Kafka, Franz – Ein Bericht für eine Akademie

_Bewegendes Lebensbild: Affe oder Mensch?_

Ein den Menschen nachahmender Affe referiert vor einer – ungenannt bleibenden – Akademie seinen Lebensbericht: wie und warum überhaupt er zum Menschen wurde und welche Folgen diese Wandlung für ihn hatte.

_Der Autor_

Franz Kafka (1883-1924) begann ab 1904 rund zwanzig Jahre lang zu schreiben, und viele seiner veröffentlichten Erzählungen stammen aus dem Nachlass. Nach frühen Experimenten zwischen 1904 und 1912 fand er den für ihn eigentümlichen Stil: die strenge Ich-Perspektive, die das emotionale Reservier des Vater-Sohn-Konflikts ausschöpft und sie in Symbole (nicht Metaphern oder Allegorien) gießt, die es zu entschlüsseln gilt. Die bekannteste Erzählung ist sicherlich [„Die Verwandlung“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2395 Vielfach bedient er sich der Formen Gleichnis, Parabel und Fabel, um eine Aussage zu verschlüsseln. Mit Gleichnis und Parabeln war er durch seine Bibellektüre sehr vertraut.

Die besten Erzählungen entstanden zwischen 1916 und 1918 und sind in dem Band „Ein Landarzt“ gesammelt. Sein Freund Max Brod veröffentlichte seinen Nachlass und versah viel Erzählungen mit einem Titel. Von Kafka sind die Romane „Das Schloss“ (1920-22) und „Der Prozess“ (1914) sowie „Amerika“ (geschrieben ab 1912) erschienen.

Kafka schrieb den Text im März/Juni 1917 und veröffentlichte ihn noch im selben Jahr in der von Martin Buber herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude“. 1919 fand sie Eingang in den Erzählband „Ein Landarzt“.

_Der Sprecher_

Klaus Kammer (1929-1964) war ein bedeutender deutscher Theater- und Filmschauspieler der 1950er und 1960er Jahre und eines der bekanntesten Gesichter der Nachkriegszeit. Durch seinen sehr frühen Tod ein wenig in Vergessenheit geraten, wurde er einstmals in einem Atemzug mit „jungen Wilden“ des Theaters, Klaus Kinski oder Oskar Werner, genannt. Unvergessen bleibt jedoch seine „tour de force“ in Kafkas als Ein-Personen-Stück inszeniertem „Bericht für eine Akademie“. (Verlagsinfo)

Für den Sender Freies Berlin (SFB) sprach Kammer den Text nach der Uraufführung im September 1962 erneut im Januar 1963. Nur ein gutes Jahr später starb er ebenda, gerade mal 35 Jahre alt.

_Inhalt_

Der Affe Rotpeter ist an der afrikanischen Goldküste gefangen genommen und nach Hamburg verschifft worden, um in Hagenbecks Tierpack sein künftiges Leben hinter Gittern zu fristen. Auf dem Schiff beschließt er jedoch, beeinflusst durch die Bekanntschaft mit den Matrosen des Zwischendecks, sein Affendasein hinter sich zu lassen und erlernt die menschliche Sprache sowie menschliche Verhaltensweisen.

Einer der Matrosen bringt ihm das Trinken von Alkohol bei, und Rotpeter begreift, dass es genau diese Fertigkeit ist, die ihn den Wechsel vom Tier zum Menschen vollbringen lassen würde. Obwohl er den Geruch des Alkohols verabscheut, schafft er es in einem heroischen Akt der Selbstüberwindung, einen ganze Flasche auf einen Zug auszutrinken. Mit einem donnernden „Hallo!“ begrüßt er seine Menschwerdung.

In Hamburg geht er nicht in den Zoo, sondern ins Varieté und macht dort schnell Karriere. Eine ganze Reihe von Lehrern für Sprache, Benehmen, Wissenschaft und so weiter formen sein Menschsein bis zur Vollkommenheit. So steht seinem Erfolg unter den Menschen nichts mehr im Wege. Er wohnt in Luxushotels, kleidet sich in feinstes Tuch, unterhält einen Stab von Bediensteten und lässt es sich mit seiner Geliebten „nach Affenart wohlgehen“. Doch sie deprimiert ihn, diese dressierte Schimpansin mit ihrem stieren, halbirren Blick. Und so begibt er sich immer weiter unter Menschen.

Fünf Jahre gehen ins Land. Als ihn eine Akademie bittet, ihr einen Bericht über sein (Vor-)Leben als Affe zu geben, weicht er nicht aus und erzählt von seiner Metamorphose, der bewussten Verwandlung eines Affen in einen Menschen.

_Mein Eindruck_

Vielfach wurde über die Bedeutung und die Stoßrichtung von Kafkas Text spekuliert. Offensichtlich ist, dass es um Unterordnung, Assimilation und Opportunismus geht. Man bedenke aber das Veröffentlichungsforum, die Zeitschrift „Der Jude“. Ist also mit dem Text die Assimilation der (westlichen) Juden gemeint? Vielleicht ist doch eher das auf das öffentliche Wohlwollen angewiesene Leben eines Schriftstellers wie Kafka selbst die Zielscheibe.

Oder Kafka beschrieb sich selbst als Künstler, der zwischen Berufung durch die Muse und dem Verzicht auf Annehmlichkeiten zerrissen ist. Man kann auch die Menschwerdung eines Kindes in Betracht ziehen, denn schließlich muss jedes Kind seine angeborenen Verhaltensweisen wie Schreien, Grabschen, Kacken usw. unterdrücken, um als vollwertiger Mensch anerkannt zu werden.

Der Text lässt viele Deutungen zu, doch stets steht im Mittelpunkt der Parabel die Entscheidung für bewusste Anpassung, die zunächst zu materieller Sicherheit, schließlich zu Wohlstand in der Selbstverleugnung führt. Der Schritt zurück wird schließlich unmöglich. Und Rotpeter schämt sich für seine äffisch gebliebene, wiewohl dressierte Gefährtin.

Konterkariert wird Rotpeters „Erfolg“ der Menschwerdung durch die Art und Weise, wie sie in die Wege geleitet wird. Er entsagt zunächst aller Freiheit, denn sie dient nicht dem Selbsterhalt. Über Bord zu springen, hülfe ebenfalls nur sehr kurzfristig, dann würde er jämmerlich ersaufen. Daher schaut er sich die Eigenarten der beherrschenden Spezies auf dem Schiff an: den Homo sapiens, insbesondere in seiner seemännischen Ausformung. Dass Tabakrauchen und Alkoholsaufen die höchsten Fertigkeiten sein sollen, die es auf dem Weg zur Perfektion zu bewältigen gilt, spricht dem humanistischen Ideal Hohn. Und das Varieté, an dem Rotpeter reüssiert, ist wohl kaum als wertvollste Kunstform zu bezeichnen, sondern als eine der gewöhnlichsten (Anwesende stets ausgenommen).

Auf diese Weise hält uns der Vortragende selbst den Spiegel vor die Nase. Schaut, was eure Ideale sind und was aus mir geworden ist: Ich richtete mich nach der Realität auf einem Dampfer von Hagenbeck, nicht nach euren hehren Idealen. Und diese Realität, so müssen wir erkennen, kann keineswegs als Vorbild für eine andere Spezies herhalten. Wen wollen wir denn noch missionieren, wenn unsere Ideale solche Wesen wie Matrosen und Rotpeter hervorbringen? Diese Ideale gehören auf den Müllhaufen der Geschichte, und es müssen neue her. Nur: welche? Diese Verabschiedung alter Werte des 19. Jahrhundert lässt bereits die 1920er Jahre und die Schrecken des 20. Jahrhunderts vorausahnen.

|Der Sprecher|

Kammer sah sich vor eine große Herausforderung gestellt. Wie soll es möglich sein, einem Wesen, das es nicht gibt, eine Stimme zu verleihen: einem Mittelding aus Mensch und Affe. Die Gefahr besteht, den Text mit Pathos aufzuladen und zu überhöhen oder den Sprecher auf der anderen Seite der Lächerlichkeit preiszugeben.

Der Sprecher muss einen schmalen Grat zwischen bitterem Ernst und subtiler Komik wandeln. Das ist Kammer in beeindruckender Weise gelungen. Als er damit im September 1962 am Schillertheater in Berlin auftrat, schrieb der Kritiker Friedrich Luft in der „Welt“: „Kammer pegelt seine Stimme wahrnehmbar erst einmal ‚auf menschlich‘ ein. Und dann hält er jene ebenso komische wie furchtbare Rede, ohne je den Beiton einer Affenverfremdung aus der Stimme zu verlieren. Er spielt den Urwald mit und dessen dauernde Überwindung, wenn er plötzlich ins komisch Kreatürliche zurückfällt … Kammers Darbietung ist ein extremer Schauspielerakt ohnegleichen.“

Mit einem unglaublichen Gespür für Spannung und Emphase wechselt Kammer das Tempo: mal spricht er sehr langsam und jedes einzelne Wort betonend, dann wieder rast er mit „affenartiger“ Geschwindigkeit durch die Sätze, wenn es gilt, eine Szene zu einem triumphalen Höhepunkt zu treiben. Rotpeter, der Held, trinkt die Flasche aus, ruft „Hallo“ und kommt sich vor wie weiland Prometheus, als er den Göttern das Feuer stahl, um es seiner eigenen Schöpfung, den Menschen, zu geben. Dieser Kontrast zwischen Triumph und dem banalen, ja verachtenswerten Mittel dazu – den Alkohol – desavouiert das menschliche Ideal, das Rotpeter anzustreben sucht.

Auch äffischer Humor blitzt durch so manchen Satz hindurch, so etwa in der Passage, als Rotpeter die Akrobaten in der Zirkuskuppel beschreibt. Wenn dieses „freie“ Schwingen schon für Freiheit gehalten wird, wie würde dann eine ganze Affenherde genannt werden müssen? Helden der Freiheit – denn sie würden in dieser Akrobatik doch den Menschen alt aussehen lassen. Dieser Humor wird jedoch sehr leise artikuliert, keineswegs herablassend. Denn Rotpeter ist nicht etwa stolz auf seine Täuschung der Menschen, sondern auf seine Erlangung der „Menschenwürde“.

_Unterm Strich_

Man sollte diesen komplexen und vielschichtigen Text mehrmals anhören. Wie oben bereits angedeutet, lassen sich viele Interpretationen dazu finden. Das grundlegende Thema ist stets gleich: Anpassung, Unterordnung, Assimilation, Opportunismus. Das interessanteste Kapitel ist stets die genaue und lebensnahe Schilderung des eigentlichen Vorgangs, die Schilderung der Gründe für die Mensch-Werdung und die groteske Triumphszene, als Rotpeter das Ritual gelingt, mit dem er endgültig anerkannt wird, als Gleicher unter Gleichen. Diese Komik schmeckt bitter, und vor allem deshalb, weil sie Ideale des Menschseins mit einer harten Realität konfrontiert, die von diesen Idealen offenkundig nichts (mehr) weiß. Etwas hat geendet und etwas Neues muss beginnen. Der „Bericht für eine Akademie“ bezeichnet einen Wendepunkt in der Geistes- und Kulturgeschichte, und der Autor meint explizit die deutsche.

Der Sprecher legt eine beeindruckende und bei mehrmaligem Hören immer eindringlicher wirkende Darbietung vor. Kammer hat die Knackpunkte des Textes herausgearbeitet und steuert den Hörer mit seiner Technik des Tempowechsels auf die relevanten Stellen hin. Rotpeter behauptet am Schluss, nur die Fakten berichtet zu haben, doch Kammer macht selbst aus bloßen Fakten noch ein bewegendes Lebensbild, das dem Hörer (ursprünglich waren es Leser und Theaterzuschauer) den Spiegel vorhält.

|33 Minuten auf 1 CD|
http://www.luebbe-audio.de

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