Hesse, Hermann – Unterm Rad

Das autobiografische Werk „Unterm Rad“ ist der bedeutendste und meistgelesene deutsche Schulroman. 1906 erschienen, stellte er sich in den folgenden Jahren – mit einer Unterbrechung während des Dritten Reiches – als das provozierendste und folgenreichste Buch Hesses heraus. Seine Auflage beläuft sich inzwischen auf zwei Millionen Exemplare.

_Der Autor_

Eigentlich sollte Hermann Hesse wie seine Vorfahren, Indien-Missionare aus dem schwäbischen Pietismus, eine theologische Laufbahn einschlagen. Doch der 1877 im württembergischen Calw geborene Hesse wehrte sich schon früh gegen jede Fremdbestimmung, entfloh aus dem theologischen Seminar in Maulbronn, um „entweder Dichter oder gar nichts“ zu werden.

Um seinen Eigensinn zu brechen, internierten seine Eltern den 15-Jährigen in einer Nervenheilanstalt. Nach missglücktem Selbstmordversuch, einer Schlosserlehre und einem Intermezzo als Buchhändler in Tübingen und Basel ließ er die Brotberufe hinter sich und bewies mit seinem ersten Roman „Peter Camenzind“ (1904), dass seine Kunst weder gott- noch brotlos war.

In seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen aktualisierte Hesse das zivilisationskritische Erbe der deutschen Romantik, ihr Aufbegehren gegen die „naive Fortschrittsgläubigkeit“ der Industrialisierung. Unter dem Einfluss indischen, konfuzianischen und taoistischen Denkens wurde er zu einem der eindringlichsten Kritiker jener politischen Kräfte, welche Europa bald darauf zugrunde richten sollten. Im 1. Weltkrieg nahm er sich der Kriegsgefangenen an, genau wie sein Kollege Romain Rolland.

Zwölf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Hesse den „Steppenwolf“ (1927), dessen warnende Prognosen zwar damals folgenlos blieben, doch vierzig Jahre später die Vietnamkriegsgegner in den USA bestärkten. Auch „Siddharta“ wurde erst durch die Gegenkultur der USA bekannt und gewann rasche Verbreitung.

Für sein Alterswerk, u. a. „Das Glasperlenspiel“ (1943), wurde Hesse mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. In diesem utopischen Roman entwarf er eine Alternative zum diktatorischen Totalitarismus der politischen Ideologien und das Modell einer Synthese der Geistes- und Naturwissenschaften mit der Kunst.

_Der Sprecher_

Sprecher ist Samuel Weiss. Da der Verlag leider nichts über ihn mitteilt, kann ich nur sagen, dass er seine Sache versteht. Er liest den ungekürzten (!) Roman einfühlsam, quasi mit verteilten Rollen und mit variierendem Tempo. Auch die schwäbischen Urlaute gelingen ihm einwandfrei – für mich als Schwaben, der unweit der Calwer Region lebt, eine besondere Genugtuung. (Für Nichtschwaben: Diese Dialektsätze halten sich sehr in Grenzen.)

Aber auch sonst weiß er die Sätze in ihre jeweiligen Bedeutungseinheiten aufzuteilen. Man hört die winzigen Pausen vor komplexen, gewichtigen Wörtern, denen dann wieder flüssige Konstruktionen folgen. So erlaubt sein Vorlesen das leichte Erfassen und Verstehen des Textes, ohne seinem Sujet Gewalt anzutun oder es zu verniedlichen. Weiss hat Respekt vor den wunderbar aufgebauten Sätzen Hesses; dies teilt sich dem Hörer mit.

Die Produktion des SWR 2002 bietet keinen Stereoton, aber das macht nichts. Schließlich gilt es keine Hintergrundmusik zu erlauschen. Wichtig ist einzig und allein die Stimme des Vorlesers.

_Handlung_

Die Erzählung greift auf Hesses eigene Erlebnisse zwischen 1875 und 1897 zurück (die erst seit 1966 ausgezeichnet dokumentiert sind). Er erschuf für seine Geschichte zwei Figuren: die zentrale Gestalt des Hans Giebenrath (welcher Züge von Hesses Bruder Hans trägt, der sich Jahrzehnte nach der Veröffentlichung das Leben nahm) und die des genialischen, aufmüpfigen Freundes Hermann Heilner. Heilner bricht, wie Hesse selbst, aus dem streng gehaltenen Seminarverband aus und provoziert das Erziehungssystem, das er damit in Frage stellt.

Doch der Reihe nach. Hans Giebenrath wächst als Halbwaise in der schwäbischen Kleinstadt Calw am Rande des Schwarzwalds auf. Nach unbeschwerten Kinderjahren werden mehrere Schulmeister sowie der Pfarrer auf ihn aufmerksam und beschwatzen seinen Vater, ihn die alten Sprachen und Mathematik lernen zu lassen. Womöglich könne er sogar im Württembergischen Landesexamen bestehen und dann später ein gutes Auskommen als Pfarrer oder Beamter haben.

Den Schulmeistern etc. des letzten deutschen Kaiserreiches ist nicht bewusst, was sie damit anrichten. Die Schule dient ihnen als Wissensvermittlung, aber vor allem auch als Zuchtanstalt, die unter Umständen durch militärischen Schliff vollendet wird. Die daraus resultierenden Deformationen an Seele und Verstand sind ihnen gleichgültig. Warnende Stimmen wie die des pietistischen Schusters Flaig fallen nicht ins Gewicht. (Pietismus ist immer noch eine schwäbisch-evangelische Eigenart, Frömmigkeit und Glauben zu praktizieren. Bibellektüre im so genannten „Bibelkreis“ gehört fest dazu.)

Mit viel Büffelei, die er gutwillig auf sich nimmt, bringt es Hans Giebenrath tatsächlich zur Qualifikation fürs Landesexamen. Nur 200 pro Jahr schaffen das. Der Herr Papa ist stolz. Noch stolzer ist er, als Hans als Zweiter das Examen besteht; die Schulmeister, Pfarrer etc. strahlen. Doch statt Hans die sauer verdienten Ferien zu gönnen, brummen sie ihm Extrastunden auf, um ihm einen Vorsprung zu geben, wie sie argumentieren. Hans gerät immer tiefer „unters Rad“, das ihn zerbrechen wird.

Und so kommt es, dass Hans schon müde an Geist und Seele im Evangelischen Seminar zu Maulbronn (nahe der Goldschmiedestadt Pforzheim) eintrifft. Noch mehr Griechisch, Latein und jetzt auch noch Hebräisch. Wichtiger als alle hirnlose Lernerei stellt sich jedoch für ihn die Freundschaft zum nonkonformistischen Schüler Hermann Heilner heraus: ein Dichter, Schwärmer, der sogar schon „einen Schatz“ hat: ein Mädchen.

Der Autor stellt sehr deutlich heraus, was so ein „Genie“ für das Schulsystem bedeutet: eine einzige Herausforderung. Doch hat es das Genie trotz aller Versuche, es zu brechen, einmal zu Erfolg gebracht, so hebt man es später, aus sicherer Distanz, auf den Sockel: Schiller floh ja einst auch aus Stuttgart, und auch Hölderlin aus Tübingen/Nürtingen (sozusagen bei mir um die Ecke) war hienieden nicht zu helfen.

Es dauert nicht lange, und Heilner bringt erst die Lehrer und angepassten Schüler gegen sich auf, dann auch Hans, der sich von ihm distanzieren soll. Als Hans nach dem Tod eines anderen, stilleren Schülers erkennt, welchen Wert Heilners Freundschaft für ihn hat, versöhnt er sich wieder mit ihm. In der Folge treten seine schulischen Leistungen eine rasante Talfahrt an; Heilner wird der Schule verwiesen; Hans beginnt, dissoziative Geisteszustände zu erfahren: was man landläufig als „Tagträumerei“ bezeichnet. Man könnte es auch Schizophrenie nennen …

Die seelischen Zustände sind in der Natur gespiegelt: So wie im Winter der Tod des stillen Schülers Hindinger erfolgte (man nannte ihn den duldenden „Hindu“), so fühlt nun Hans im Mond der fallenden Blätter seine Lebensgeister am Boden: „So müd, so matt, hab kein Geld im Portmonnee und keins im Sack“, singt er stumpfsinnig zig Male hintereinander, nachdem ihn der Oberamtsarzt heimgeschickt hat. Schon bald hat er sich eine schöne Tanne ausgesucht, die sein Gewicht tragen würde, wenn er sich daran aufhinge …

Doch vor dem unausweichlichen Ende ist ihm ein wundervoller Herbst bestimmt.

_Mein Eindruck_

Hesse gehörte zu einer Schriftstellergeneration, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Missstände des Schulsystems anprangerte, um eine Reform zu erzielen. Rilkes „Turnstunde“ war gefolgt von Robert Musils Pubertätsstudie „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ (verfilmt von einem gewissen V. Schlöndorff), die von Thomas Manns „Tonio Kröger“ und Hanno Buddenbrook ergänzt wurden. Statt die Schule satirisch zu kritisieren, wie es Heinrich Mann in „Professor Unrat“ erreichte, gingen Hesse und Co. den Weg der Identifikation mit dem jeweiligen Opfer des Systems.

Hesse wusste, wovon er schrieb: „An mir hat die Schule viel kaputt gemacht, und ich kenne wenig bedeutende Persönlichkeiten, denen es nicht ähnlich ging. Gelernt habe ich dort nur Latein und Lügen, denn ungelogen kam man in Calw und im Gymnasium nicht durch – wie unser Hans beweist, den sie ja in Calw, weil er ehrlich war, fast umbrachten. Der ist auch, seit sie ihm in der Schulzeit das Rückgrat gebrochen haben, immer unterm Rad geblieben.“

Sein Hans Giebenrath ist ja keineswegs ein Genie, sondern einfach nur ein Junge aus der schwäbischen Provinz, der das Unglück hat, ein wenig feingliedriger, vielleicht auch feinsinniger zu sein als die groben Klötze auf dem Land und der deshalb von Pfarrer und Schulmeistern auserkoren wird, ihnen Ehre zu machen, indem sie ihm zum Landesexamen verhelfen. Und so gerät er unters Rad.

Die Figur des Hans ist eingebettet in lebendige Natur, die sehr genau verfolgt wird, weil sie den Gang des Lebens auf dem Lande bestimmt. Und das Leben in der Calwer Region besteht nicht nur aus Broterwerb, sondern auch aus der Obsternte, die in einer wundervollen Szenenfolge geschildert wird, und der Begegnung mit dem anderen Geschlecht (ausgerechnet eine aus Heilbronn, aus dem „Unterland“, wo sie Wein trinken statt Most).

_Unterm Strich_

Dieses „Drama des begabten Kindes“ (Alice Miller) stieß natürlich auf heftigen Widerspruch der Kritisierten, aber der Erfolg gibt ihm Recht: Der Drillcharakter der Schule wurde zurückgenommen (außer im Dritten Reich). Noch heute ist „Unterm Rad“ das weitestverbreitete Buch Hesses in Japan, dem Land mit der weltweit höchsten Selbstmordrate unter Schülern, wo Drill und Konkurrenzdruck ungeheuer sind. „Unterm Rad“ ist dort noch so aktuell wie bei uns um 1906.

Das Hörbuch macht uns heutige Deutschen mit einem bewegenden Schicksal bekannt und lässt es uns miterleiden; ein Schicksal, das sich durchaus wiederholen könnte: Steht nicht jede Mutter vor der Wahl, in welche Schule sie ihr Kind schickt? Staatliche oder Privatschule? Gesamt- oder Waldorfschule? Unterstützung von Autorität oder Förderung der Kreativität des „Zöglings“?

In jedem Fall ist „Unterm Rad“ ein wundervolles Stück Literatur, das den Zuhörer/Leser in eine Welt und eine Zeit entführt, die zwar vergangen sind, aber noch gar nicht so weit zurückliegen.

Wem „Unterm Rad“ gefallen hat, sollte auch „Peter Camenzind“ und „Narziss und Goldmund“ lesen, ebenfalls Entwicklungs- und Bildungsgeschichten.

Mehr über Hermann Hesse könnt ihr in meiner Rezension zu [„Siddharta“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=692 nachlesen.
Siehe auch in der [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann__Hesse

|Umfang: 354 Minuten auf 6 CDs|