Boone, Aron – Kannibalen!

Der erklärte Freund des Phantastischen in Literatur und Film weiß es selbstverständlich: Die Welt des Unheimlichen (an deren deutscher Pforte die Bundesprüfstelle mit flammendem Schwert unerbittlich Wache hält) besteht nicht nur aus aristokratischen Vampiren, schlecht frisierten Werwölfen oder Geige spielenden Frankenstein-Monstern, die ab und zu zwar ohne viel Federlesens, aber doch recht diskret einen gar zu vorwitzigen Geisterjäger des Lebens berauben.

Doch wer sich dort, wo die filmischen Früchte des Horrors in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit feilgeboten werden, tief hinab zu den unteren Regalreihen beugt, taucht ein in ein dunkles, von niederen Instinkte beherrschtes Universum. Blut, plakative Gewalt und viel nackte (weibliche) Haut, die möglichst rasch unter Einsatz möglichst plakativer Gewalt von möglichst viel Blut zu umfließen ist, bilden hier den Maßstab, an dem das (meist männliche) Publikum den Unterhaltungswert des „Exploitation“-Films misst. „Ausbeutung“ ist das Schlüsselwort, geht es doch darum, schlicht alles, was sich Regisseur, Drehbuchautor & Co im „richtigen“ Film mühsam selbst ausdenken müssen, zu „borgen“, um dann aus diesen Szenen, Bildern und Dialogen eine grobe, auf das gerade skizzierte Ziel ausgerichtete Fassung zusammenzuklittern. Jawohl, dieser „Exploitation“-Film ist definitiv nichts für Feingeister und Cineasten – ganz besonders nicht in seiner krassesten Form: dem „Sexploitation“-Movie, das in jeder Beziehung auf den Unterleib zielt, ohne sich dabei mit einer Geschichte aufzuhalten.

Wenn es darum geht, einen sachlichen Blick auf den Schmuddelfilm zu werfen, beschränken sich die meisten Kritiker darauf, die Pestglocke zu läuten, „Unrein! Unrein!“ zu rufen und den Auftritt des Staatsanwaltes zu fordern. Ansonsten wird durch demonstrativen Ekel gesunder Menschenverstand unter Beweis gestellt, wobei gern düstere Theorien über den Geisteszustand jener entwickelt werden, die sich zu den Schattenseiten der Unterhaltung hingezogen fühlen. Damit macht man es sich jedoch gar zu einfach: Bereits die Tatsache, dass das (S)exploitation-Kino jährlich weltweit Summen einspielt, die sich mit den Einkünften eines Industriestaates mittlerer Größe messen können, weist deutlich darauf hin: Hier geht es nicht um die Vorlieben einer verwirrten Minderheit, sondern um ein echtes kulturelles Phänomen – und das ist es allemal wert, beleuchtet zu werden.

Dazu bedarf es allerdings Personen, die etwas von der Materie verstehen, keine Angst haben, sich die Finger schmutzig zu machen, und nicht schon vorab „wissen“, was ihre Forschungen erst an den Tag bringen sollen. Untersuchungen zu Themen der populären oder trivialen Kultur sind heute nichts Neues mehr. Es ist einfach, entsprechende Sekundärliteratur über Science-Fiction, Comics oder die „normale“ Phantastik zu finden. Aber an den Bodensatz der Gegenwartskultur will sich offenbar hierzulande kein wirklich Kundiger wagen. Solche Ignoranz bringt Bücher wie dieses hervor; nicht verfasst, sondern zusammengestammelt von Stümpern, die es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht haben, genau jene Vorurteile zu bestätigen, die ihnen und denen, die sie repräsentieren wollen, von der skeptischen Mehrheit ihrer Zeitgenossen entgegengebracht werden.

Was ist von einem Autoren zu halten, der a) offenkundig zu dämlich ist, sein eigenes Pseudonym zu wahren (also: Heiko Bender heißt der Unglückswurm, der hier der Welt sein Untalent kundtut), b) keine Ahnung hat, ob er sich nun „Aron Boone“ oder „Aron Boon“ nennen möchte, und c) auch ansonsten ein erklärter Feind der deutschen Rechtschreibung und Grammatik ist?

Nun ist es nicht zwangsläufig erforderlich, ein Fachmann |und| ein Meister des geschliffenen Wortes zu sein. Deshalb mag man Boone (wie wir ihn hier einheitlich nennen möchten) seine Eigenwilligkeiten in Stil und Ausdruck gerade noch durchgehen lassen. („Erst wird geschlachtet, dann kommt die Schere und klatsch, ist man in Miami.“) Unverzeihlich bleibt jedoch, dass Boone von dem, was er nach endlosen Kino- und Fernsehstunden meint darstellen zu können, sichtlich nicht den Schimmer einer Ahnung hat, sobald es darum geht, mehr als die pure Handlung eines Filmes nachzuerzählen. |“Das Thema des weißen Wissenschaftlers, der sich aus Eingeborenen eine Horde williger Untermenschen erschafft, erinnert an Jule Vernes ‚Insel des Dr. Moreau‘ …“| ist ein typischer Klopfer Boones, der sich nicht nur in fröhlicher Unwissenheit der Terminologie der NS-Zeit bedient, sondern Jules (mit „s“, Trottel!) Verne mit H. G. Wells verwechselt, der sich bekanntlich den schurkischen Dr. Moreau tatsächlich ausgedacht hat.

Aber verlieren wir uns nicht in den grausig dummen Details, sondern werfen einen Blick auf das Gesamtwerk. Boone hat es wie folgt gegliedert:

Kapitel 1: Die Filme
(|“Es wird mit Macheten geschlachtet und geköpft, wie nirgends sonst wo …“|)

„Mondo Cannibale“, „Jungfrau unter Kannibalen“, „Nackt und zerfleischt“, „Lebendig gefressen“, „Zombies unter Kannibalen“ – Niemand sage, der Inhalt eines Filmes ließe sich nicht durch seinen Titel präzise wiedergeben! Autor Boone führt ein in die Klassiker eines abstrusen Genres. Die Entscheidung darüber, wie zufrieden dies den Leser zurücklässt, hängt davon ab, ob und in welchem Maße dieser bereit ist, hohlköpfige Unbedarftheit als Ersatz für vermitteltes Wissen zu akzeptieren. Wenigstens ein kurzer Blick auf die facettenreiche Geschichte des italienischen Gruselfilms mit seinen ganz eigenen, bizarren Regeln und seiner opulenten Tradition (ja, doch!), die weit zurückreicht bis in die „Grand Guignol“-Tage des Theaters? Fehlanzeige! Boones persönliche Chronologie setzt abrupt mit dem pseudodokumentarisch-sensationslüsternen „Mondo“-Film ein, dem – pardauz! – der Kannibalen-Schrecken entspringt. Die filmhistorischen Hintergründe konsequent ausklammernd, schwelgt Boone lieber in der Erinnerung an die grausigen Kunstblut-Exzesse „seiner“ Filme. Mit kindlicher Begeisterung (und entsprechendem Wortschatz) versucht er mühsam zu artikulieren, was selbst kluge Köpfe vor ein Rätsel stellt: Wie ist es zu erklären, dass Menschen derlei plumpes Spiel mit dem Entsetzen vergnüglich finden? Boone bemüht sich im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten mächtig, die Kannibalen-Filme zu intellektuellen Sprenggeschossen aufzuwerten, deren anarchistische Kraft den Deckmantel angeblicher Zivilisation zerschmettert, um darunter dem sadistischen Voyeur in uns allen schonungslos die Maske vom Gesicht zu reißen. Theoretisch hat er ja Recht, denn es gibt solche bei aller Brutalität vielschichtigen Horrorfilme; Tobe Hoopers „Kettensägenmassaker“ ist so einer. Aber spätestens Boones spärliche Angaben zu den Machern hinter den Kulissen belegen (unfreiwillig), das sich der Kannibalen-Film über eiskalten Kommerz, Dilettantismus und Dummheit definiert.

Kapitel 2 – Die Regisseure
(|“Erzählt wird hier die tragische Geschichte eines jungen Mannes, der den Tod seiner Geliebten nicht verkraftet und dadurch in seiner Psyche ein Krankheitsbild aufbaut, das seinen Geist zerfrißt und ihn zu taten hinreißt, die den Film zu einem der härtesten Splatterfilme überhaupt gemacht haben …“|)

Autor Boone singt den sagenhaften Gestalten hinter den Kameras des Kannibalen-Films ein längst überfälliges Loblied – Männern wie Umberto Lenzi, Ruggero Deodato, Anthony Dawson, Joe d’Amato oder Jess Franco (alles Decknamen); seltsame Gestalten, die bestenfalls Geldgier und Talentlosigkeit auszeichnet, die aber darüber hinaus offensichtlich mehr als eine Schraube locker haben und besser dort aufgehoben wären, wo man seine Briefe mit Wachsmalstiften schreiben muss.

Dass sich dies im Falle Joe d’Amatos inzwischen erledigt hat, nachdem ihn ein gnädiges Schicksal im Januar 1999 in die ewigen Kannibalen-Jagdgründe abberief, konnte Boone natürlich noch nicht wissen. Das hindert ihn jedoch nicht daran, dem Leser Informationen über das Treiben seiner Regie-Idole nach 1990 generell vorzuenthalten; es ist halt ein Manko, wenn man kaum seine deutsche Muttersprache beherrscht und folglich abwarten muss, bis jene einschlägigen Publikationen, aus denen man großzügig sein Pseudo-Wissen saugt, mit einiger Verspätung aus dem Italienischen übersetzt werden.

Kapitel 3 – Sonstiges
(|“Erst ganz langsam und dann immer heftiger keucht er den Atem des Wahnsinns aus …“|)

Ein buntes Sammelsurium läutet die letzte Runde dieses Trauerspiels ein. Der Abschnitt „Pathologischer Bericht – Schnittberichte“ gibt beredt Auskunft über ein Thema, das dem wahren Exploitator schon immer Grund zur lauten Klage bot: Leider, leider, leider macht es der vernagelte deutsche Gesetzgeber dem vielleicht hirntoten, aber immerhin mündigen Bürger gar zu schwer, sich an den Originalitäten des italienischen Horrorkinos zu erfreuen. Wie könnte sich denn auch der wahre Zauber von „Zombies unter Kannibalen“ entfalten, wenn integrale Szenen wie „Ein Zombie wird mit dem Motorbootpropeller zerlegt“ (S. 202) fehlen? Glücklicherweise ist Holland nahe, denn dort dürfen die Teufel unzensiert tanzen.

Den wahren Fan stachelt solche Zensur selbstverständlich erst recht an. Die Suche nach dem ungeschnittenen, dem reinen Stoff schildert Boone in „Letzte Reservate – Bootlegs & Co“. Hier lernt man, zu welchen (meist finanziellen) Opfern die treuen Anhänger des groben Horrors bereit sind. Doch wehe! Skrupellose Geschäftemacher nutzen die Gutgläubigkeit ihrer geistig schlicht gestrickten Kundschaft aus und senden ihnen aus dem sicheren Ausland für teures Geld nur raubkopiert schemenhafte Menschenfresser ins Haus! Die Ironie, die in dieser Praktik innewohnt, bleibt Boone und den Seinen leider verborgen: Kannibalen gibt es auch heute noch – sie haben ihre ökologische Nische im Video-Versandhandel gefunden …

„Nachbarstämme – verwandte Filme“ sammelt einige Streifen, die Boone weiter vorn nicht unter die Klassiker setzen mochte, denen er aber doch ein Denkmal setzen wollte. „Kung Fu Kannibalen – Blutbank des Grauens“ gehört beispielsweise zu ihnen …

„Anthropophagus – die echten Kannibalen“ markiert Boones rührenden Versuch, seinem Werk einen „wissenschaftlichen“ Anstrich zu geben. Weil er sich nicht traut, sein mühsam angelesenes Wissen über den Kannibalismus einst und jetzt durch eigene Ergänzungen zu verhunzen, glücken ihm hier bei aller rhetorischen Unbeholfenheit noch die brauchbarsten Ausführungen.

„Kannibalen!“ geht übrigens auch buchhandwerklich ganz eigene Wege. Obwohl mit einer ISBN-Nummer gesegnet und daher offiziell auf dem Buchmarkt vertreten, wirkt der Band wie mit der Handdruckerpresse im Booneschen Kohlenkeller hergestellt. Für Korrekturleser, Grafiker, Layouter und ähnliche Spießer & Spielverderber herrschte offenkundig strengstes Zutrittsverbot dort, wo sich das Genie des Autoren ungehemmt entfalten sollte. Ist ein Kaufpreis von ursprünglich umgerechnet 20 Euro für das Ergebnis – 256 in jeder Beziehung verschwommene Seiten konzentrierten Unvermögens – zu hoch? Antiquarisch dürfte das Werk inzwischen günstiger zu erwerben sein; um des hochkarätigen unfreiwilligen Humors lohnt sich die Anschaffung allemal!

p. s.: Ein faszinierendes Rätsel bleibt die Landkarte vom Oberlauf des Amazonas, die Boone auf der Doppelseite 254/55 abdruckt. Anscheinend ist das jener Teil der Welt, in denen er bzw. die Gelehrten der Cinécitta-Universität von Rom die verehrten Kannibalen vermuten.