Maryson, W. J. – Türme von Romander, Die (Der Unmagier 1)

Was hat, klischeehaft betrachtet, das Land der Tulpen, Mühlen, Holzschuhe und Dutzenden Käsesorten noch zu bieten? Ja tatsächlich, einen Fantasyautor, der es bis zu einer deutschen Veröffentlichung geschafft hat. Das erstaunt umso mehr, wenn man sich einmal die lange Liste der Romanübersetzungen ansieht. Neunzig Prozent etwa stammen aus dem amerikanischen oder britischen Raum. Nur für wenige Ausnahmen aus den skandinavischen Ländern oder Exoten aus Ostasien ist da Platz. Warum also hat es der Holländer W. J. Maryson, der es mit |Die Legenden vom Meistermagier| bereits auf eine Trilogie gebracht hat, mit seinem neuen Roman „Die Türme von Romander“ erneut geschafft? Handelt es sich hier nur um ein neues Verlagskonzept oder kann der Auftakt der |Unmagier|-Trilogie seinem außergewöhnlichen Status gerecht werden?

_Inhalt_

Die Welt der Inselreiches ist von Magie durchwoben. Ein Rat von Hochmeistern kümmert sich um die Belange der Bevölkerung, magisches Wirken durchfährt jeden Strang des öffentlichen Lebens und selbst die Kinder experimentieren mit ihren in ihnen schlummernden Fähigkeiten in Gruppenspielen herum, um die Grenzen für sich zu entdecken.

Lethe, ein auf den ersten Blick gewöhnlicher Junge, der auf der Zauberinsel Loh aufwächst, fällt aus diesem Schema heraus. Er besitzt kein magisches Talent und wird, während all seine jugendlichen Kameraden nach ihren Talenten eingestuft werden, von einer Ausbildung ausgeschlossen. Er ist ein Unmagier, ein Ausgestoßener. Niemals wird er die Möglichkeit haben, sich einen Rang und Namen zu machen. Es sei denn, außergewöhnliche Ereignisse nehmen ihren Lauf.

Zeitgleich trifft sich auf einer anderen Insel die Konklave der Hochmeister. Matei, einer der Weisesten von ihnen, bringt den Rat an den Rand einer Spaltung. Matei hat sich nämlich, allen Vorschriften und Geboten zum Trotz, mit der Erforschung der farblosen Magie beschäftigt. Jener Magie, die vor 9000 Jahren das Reich verwüstet hat und nur im letzten Moment aufgehalten werden konnte. Danach wurde sie versiegelt und sollte nie wieder Gegenstand magischer Untersuchungen werden, um jedes erneute Ausbrechen zu verhindern. Daher muss sich Matei gegen heftige Anschuldigungen wehren.

Doch seine Forschung ist nicht unbegründet, denn am Äußeren Riff, einer kleinen, abseits gelegenen Insel, ist sie wieder aufgetreten. Zunächst unscheinbar und nur in der Verfärbung einiger Kieselsteine auszumachen, hat sie binnen Tagen die ganze Insel eingenommen und jeden Baum und jedes Tier in den Tod gerissen. Die Zeit drängt also, denn schneller als gewollt könnte die farblose Magie auch auf die anderen Inseln übergreifen. Und diese wären nicht mehr von Menschen unbewohnt.

Es kommt, wie es kommen muss. Matei setzt alles daran, die farblose Magie aufzuhalten, hört von dem Schicksal des Unmagiers Lethe, dessen Unfähigkeiten in Bezug auf Magie Vorteile verschaffen könnte, und bringt ihn dazu, sich ihm als Lehrling anzuschließen. Mit einem tapferen Kapitän, der selbst im Winter die Gefahren der tobenden Meer auf sich nimmt, sammeln Matei und Lethe eine kleine Gruppe zusammen, die sich der Gefahr stellen und das ganze Inselreich retten will. Doch zahllose Widersacher treten auf den Plan, denn Matei hat sich mit seinen Untersuchungen der farblosen Magie die Gunst hoher Würdenträger verspielt, die ihre Meuchelmörder hinterherschicken. Eine ereignisreiche Fahrt durch die Inselmeere beginnt, die ihren vorläufigen Höhepunkt in der Trilogie, den Abschluss des ersten Bandes, auf den Spiegelinseln findet.

_Bewertung_

W. J. Marysons „Die Türme von Romander“ enthält einen äußerst reizvollen Ansatz. Die Idee, das in Fantasyromanen übliche magische Wirken einmal von der anderen Seite aufzurollen und den magielosen Protagonisten in eine von Magie umhüllte Welt zu setzen, bietet für sich genommen bereits ein hohes Potenzial. Maryson schafft es jedoch nicht, dieses zu nutzen und einen überzeugenden Trilogieauftakt hinzulegen. Vielmehr dümpelt der erste Teil von |Der Unmagier| lieblos vor sich hin und fährt nicht mehr und nicht weniger als die schon unzählige Male durchgekauten 08/15-Klischees auf.

Ob es an der Übersetzung oder dem Autor selbst liegt, kann aufgrund der lediglich in Deutsch vorliegenden Ausgabe nicht geklärt werden. Wörter wie etwa Büro, das als Synonym für die Hafenmeisterei gebraucht wird, verhindern jedoch unabhängig von ihrem Ursprung ein Eintauchen in die Welt, die an sich mittelalterlich-archaisch dargestellt wird.

Während solche Patzer als Schönheitsfehler ärgerlich aufstoßen, versucht der Autor mittels eines durch etliche Perspektivenwechsel geprägten Erzählstils, die Geschichte ins Rollen zu bringen. Hauptsächlich wird die Reise Lethes und Mateis verfolgt. Zwischenzeitlich werden dann plötzlich neue Gegenspieler eingeführt, die in den darauffolgenden Kapiteln dem Unmagier und seinem Meister in die Quere kommen. Die Sicht des böses Widersachers, die am Anfang noch Sinn ergibt, ärgert zum Ende hin immer mehr, wenn auf den letzten fünfzig Seiten neue Charaktere eingeführt werden, die bisher keine Erwähnung gefunden haben. Die Charaktere entfalten dadurch kein Eigenleben, sie bleiben blass und farblos. Es entsteht der Eindruck, neue Charaktere würden schnell für die Handlung entworfen, wenn sie gebraucht werden. Sie werden nicht gut motiviert eingeführt, sondern nur des Handlungsgerüstes wegen eingebracht.

Böte die Handlung einen überragenden Spannungsbogen, wären eindimensionale Figuren noch vertretbar. Maryson löst sich hier aber ebenfalls nicht aus dem Einheitsbrei. Die Inselwelt ist bereits bei Le Guins Erdsee-Zyklus eingesetzt worden. Die Ausbreitung der farblosen Magie als nicht sofort greifbarem Bösewicht, der nicht ausgemacht und mit dem Schwert bekämpft werden kann, erinnert stark an das Nichts aus der Unendlichen Geschichte. Und die Gefährtentruppe um Lethe und Matei, in der sich die üblichen Vertreter holder Weiblichkeiten (samt altbekannter Liebesgeschichte) und geheimnisverbergender Waffenmeister wiederfinden, bietet auch kaum Neues.

Interessant gestaltet Maryson hingegen die vielen verschiedenen Kulturen, die sich auf den einzelnen Inseln finden lassen. Die Konflikte, die sich in der Regel als Einzelepisoden präsentieren, werden aus dem jeweiligen Kulturenkontext nachvollziehbar abgeleitet und können die Inselwelt vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Aufgrund einer fehlenden Karte mangelt es aber, spätestens, wenn von der zehnten Insel die Rede ist, an der Übersicht, wer sich gerade wo aufhält.

_Fazit_

W. J. Marysons „Die Türme von Romander“ ist solide Fantasykost. Wer nicht mehr möchte, wird nicht enttäuscht werden. Wer sich allerdings von dem Unmagier-Titel angezogen fühlt, auf eine neue Sicht der Magie hofft und abwechslungsreiche Ansätze vermutet, wird jedoch eine Enttäuschung erleben. Das Potenzial, das allein schon durch den magielosen Helden gegeben ist, wird nicht im Geringsten genutzt. Es wird vielmehr eine schon tausendfach gehörte Geschichte erzählt, die den anspruchsvollen Fantasyleser heute nicht mehr befriedigen kann. Damit bleibt nach der Lektüre des Buches ein fader Beigeschmack – als Auftakt einer Trilogie nicht sonderlich spannungsfördernd. Aber immerhin gibt es so die Hoffnung, dass sich der zweite Teil steigern kann.

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