Rucka, Greg / Lieber, Steve – Whiteout: Melt

Mit [„Whiteout“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4530 haben Autor Greg Rucka und Zeichner Steve Lieber einen ebenso spannenden wie ungewöhnlichen Comic abgeliefert. US-Marshal Carrie Stetko muss unter den lebensfeindlichen Bedingungen der Antarktis einen Mord aufklären. Dabei hat sie als einzige Frau unter 400 Männern schon genug andere Sorgen und einen durch das gespaltene Verhältnis zu ihren Vorgesetzten alles andere als leichten Job.

Mit „Whiteout: Melt“ legen Rucka und Lieber nun den zweiten Teil der Mini-Serie vor, und von der bedrückenden Enge der antarktischen Forschungsstationen geht es diesmal hinaus in die stillen Weiten des ewigen Eises.

Eigentlich genießt Carrie Stetko gerade das Leben in Neuseeland, als sie von ihren Vorgesetzten zurück in die Antarktis beordert wird. Dort ist eine russische Forschungsstation explodiert, und alles deutet darauf hin, dass dies kein Unfall war. Gerüchten zufolge hatten die Russen auf ihrer Forschungsstation heimlich Atomwaffen deponiert – die nun möglicherweise verschwunden sind.

Es geht also nicht nur darum herauszufinden, wer die 14 Männer auf der Station ermordet hat, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Atomwaffen-Diebe möglichst schnell dingfest gemacht werden. Schaffen die Amerikaner dies, bevor die Russen die Lage selbst in den Griff bekommen, so haben sie ausreichende Mittel zur Hand, Russland politisch unter Druck zu setzen. Carrie wird dieser etwas heikle Einsatz damit versüßt, dass man ihr die langersehnte Versetzung verspricht, wenn sie die Angelegenheit schnell und leise zur Zufriedenheit der amerikanischen Geheimdienste regelt. Und Carrie wäre nichts lieber als aus der unwirtlichen Kälte der Antarktis zurück in wärmere Gefilde versetzt zu werden …

War „Whiteout“ im Grunde ein Antarktis-Krimi, so spielt „Whiteout: Melt“ in einem ganz anderen Genre. Mehr ein Thriller fernab jeglicher Zivilisation, ein Action-Blockbuster vor der Kulisse des ewigen Eises. Carrie muss weg von der scheinbaren Sicherheit der Forschungsstationen und sehen, wie sie allein in der Einöde zurechtkommt. Sie muss Wind und Wetter trotzen und nicht zuletzt den Tücken der Antarktis: |“Die Antarktis ist ein mörderisches Miststück. Sie wartet nur darauf, einen zu töten. Es ist nichts Persönliches. Dem Eis bist du egal. Es folgt nur seiner Natur.“| (S. 31)

Das ewige Eis verzeiht keine Fehler, und wer diese Gegend nicht richtig zu nehmen weiß, der kann den Ausflug in die eisigen Weiten schnell mit dem Leben bezahlen. Das weiß auch Carrie, als sie zusammen mit dem russischen Agenten Alex Kuchin in die Wildnis aufbricht, um die Verfolgung der Atomwaffen-Diebe aufzunehmen. Trotz der Begleitung durch Kuchin ist Carrie im Grunde auf sich allein gestellt, da sie nicht weiß, ob sie ihm trauen kann. Auch wenn sie hinter den gleichen Männern her sind, arbeiten sie immer noch für unterschiedliche Regierungen, und deren Zielsetzungen in diesem Vorhaben dürften nicht die gleichen sein.

Lebte „Whiteout“ noch von der Enge der Forschungsstationen und Abgeschiedenheit der dortigen Bewohner und der damit einhergehenden zwischenmenschlichen Spannungen, überschreitet Carrie in „Melt“ noch eine ganz andere Grenze. Sie ermittelt komplett außerhalb der Zivilisation, wo gesellschaftliche Normen nichts mehr zählen. Was zählt, sind nur noch das Duell zwischen Mensch und Eis und die Frage, wer den widrigen Bedingungen eher zum Opfer fällt: sie und Agent Kuchin oder die Männer, hinter denen sie her sind.

Der heimliche Hauptdarsteller ist damit natürlich auch die Antarktis. Steve Lieber fängt in seinen Bildern die beklemmende Weitläufigkeit des Raumes gekonnt ein, und das dürfte für sich genommen schon schwierig genug gewesen sein, denn wie soll man unendliches Weiß darstellen? Aber Lieber bekommt das erstaunlich gut hin, und man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass „Whiteout: Melt“ mit anderen zeichnerischen Mitteln als Liebers ausdrucksstarken Schwarzweiß-Skizzen wohl nicht halb so eindrucksvoll wäre.

Das ist vor allem auch deswegen der Fall, weil von den Bildern in diesem zweiten Band wesentlich mehr abhängt als noch im ersten Band. Die erste „Whiteout“-Geschichte ist vom Spannungsbogen her dichter, und das, obwohl der Täter recht früh ausgeplaudert wird. „Whiteout: Melt“ hat dagegen nicht nur aufgrund des mittlerweile völlig aus der Zivilisation ausgelagerten Settings mit der Konturenlosigkeit der Landschaft zu kämpfen.

„Melt“ hat zwar einige spannende Momente vorzuweisen, bleibt aber im Vergleich zum ersten Band dennoch wesentlich blasser. Auch wenn der Handlungsabriss spektakulär anmutet, der Plotaufbau lässt dann doch besonders am Ende einige Fragen aufkommen. Dieses Ende kommt völlig unerwartet, geradezu unspektakulär, und man fragt sich, was Carrie dazu bewegt, sich am Ende so zu entscheiden, wie sie es tut. Der Schluss bleibt fragwürdig und lässt die Spannung geradezu verpuffen.

Und so bleibt „Whiteout: Melt“ eben ein wenig hinter seinen Möglichkeiten und den durch den Vorgängerband geweckten Erwartungen zurück. Über weite Strecken beweisen Greg Rucka und Steve Lieber zwar, dass sie auch mit dieser Geschichte wieder mal viel Atmosphäre und Intensität zwischen zwei Buchdeckel gepackt haben, aber dennoch ist der Plot trotz des vielversprechenden Handlungsabrisses vor allem zum Ende hin um einiges schwächer.

Und doch kann auch dieser Umstand zumindest an der Tatsache nichts ändern, dass „Whiteout“ an sich ein interessantes Setting mit schönem Noir-Einschlag, eine mutige Protagonistin und eine herausragende graphische Umsetzung in sich vereint – nur war eben gerade der Plot im ersten „Whiteout“-Band durchgängig spannender und insgesamt überzeugender.

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