Harris, Robert – Vaterland

_Alternativwelt-Thriller mit großer Wucht_

Unbedingt lesenswert, sehr kontrovers diskutiert, aber sehr wertvoll. Dieses Horrorszenario hätte in Deutschland Wirklichkeit für Millionen Menschen werden können, ist der Leser mit Schaudern überzeugt, wenn er das Buch zuklappt.

_Der Autor_

Robert Harris, 1957 geboren, promovierter Cambridge-Absolvent, war BBC-Reporter, politischer Redakteur des „Observer“ und ist jetzt ständiger Kolumnist der „Sunday Times“. Er hat bisher drei Sachbücher geschrieben, darunter „Hitler verkaufen: Die Geschichte der Hitler-Tagebücher“, aus dem eine fünfteilige Fernsehserie entstand, und „Der gute und getreue Diener: Die unautorisierte Biographie des Bernhard Ingham“. „Vaterland“ war Harris‘ erster Roman, aber beileibe nicht sein letzter. Ebenso großen Erfolg hatte er mit „Enigma“, „Aurora“ (1998, deutsch 2000) und [„Pompeji“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=274 (deutsch 2004). „Vaterland“ wurde mit Rutger Hauer verfilmt.

_Das Buch_

1964, April, kurz vor Führers 75. Geburtstag. Hitler hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, Nazi-Deutschland beherrscht ganz Europa bis zum Ural. Dort, an der Front, fallen immer noch junge SS-Soldaten. Außerdem wird das Reich von Partisanen zermürbt. Aber die Autobahnen führen auf die Krim, und Züge mit Siedlern rollen bis nach Rostow am Asowschen Meer. Es gibt kaum noch Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Kommunisten in Großdeutschland … Nun ist die Beendigung des Kalten Krieges mit den USA neues Ziel der deutschen Außenpolitik. Mit Präsident Joseph Kennedy wird erstmals ein amerikanischer Regierungschef zum Staatsbesuch erwartet.

Daher kommt der plötzliche Tod eines hohen NS-Parteibonzen der ersten Stunde höchst ungelegen und muss sofort aufgeklärt werden. Allerdings haben sich die Polizeiführer in der Hartnäckigkeit und Qualität des zuständigen Kripo-Sturmbannführers Xaver März gründlich verschätzt. Mit Hilfe der deutschstämmigen, amerikanischen Journalistin „Charlie“ Maguire gerät März gefärlich nahe an die historische Wahrheit, die sich in den geheim gehaltenen Unterlagen des ermordeten Parteibonzen und seiner Freunde findet: Die Nazis haben rund 11 Millionen Häftlinge in ihren Lagern getötet und die deutsche Öffentlichkeit hat davon auch nicht die leiseste Ahnung!

Bei seinen Recherchen gerät März zunehmend mit der SS und Gestapo in Konflikt, wird mehrfach verraten – zuletzt von seinem eigenen Sohn. Die Lehre daraus: Nichts darf als wahr oder gar wirklich vorausgesetzt werden in dieser Welt, in der nur die Verschlagensten und Brutalsten überleben.

Die Handlung ist bis in kleinste, ja winzigste Detail absolut überzeugend, die Charaktere glaubwürdig. Wenn März mit Maguire per Flugzeug in die neutrale Schweiz ausreist, werden haargenau sämtliche Bedenken, Hindernisse und Schikanen beschrieben, die dem ausreisenden deutschen Staatsbürger in den Weg gelegt werden. Herrscht in Berlin eine bedrückende Vorfeier-Parteijubelei, so atmet das Paar in Zürich am See den Duft der Freiheit. Was für ein Unterschied!

Und dann geht die Handlung mit grimmigster Entschlossenheit in die letzte Runde. Bis zur letzten Seite bangt der Leser mit, ob es Charlie gelingen wird, bei ihrer Flucht in die Schweiz die Geheimdokumente über den Völkermord in Europa außer Landes zu schmuggeln – und so den Präsidentenbesuch zu sabotieren. Und ob es März auf seiner Flucht nach Polen gelingen wird, Spuren der schon lange zerstörten, dem Erdboden gleichgemachten Vernichtungslager zu finden. Da stellt sich auch sein engster Freund als Verräter heraus …

|Originaltitel: Fatherland, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Hanswilhelm Haefs|

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