Hermann Hesse – Siddharta

Heute hängen Millionen Menschen der Religion des Buddhismus an. Sie glauben an die Lehre des Buddha, des Erleuchteten. Doch den Menschen, den man den Buddha nennt, hat es einmal wirklich gegeben: den Brahmanensohn Siddharta. Dies ist seine fiktive Lebensgeschichte.

Das Buch

„Siddharta“ entstand in den Jahren nach Hesses Indienreise 1911, die vier Monate dauerte, und erschien erstmals im „Ulysses“-Jahr 1922. Es hat bis heute eine weltweite Auflage von 2,5 Mio. Exemplaren in 42 Sprachen erreicht – eines der erfolgreichsten deutschen Bücher überhaupt. Das Hörbuch gibt das Buch komplett, also ungekürzt wieder.

Der Sprecher

Offizielle Verlagsinformation: Ulrich Matthes spielte bisher u. a. am Berliner Ensemble, am Deutschen Theater Berlin, an der Berliner Schaubühne, an den Münchner Kammerspielen, am Bayerischen Staatsschauspiel sowie am Düsseldorfer Schauspielhaus. Darüber hinaus war er in zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen zu sehen, wie z.B. in „Aimee und Jaguar“ oder in Heinrich Breloers „Todesspiel“. Er erhielt zahlreiche Preise und wurde mit dem Bayerischen Filmpreis als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Handlung

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist Hesses Schriftstellerkollegen Roman Rolland (1866-1944) gewidmet, der zweite seinem Vetter, dem Japanologen Prof. Wilhelm Gundert (1880-1971), einem Übersetzer der „Bibel“ des Zen-Buddhismus (des „Bi-Yän Lu“).

Die Erzählung vom Brahmanensohn Siddharta verwendet Elemente der Legende über das Leben Buddhas, der von ca. 560-480 vor der christl. Zeitrechnung lebte. Der Name Siddharta bedeutet „der sein Ziel erreicht hat“, was im weiteren Zusammenhang sehr ironisch erscheint. Denn Siddhartas Lebensweg besteht aus Suchen, Reisen und Finden und wieder Suchen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Sein Schöpfer, Hesse selbst, suchte einen Weg aus dem Zerfall aller Werte, den das Ende des Ersten Weltkrieges über die Welt gebracht hatte. Mit der Suche einher ging eine andauernde Psychoanalyse.

Teil 1

Der junge Siddharta wächst in einem reichen, behüteten Haushalt auf, eben dem eines in der Kastenhierarchie hoch stehenden Brahmanen. Daher erhält er eine sehr gute Ausbildung. Sein bester Freund ist Govinda, der im ganzen Buch immer wieder auftauchen wird. Govinda ist lange nicht so grüblerisch und unzufrieden wie Siddharta. Aber beide wissen durch ihre Ausbildung Bescheid über die allgemeinen Begriffe des Hinduismus, die das Universum in unbelebten Tand (Maja), in Diesseits (Sansara) und Jenseits (Nirvana) usw. aufteilen. Doch die Welt der brahmanischen Lehren und Riten ist begrenzt.

Eines Tages verlassen die zwei Freunde ihr Elternhaus und schließen sich den wandernden Bettlern an, den Samanas. Durch willentlich asketische Selbstkasteiung suchen sie den Dingen, die von Bedeutung sind, auf den Grund zu gehen: Ist dieser Weg vom Wissen zum Erleben der Welt der richtige dafür?

Nach einer Weile begegnen sie einem Erleuchteten, genannt Gotáma. Nach einer Weile der geistigen Auseinandersetzung mit dessen Philosophie entscheidet sich Siddharta fürs Gehen, Govinda aber fürs Bleiben bei Gotama. Es ist kein Wunder, dass sich Siddharta von dem Lehrer abwendet: Hesse hat dies auch stets getan (siehe „Der Autor“).

Die nächste Station in Siddhartas Werdegang ist bei den „Kindermenschen“. Sie wohnen in der Stadt und jagen dem materiellen Glück nach, der kurzfristigen Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Dazu gehört auch die körperliche Liebe. Der aufgeweckte und selbstbewusste Siddharta lernt Kamala kennen, eine Kurtisane, die den Service der körperlichen Liebe so perfektioniert hat, dass sie steinreich ist, aber noch nie verliebt war. Doch das ändert sich mit der Ankunft des jungen, weisen Bettlers.

Nach einer Zeit der Lustbarkeiten tritt Siddharta in die Dienste eines Kaufmanns und jagt dem Gelderwerb auf eine recht unorthodoxe Weise nach. Er trachtet keineswegs danach, zu günstigen Zeiten bei den Lieferanten aufzutauchen und sie übers Ohr zu hauen. Seinen Profit, sofern er welchen erzielt, haut er wieder im Spiel und im Suff auf den Kopf. Sein Boss wird mit ihm recht unzufrieden, aber Kamala legt ein gutes Wort für ihren Lover ein. Dieser scheint sich im Sansara, dem Diesseits und seinen Freuden, zu verlieren.

2. Teil

Eines Tages kommt er zu einem Fluss und lässt sich vom Fährmann Vasudeva übersetzen. Das Erlebnis des Flusses erschüttert Siddharta: Dieses Gewässer bleibt stets gleich und ist doch immer anders. Er hört den Fluss lachen. Der Fährmann erklärt ihm einige Dinge, die er vom Fluss gelernt hat. Siddharta beginnt, für Vasudeva zu arbeiten und haust in dessen bescheidener Hütte.

Nach Jahren kommt Kamala mit einer Reisegesellschaft vorbei, auf dem Arm ihren und Siddhartas jungen Sohn. Sie wird von einer Giftschlange gebissen und stirbt bald darauf, ihm seinen Sohn in die Obhut gebend. Der Sohn, der ebenfalls den Namen Siddharta trägt, wächst heran, ist aber mit den ärmlichen Verhältnissen höchst unzufrieden: Er war es gewöhnt, sich von Dienern, die er befehligte, verwöhnen und umsorgen zu lassen. Daher trotzt er nun seinem Vater und hasst ihn bald sogar dafür, dass dieser ihn nie schlägt oder ausschimpft, sondern vielmehr mit seiner nachsichtigen Liebe beschämt. Daher haut er ab, um in die Stadt zurückzugehen.

Nachdem er seinen Sohn wie auch seinen langjährigen Freund Vasudeva verloren hat, geht Siddharta zurück Richtung Heimat. Bald trifft er eine Gruppe Anhänger des Gotama Buddha. Govinda erkennt seinen Jugendfreund zunächst kaum, fragt ihn aber dann umso eingehender aus: Ob er wohl einige seiner Gedanken und Ansichten mitteilen möge? Siddharta hält seine Philosophie kaum der Rede wert, „Denn wenn ein Weiser seine Weisheit erklärt, wird sie immer wie Narrheit klingen“. Doch für Govinda klingt Siddhartas Philosophie höchst ungewöhnlich, denn sie ist sehr unasiatisch, auf das Individuum konzentriert. Und so trennen sich beide wieder, ohne einander wirklich zu verstehen.

Mein Eindruck

Geht man nach gängigen Literaturlexika, so scheint es sich bei „Siddharta“ nicht um einen von Hesses wichtigeren Texten zu handeln. Das „Harenberg Lexikon der Weltliteratur“, an dem ich mitschrieb, hat dafür nicht einmal einen eigenen Artikel eingerichtet (wohl aber für „Das Glasperlenspiel“ und „Der Steppenwolf“).

Für mich war der Roman aber im Alter von 15 oder 16 Jahren ein eindrückliches Erlebnis, an das ich mich bis heute erinnere. Denn ich war ja selbst ein Suchender, der ausgelutschte Begriffe und Werte der Eltern- und Nachkriegsgeneration hinterfragte und schließlich ablehnte. Ich fand in dem Brahmanensohn Siddharta einen Bruder im Geiste.

Der ewige Rebell?

„Siddharta“ ist der Entwurf eines radikal individuellen, alle vorgefertigten Glaubensgebäude und Lehren sprengenden Heilsweges – obwohl es auch wieder fraglich ist, ob Siddharta selbst je „das Heil“ findet. Der Suchende lehnt die Lehre der Brahmanen, d. h. seines Vaters, ebenso ab wie die Gotama Buddhas, verliert sich in der Welt der „Kindermenschen“, die „wie Laub von den Bäumen fallen“ und findet erst am Fluss zu einer gewissen Ruhe und Erfüllung: das Om.

Im Vergleich mit der westlichen Welt fällt einem am „Siddharta“ immer wieder auf, wie ruhig und entspannt die geschilderten Menschen leben, ja, sich geradezu dem kontemplativen Betrachten der menschlichen Lebensbedingungen hingeben. Dies trifft natürlich nicht für die „Kindermenschen“ zu, sondern a) für die Wohlhabenden wie Brahmanen und Kurtisanen, die nicht zu arbeiten brauchen, und b) für die Bettelarmen wie die Samanas, die ja nicht arbeiten, sondern betteln. Man sollte also die gezeigten Figuren keineswegs idealisieren.

Und auch nicht das, was der Autor ihnen in den Mund legt. (Es sind oftmals individuell gefasste, umgeformte Lehren aus Buddhismus, Konfuzius und Lao-Tse. Durch seinen Vetter kannte Hesse auch den Zen-Buddhismus.) Nicht ohne Grund nannte der Autor sein Buch „eine indische Legende“. Dementsprechend un-realistisch ist die Wiedergabe wirklich herrschender Bedingungen. Dadurch erinnert das Buch an Platons Dialoge (Symposion, Kritias, Politeia usw.).

Welt-Anschauung

Wie jeder junge Mensch sucht Siddharta auf mehreren Stationen nach der Antwort auf die Frage, was „die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe: „Faust 1“). Der Hinduismus lehrt ihn die Hierarchie des Universums, später stellt sich Siddharta die Welt als einen stofflich-geistigen Kreislauf vor: Der Stein wird Erde, Erde wird zu Nahrung (Gemüse etc.), diese zum Menschen, der wiederum den Geist umfasst, bis dieser wieder stirbt und zur Erde zurückkehrt. Ganz am Schluss, im Stein-Gleichnis, revidiert Siddharta auch diese Weltsicht. Weisheit sei nicht lehrbar. Das ist sehr individualistisch und westlich, wie Hesse schon 1925 erkannte.

An keiner Stelle ist aber von einem Gott die Rede, einer übergeordneten Instanz, von der sich moralische Gesetze ableiten ließen. Das Göttliche an sich wohnt offenbar den Dingen und Lebewesen inne. Mit dieser überkonfessionellen Philosophie kann ich mich gut anfreunden, denn sie lehrt die Achtung vor allen Lebewesen und vor anderen Menschen, selbst wenn diese anderen Glaubens sind.

(Wer mehr über die bewegte Entstehungsgeschichte des „Siddharta“ erfahren möchte, sei auf den 1. Band der 1975 erschienenen „Materialien zu Hermann Hesses Siddharta“ verwiesen. So verstrichen z. B. zwischen den ersten vier Kapiteln und den restlichen acht beinahe zwei Jahre, die Jahre einer Schaffens- und Persönlichkeitskrise. Das im Dezember 1919 begonnene Manuskript war am 30. Mai 1922 fertig.)

Schwierige Sprache

Immer wieder fiel mir beim Zuhören auf, wie altertümlich die von Hesse gebrauchten Satzkonstruktionen und Ausdrucksformen sind (Zufall oder Absicht?). Insbesondere der Konjunktiv mit den entsprechenden, damals korrekten Verbformen hat es Hesse angetan, so dass manche Sätze enorm gestelzt und gedrechselt wirken.

Nach meiner Erfahrung können nur noch sehr geübte Leser, die sich stetig mit alten deutschen Autoren auseinandersetzen und die Grammatik gut beherrschen, mit solchen Sätzen zurechtkommen. Das heißt nicht, dass man diese Sprache nicht erlernen und erschließen könne, im Gegenteil. Es kostet nur ein wenig Mühe.

Der Sprecher

Ulrich Matthes hat eine ausdrucksvolle und sympathische Stimme. Er setzt sie bei diesem Hörbuch auf bemerkenswerte Weise ein. Er macht das Erleben dieses Textes zu einer Art Weihestunde: Die Sätze kommen in den überlangen Mono- und Dialogen oftmals in so getragenem Singsang daher, das man geneigt ist anzunehmen, der Sprecher wolle den Hörer in seligen Schlummer versetzen.

Ich finde aber, dass für ein Verständnis der Ideen Siddhartas im Gegenteil das geschärfte Hervorheben der Schlüsselbegriffe vonnöten ist. So ertappte ich mich immer wieder dabei, wie meine Gedanken dieser Betörung zu entkommen versuchten und abschweiften, bis sie wieder zurückkehrten.

Unterm Strich

Für junge Menschen ist der „Siddharta“ von besonderem Reiz, wie ich dargelegt habe. Doch auch Menschen, die älter als 16 oder 18 Jahre sind, dürften dem vielschichtigen Buch etwas abgewinnen können. Schließlich wollen wir alle irgendwann wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und der Roman schildert diese ewig gültige Suche auf eine weitaus schönere und eindrücklichere Weise als etwa Goethe im „Faust“.

Zum Schluss noch ein Zitat von einem bekannten Schriftsteller, Henry Miller: „Ein Buch, dessen Tiefe in der kunstvoll einfachen und klaren Sprache verborgen liegt, eine Klarheit, die vermutlich die geistige Erstarrung jener literarischen Philister aus dem Konzept bringt, die immer so genau wissen, was gute und was schlechte Literatur ist. Siddhartha ist für mich eine wirksamere Medizin als das Neue Testament.“

Hermann Hesse zu seinem Buch: „Wenn ich einen Siddharta hätte schildern wollen, der Nirwana oder die Vollkommenheit erreicht, dann hätte ich mich in etwas hineinphantasieren müssen, was ich nur aus Büchern und Ahnungen, nicht aber aus eigenem Erleben kannte. Das konnte und wollte ich nicht, sondern ich wollte in meiner indischen Legende nur solche innere Entwicklungen und Zustände darstellen, die ich wirklich kannte und wirklich selbst erlebt hatte.“ Er fährt fort: „Ich bin nicht ein Lehrer oder Führer, sondern ein Bekenner, ein Strebender und Suchender, der den Menschen nichts anderes zu geben hat als das möglichst wahrhaftige Bekenntnis dessen, was ihm in seinem Leben geschehen und wichtig geworden ist.“

Der Autor

Eigentlich sollte Hermann Hesse wie seine Vorfahren, Indien-Missionare aus dem schwäbischen Pietismus, eine theologische Laufbahn einschlagen. Doch der 1877 im württembergischen Calw geborene Hesse wehrte sich schon früh gegen jede Fremdbestimmung, entfloh aus dem theologischen Seminar in Maulbronn, um „entweder Dichter oder gar nichts“ zu werden.

Um seinen Eigensinn zu brechen, internierten seine Eltern den 15-Jährigen in einer Nervenheilanstalt. Nach missglücktem Selbstmordversuch, einer Schlosserlehre und einem Intermezzo als Buchhändler in Tübingen und Basel ließ er die Brotberufe hinter sich und bewies mit seinem ersten Roman „Peter Camenzind“ (1904), dass seine Kunst weder gott- noch brotlos war.

In seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen aktualisierte Hesse das zivilisationskritische Erbe der deutschen Romantik, ihr Aufbegehren gegen die „naive Fortschrittsgläubigkeit“ der Industrialisierung. Unter dem Einfluss indischen, konfuzianischen und taoistischen Denkens wurde er zu einem der eindringlichsten Kritiker jener politischen Kräfte, welche Europa bald darauf zugrunde richten sollten. Im 1. Weltkrieg nahm er sich der Kriegsgefangenen an, genau wie sein Kollege Romain Rolland.

Zwölf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Hesse den „Steppenwolf“ (1927), dessen warnende Prognosen zwar damals folgenlos blieben, doch vierzig Jahre später die Vietnamkriegsgegner in den USA bestärkten. Auch „Siddharta“ wurde erst durch die Gegenkultur der USA bekannt und gewann rasche Verbreitung.

Für sein Alterswerk, u. . „Das Glasperlenspiel“ (1943), wurde Hesse mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. In diesem utopischen Roman entwarf er eine Alternative zum diktatorischen Totalitarismus der politischen Ideologien und das Modell einer Synthese der Geistes- und Naturwissenschaften mit der Kunst.

Der Hörverlag: Hermann Hesse war ebenso weltoffen wie öffentlichkeitsscheu. Es gibt nur wenige Tondokumente von ihm. Zu ihnen gehören die 1949 entstandene Betrachtung „Über das Glück“ sowie einige seiner schönsten Gedichte, die er im Alter von 72 Jahren für Radio Basel gelesen hat. Neben diesen Zeugnissen seiner Altersweisheit kommt auch der junge Hermann Hesse – vorgetragen von Gert Westphal – zu Wort, mit dem berühmten Brief des 15-Jährigen an seinen Vater aus der Nervenheilanstalt Stetten, mit Passagen aus Hesses expressionistischer Malererzählung „Klingsors letzter Sommer“ und Gedichten aus der Entstehungszeit des „Steppenwolf“, jenes Buches, das die weltweite Renaissance Hermann Hesses ausgelöst hat. “

Umfang: ca. 230 Minuten auf 4 CDs