Alle Beiträge von Kathleen Platz

Erwin, Birgit – Lichtscheu

Es ist ein kalter Novembertag und, wie sollte es auch anders sein, es regnet, wie es so ziemlich das ganze Jahr über in London der Fall ist. Dies ist der junge Priester genauso wenig gewohnt wie die Hektik, die auf den Straßen herrscht. Zu Hause im Vatikan hat es selten jemand eilig. Hinzu kommt, dass Matteo den Sinn seiner Reise nicht versteht. Wieso schickt man ihn nur für eine Taufe nach London? Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen macht er sich auf den Weg, diesen Auftrag schnellstmöglich zu erfüllen. Am Zielort angekommen, beginnt er zu begreifen, dass mehr an der Sache dran ist, als man im sagte. Der zu taufende Wissenschaftler Victor Westcamp lebt eingesperrt in einem völlig dunklen Keller im Tower. Die bloße Angst lässt Matteo das Blut in den Adern gefrieren, als er allein durch die Dunkelheit der Gewölbe zu dem mysteriösen Wissenschaftler wandeln muss. Als endlich der Lichtstrahl einer Kerze die Ungewissheit durchbricht, erblickt Matteo ein Wesen an Ketten, dessen Haut vom Weihwasser der Taufe sofort verätzt wird. Womit hat er es hier eigentlich zu tun? Mit einem, wie Victor selbst behauptet, im Sterben liegenden Vampir, oder einfach nur mit einem durchgeknallten Wissenschaftler? Aber unabhängig davon, wer es ist, geht es diesem wirklich schlecht, und er hat einen letzten Wunsch. Der verwirrte Priester kann ihm dies unmöglich abschlagen. Doch mit diesem einfachen Wunsch hat es auch weitaus mehr auf sich als vermutet, und es führt Matteo wesentlich tiefer in die Dunkelheit, als im lieb ist.

Für die junge Autorin Birgit Erwin ist „Lichtscheu“ der erste Roman. Die Gelegenheit dazu, einen Roman zu veröffentlichen, bekam sie als Preis für die Belegung des zweiten Platzes beim Jahreswettbewerb der Story-Olympiade 2003. Da sie auch 2004 den zweiten Platz belegte, können wir uns schon auf einen weiteren Roman von ihr freuen. Dieser ist bereits in Arbeit und wird den Namen „Neun Leben“ tragen.
Birgit Erwin wurde am 4. November 1974 in Aachen geboren. Nach ihrem theoretischen Studium der Anglistik und Germanistik arbeitete sie zunächst als PR-Assistentin in Frankfurt am Main. Seit dem September 2003 schließt sie den praktischen Teil ihres Studiums als Referendarin an einem Heidelberger Gymnasium ab.
Schon vor ihrem Roman hat Birgit Erwin zahlreiche Kurzgeschichten und Anthologien verschiedener Verlage veröffentlicht. Weitere Infos hierzu findet man unter http://www.wurdackverlag.de.

Mit „Lichtscheu“ ist Birgit Erwin ein sehr spannender Thriller gelungen. Es war zwar der erste Roman, doch der Leser erkennt keinen Unterschied zu den Arbeiten erfahrenerer Autoren. Der Roman ist nicht nur wegen der Story, sondern auch durch einen besonders angenehm lesbaren und fesselnden Schreibstil sehr unterhaltsam und mitreißend. Der Leser wird von Beginn an in die Welt des jungen Priesters Matteo entführt. Mit ihm reist man durch die Geschichte, stellt sich die gleichen Fragen wie er und denkt unentwegt darüber nach. Dies bewirkt, dass man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Der Roman lässt nicht nur Mattoes Blut in den Adern gefrieren.
Sehr authentisch sind für den Leser auch die Konflikte, in denen sich die Hauptperson befindet. Man ist hin- und hergerissen, ähnlich wie der Priester sich selbst fühlen muss. Vermutungen werden aufgestellt und wieder über den Haufen geschmissen und bis zu den letzten Seiten ist der Ausgang des Buches völlig ungewiss. Packend bis zum Schluss wurde hier eine gute Idee umgesetzt.

Viele Fragen, die während der Lektüre aufkommen, werden nicht unbedingt wie erhofft am Ende des Romans einfach beantwortet. Man wird nicht nur während des Lesens dazu angeregt, über die Zusammenhänge nachzudenken, sondern gelangt auch danach noch etwas ins Grübeln. Selbst nach längeren Überlegungen konnte ich mir jedoch nicht alles erklären. Wer also Bücher mit offenen Fragen nicht mag, sollte von diesem Buch eventuell Abstand nehmen.
Für alle anderen ist der Roman ein großer Lesespaß, der nicht nur Spannung und Mystik, sondern auch besonders prickelnde Romantik enthält. Die sprichwörtliche weiße Weste mancher Kirchenmitglieder wird in Frage gestellt, jedoch nicht nur in Bezug auf die Abstinenz …

Eschbach, Andreas – Eine Billion Dollar

Nahezu jeder von uns hat schon einmal davon geträumt: Von einem Tag auf den anderen reich zu werden. Warum spielt man sonst Lotto oder gibt „ab und zu mal“ das Geld für einen Telefonanruf oder eine Briefmarke aus, um an einem Gewinnspiel teilzunehmen? In Eschbachs „Eine Billion Dollar“ wird das Unglaubliche wahr für jemanden, der so ziemlich in der finanziell ausweglosesten Situation steckt, die man sich vorstellen kann. Es ist hier die Rede von John Fontanelli, einem Mann Anfang zwanzig, der nach einigen beruflichen Fehlversuchen nun verzweifelt versucht, seinen Lebensunterhalt durch das Ausfahren von Pizza zu bestreiten. Per Fahrrad durch New York unterwegs, bemüht er sich so schnell wie möglich zu sein, damit er seinen Job nicht verliert. Als John allerdings eines Nachts angefahren und sein Fahrrad und die Pizzen dabei ramponiert werden, wird ihm auch diese Existenzgrundlage genommen. Völlig ausweglos, ohne Job und ohne Fahrrad, muss John feststellen, dass er nicht einmal mehr genug Geld für die U-Bahn hat, um nach Hause zu fahren.

Doch bereits einen Tag später wird dieser Miesere ein Ende gesetzt: Von einem Vorfahren aus dem 16. Jahrhundert erbt John ein Vermögen, das durch Zins und Zinseszins über die Jahrhunderte Dimensionen erreicht hat, die Johns kühnste Träume bei weitem übersteigen. Von einem Tag auf den anderen wird John Fontanelli zum reichsten Mann der Welt. Doch ebenso gigantisch wie das Vermögen ist auch die Bürde, die John damit auferlegt wird. Er soll laut Prophezeiung seines Urahns den Menschen ihre verlorene Zukunft zurückgeben.

Die Frage, was man mit so viel Geld – außer sich seine Träume zu erfüllen – auch noch Sinnvolles bewirken kann, ist nicht einfach zu beantworten. Es gibt zahlreiche Probleme auf der Welt, die mit Geld auf den ersten Blick einfach zu lösen wären. Doch kann man so den Menschen ihre verlorene Zukunft wieder geben? Dies ist eine Frage, die beim Lesen unentwegt in mir brannte und bewirkte, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Doch es ist eine Geschichte, die nicht nur fesselt. Sie regt auch zum Nachdenken an über die bestehenden Verhältnisse unserer Zeit. Darüber, ob |wir| eine Zukunft haben. Es gibt zahlreiche Prognosen, die ein Zweifeln daran begründen. Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung, Zerstörung des Regenwaldes sind nur kleine Beispiele dessen. Zudem erfährt man einiges über die Macht des Geldes in unserer Zeit, beispielsweise, was das Vermögen John Fontanellis mit der Existenz eines Fischers auf den Philippinen zu tun hat. Sehr interessant sind auch die Angaben der Seitenzahlen in Milliardenhöhe, zum Teil mit Informationen über diesen Summen entsprechende Wirtschaftsausgaben versehen, die mächtig ins Staunen versetzen.

Mit „Eine Billion Dollar“ hat Eschbach eine geniale Idee sehr spannend und mitreißend verfasst, nicht nur für SF-Fans. Längen und Schnitzer fielen mir dabei nicht auf. Die umfassenden Recherchen, die er dazu betreiben musste, haben sich gelohnt. Man kann das Geschehen, trotz Komplexität und wirtschaftlicher Fachtermini, nachvollziehen und sich besonders aufgrund der Belege vorstellen, dass Derartiges tatsächlich geschehen könnte.

Sehr authentisch sind auch die darin vorkommenden Charaktere. Beispielsweise die arme Wurst John Fontanelli, der plötzlich zum Billionenerben wird und nicht recht weiß, wie er sich in der Welt der Reichen zurechtfinden soll und ob er überhaupt der Richtige ist für eine solch anspruchsvolle Aufgabe, wo er doch bisher noch praktisch nichts in seinem Leben erreicht hat. Auch McCaine, Fontanellis rechte Hand, stellt einen interessanten Charakter dar. Durch Zufall erfährt er schon Jahre zuvor von der gigantischen Erbschaft und verwendet von nun an all seine Zeit und Kraft darauf, Fontanelli bei der Erfüllung der Prophezeiung zu leiten und zu unterstützen. Doch ist er wirklich der, der er zu sein scheint? Die Vaccis, eine Anwaltsfamilie, die das Vermögen über all die Jahrhunderte hinweg verwaltet hat, geleitet von dem Glauben an die Prophezeiung Fontanellis, trauen ihm jedenfalls nicht.

_Über den Autor_

Andreas Eschbach wurde am 15.9.1959 in Ulm geboren. Er studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, gab das Studium aber ohne Abschluss auf. In den folgenden Jahren arbeitete er als Software-Entwickler und später in geschäftsführender Position bei einer Beratungsfirma. Im Frühjahr 1995 erschien sein erster Roman „Die Haarteppichknüpfer“, der in weiten Kreisen als sein bisher bestes Werk angesehen wird. Neben weiteren Erzählungen und Romanen wie „Das Jesus-Video“ und „Der Letzte seiner Art“ brachte Eschbach im Jahre 2001 seinen bis dato ambitioniertesten Roman „Eine Billion Dollar“ unter das Volk. Inzwischen lebt und arbeitet er in der Bretagne.