Iain Banks – Die Wasserstoffsonate

Iain Banks verstarb viel zu früh mit 59 Jahren. Zu seinem literarischen Vermächtnis gehörrt neben Whiskyfachliteratur vor allem seine viele Werke umfassende Romanreihe um die KULTUR, ein panzivilisatorisches Gebilde unter dem Einfluss der künstlichen Intelligenzen der Raumschiffsgehirne. Regelmäßig beschrieb er neue Seiten und Geschichten dieses Universums und fügte ihm bis zum Schluss farbenprächtige Facetten hinzu. So ist der vorliegende Roman sein letzter Science-Fiction-Roman und der letzte, der sich mit der KULTUR beschäftigt. Er behandelt neben einer spannenden Intrigengeschichte die komplexe Problematik rund um die Sublimation, das »Aufsteigen« einer Spezies auf die nächsthöhere Daseinsebene – ein Problem, das offenbar eng mit der Gründung der KULTUR zusammen hängt.

Den Inhalt eines dieser umfangreichen KULTUR-Romane kurz zu beschreiben grenzt an Hybris. Banks beleuchtet seine Geschichte aus vielerlei Blickwinkel, so dass Aspekte bei dieser Kurzform zu kurz kommen werden. Also, stutzen wir das Buch zusammen auf das, was man als roten Faden bezeichnen könnte:

Das Volk der Gzilt steht kurz vor der Sublimation. Zu diesem Anlass werden Vertreter anderer Zivilisationen eingeladen, das Fest mitzuerleben und zu begleiten – unter anderen auch Kultur-Schiffe. Außerdem hinterlassen die Aufsteiger Infrastruktur und Wissen, die, um große Konflikte unter potentiellen Interessierten an diesen Hinterlassenschaften zu vermeiden, im Vorfeld einer aufstrebenden Spezies anvertraut werden und naturgemäß zu Intrigen, Gefechten oder/und politischen Konflikten führen. Im Hintergrund versuchen mächtige Gzilt, die Stimmung pro-Sublimation zu forcieren und die Hinterlassenschaft zu regeln, und auch hier spielen sich noch umfassende Kungeleien ab.

Gegenüber anderen aufgestiegenen Zivilisationen ist an den Gzilt das Besondere eine Volksreligion, deren Grundlage in Beziehung zu den aufgestiegenen Zhidren zu stehen scheint, was bei Bekanntwerden zu Anti-Sublimationsstimmung in der Bevölkerung führen könnte. Versuche einer Informationseindämmung rufen eine Gruppe KULTUR-Schiffe auf den Plan, die nun nach der Wahrheit forschen, um möglicherweise Informationen zu liefern. Das ganze Beziehungsgeflecht und die Gründe der Parteien zu ihrem Handeln sind komplexer und bilden einen Gutteil der Spannung des Romans. Natürlich sind die Ausführenden Menschen oder ähnliche, so dass hier Identifikationspotenzial und Konfliktstoff zur Genüge vorhanden sind.

Neben den Künstlichen Intelligenzen der Kultur-Schiffe ist die Gzilt Vyr Cossont die eigentliche Hauptperson des Romans. Sie ist, wie alle Gzilt, militärisch erzogen und bekleidet einen Reservistenrang. Vor der Sublimation haben sich viele Gzilt eine Lebensaufgabe gestellt, und Cossont suchte sich eine ungewöhnliche und merkwürdige Herausforderung, die es mit sich brachte, dass sie sich um ein zweites Armpaar bereichern musste: Sie übt das hochkomplexe Musikstück T. C. Vilabiers Streichspezifische Sonate für ein noch zu erfindendes Instrument, Katalognummer MW 1211, im Volksmund genannt „Die Wasserstoffsonate“. Dass es sich dabei um einen nicht vorstellbar unerträglichen Krach handeln muss, bringt Banks verschiedentlich zu Wort. Cossonts Ambitionen, dieses Stück zu lernen, werden zwar thematisiert, bleiben aber weithin unverständlich.

Der Zusammenhang zwischen dieser kruden Thematik und dem eigentlichen Thema, der Suche nach der Wahrheit, erschließt sich irgendwann durch Cossonts eigene Suche. Sie soll im Auftrag verschiedener Mächte einen uralten Menschen finden, QiRia, mit dem sie im Zuge ihrer musikalischen Studien in der KULTUR zusammen traf. Dieser Mensch ist der einzige Zeitzeuge und Teilnehmer einer Konferenz um die Gründung der KULTUR, an der einst auch die Gzilt teil nahmen und aus der sie geheimnisvoller Weise nicht als Mitglied dieses Zusammenschlusses hervor gingen, sondern ihren Weg eigenständig weiter beschritten. Hier führt Banks verschiedene Verdachtsmomente ein, die einen Zusammenhang zwischen der KULTUR-Gründung und dem zu erforschenden Rätsel um die Gzilt herstellen.

Vyr Cossont ist also der Hautphandlungsträger, und sie erlebt hinreichend Abenteuer und sammelt Informationen, mit denen ein anderer Schriftsteller mehr als einen Roman füllen würde. Banks schreibt dicke Bücher, aber zumindest das Vorliegende ist angefüllt mit Abenteuer, Handlung, Kreativität und Aha-Momenten. Jede Seite lohnt sich, denn Cossont entdeckt vielerlei unterschiedliche Aspekte möglicher Lebensweisen und Facetten, die aus diesem Universum bisher noch unbekannt waren. Und neben diesen handlungsintensiven Streifzügen über Planeten und durch fremde Völker und Weltanschauungen erhalten wir einen bisher unerreicht tiefen Einblick in das Wesen der KULTUR-Gehirne.

Es ist spannend zu lesen, wie sich die Schiffe anhand ihrer Bezeichnung klassifizieren, worin sie sich endlich unterscheiden, welche Persönlichkeiten sie bergen, dass es sowohl vernünftige, intelligente, menschliche Gehirne als auch langsame, bürokratische, selbstüberschätzende und realitätsfremde Schiffe. Diese und noch weitere Eigenschaften werden umso deutlicher, je mehr von ihnen Banks zusammen bringt und sich koordinieren lässt. Ein besonderer Avatar agiert mit Cossont zusammen und nimmt stets Rücksicht, erklärt und beschützt, obwohl ihm weit effizientere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Die Wertschätzung des Lebens ist damit auch Thema und wird auch von den Gehirnen unterschiedlich ausgelegt.

Mit Zwistigkeiten, Intrigen und großen Persönlichkeiten fokussiert Banks auch immer wieder die Gzilt, um deren Wahrheit es ja vordergründig geht. Ihnen räumt er sogar erstaunlich viel Platz im Buch ein, denn genau betrachtet spielen sie nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings wird dadurch das Bild einer sublimierenden Spezies gut dargestellt und offenbart die Vergänglichkeit der Leistungen im Angesicht des Aufstiegs ebenso wie die Fragwürdigkeit irdischer Zwiste.

Was die Wasserstoffsonate betrifft: Irgendwann erfand dann doch jemand die Antagonistische Hendekagonsaite, kurz Elfsaite, ein Instrument zum Einsteigen und exakt zu dem Zweck erbaut, die Sonate zu spielen. Witzig, aber irrelevant, ein kleines Stück aberwitziges Prä-Sublimationäres Sinnlosigkeitselement zur Verdeutlichung eines nicht unerheblichen Aspekts der Sublimation, nämlich der Frage nach dem Sinn von Allem. Immerhin, Vyr Cossonts persönlicher Erfolg ist anonym wie ihre Leistung zur Klärung der Angelegenheit: Als sie die Wasserstoffsonate spielt, ist ihr Volk bereits sublimiert, und so verhallen die dissonanten Töne ungehört über der Welt …

Was Vyr Cossont und die Kultur dann heraus finden, bringt niemanden ins Wanken, aber immer macht Banks es deutlich, für wie wichtig er die Wahrheit als solche erachtet, und zwar auch um ihrer selbst willen. Ein bisschen wehmütig verlässt man nach der Lektüre diese Welt wieder, denn auch wenn Banks es versteht, die Stimmung auf das Ende des Buches zu lenken, bleibt neben der normalen Wehmut eines zu Ende gehenden guten Buches nun auch die Gewissheit, hiermit den letzten Baustein des KULTUR-Universums gesetzt zu haben.

Broschiert: 704 Seiten
ISBN-13: 9783453315464
Originaltitel:
The Hydrogen Sonata
Deutsch von Andreas Brandhorst
Hier bietet der Verlag eine Leseprobe an

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