Williams, Peter – Leuchtfeuer über der Brandung. Die dramatische Geschichte der Leuchttürme von der Antike bis heute

Mit Leuchttürmen ist es wie mit Walen oder Feuerwehrautos: Sie sind groß, sie sind auffällig, jeder Mensch liebt sie, denn sie stehen für das Nützliche, Harmlose, Gute. Niemals dienten sie kriegerischen Zwecken (was ein Irrtum ist), stattdessen sorgten kernige Wärter im einsamen, zuverlässigen Dienst dafür, dass stets jenes Licht brannte, welches vertrauensvolle Seeleute durch Nebel, Sturm und Dunkelheit an gefährlichen Klippen, Sandbänken und ähnlichen Unglücksorten vorbei in den sicheren Hafen lotste.

Die Idee, von Land auf See mit Licht zu warnen und zu signalisieren, ist bestechend einfach. Kein Wunder, dass es schon seit Jahrtausenden praktiziert wird. Peter Williams, der Verfasser des hier vorgestellten Buches, präsentiert die ereignisreiche Geschichte des Leuchtturms in neun Kapiteln, welche die Zeit von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart abdecken.

„Die ersten Leuchtfeuer“ (S. 10-31) entstanden nachweislich in der griechischen Antike. Ob es schon vorher welche gab, ist wahrscheinlich aber archäologisch nicht belegt. Das ist einfach zu erklären, denn diese frühen Leuchtfeuer waren tatsächlich welche: offene Feuer an exponierten Stellen der Küste. Doch schon im 1. Jh. v. Chr. stand vor der Einfahrt zum Hafen von Alexandria der Pharos, der als erster echter Leuchtturm der Welt angesehen wird und schon eine zweckorientierte, recht ausgefeilte Konstruktion aufwies. Die Römer verfügten später nicht nur über das beste Straßennetz der Welt. Sie errichteten an den Küsten ihres Imperiums planmäßig Leuchtfeuer. Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches begann ein buchstäblich finsteres Mittelalter. Erst im 12. Jahrhundert begann man, neue Leuchtfeuer zu errichten: An der Spitze eines Turms und damit seewärts aus größerer Entfernung sichtbar, brannte in einem Eisenkorb ein offenes Feuer.

Die ersten Leuchttürme wurden von vermögenden Privatleuten gebaut, die dafür von den einlaufenden Schiffen eine Gebühr erhoben. Wie Autor Williams im Kapitel „Licht zum Geleit“ (S. 32-53) berichtet, wurde dem staatlicherseits bald ein Riegel vorgeschoben, weil die Sicherung der Küsten für die Seefahrt zu wichtig war, als dass man sie unerfahrenen aber profitgierigen Zeitgenossen überlassen durfte. Das 18. und 19. Jahrhundert wurde die große Zeit des Leuchtturmbaus. Unerhörte Hindernisse galt es zu überwinden, von denen der Verfasser spannend erzählt, bis es möglich wurde, Türme sogar im offenen Wasser zu bauen.

Gleichzeitig ging man von offenen Leuchtfeuern zu Lichtern über, die mit Kohle, Gas und später Petroleum betrieben wurden und in komplizierten Glaslinsen brannten. „Lichtquellen und Linsensysteme“ (S. 54-75) führt in die Welt der Erfinder ein, die es sich zur Aufgabe machten, das rettende Licht über Brandung möglichst weit sichtbar werden zu lassen.

Der Bau eines Leuchtturms war die Aufgabe für Spezialisten. Bis es so weit war, versuchte sich auch schon einmal ein Hersteller von Musikinstrumenten in dem Job. (Dies sogar recht erfolgreich übrigens). Dennoch bildeten die „Konstrukteure und Erbauer“ (S. 76-93) bald regelrechte Dynastien. Die vermutlich berühmteste Familie, die anderthalb Jahrhunderte Leuchttürme auf der ganzen Welt baute, waren die aus Schottland stammenden Stevensons (deren prominentester Vertreter allerdings ein Schriftsteller wurde: Robert Louis Stevenson, u. a. Verfasser der „Schatzinsel“.)

Architektur, Kunst und Literatur, später auch der Film: Dankbar nahmen sie sich des Leuchtturms an. „Leuchtturm-Geschichten: Wahrheit und Mythos“ (S. 94-117) klärt über Wahrheit und Legende auf, wobei die Tatsachen heutzutage fast erfunden klingen. Besonders die Liebhaber des Gruseligen kommen auf ihre Kosten, wenn sie von Türmen lesen, die in stürmischer Nacht samt Besatzung spurlos verschwanden, oder von schaurigen Morden und Selbstmorden, wenn der Wahnsinn im Leuchtturm umging. Ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Leuchtturms handelt von den Frauen der Wärter, die unbezahlt aber ebenso zuverlässig wie der Gatte das Feuer in Betrieb hielten, bis es endlich „richtige“ Leuchtturmwärterinnen gab. Dass die friedlichen Türme in Kriegszeiten nicht verschont blieben, dürfte kaum verwundern, denn schließlich konnte man dem Feind manches unangenehme Schnippchen schlagen, wenn man ihm seine Leuchtfeuer löschte. Spannend lesen sich auch Williams Geschichten von Leuchtturmwärtern, die zu Lebensrettern wurden und sich ohne Rücksicht auf das eigene Leben in die See stürzten, um Schiffbrüchige zu retten.

„Feuerschiffe und Versorgungstender“ (S. 118-137) beschreiben zwei Schiffstypen im Dienst der Seesicherung. Dort, wo es nicht möglich oder zu teuer war, einen festen Leuchtturm zu errichten, wurden Feuerschiffe vor Anker gelegt, die ihr Licht hoch über dem Deck leuchten ließen. Ohne festen Grund wurde die Arbeit hier zu einer knochenharten Bewährungsprobe, zumal sich Feuerschiffe immer wieder losrissen und abtrieben. Heute sind sie unbemannt und lassen sich per Hubschrauber zwecks Inspektion anfliegen. Diese ersetzen nach und nach auch die Versorgungstender, spezielle Schiffe für die Versorgung von „offshore“ gelegenen Leuchttürmen mit Brennstoff, Lebensmitteln oder Ersatzteilen, die auch die nach Wochen der Einsamkeit ersehnte Ersatzmannschaft brachte.

„Das Zeitalter der Pracht: Design und Architektur“ (S. 138-153) schlug für die Leuchttürme im 19. Jahrhundert. Sie waren nicht nur unentbehrlich geworden, sondern sollten auch von Ruhm und Reichturm ihrer Heimatküste künden. So entstanden wunderschöne Bauten, „Kathedralen des Meeres“, die Funktionalität und Aussehen auf das Perfekteste miteinander verbanden. Immer neue Turmtypen entstanden, während die Baumaterialien von Holz und Stein und Eisen zu Stahl und glasfaserverstärktem Kunststoff wechselten und aus den Leuchtfeuern elektrische Lichter wurden, die heute oft mit Solarenergie betrieben werden.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endete die Zeit der bemannten Leuchttürme. „Die Automatisierung setzt sich durch“ (S. 154-175), aus weiter Entfernung lassen sich die Lichter nun steuern und kontrollieren. Schlimmer noch: Moderne GPS-Geräte scheinen die meisten Leuchttürme allmählich überflüssig zu machen. Die verbleibenden werden kleiner und weisen gar nicht mehr die klassische Form auf.

Was geschieht also mit den überflüssigen Röhren? „Erhaltung, Tourismus und Denkmalschutz“ (S. 176-191) lautet die Überschrift des letzten Kapitels. Der Kreis schließt sich, denn die eingangs erwähnte Liebe zum Leuchtturm führt dazu, dass sich in der Regel Menschen finden, die Zeit und Geld in den Erhalt der leer stehenden Exemplare investieren. Williams stellt verblüffende und kuriose Beispiele für eine Neunutzung vor. In Leuchttürmen kann man wohnen, es lassen sich Museen oder Galerien dort einrichten. Manchmal setzt man sie sogar auf Schienen und fährt sie im Stück ins geschützte Landesinnere, um sie vor allzu aggressiver Brandung in Sicherheit zu bringen. Die technische Zukunft des Leuchtturms ist vielleicht noch etwas ungewiss, doch als liebenswerte Zeugen einer bemerkenswerten Vergangenheit werden sie uns glücklicherweise erhalten bleiben.

Die Inhaltsangabe macht es deutlich: Dies ist ein Sachbuch der oberen Güteklasse. Auf 192 Seiten die wechselvolle Geschichte des Leuchtturms so zusammenzufassen, dass der Leser einen echten Überblick bekommt, ist keine Kleinigkeit. Zusätzlich punktet der Verfasser mit einem trotz Faktendichte unterhaltsamen Schreibstil, der das Wichtige nennt, aber Raum gibt für das Anekdotische, das nicht selten die Information vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen lässt. Das macht sich vor allem in jenen Kapiteln bemerkbar, in denen die Technik im Vordergrund steht. Linsensysteme mögen den Optiker faszinieren – der „normale“ Leser schätzt es, wenn er prinzipiell ins rechte Licht gesetzt wird (Der Kalauer muss sein), ohne dass es gar zu ausführlich ins Detail geht.

Löblich ist weiterhin das Zusammenspiel von Text und Bild. „Leuchtfeuer über der Brandung“ ist ein Buch im Großformat 24,5 x 33,0 cm. Gedruckt wurde es auf schweres Kunstdruckpapier. Etwa 250 meist farbige Abbildungen, Karten und Fotos stellen eine historische Fundgrube dar. Die Qualität der Wiedergabe ist bemerkenswert – hier gibt es keine falsch belichteten, blassen, körnigen Bilder, sondern ausschließlich handwerklich perfekte, oft geradezu künstlerische Fotos. Das Lob bezieht die Abbildungen zeitgenössischer Pläne, Zeichnungen oder Stiche ausdrücklich ein. Umso verwunderlicher ist die große Zahl von Druckfehlern im Text. Sie können den positiven Eindruck nicht tilgen, trüben ihn jedoch ganz unnötig ein wenig. („Coffee table books“ nennt man übrigens solche dekorativen, überdimensionalen, sichtbar teuren Schinken; sie werden in „besseren Kreisen“ – oder wer sich dafür hält – gern in der Nähe der Gästetafel präsentiert, um Besucher zu beeindrucken. Man lernt nie aus …)

Den Verlag |BusseSeewald| gibt’s übrigens nicht mehr – Delius Klasing hat dieses Buch jetzt im Programm.

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