Jeschke, Wolfgang / Bova, Ben (Hgg.) – Titan-12

_Eis vom Saturn, Wüste im Vorgarten_

Die Großen der Sciencefiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der so genannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 12 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Jack Williamson, Isaac Asimov und Clifford D. Simak gesammelt.

_Die Herausgeber_

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im |Kichtenberg|-Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim |Heyne|-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und zum Teil für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Sein erster Roman [„Der letzte Tag der Schöpfung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1658 (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“. Zuletzt erschien „Das Cusanus-Spiel“ bei |Droemer|.

2) Ben Bova, Jahrgang 1932, ist ebenfalls schon über 70 und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science-Fiction-Herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science-Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstanden der „Foundation“-Zyklus und andere Future-History-Zyklen.

Für seine Herausgeberschaft von |Analog| wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Science-Fiction ausgezeichnet, dem |Hugo Gernsback Award|. Von 1978-82 gab er das Technik-&-Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science-Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident des Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.

Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner |Multiversum|-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.

1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform.

_Die Erzählungen_

1) _Jack Williamson: Die Humanoiden_ (With folded Hands, 1947)

Mr. Underhill ist ein intelligenter Unternehmer in seiner Kleinstadt Two Rivers. Er verkauft Androiden, also mechanische Diener, so, wie sie zu Millionen in aller Welt eingesetzt werden. Jedenfalls bis zu jenem Tag, als das Institut für Humanoide seine erste Agentur in Zwo Rivers eröffnet. Danach verkauft niemand mehr irgendwelche Automaten.

Er betritt die Agentur, und ein nackter schwarzer Humanoide stellt sich ihm vor, um ihn für seine Dienste zu gewinnen, und diese Dienste lauten: Dienen, gehorchen und den Menschen vor Schaden bewahren. So lautet die Primäre Direktive. Der schwarze künstliche Mensch ist Underhill unheimlich, und als er aus dem Gebäude tritt, ohne in etwas einzuwilligen, bemerkt er am Seiteneingang, wie zahlreiche weitere schwarze Humanoide aus Kisten ausgeladen werden. Diese tragen die Herkunftsbezeichnung „Institut für Humanoide, Wing IV“. Scheint eine ferne Welt zu sein. Aber Welten gibt es mittlerweile wie Sand am Meer.

Grübelnd geht Underhill nach Hause. Der Humanoide hat ihm angeboten, seine Firma zu übernehmen und damit auch die hohen Schulden, die darauf lasten. Doch Underhill ist stur und stolz auf seine Selbständigkeit. Zu Hause klagt seine Frau Aurora darüber, dass ihr Androide die Suppe immer noch nicht schöpfen kann, ohne zu spritzen. Und sie stellt ihm ihren neuen Untermieter Mr. Sledge vor. Von ihren Untermietern hat Underhill keine hohe Meinung und mit Skepsis betrachtet er den alten Knacker, der ihm für einen Zehner dankt.

Zweifelnd fühlt er Mr. Sledge auf den Zahn, der vorgibt, ein Erfinder zu sein und von einer Welt Welt namens Wing IV zu stammen. Bei diesem Namen horcht Underhill auf. Schließlich stammen von dort die Humanoiden, die sein Geschäft bedrohen. Sledge behauptet, den Rhodomagnetismus erfunden zu haben, der die Humanoiden antreibt. Selbst eingehende Erklärungen können Underhills Zweifel nicht vertreiben. Als er andeutet, dass die Humanoiden in Zwo Rivers aufgetaucht seien, erleidet Sledge einen Erstickungsanfall. Er hat große Angst vor diesen Kreaturen. Könnte Sledge etwa ein Verbündeter sein?

Die Humanoiden übernehmen die Stadt, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Androiden werden zurückgegeben, Kredite und Darlehen gekündigt, Underhill muss Konkurs anmelden, seine Firma wird total plattgemacht. Aber er übereignet sie nicht. Noch nicht. Vielmehr hört er zunehmend fasziniert Mr. Sledge zu, wie dieser erzählt, er wolle die Humanoiden stoppen. Denn er selbst habe sie geschaffen!

|Mein Eindruck|

„Die Humanoiden“ bzw. „Wing IV“ gehört neben Asimovs Roboter-Geschichten zu den Klassikern der Auseinandersetzung von Mensch und Maschinenintelligenz. Anders als „der gute Doktor“ ist aber Williamson weniger oberflächlich-optimistisch im Hinblick auf das grundlegende Problem der Willensfreiheit. Dieses stellt sich aber unweigerlich ein, wenn eine Gesellschaft ihr Heil in besseren Maschinen sucht. Leider findet auch Williamson keine endgültige Antwort – oder zum Glück: Denn nun hat der Leser die Willensfreiheit, selbst zu wählen, was besser ist: Fürsorge oder Freiheit.

Die „Humanoiden“ des Originaltitels sind Williamsons negative Version der Asimovschen Roboter, also ebenfalls mechanischen menschenähnliche Wesen mit künstlicher Intelligenz. Sie wurden geschaffen, um für immer Kriege zu verhindern und jedes Unheil von Menschen abzuwenden, also eine Art Kindermädchen. Wie eine heimlich steigende Flut nehmen die Wesen vom Planeten Wing IV, einer gigantischen Roboterschmiede, mit sanfter Gewalt eine Welt nach der anderen in Besitz – offiziell nur, um über das Wohlergehen der Menschen zu wachen, wie es ihnen ihre Primäre Direktive befiehlt. Nur dass die Menschen dabei nutzlos werden.

Doch die „fürsorgliche Belagerung“ zeugt auch Aufstand. In der zweiten Hälfte des Romans „Wing IV“ geht es den Humanoiden an den Kragen. Eine Rebellengruppe entzieht sich mit telepathischen Kräften dieser unerbittlichen Fürsorglichkeit. Sie nimmt Kontakt mit dem Wissenschaftler Forester auf, der auf einem Planeten lebt, der noch frei von Humanoiden ist. Zusammen setzen sie alles daran, den freien Willen der Menschen der obersten Direktive der Humanoiden einzubauen, um dem Menschen die Ausübung desselben wiederzugeben. Aber wäre dies nicht ein Schritt zurück?

Die Romanfassung war eines der allerersten SF-Bücher, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Deutsche übersetzt wurden (bei |Rauchs Weltraumbücher|). Sehr interessant für SF-Kenner ist das in der Ausgabe der |Heyne SF-Bibliothek| enthaltene Nachwort des damaligen Herausgebers des |Rauch|-Verlages.

2) _Isaac Asimov: Auf marsianische Art_ (The Martian Way, 1952)

Die Menschen haben den Mars besiedelt und bauen dort jede Menge Rohstoffe ab. Der regelmäßige Verkehrsstrom von Raumschiffen von der Erde zum Roten Planeten hat mehrere Auswirkungen. Die Raketen werfen Reaktionsmasse ab: vor allem Wasser, aber auch Stufen der Hülle, die aus Metall sind. Um dieses wertvolle Metall als Rohstoff zurückzugewinnen, haben sich auf dem Mars „Müllsammler“ gefunden, die eifersüchtig über ihren jeweiligen Raumsektor wachen.

Mario Rioz ist ein alter Müllsammler-Hase auf den Verkehrswegen, doch sein neuer Kollege Ted Long ist eigentlich Bergwerksingenieur und neu in diesem Job. Während Mario wieder mal fette Beute erspäht, schaut sich Ted die Fernsehnachrichten an. Dort wettert ein Agitator namens John Hilder gegen die Marsianer, die der Erde das Wasser wegnähmen. Keiner ahnt, wohin diese Propaganda noch führen wird.

Zwölf Monate später. Die Erde hat dem Mars den Wasserhahn zugedreht, und der Mars stellt seinerseits die Müllsammlerflüge ein. Das einseitige Wasserembargo, das die Hilder-Partei herbeigeredet hat, belastet die Wirtschaft des Mars in steigendem Maß und die Müllsammler denken daran, diesen Zustand nicht eskalieren zu lassen. Ted Long hat eine fabelhafte Idee, die er seinen Kollegen Mario Rioz und Richard Swenson unterbreitet. Allerdings bedeutet sie, dass Swenson seine Frau Dora und seinen kleinen Sohn Peter ein Jahr lang nicht sehen wird.

Wo gibt es im Sonnensystem sonst noch natürliches Wassereis? Auf den Monden des Jupiter, im Asteroidengürtel (Vesta etc.) und in den Ringen des Saturn. Sie sind etwa ein Jahr Raumflug entfernt. Doch das „Handbuch der Raumfahrt“ besagt, dass Menschen spätestens nach sechs Monaten Raumflug einen Koller kriegen und reif für die Klapse werden. Ted Long entgegnet, dass das Handbuch von Flachländern, also Erdlingen, geschrieben wurde, aber nicht auf Marsianer anzuwenden ist. Marsianer verbringen ihr ganzes Leben wie in einem Raumschiff, mit aufbereiteter Luft, verpacktem Wasser, verpackten Lebensmitteln, unter Kuppeln. Sie sind optimal an den Raumflug angepasst.

Das gibt den Ausschlag. Rioz und Swenson wollen Longs Vorschlag unterstützen. Als Mars-Kommissar Hamish Sankov vom UN-Generalsekretär selbst gesagt bekommt, dass die Regierung gegen die Hilder-Partei nichts ausrichten kann und gegen das Embargo nichts unternehmen will, gibt er Longs Leuten grünes Licht. Denn wer zuletzt über die Flachländer lacht, lacht am besten. Das Abenteuer „Saturn-Eis“ kann beginnen …

|Mein Eindruck|

Eigentlich sind solche guten Storys über die Unternehmungen der Menschheit die Domäne von Robert Heinlein, und in seiner „Future History“ (zuerst 1940) hat er sie oft genug beschrieben. Doch bei Heinlein kommt es öfters zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, z. B. in „Universe“, was nun dem guten Doktor Asimov überhaupt nicht liegt. Er hält es lieber mit der Politik und der Wirkung, die geschaffene Fakten nun mal zeitigen.

Hier ist es das Eis vom Saturn, das die hochnäsige Delegation von der Erde nicht nur verblüfft, sondern auch der Lächerlichkeit preisgibt. Der Mars dreht den Spieß um: Wenn die Erde von ihren Quintillionen Wasser keinen Liter erübrigen kann, dann sitzt sie echt auf dem Trockenen und hätte vielleicht für Wasser vom Mars Bedarf, der gerne bereit wäre, mit ein paar Millionen Tonnen auszuhelfen!

Das ist eine wunderbare Pointe, aber der Eindruck könnte entstehen, dass die Marsexpedition zu den Saturnringen ein langweiliger Spaziergang wäre. Das Gegenteil ist der Fall, denn in den Ringen spielen die Gesetze der Physik, mit denen sich Asimov bestens auskennt, eine unvorhergesehene Rolle. Das einzige Detail, das unanschaulich ist, besteht in der Anordnung der Marsschiffe innerhalb der Eiskugel, die sie gekapert haben. Hier ist der Punkt, an dem der naturwissenschaftlich gebildete Leser seine Kenntnisse und Vorstellungskraft zum Einsatz bringen sollte.

3) _Clifford Simak: Ein großer Vorgarten_ (The big Frontyard, 1958)

Hiram Taine arbeitet in dem ruhigen Städtchen Willow Bend als Antiquitätenhändler und Reparaturmechaniker für alles. Da seine Familie schon seit hundert Jahren in seinem Haus gelebt hat, ist er ein geachteter Mann, denn Alteingesessene werden hier geschätzt. Als Abbie Horton, die tyrannische Frau des wichtigsten Mannes des Dorfes, ihr einen alten Fernseher zur Reparatur bringt, geschleppt von Beasly, ihrem Handlanger, sagt Hiram natürlich nicht nein. Aber als sie die neue Decke seines Werkstattkellers bewundert, fällt ihm auf, dass diese Decke am Abend zuvor noch nicht da war. Sobald Abbie wieder weg ist, klopft Hiram auf das Material, bohrt es an – und zerbricht den Bohrkopf. Zwischen den Bodendielen seiner Diele und dieser Kellerdecke ist ein Hohlraum, aus dem Licht hervordringt. Hmm.

Henry Horton, Abbies Mann, schaut abends nach dem alten Schwarzweißfernseher und wundert sich. Der zeigt ja jetzt ein erstklassiges Farbbild an. Wie hat Hiram das nur geschafft? Das weiß Hiram selber nicht. Henry ist aber ein Computerfabrikant, der zwar nichts von Technik versteht, aber viel vom Organisieren des Verkaufs solcher Technik. Und deshalb bietet er Hiram gleich eine Partnerschaft an, wenn Hiram seinen Technikern zeigt, wie er das gemacht hat. Und er lässt einen alten ausgedienten Computer herbringen. Wer weiß, ob ein Genie wie Hiram den nicht wieder zum Laufen bringt.

Beasly hat bei Abbie gekündigt, die ihn nur tyrannisiert. Nun will er Hirams Hund Towser beim Graben helfen. Wieso Graben? Towser habe etwas im Wald hinterm Haus gefunden: einen Panzer, der im Boden vergraben ist. Mit Schaufel, Spitzhacke und Kelle legen Hiran, Beasly und Towser mit vereinten Kräften ein richtiges Ungetüm frei: sechs Meter lang, drei Meter breit und drei Meter hoch. Aber ein Panzer ist das bestimmt nicht. Die metallisch schimmernde Oberfläche scheint vielmehr aus Opalglas zu bestehen. Manche Leute würden einiges dafür geben, ahnt Hiram, der ein Weltmeister im Feilschen um Antiquitäten ist.

Als sie zum Haus zurückkehren, ist die Garage weg. Und die Vorderfront. Und die Veranda. Stattdessen krümmt sich die Vorderseite seines Hauses in einem unmöglichen Winkel. Hiram rast zum Hintereingang. Zum Glück ist die Rückseite noch da! Er stürmt mit der ganzen Meute durch Küche und Flur ins Wohnzimmer. Wo die Vordertür war, erstreckt sich zwar nun immer noch eine Veranda und eine Einfahrt mit Hirams Pickuplaster. Doch dahinter: nicht etwa das gute alte Willow Bend, sondern eine Wüste. Mit einer Sonne, die im Norden steht …

|Mein Eindruck|

Dies ist eine der schönsten und umwerfendsten Erstkontaktgeschichten, die ich kenne. Zunächst einmal wird die schöne neue Welt nebenan erkundet und ein weiteres Weghaus zu einer anderen Welt entdeckt. Offenbar haben die Fremden, die Hirams Haus in ein solches Weghaus umgemodelt haben (und ihm dafür seine Elektrogeräte reparierten), den Auftrag, auf vielen Welten solch einen Anschluss herzustellen. Doch wofür und wer soll die Wege benutzen?

Auch dies klärt sich im Verlauf der Geschichte. Die Fremden kommen, um mit Ideen zu handeln, die sie eintauschen wollen. Die Fremden reiten auf Sätteln, die in der Luft schweben: gesteuerte Antischwerkraftfahrzeuge sozusagen. Und was hat die Erde zu bieten? Da kommt Hiram ein wenig ins Grübeln, aber dann kommt ihm die Erleuchtung. Wissen die Fremden, was Lack ist? Nope, sie haben keine Ahnung, signalisieren aber erstmal Desinteresse. Hiram hat noch eine Erleuchtung: Sie wollen feilschen. Nun, darin ist er ja Weltmeister, wie ihm Henry Horton schon mehrmals bescheinigt hat. Beasly dolmetscht mit seinen telepathischen Fähigkeiten, und ein weiteres Wesen dolmetscht für die Fremden.

Inzwischen ist die ganze Sache jedoch in aller Welt publik geworden. Der UNO-Sondergesandte Lawrence fragt, was er tun könne, denn schließlich warten draußen vor dem Haus Unmengen von Leuten darauf, Zutritt zu der fremden Welt zu erlangen. Ein Militäroberst hat Hiram sogar damit gedroht, ihn zu enteignen, biss damit aber auf Granit. Der UNO-Mann ist diplomatischer. Hiram sagt ihm, was zu tun ist. Endlich ist die Erde in den Weltenverbund aufgenommen. Und vielleicht ist sie sogar bereit für weitere Kontaktaufnahmen.

_Unterm Strich_

Wollte man einen gemeinsamen Nenner für diese bekannten Geschichten suchen, so würde man früher oder später auf das Thema Erstkontakt und Kolonisierung stoßen. In „Die Humanoiden“ übernimmt eine neue Art intelligenter Maschinen die von den Menschen besiedelten Welten, u. a. auch die alte Terra. Die Kolonisierung ist radikal insofern, als sie den bisherigen Typ des Homo sapiens vollkommen nutzlos macht. Es ist nicht bloß eine fürsorgliche Belagerung, sondern ein Rundumservice, der keinen Widerspruch duldet. Das Ergebnis ist Impotenz in jeder Hinsicht.

Auch in der zweiten Erzählung tritt die Problematik der Kolonisierung in den Vordergrund. Die Marskolonie soll von der Erde total abhängig gemacht werden, unter dem Vorwand, die „Verschwender“ von Wasser unschädlich zu machen. Ein fadenscheiniger Vorwand angesichts der Quintillionen Tonnen Wasser, die auf der Erdoberfläche herumschwappen. (Asimov hatte alle Mengen etc. exakt ausgerechnet.) Doch die Kolonie schlägt mit einem pfiffigen Manöver zurück.

In „Der große Vorgarten“ wird eine funkelnagelneue Welt entdeckt, die obendrein auch noch leer zu sein scheint. Was für eine tolle neue Kolonie! Das denkt zumindest die Mehrheit der Länder und offenbar auch die US-Regierung, die sofort neue Einnahmequellen ins Visier nehmen will, die Dollarnoten bereits in den Augäpfeln. Doch Hiram Taine, der eigensinnige Besitzer dieses „großen Vorgartens“, hat eine andere Vorstellung davon, wie ein Erstkontakt ablaufen sollte.

Warum das gemeinsame Thema Kolonisierung bzw. deren Scheitern? Wer in der Geschichtsstunde aufgepasst hat, weiß vielleicht noch, dass 1947 das große Koloniensterben begann und nicht vor Mitte der sechziger Jahre endete. 1947 erklärte sich Indien für unabhängig vom englischen Mutterland – nach über 300 Jahren Fremdherrschaft. 1956 beendete Ägypten unter Nasser die Vorherrschaft der Westmächte im Nahen Osten mit der Schließung des Suezkanals. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen, von Indochina über Afrika bis nach Ozeanien. Und gleichzeitig versuchten die USA Bollwerke gegen den vordrängenden Kommunismus zu schaffen, z. B. in Vietnam und Mittelamerika.

Für mich ist klar, dass sich diese Entwicklungen auch in den SF-Storys der fünfziger Jahre, wie sie hier vorliegen, niederschlugen. Asimovs Marsianer machen sich unabhängig, und Simaks Fremde (der Ausdruck „Ausländer“ trifft nun nicht mehr zu) kommen nicht, um Krieg zu führen, sondern um mit Ideen zu handeln. Eine neue Art der Interaktion ist gefragt, und die Globalisierung scheint bereits am Horizont auf.

Bleiben noch die Humanoiden. Sie sind die ultimativen Imperialisten, welche die lokale Kultur und Wirtschaft total übernehmen und durch ihre eigene ersetzen, alles unter dem Vorwand, „zu dienen, zu gehorchen und vor Schaden zu bewahren“. Es hat schon viele Imperien gegeben und einige davon expandieren heute immer noch (ich nenne keine Namen), und es ist immer das gleiche Ergebnis: totale Abhängigkeit der solchermaßen „Beglückten“. Doch das Bewusstsein, dass es auch anders gehen muss, nämlich auf Basis des gleichberechtigten Austausches wie bei Simak, ist heute ungleich größer. Aber die Imperien gedeihen weiterhin.

SF-Geschichten werden nicht für die Zukunft, sondern für die jeweilige Gegenwart geschrieben, sonst wären sie nämlich unverständlich und irrelevant. In diesem Auswahlband sind glücklicherweise drei Erzählungen enthalten, die auch heute noch von Bedeutung scheinende Themen aufgreifen. Und sie bieten beste Unterhaltung, wie besonders Simaks Story zeigt. Solche Auswahlbände gibt es heute kostengünstig im Internet zu erwerben, wo mittlerweile praktisch jedes Antiquariat vertreten ist.

|Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame, Band 2A und 2B, 1973
205 Seiten
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel und Uwe Anton|

Schreibe einen Kommentar