Yoshimoto, Banana – Eidechse

Banana Yoshimoto hat schon eine besondere Art, ihre Leser zu fesseln. Ihr Stil, ihre Art zu Erzählen, auf eine so lockere und gleichsam so intensive Weise, sucht in der literarischen Welt seinesgleichen. Seit ihrem Debüt „Kitchen“ von 1988 hat Yoshimoto auch hierzulande viele begeisterte Leser gefunden und in ihrer Heimat Japan einen Literaturpreis nach dem anderen eingeheimst.

Der aktuell bei |Diogenes| im Taschenbuch verliegende Erzählband „Eidechse“ ist von 1993 und vereint sechs Erzählungen, die vor allem eines verbindet: Sie handeln von Menschen, denen eine wichtige Veränderung bevorsteht. In allen Geschichten spielt dabei die Liebe eine wesentliche Rolle. Junge Menschen, die den Schritt wagen, sich zu einer Beziehung zu bekennen. Menschen, die mit einer Heirat den Grundstein zur gemeinsamen Zukunft legen, spielen die Hauptrolle.

Yoshimotos Erzählungen drehen sich dabei um die Gefühle dahinter, um Unsicherheiten und Ängste, um Ratlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Ungewissheit, die mit dem festen Bekenntnis zu einem bestimmten Menschen einhergehen. Yoshimoto selbst formuliert das in ihrem Nachwort so wunderbar treffend, dass nichts näher liegt, als sie zu zitieren: |“Die Geschichten behandeln den gesamten Komplex von der anfänglichen Ratlosigkeit über die Phase der Ungewissheit, in der man sich daranmacht, sein seelisches Gepäck neu zu ordnen, bis hin zur Befreiung und Erleichterung, wenn man sich über etwas klargeworden ist.“|

Das Besondere an Yoshimotos Erzählungen ist dabei, dass sie ihre Geschichten immer mit einer besonderen Zutat, einem unerwarteten Element zu garnieren weiß. Sie legt eine spezielle Magie in die Zeilen, fügt geradezu fantastische Aspekte hinzu, wie in der ersten Erzählung des Buches „Frisch verheiratet“, die eine S-Bahn-Fahrt schildert, die ein junger Mann in betrunkenem Zustand durch das nächtliche Tokio macht und auf der er in dem scheinbar verwahrlosten Penner neben sich plötzlich eine hübsche Frau erkennt.

Yoshimoto versteht es, auf diese Weise zu überraschen und schwere und leichte Elemente zu verknüpfen. Sie erzählt ihre Geschichten in einem leichten, lockeren Ton und setzt dem sperrige, schwer verdauliche Elemente entgegen, die mit der Wahrnehmung des Lesers spielen und als Projektionsfläche für die komplexen Seelengemälde dienen, die Yoshimoto aus ihren Figuren entwirft.

Den Erzählungen verleiht diese Art etwas Surreales. Die sprachlichen Bilder, die Yoshimoto skizziert, sind wunderschön, wenngleich sie schnell wieder verblassen. Was zurückbleibt, ist in etwa so wie die diffuse Erinnerung an einen merkwürdigen Traum. Die Handlung verschwimmt, aber Stimmungen und Augenblicke bleiben zurück, und das auf eine teilweise erstaunlich intensive Art, bei der man sich am Ende fragt, wie sie das eigentlich vollbracht hat.

Yoshimotos Erzählungen sind etwas, auf das man sich voll und ganz einlassen muss, das Raum zum Wirken braucht und Zeit, sich zu entfalten. Je mehr man das Gelesene wirken lässt, desto intensiver sind die Bilder im Kopf.

Nicht alle Erzählungen sind dabei gleich einprägsam. „Helix“, „Der Kimchi-Traum“ und „Der Glücksbringer“ haben sich mir nicht ganz so intensiv eingeprägt wie „Frisch verheiratet“, „Eidechse“ und „Eine denkwürdige Begebenheit am Großen Fluss“, dennoch hat jede Erzählungen ihre Vorzüge. Sie hier inhaltlich zu reflektieren, ergibt wenig Sinn, zu sehr sind Stimmungen und Gefühle Kern der Erzählungen, als dass es eine konkrete Handlung gäbe, die sich zufriedenstellend wiedergeben ließe.

In Yoshimotos Erzählungen muss man einfach eintauchen und Figuren, Gespräche und Stimmungen wirken lassen. Wem das zu wenig ist, der wird Yoshimotos Erzählungen nicht viel abgewinnen können. Wer sich aber darauf einlassen kann, dem wird Yoshimoto mit ihren Erzählungen einige Freude bereiten.

Unterm Strich kann Banana Yoshimoto somit auch mit „Eidechse“ wieder überzeugen. Sie zeichnet komplexe Seelenporträts, entwirft interessante Figuren und zaubert dem Leser vielfältige Stimmungen in den Kopf. Ein Buch, das man mehr fühlt als liest, dessen Eindruck auf den ersten Blick flüchtig und auf den zweiten intensiv ist. Yoshimoto beweist einmal mehr, dass sie eindrucksvoll zu erzählen weiß und es immer wieder schafft, den Menschen tief in die Seele zu blicken.

http://www.diogenes.de

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