Aron Boone – Kannibalen!

Weniger ein Buch als ein reines Fan-Produkt, das die schlüssiger Bearbeitung des vor allem italienischen (S)Exploitation-Films der 1960er bis 1980er Jahre vorgibt … – Formal und vor allem inhaltlich ist dies ein Offenbarungseid. Stilistisch entweder grausig oder unfreiwillig erheiternd, strotzt dieses Machwerk vor Fehlern, schürft aus denkbar flachen Quellen und ist nichts als ein Fixpunkt für Spott und Fremdschämen.

Ganz tief unten – in jeder Hinsicht!

Wer wie ihr Rezensent seit vielen Jahren ein erklärter Freund des Phantastischen in Literatur und Film ist, dem prägt sich quasi automatisch einiges Hintergrundwissen ein. Nur dem echten Ignoranten würde deshalb entgehen, dass die Welt des Unheimlichen zumindest in ihrer Zelluloid-Inkarnation nicht nur aus aristokratischen Vampiren, schlecht frisierten Werwölfen oder stammelnd-stolpernden Frankenstein-Monstern besteht, die ab und zu ohne viel Federlesens, aber doch recht diskret einen gar zu vorwitzigen Geisterjäger des Lebens berauben.

Doch wer sich dort, wo die exotischen Früchte des Horrormarktes feilgeboten werden, tief hinunter zu den entsprechenden Regalreihen beugt, taucht ein in ein dunkles, von niederen Instinkten beherrschtes Universum. Blut, plakative Gewalt und viel nackte (weibliche) Haut, die möglichst rasch unter Einsatz plakativer Gewalt von möglichst viel Blut zu umfließen ist, bilden hier den Maßstab, an denen das (meist männliche) Publikum den Unterhaltungswert des „Exploitation“-Films misst.

„Ausbeutung“ ist das Schlüsselwort, geht es doch darum, schlicht alles, was sich Regisseur, Drehbuchautor & Co im ‚richtigen‘ Film mühsam selbst ausdenken müssen, zu ‚borgen‘, um aus diesen Szenen, Bildern und Dialogen eine grobe, das gerade skizzierte Ziel möglichst zielsicher treffende Fassung zu fabrizieren. Jawohl, der „Exploitation“-Film ist definitiv nichts für Feingeister und ‚Gebüldete‘ – ganz besonders nicht in seiner krassesten Form: Das „Sexploitation“-Movie zielt in jeder Beziehung auf den Unterleib, ohne sich dabei mit einer Geschichte aufzuhalten.

Berührungsprobleme und ihre Folgen

Wenn es darum geht, einen Blick auf den Schmuddelfilm zu werfen, beschränken sich die meisten Kritiker damit, die Pestglocke zu läuten, „Unrein! Unrein!“ zu rufen und den Auftritt des Staatsanwaltes zu fordern. Ansonsten wird durch demonstrativen Ekel gesunder Menschenverstand unter Beweis gestellt, wobei gern düstere Theorien über den Geisteszustand jener entwickelt werden, die sich zu den Schattenseiten der Unterhaltung hingezogen fühlen. Damit macht man es sich einfach: Bereits die Tatsache, dass das (S)exploitation-Kino weltweit Summen einspielt, die sich mit den Einkünften eines Industriestaates mittlerer Größe messen können, weist deutlich darauf hin, dass es hier nicht um die Vorlieben einer verwirrten Minderheit geht, sondern um ein echtes kulturelles Phänomen – und das ist es allemal wert, beleuchtet zu werden!

Dazu bedarf es allerdings Autoren, die etwas von der Materie verstehen, keine Angst haben, sich die Finger schmutzig zu machen, und nicht aufgrund persönlicher Vorurteile schon vorab ‚wissen‘, was ihre Forschungen erst an den Tag bringen sollen. Untersuchungen zu Themen der populären oder trivialen Kultur sind heute nichts Neues mehr. Es ist einfach, entsprechende Sekundärliteratur über Science Fiction, Comics oder die ‚normale‘ Phantastik zu finden.

An den Bodensatz der Gegenwartskultur will sich offenbar hierzulande kein wirklich Kundiger wagen. Diese Ignoranz bringt Bücher wie „Kannibalen!“ hervor; nicht verfasst, sondern zusammengestammelt von Stümpern, die es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht haben, genau jene Vorurteile zu bestätigen, die ihnen und denen, die sie repräsentieren wollen, von der skeptischen Mehrheit ihrer Zeitgenossen entgegengebracht werden.

Nicht Rufer, sondern Schreihals in nie erhellter Dunkelheit

Was ist von einem Autoren zu halten, der a) es nicht einmal schafft,, sein eigenes Pseudonym zu wahren (Heiko Bender heißt der Unglückswurm, der hier der Welt sein Untalent kundtut), b) keine Ahnung hat, ob er sich nun „Aron Boone“ oder „Aron Boon“ nennen möchte, und c) auch ansonsten ein erklärter Feind der deutschen Rechtschreibung und Grammatik ist?

Nun ist es nicht zwangsläufig erforderlich, ein Fachmann UND ein Meister des geschliffenen Wortes zu sein. Deshalb mag man Boone (wie wir ihn hier einheitlich nennen möchten) seine Eigenwilligkeiten in Stil und Ausdruck (die das Bild eines Autoren heraufbeschwören, der die Tastatur seines PCs mit den Fäusten bedient) gerade noch durchgehen lassen („Erst wird geschlachtet, dann kommt die Schere und klatsch, ist man in Miami.“).

Unverzeihlich bleibt jedoch, dass Boone von dem, was er nach endlosen Kino- und Fernsehstunden meint darstellen zu können, sichtlich nicht den Schimmer einer Ahnung hat, sobald es darum geht, mehr als die pure Handlung eines Filmes nachzuerzählen. „Das Thema des weißen Wissenschaftlers, der sich aus Eingeborenen eine Horde williger Untermenschen erschafft, erinnert an Jule Vernes ‚Insel des Dr. Moreau‘ …“ ist ein typischer Klopfer Boones, der sich nicht nur in fröhlicher Unwissenheit der Terminologie der NS-Zeit bedient, sondern Jules (mit „s“ – wie „seufz“ ..) Verne mit H. G. Wells verwechselt, der sich den schurkischen Dr. Moreau tatsächlich ausgedacht hat.

Inhalt mit selbstentlarvenden Details

Aber verlieren wir uns nicht in grausig dummen Details, sondern werfen einen Blick auf das Gesamtwerk. Boone hat es wie folgt gegliedert:

Kapitel 1: Die Filme („Es wird mit Macheten geschlachtet und geköpft, wie nirgends sonst wo …“)

„Mondo Cannibale“, „Jungfrau unter Kannibalen“, „Nackt und zerfleischt“, „Lebendig gefressen“, „Zombies unter Kannibalen“ – Niemand behaupte, der Inhalt eines Filmes ließe sich nicht durch seinen Titel wiedergeben! Autor Boone führt ein in die Klassiker eines abstrusen Genres. Die Entscheidung darüber, wie zufrieden dies den Leser stellt, hängt davon ab, ob und in welchem Maße dieser bereit ist, hohlköpfige Unbedarftheit als Ersatz für vermitteltes Wissen zu akzeptieren.

Wird wenigstens ein kurzer Blick auf die facettenreiche Geschichte des italienischen Gruselfilms mit seinen eigenen, bizarren Regeln und seiner opulenten Tradition (ja, doch!) geworfen, die weit zurück reicht bis in die „Grand-Guignol“-Tage des Theaters? Fehlanzeige! Boones persönliche Chronologie setzt abrupt mit dem pseudodokumentarisch-sensationslüsternen „Mondo“-Film ein, dem – pardauz! – der Kannibalen-Schrecken entspringt. Die filmhistorischen Hintergründe konsequent ausklammernd, schwelgt Boone lieber in der Erinnerung an die grausigen Kunstblut-Exzesse ‚seiner‘ Filme.

Mit kindlicher Begeisterung (und vergleichbarem Wortschatz) versucht er mühsam zu artikulieren, was selbst kluge Köpfe vor ein Rätsel stellt: Wie ist es zu erklären, dass Menschen derlei plumpes Spiel mit dem Entsetzen vergnüglich finden? Boone bemüht sich im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten mächtig, die Kannibalen-Filme zu intellektuellen Sprenggeschossen aufzuwerten, deren anarchistische Kraft den Deckmantel angeblicher Zivilisation zerschmettert, um darunter dem sadistischen Voyeur in uns allen schonungslos die Maske vom Gesicht zu reißen. Theoretisch liegt er sogar richtig, denn es gibt solche bei aller Brutalität vielschichtigen Horrorfilme; Tobe Hoopers „Kettensägen-Massaker“ gehört dazu. Doch Boones spärliche Angaben zu den Machern hinter den Kulissen belegen (unfreiwillig), dass sich der Kannibalen-Film mehrheitlich über eiskalten Kommerz, Dilettantismus und Dummheit definieren kann.

Kapitel 2 – Die Regisseure („Erzählt wird hier die tragische Geschichte eines jungen Mannes, der den Tod seiner Geliebten nicht verkraftet und dadurch in seiner Psyche ein Krankheitsbild aufbaut, das seinen Geist zerfrißt und ihn zu taten hinreißt, die den Film zu einem der härtesten Splatterfilme überhaupt gemacht haben …“)

Autor Boone singt den sagenhaften Gestalten hinter den Kameras des Kannibalen-Films ein längst überfälliges Loblied – Männern wie Umberto Lenzi, Ruggero Deodato, Anthony Dawson, Joe d’Amato oder Jess Franco (alles Decknamen); seltsame Gestalten, die bestenfalls Geldgier und Talentlosigkeit auszeichnet, manchmal mehr als eine Schraube locker haben und besser dort aufgehoben wären, wo man seine Briefe mit Wachsmalstiften schreiben muss.

Dass sich dies im Falle Joe d‘Amatos erledigt hatte, nachdem diesen ein gnädiges Schicksal im Januar 1999 in die ewigen Kannibalen-Jagdgründe abberief, konnte Boone zum Zeitpunkt seiner ‚Autorenarbeit‘ noch nicht wissen. Das hindert ihn nicht daran, dem Leser generell Informationen über das Treiben seiner Regie-Idole nach 1990 vorzuenthalten; es ist halt ein Manko, wenn man kaum seine deutsche Muttersprache beherrscht und folglich abwarten muss, bis jene einschlägigen Publikationen, aus denen man großzügig sein Pseudo-Wissen saugt, mit einiger Verspätung aus dem Italienischen übersetzt werden.

Kapitel 3 – Sonstiges („Erst ganz langsam und dann immer heftiger keucht er den Atem des Wahnsinns aus …“)

Ein buntes Sammelsurium läutet die letzte Runde dieses Trauerspiels ein. Der Abschnitt „Pathologischer Bericht – Schnittberichte“ gibt beredt Auskunft über ein Thema, das dem wahren Exploitator einst Grund zur lauten Klage bot: Leider macht es der vernagelte deutsche Gesetzgeber dem vielleicht hirntoten, aber immerhin mündigen Bürger oft schwer, sich an den Originalitäten des italienischen Horrorkinos zu erfreuen. Doch wie kann sich der wahre Zauber von „Zombies unter Kannibalen“ entfalten, wenn integrale Szenen wie „Ein Zombie wird mit dem Motorbootpropeller zerlegt“ (S. 202) fehlen?

Glücklicherweise war Holland nahe, denn dort durften die Teufel unzensiert tanzen. Den wahren Fan stachelte solche Zensur schon immer erst recht an. Die noch um das Jahr 2000 mühselige Suche nach dem ungeschnittenen, reinen Stoff schildert Boone in „Letzte Reservate – Bootlegs & Co“. Hier lernt man, zu welchen (meist finanziellen) Opfern die treuen Anhänger des groben Horrors bereit waren. Doch wehe! Skrupellose Geschäftemacher nutzten die Gutgläubigkeit ihrer geistig schlicht gestrickten Kundschaft aus und sandten ihnen aus dem sicheren Ausland für teures Geld nur raubkopiert schemenhafte Menschenfresser ins Haus! Die Ironie, die dem innewohnt, bleibt Boone und den Seinen verborgen: Kannibalen gibt es auch heute noch – sie haben ihre ökologische Nische im Video-Versandhandel gefunden …

„Nachbarstämme – verwandte Filme“ sammelt einige Streifen, die Boone weiter vorn nicht unter die Klassiker setzen mochte, aber doch erwähnenswert findet. „Kung Fu Kannibalen – Blutbank des Grauens“ gehört beispielsweise dazu.

„Anthropophagus – die echten Kannibalen“ markiert Boones beinahe rührenden Versuch, seinem Werk einen ‚wissenschaftlichen‘ Anstrich zu geben. Weil er sich nicht traut, sein angelesenes Wissen über den Kannibalismus einst und jetzt durch eigene Ergänzungen zu verhunzen, glücken ihm hier bei aller rhetorischen Unbeholfenheit noch die brauchbarsten Ausführungen.

Buchproduktion in der Grauzone

„Kannibalen!“ ging übrigens auch buchhandwerklich ganz eigene Wege. Obwohl mit einer ISBN-Nummer gesegnet und daher offiziell auf dem Buchmarkt vertreten, wirkt der Band wie mit der Handdruckerpresse im Booneschen Kohlenkeller hergestellt. Für Korrekturleser, Grafiker, Layouter und ähnliche Spießer & Spielverderber herrschte offenkundig strengstes Zutrittsverbot dort, wo sich das Genie des Autors ungehemmt entfalten sollte.

Für das Ergebnis – 256 in jeder Beziehung verschwommene Seiten – wurden ursprünglich 39 D-Mark verlangt. Noch heute sind die „Kannibalen!“ antiquarisch greifbar. Oft werden Mondpreise verlangt. Deshalb ist dieser Text auch eine Warnung fürdie Freunde des Unheimlichen: Lasst es!

P. S.: Ein faszinierendes Rätsel bleibt die Landkarte vom Oberlauf des Amazonas, die Boone auf der Doppelseite 254/55 abdruckt. Anscheinend ist das jener Teil der Welt, in denen er bzw. die Gelehrten der Cinécitta-Universität von Rom die verehrten Kannibalen vermuten.

Gebunden: 256 Seiten
Originalausgabe = dt. Erstausgabe

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