Yann / Berthet – Poison Ivy 1: Sumpfblüte

_Story_

Die verwaiste Swampy wächst gemeinsam mit ihrem Bruder Tinkleberry in einer Sumpflandschaft Louisianas auf und reift dort langsam aber sicher zur jungen Frau heran. Doch ihr Frieden wird an einem verhängnisvollen Abend gestört, als sie von einer Seherin erfährt, dass ihr der baldige Tod droht. Und auch ihr Bruder scheint sie kaum noch beschützen zu können, plant er doch, in Kürze der amerikanischen Flugstaffel beizutreten und an der Seite der Flying Tigers in China zu kämpfen.

Ihr Schicksal scheint besiegelt, als sie Tinkleberry eines Nachts nachspioniert und auf ihrer Flucht vor dem Zorn des Bruders auf zwei asiatische Spitzel trifft, die in den Gewässern des Sumpfes merkwürdige Dinge treiben. Als sie sich von Swampy ertappt fühlen, beschließen sie, das Mädchen umgehend zu töten. Doch die junge Dame hat auf Empfehlung der Seherin ein Gegenmittel gegen das ihr eingeflößte Gift bereit und rettet sich in letzter Sekunde – allerdings mit verheerenden Auswirkungen.

Als sie nämlich unfreiwillig zwei junge Herrschaften, die ihr an die Wäsche wollen, küsst, sind diese Auf der Stelle tot. Bereits kurze Zeit später – inzwischen ist eine weitere Person ihrem Kuss erlegen – flüchtet Swampy nach New Orleans. Aber mit der Ruhe ist es vorbei: Präsident Roosevelt hat von den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Mädchens Kenntnis genommen und beruft Swampy unter dem Decknamen Poison Ivy in seine Organisation W.O.W. Der Beginn einer aufregenden Karriere für die Sumpfblüte …

_Persönlicher Eindruck_

Poison Ivy? Ist das nicht die Gegenspielerin der legendären Fledermaus? Richtig, doch die hier zitierte Titelheldin hat mit der Schurkin aus den Batman-Comics absolut nichts gemeinsam und steht auch in keinem Zusammenhang mit der mittlerweile nur noch selten bemühten DC-Figur. Alleine deswegen scheint es schon ziemlich mutig von Autor Yann, den Namen für seine neue Serie zu verwenden, denn Rechtsstreitigkeiten scheinen schon vorprogrammiert.

Darüber sollten sich Fans anspruchsvollerer Comics aber erst einmal keinen Kopf machen, sondern stattdessen diesen reizenden Auftaktband in vollen Zügen genießen. „Poison Ivy – Sumpfblüte“ ist nämlich ein allzu außergewöhnliches Comic-Vergnügen, gespickt mit Versatzstücken ganz verschiedener Genres und dabei dramatisch, witzig und sehenswert zugleich. Dabei besticht vor allem der unkonventionelle Aufbau der Story, die sich nach dem behäbigen Auftakt blitzschnell in ein rasend fortschreitendes Spektakel verwandelt, dessen Charaktere nicht nur eigenartig und seltsam, sondern gleichsam auch völlig faszinierend sind.

Nichtsdestotrotz erfüllt Swampy alias Poison Ivy aber nicht wirklich die Bedingungen einer echten Comic-Heldin; sie ist bescheiden, teils auch sehr launisch und generell voller harmonierender Gegensätze. Dabei ist sie überdies nicht mehr als ein typisches Landei, welches sich voll und ganz den Traditionen und Riten ihres Herkunftsorts verschrieben hat und alleine schon durch ihr barbusiges, naives Auftreten überhaupt nicht dazu taugt, die schwere Bürde einer Heldin auf ihren Schultern zu tragen. Doch nach und nach gesteht ihr der Autor eine gehörige Entwicklung zu, lässt sie zur Frau reifen und macht aus dem sympathischen, teils auch tollpatschigen Mädel eine selbstbewusste Figur, deren Identifikationswert von Seite zu Seite steigt – und damit ist Yann schließlich in kürzester Zeit das gelungen, woran viele Kollegen selbst über eine größere Spanne sang- und klanglos scheitern, nämlich ein Charakterprofil zu erstellen und weiterzuformen, ohne dass die Entwicklung die Story überholt.

Des Weiteren ist auch das Setting eher ungewöhnlich, deswegen aber gerade auch wieder so interessant. Die Handlung spielt in den frühen 30ern und ist insgesamt auch recht politisch motiviert. Da ist die Rede vom flüchtigen Tinkleberry, der dem Ruf der Army gefolgt ist, oder aber von einem Präsidenten, dessen Sondertruppe derart zynisch entworfen wurde, dass die unterschwellige Gesellschaftskritik, die darin verborgen liegt, selbst für kritische Leser stets mit einem Schmunzeln bedacht werden muss. Die W.O.W. ist nämlich ein Verbund von Frauen, deren übermenschliche Fähigkeiten tödlich sind, was ja erst mal noch gar nicht ungewöhnlich ist. Als sie dann aber eine kleine Kostprobe an einigen amerikanischen Nazi-Sympathisanten geben und zum Vergnügen des jungen Roosevelt abgesegnete Morde begehen, zeigt sich zum ersten Mal ganz deutlich, wie Yann mit überspitzten Darstellungen zu provozieren, gleichzeitig aber auch auf höchstem Niveau zu unterhalten vermag. Es ist zwar unbestritten, dass derartige Szenarien nicht jedermanns Geschmack sein werden, da jedoch hier ganz bewusst und vor allem sehr intelligent ein fesselnder Rahmen mit derartigen ‚Hilfsmitteln‘ aufgebaut wird, offenbart „Sumpfblüte“ selbst in diesen brisanten Passagen keinerlei Angriffsfläche.

Dass nebenbei dann auch noch ein geschickt geformter Spannungsbogen konstruiert wird, spricht für das Talent des Autors und die Klasse des Debüts. Yann und sein fabelhaft aufgelegter Kollege Berthet, der ganz deutlich von der französischen Schule beeinflusst wurde, haben hier etwas geschaffen, das selbst im Bereich der Action-Comics ziemlich originell und andersartig erscheint, dabei absolut nicht klischeebesetzt und zu guter Letzt auch noch mit einem gesunden Humor ausgestattet ist. Dazu kommen Figuren, die einem auf ganz merkwürdige, unbeschreibliche Art und Weise ans Herz wachsen und sich wohlig von den ausgetretenen Standards in diesem Genre distanzieren. Solche Innovationen sind natürlich immer willkommen und werden nicht nur mit einem Lob, sondern vor allem auch mit einer ganz saftigen Empfehlung bedacht. „Poison Ivy“ verspricht bereits jetzt, eine echte Hammer-Serie zu werden, so dass man nur hoffen kann, dass |DC| sich zurückhalten und die Vergabe des Titels tolerieren. Gar nicht auszudenken, was der Leser sonst verpassen würde …

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