Camilleri, Andrea – kalte Lächeln des Meeres, Das

„Commissario Montalbano verliert die Geduld“ heißt dieser Roman im Untertitel. Und ausnahmsweise trifft dieser voll und ganz zu. Eine Wasserleiche bringt Montalbano, den besten Gesetzeshüter von Vigàta und Umgebung, in Verlegenheit, doch der Tod eines von ihm geretteten Kindes bringt ihn in Harnisch. Haben die beiden Fälle etwas miteinander zu tun? Na, logo!

|Der Autor|

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Handlung_

Nicht mal in Ruhe baden kann man in der Bucht vor Montalbanos Haus, nicht mal nachts. Das denkt sich der Comissario, als er im kühlenden Nass auf eine sehr tote Leiche stößt. Doch wie die Leiche zum rettenden Strand ziehen? Er zieht die Badehose aus, entfernt die Kordel aus dem Bund und bindet die Hand des Toten an den eigenen Fuß. In der Nähe des Strandes gerät der Commissario jedoch sofort unter Beschuss, und eine ältere Dame – es ist wohlgemerkt Mitternacht! – zieht ihm, „Mörder!“ rufend, eine Eisenstange über den Schädel, was Montalbano sofort ins Reich der Träume schickt.

Doch nicht genug mit dieser Schmach – als er erwacht, haben seine Kollegen auch einen Fotografen mitkommen lassen. Am nächsten Tag kann Salvo das Bildnis seiner nackten Gestalt im Fernsehen bewundern. Seine Begeisterung hält sich stark in Grenzen. Er denkt mehr über den Toten nach, den er aus dem Meer gefischt hat. Dessen Hand- und Fußgelenke weisen tiefe Einschnitte wie von Drahtfesseln auf; wurde er gefoltert und dann ertränkt?

Schon am nächsten Tag lenkt ein weiteres bemerkenswertes Geschehnis seine Aufmerksamkeit auf sich. Wieder einmal hat die Küstenwache an der sizilianischen Südküste „boat people“ aus Tunesien aufgebracht. Sie sollen im Hafen in Busse verfrachtet werden, die sie in Asylantenlager bringen. Ein kleiner Junge kann den Flüchtlingen wie auch der Polizei entkommen und in ein Silogelände flüchten. Montalbano nimmt an, dass der Kleine sich fürchtet, weil er seine Mutter verloren hat. Er beruhigt ihn und bringt ihn wieder zurück. Eine Frau, von der er annimmt, dass sie die Mutter des Jungen ist, eilt herbei, nimmt ihn jammernd in die Arme, bricht in die Knie, wird von zufällig (?) herbei eilenden Sanitätern mitsamt dem Jungen im Krankenwagen abtransportiert.

Zunächst Ist Montalbano froh, eine gute Tat vollbracht zu haben. Wie sehr er sich in seiner Interpretation der Ereignisse getäuscht hat, wird ihm erst klar, als man den kleinen Jungen wenige Tage später in den Küstenbergen tot auffindet. Er wurde von hinten überfahren – eindeutig Mord. Den Commissario beschleicht der schlimme Verdacht, dass er den afrikanischen Jungen seinen Mördern zurückgebracht hat, denen er hatte entfliehen wollen.

Jeder weitere Hinweis, den Montalbano auf eigene Faust in dieser privaten Sache ermittelt, weist genau in diese Richtung – seine Wut kennt nun kaum noch Grenzen. Durch einen Zufall stellt sich eine Verbindung zwischen dem Jungen und der Wasserleiche heraus. Ausgerechnet Montalbanos Freundin Ingrid kannte den Toten: einen Schleuser, der aus Cosenza stammt. Doch seltsam: Die Polizei von Cosenza behauptet, dieser Mann sei schon seit Monaten als tot gemeldet …

_Mein Eindruck_

Nachdem der Autor mit „Die Rache des schönen Geschlechts“ lediglich eine (lesenswerte) Sammlung von Erzählungen vorgelegt hatte, gibt es nun also wieder ein ausgewachsener Roman. Und was für einen! Der Commissario führt sich hier auf, als führe er einen privaten Feldzug und engagiert sich in gewagten Aktionen, die einem James Bond Ehre machen würden. Dagegen protestiert sein Körper, besonders sein Herz, aufs Heftigste, denn Montalbano ist schließlich bereits über fünfzig.

Und das gute Essen, das ihm Ingrid und seine Haushälterin Adelina vorsetzen, trägt nicht gerade zum Aufbau seiner Gesundheit bei. Die aufreibenden Telefonate mit seiner Hauptfreundin Livia, die in Genua lebt, beruhigen weder seine Nerven noch sein Herzen. Kein Wunder, wenn er am Schluss vom Vorbild James Bond dankend Abschied nimmt, um es etwas ruhiger angehen zu lassen.

|Theatertricks|

Ich habe diesen flott erzählten Krimi in nur wenigen Stunden gelesen. Denn einerseits wird die Story recht geradlinig auf die Entscheidung hingeführt, zum anderen gibt es zahlreiche plastisch geschilderte Szenen, in denen es viel zu lachen gibt. Camilleri ist ja auch Theaterautor und versteht etwas von Szenenaufbau und Figurenführung. An einer Stelle gibt es sogar so etwas wie „Mauerschau“: Die „auf der Bühne“ verbliebenen Figuren, also v. a. Montalbano, berichten uns, was nur sie sehen oder hören. In einem Klassiker könnte das beispielsweise eine Schlacht sein (diese auf der Bühne darzustellen ist stets sowohl langweilig als auch teuer). Bei Camilleri ist es aber lediglich eine gewalttätige Szene, in der Schüsse vor dem Polizeirevier fallen.

|Dramaturgie|

Die Wut des Commissario, die sich aus seinem verletzten Gerechtigkeitssinn speist, ist der Motor der Handlung, Spannung entsteht zunehmend durch a) die Verknüpfung von Indizien und b) weil Camilleri uns die strategischen Pläne des Commissario verschweigt. Ein weiterer Theatereffekt: die mit großer Verzögerung gefundene wichtige Botschaft. (Wir wissen natürlich, dass sie wichtig ist, aber die Hauptfigur ignoriert sie hartnäckig – welche Pein!)

Da Montalbano nur sehr wenig von Journalisten hält, ignoriert er die Anrufe eines Pressefritzen und steckt dessen Brief erst einmal weg. Geradezu in letzter Sekunde findet er dann dessen Hinweis. Im klärenden Gedankenaustausch fällt es dann Montalbano wie Schuppen von den Augen, und alle Puzzlesteinchen fallen an die richtige Stelle, um ein stimmiges Gesamtbild zu ergeben.

|Sinnlichkeit|

Erotik spielt in Camilleris Romanen stets eine große Rolle, schließlich sind Männlein und Weiblein ja füreinander geschaffen. Außerdem ist die sizilianische Gesellschaft so vom Katholizismus und dessen anschaulicher Darstellung des Fleisches (Jesus am Kreuz, Maria mit dem Kind, Krippenspiele u.v.a.m.) durchdrungen, dass es unvermeidlich ist, wenn sich Mann und Frau näher kommen. Als Ingrid ihn (äußerst subtil) verführen will, kommen dem Salvo Montalbano nur die Qualen in den Sinn, die der hl. Antonius auszustehen hatte. Doch er bleibt seiner Livia treu, keine Bange.

|Aktualität|

Wie schon in [„Das Spiel des Patriarchen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=312 greift Camilleri ein umstrittenes Thema auf: Albanische und tunesische Schleuserbanden schaffen per Bootsflucht willige Sklaven aufs italienische Festland. Diese sind in der Mehrzahl noch minderjährig. Wie ein Nachwort belegt, stützt sich der Autor auf gesicherte Zahlen: Viele dieser Kinder enden in der Prostitution oder werden als Organspender missbraucht. Hätte Montalbano den afrikanischen Jungen laufen lassen, könnte er heute noch leben – zumindest in der Fiktion.

_Unterm Strich_

Wer einen flott erzählten, humorvollen und sinnlichen Krimi sucht, ist bei diesem Montalbano-Krimi genau richtig. Der Commissario ist keineswegs James Bond, sondern gerät von einer Klemme in die nächste – frei nach dem Motto: Irren ist männlich. Auf seiner Jagd nach den Schurken, die hinter zwei Morden stecken, geht der alternde Star der Serie mit einer Energie und Autorität vor, die immer wieder erstaunt. Und doch kommt seine Sensibilität nicht zu kurz. Er weiß, wie Kinder fühlen und denken, vor allem dann, wenn sie, wie sein Assistent Cadarella, im Körper eines über Zwanzigjährigen stecken.

Wie so oft, wird die Korruption und moralische Verkommenheit so manches höheren Beamten entlarvt. Der Staatsanwalt ist ein geiler Bock, der Polizeipräsident von Cosenza will Montalbano eine Falle stellen. Kein Wunder – besonders nicht nach dem fatalen G8-Gipfel in Genua -, dass der Commissario eigentlich die ganze Zeit über versucht, dem Polizeipräsidenten seine Kündigung zu überbringen. Es ist schon komisch, dass er dieses Vorhaben – zu unserer Erleichterung – nie recht in die Tat umsetzen kann. Möge er noch lange walten.

|Die Übersetzung|

… Christiane von Bechtolsheims, die die Montalbano-Krimis seit Anbeginn der Zeitrechnung ins Deutsche überträgt, ist wie immer makellos. (Nicht, dass ich gut italienisch könnte **fg**.) Freundlicherweise hat die Übersetzerin die Namen von sizilianischen Spezialitäten am Schluss noch einmal zusammengefasst und das damit Bezeichnete erklärt. Mögen die „kulinarischen Köstlichkeiten“ dem Commissario die Gesundheit nicht ruinieren, kann man da nur wünschen.

|Hinweis zum Preis|

Früher kosteten die Montalbano-Krimis rund zwanzig Euro, doch Lübbe hat den Preis für die Leinenausgabe um zwei Euro herabgesetzt. Das ist ein löblicher Zug und sollte Schule machen.