Thomas, Jeffrey – MonstroCity

_Die amorphe Allesstadt._

Jeffrey Thomas ist ein impulsiver Schreiber, einer, der seine Geschichten aus der Feder fließen lässt, ohne sich mit großmächtiger Szenenarchitektur aufzuhalten; Kunst ist etwas Spontanes, sagt er, und ein Verbrechen wäre es, dem frischen Moment der Schöpfung durch Planung das Blut abzuschnüren. Dementsprechend ist die Kurzgeschichte sein Revier, inspiriert durch die Werke von Barker und Lovecraft schreibt er sich durch sein 1980 erschaffenes Universum, das mit jeder neuen Geschichte wächst: Punktown. Es ist eine Stadt auf einem fremden Planeten, sie ist keinen Regeln unterworfen, es gibt keine Karte, auf der man ihrem Verlauf folgen könnte, keine Chronologie, die ihre Geschichte nachzeichnete, in Punktown kann alles geschehen, es ist der Ort, an dem Thomas seine Ängste auslebt, sein persönliches Oz, sein morbides Wunderland, Punktown ist die amorphe Allesstadt.

Viele Kurzgeschichten hat Jeffrey Thomas in seiner Schöpfung spielen lassen, manche hat er mit seinem Bruder Scott zusammen verfasst, viele sind veröffentlicht worden, aber bei weitem nicht alle, und mit „MonstroCity“ kommt der Leser in den Genuss eines der wenigen Werke, die es auf Romanlänge gebracht haben.

_Tanz der Punktown-Teufel._

Es ist ein wahrhaft spritziger Anfang, darf der Leser doch schon auf der ersten Seite dem Verlauf einer Schrotladung folgen, die sich in Zeitlupe aus ihrer Plastikhülle schält, um in ebensolch genau betrachteter Gemächlichkeit ins Gesicht eines fischgesichtigen Mutanten einzuschlagen.

Erst dann, wenn sich Jeffrey Thomas auch sicher ist, dass der Leser mit aufgerissenen Augen vor seinem Buch sitzt, und unbedingt wissen will, wie das weitergeht, erst dann beginnt er die Geschichte von Christopher Ruby zu erzählen, und die Hintergründe aufzudecken, was den durchschnittlichen Servicearbeiter zu derartigem Schusswaffengebrauch veranlasste.

Mit einer harmlosen Spielerei hat es begonnen, das neckische Aufsagen einer Beschwörungsformel, weil Christophers Freundin Gabrielle herausfinden wollte, ob sich damit tatsächlich Wesen aus anderen Dimensionen herbeirufen lassen. Nun, wer aus dem Nekronomicon liest, braucht sich über Konsequenzen nicht zu wundern, aber mit dem Terror, der seitdem über Christopher Ruby herfällt, hätte auch der abgebrühteste Punktown-Bürger nicht gerechnet.

Seine Freundin bricht den Kontakt mit ihm ab, rasiert sich die Haare, verändert sich auf unheimliche Art und stürzt sich in die Huldigung von Gottheiten, die durch das Nekronomicon beschworen werden können. Christopher Ruby forscht ihr hinterher, und allmählich beginnt ihm die Gefahr des Buches zu dämmern, das so unschuldig auf seinem Rechner schlummert: Eine groteske Veränderung zerfrisst die Venen der Stadt, Mutationen nehmen zu, Ritualmörder verteilen Leichenteile in beschwörender Symmetrie, und selbst im Cyberspace tauchen seltsam lebendige Entitäten auf, um die User wachsam zu beäugen …

Ein normales Leben ist Ruby nicht mehr möglich, er kündigt seinen Job, muss sich eine neue Wohnung suchen, kollidiert mit den Anhängern uralter Gottheiten, verliebt sich ganz nebenbei in eine Polizistin, erkennt verstörende Muster in allem Geschehenden, eine Architektur des Chaos, und stößt dabei auf eine Verschwörung von realitätssprengenden Ausmaßen. Und da wäre noch die Anschaffung einer Schrotflinte, nur so zur Vorsicht …

_Cyber-Splatter-Lovecraft-Punk_

Es ist ein interessanter Genre-Cocktail, den Jeffrey Thomas hier kreiert hat. Da haben wir diese riesige, verruchte Stadt, in der Vergewaltigung und Mord an der Tagesordnung sind, eine Stadt, die im Dreck haust, die seltsamste Subkulturen hervorbringt, aber mit den höchsten Eskapaden der Technik gesegnet ist: Genetisch erzeugte Hirne, die in Großrechnern als Server dienen, Jugendliche, die sich als Gangmerkmal ihre fotografierten Genitalien aufs T-Shirt drucken lassen, und Interviews mit siebenjährigen Mädchen, die ihre Klassenkameradin ermordet haben, weil sie noch nie gefickt hat.

Trotz des ganzen Cyber-Junks haben die Bewohner von Punktown einen ausgeprägten Sinn für das Okkulte, das Archaische und Abergläubische: Verstörende Mythen bestimmen ihr Leben, bizarre Allegorien von noch bizarreren Religionen vermischen sich in dem urbanen Schmelztiegel und begleiten Christopher Ruby auf seiner Suche nach Antworten. Fischäugige Dämonen stellen sich ihm in den Weg, und namenlose Gottheiten, von denen man eine als das „kriechende Chaos“ bezeichnet …

Natürlich sind die Zutaten eines Cocktails nur die halbe Miete, aber keine Panik. Jeffrey Thomas weiß durchaus, wie er seine Kreation zu servieren hat: Er schreibt derart schamlos, detailreich und herrlich vulgär, dass man glaubt, sich das Blut aus dem Gesicht wischen zu müssen. Sein Zynismus ist ultrafies und abgebrüht, die Gesellschafts- und Medienkritik, die er anbringt, ist zwar nicht neu, aber von einem Sarkasmus, der einem wie ein Stahlstiefel vor die Kauleiste tritt.

Zwischen all dem Herben hat er aber auch die milden Aromen nicht vergessen, er ist ein Ästhet, der das Schöne im Schrecklichen zu finden versucht, der seinen Figuren ruhige Momente lässt und dem Leser gestattet, an ihren Ängsten und Hoffnungen teilzuhaben. Seine Kameraführung lässt dezente Nuancen nicht außer Acht, und es gibt mehr als nur die obszöne Großaufnahme. Thomas ist eben ein Mensch der Extreme, jemand, der „fuck“ zu seinem Lieblingswort gekürt hat, aber gleichzeitig von Happyends zu Tränen gerührt wird …

_Der geradlinige Preis der Spontaneität._

Die Story entwickelt sich frei von der Leber weg, ist damit kein bisschen konstruiert und vollkommen natürlich. Leider, wie das beim ungeplanten, spontanen Schreiben nun mal so ist, tun sich immer wieder ein paar interessante Abzweigungen auf, die dann nicht weiter verfolgt werden, weil sich der Autor doch für einen anderen Weg entschieden hat.

Auch gibt es keine rasanten Schnitte oder überraschende Wendungen, die Story wandert geradewegs auf ihr Ziel zu und lässt sich auch die Zeit, damit die Dinge sich entwickeln können. Zwar ist das nicht langweilig, aber im Vergleich zum wahrhaft explosiven Anfang sinkt das Tempo stellenweise gehörig. Am Schluss nimmt „MonstroCity“ dann wieder Fahrt auf und verknüpft die übrig gebliebenen Handlungsfäden zu einem explosiven Finale.

Für Freunde der hier verrührten Genres lohnt sich ein Besuch in „MonstroCity“ also durchaus. Thomas hat einen souveränen Horror-Roman erschaffen, seine Bildsprache ist wunderbar, seine Actionszenen sind rasant, und trotz aller Brutalität kann von Gewaltpornographie keine Rede sein. Die gesamte Story verströmt den morbiden Charme einer Großstadt: wild, trist, grell, laut, stinkend, altmodisch, hypermodern – und faszinierend. Willkommen in Punktown. Hier ist alles erlaubt.

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