens die Individualität zugunsten der Gruppe aufzugeben ist und zweitens der Frontalangriff völlig abgeschafft wird. Die alte Taktik, diue früher fast zur Selbstzerstörung der Flotte geführt hat, wird nun diskreditiert und durch ein neues Prinzip ersetzt: Teamgeist. Dass das Team die Lorbeeren einheimsen soll und nicht der einzelne „Ritter“, stößt Numos & Co. sauer auf. Aber Geary weiß, dass es nicht anders geht.

|Die dritte Macht|

Geary stößt im Kaliban-System, das die Syndics vor 42 Jahren aufgegeben haben, auf Spuren von Aktivität, die jünger sind als 42 Jahre, so etwa ein aufgebohrter Tresor. Dabei wurden Bohrer verwendet, die weder Allianz noch Syndics einsetzen. Wer also ist diese dritte Partei? Womöglich fremde Intelligenzen? Doch Desjani, Rione und ihre Archive wissen nichts von Begegnungen der dritten Art. Wer auch immer dieser dritte Jemand ist, sollte aufpassen, dass er nicht unter die Räder kommt. Andererseits könnte er für Geary & Co. ein potentieller Verbündeter sein.

Außerdem stößt Geary zu seiner Verblüffung auf die Tatsache, dass keiner in der Allianz und auf den Syndikatswelten weiß, wie es überhaupt zu diesem Krieg gekommen ist. Geary selbst wurde vor hundert Jahren ohne Vorwarnung von den Syndics attackiert – was schwer an Pearl Harbor erinnert. Doch was war der Auslöser für ihren Angriff? Könnte dabei die mysteriöse dritte Macht ihre Finger im Spiel gehabt haben?

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung stellte keine besonders großen Ansprüche an Ralph Sander, doch er erledigte seine Arbeit zu meiner Zufriedenheit. Die Flüchtigkeitsfehler, die sich in Taschenbuchübersetzungen allenthalben finden, waren auch hier nicht zu vermeiden. Doch es handelt sich meist um falsche Endungen oder Buchstabendreher. Fehlende Wörter sind mir keine aufgefallen, und auch die Figuren, die sonst gerne mal verwechselt werden, tragen alle den richtigen Namen.

_Unterm Strich_

In diesem Auftaktband zu einer neuen Military-SF-Reihe stellt der Autor nicht nur einen beeindruckenden Sachverstand zur Schau, sondern stellt auch eine zentrale Komponente aller Militärideologien in Frage: die Heldenverehrung. Legenden werden hier als zweckdienliche Erfindungen der Lehrer und Ideologen entlarvt. Doch wie kann die Hauptfigur, selbst eine Legende, sich selbst demontieren? Es würde seiner Flotte, die er nach Hause bringen will und soll, den letzten Rest an Überlebens- und Kampfeswillen nehmen.

Trotzdem muss er die Legende sukzessive durch seine eigene Wirklichkeit ersetzen und löst damit heftige Konflikte im Offizierkorps aus. Dass er Einzelkämpferruhm durch Teamgeist ablöst, sorgt bereits für genügend Zündstoff. Außerdem erhebt sich die Frage, was Geary mit der Macht seiner Legende anfangen wird, sobald er zu Hause angekommen ist. Auch der US-Autor Jack McDevitt hat sich in „Die Legende des Christopher Sim“ mit dem Thema auseinandergesetzt. Diesen Roman gab es bei |Bastei Lübbe| im Doppelpack mit McDevitts ausgezeichnetem Erforscherroman „The Hercules Text“.

Ansonsten kann der Roman mit den üblichen Unterhaltungswerten eines Military-SF-Romans dienen: mehrere Raumgefechte, diverse Abwehrkämpfe, Streit im Offizierkorps, die Auseinandersetzung mit einem unerbittlichen Gegner und schließlich offene Rätsel, die es im nächsten Band zu lösen gilt.

|Originaltitel: The lost fleet: Dauntless, 2006
Aus dem US-Englischen von Ralph Sander
380 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3404233410|
http://www.bastei-luebbe.de

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