Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels

In einem englischen Provinzweiler verschwindet der verhasste Dorfpolizist spurlos. Detective Superintendent Andrew Dalziel und sein Team stoßen in ein Wespennest: In Enscombe geht es unter der trügerisch beschaulichen Oberfläche krimineller zu als in mancher Großstadt … – Der Plot ist vertrackt und eingebunden in das Ambiente des ehrwürdigen Landhaus-Krimis, dessen harmoniesüchtig-naive Verlogenheit gleichzeitig genutzt und parodiert wird und sorgt für ein wunderbares Spiel mit verkrusteten Regeln des Kriminalromans: Band 15 der großartigen Dalziel/Pascoe-Serie ist einer der besten.

Das geschieht:

Enscombe in der englischen Grafschaft Yorkshire ist ein Dorf, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Idyllisch schmiegt es sich in die ländliche Landschaft, wird bewohnt von einfachen, hart arbeitenden Menschen, die der hektischen Gegenwart verschmitzt und mit Bauernschläue trotzen. Über ihnen thront im Gutshaus Old Hall seit jeher die Familie Guillemard, die zwar nicht adlig ist aber als größter Grundbesitzer der Region gütig & von ihren Untertanen geliebt wird.

Von wegen! Enscombe ist ein Pulverfass, an das längst die Lunte gelegt wurde. Jede(r) kennt jede(n), alle bekriegen sie sich, einig sind sich die Bürger höchstens in ihrem Zorn auf die hochmütigen Guillimards, der zur Zeit die exzentrische und wenig liebenswürdige „Girlie“ vorsteht, während im Hintergrund Neffe Großneffe Guy auf den Tag der Machtübernahme lauert. Noch lebt der alte Squire, aber viel zu sagen hat er im eigenen Haus nicht mehr.

Die Kriminalpolizei von Mittel-Yorkshire erscheint in Enscombe, weil Harold Bendish, der für den Ort zuständige Constable, vermisst wird; rr scheint spurlos verschwunden zu sein. Angesichts des Abscheus, den „Dirty Harry“ ob seiner überstrengen, humorlosen Art der Amtsausübung genoss, liegt die Vermutung nahe, ein zorniger Bürger habe etwas mit seiner Abwesenheit zu tun.

Detective Superintendent Andrew Dalziel schickt Inspector Peter Pascoe und Sergeant Edgar Wield nach Enscombe. Es dauert lange, bis sie erkennen, dass Enscombe ein aus seinen unterschiedlichen menschlichen Elementen zusammengesetzter Sozialorganismus ist, der sich selbst regiert und reguliert. Die Polizei ist hier nur (zunehmend faszinierter) Zuschauer, bis sich die diversen Rätsel von selbst und auf höchst überraschende Weisen lösen …

Es muss nicht um jeden Preis gemütlich sein

„Der Schrei des Eisvogels“ ist die grandiose Variante des altehrwürdigen, modern geschundenen Landhaus-Krimis! Viel zu oft, zu routiniert, zu dreist haben sich Autoren auf seine zum Klischee geronnene, der hektischen Gegenwart enthobene Idylle gestützt, welche sie mit ulkigen Bauersleuten, zerstreuten Pfarrern, schwatzhaften Dienstmägden, treudummen Dorfpolizisten und anderen Gestalten bevölkern, die sich in einem unwirklichen Märchenland nebensächlicher, d. h. vor allem unterhaltsamer Verbrechen bewegen, das mit der Realität rein gar nichts zu tun haben.

Letzteres ist wichtig und auch legitim, denn es soll dem Leser ein feierabendliches Schlupfloch in eine Traumwelt mit übersichtlichen Regeln und ohne die Katastrophen des Alltags öffnen. Aber allzu viele Schriftsteller beschränken sich wie gesagt darauf, die alten Kuschelkrimi-Elemente à la Agatha Christie aufzuwärmen. Es gibt ein Publikum dafür, das sich vom „Schrei des Eisvogels“ fernhalten sollte.

Reginald Hill legt es nicht darauf an, dem „Cozy“ (so nennt man im Angelsächsischen dieses Krimi-Genre) einen ordentlichen Tritt zu versetzen. Sicherlich zerpflückt der Verfasser pointiert die zuckersüße Welt der englischen Landidylle. Aber er tut es liebevoll, stößt seine Leser nicht vor die Köpfe. Gleichzeitig gelingt ihm das Kunststück, sich den gerade skizzierten Klischees fernzuhalten.

Dorf als Lebensraum

Bereits der Einstieg ist bemerkenswert. Hill fasst das Resultat zweier turbulenter Tage zusammen, in denen er das eingangs genannte Pulverfass explodieren und einen Amokläufer beinahe alle Figuren, die wir noch kennenlernen werden, voller Inbrunst über den Haufen schießen lässt. Der Leser ist wirklich beeindruckt – aber Vorsicht: In Enscombe ist nichts wie es auf den ersten Blick scheint. Reginald Hill spielt mit offenen Karten und weist uns mehr als einmal darauf hin. Trotzdem gehen wir ihm wieder und wieder auf den Leim – zuletzt in einem sarkastisch-märchenhaften Finale, das noch einmal alle Register des Kuschelkrimis zieht und ad absurdum führt.

Bis es soweit ist, treten Dörfler auf, die auch Menschen sind; eine einfache und eigentlich selbstverständliche Tatsache. Hill zeigt, dass dies – literarisch umgesetzt – den Unterhaltungswert eines auf dem Lande spielenden Krimis keineswegs mindern muss. Er entwirft seinen Lesern eine anschauliche Welt, in dem sich das Dorf als sozialer Organismus darstellt; kein putziger Hort altmodisch Ahnungsloser, kein verkleinertes Abbild der Stadt, sondern eine über viele Jahre gewachsene Gemeinschaft, deren Mitglieder einander kennen. Die Abwesenheit von Anonymität hat eine besondere Art des Zusammenlebens erforderlich gemacht. Bei allem Streit herrscht eine sich selbst regulierende Balance, die nicht auf jener verlogenen Komödienstadl-Harmonie basiert, die dem „Cozy“ eingeblasen wird, sondern das Produkt nüchterner Alltagserfahrung ist.

Das macht Enscombe zu etwas Besonderem, wie Dalziel, Pascoe und Wield sehr weise bemerken. Sie sind ebenfalls keine Großstadt-Kinder, aber ihnen wird trotzdem bewusst, wie wenig auch sie wirklich vom Landleben verstehen. „Der Schrei des Eisvogels“ zeigt unsere drei Ermittler dieses Mal weniger im Kampf mit Indizien und Verdächtigen, sondern als (lange hilflose) Reisende in einem exotischen Land, dessen Bewohner und ihre Regeln sie nur ansatzweise verstehen.

Farbe bekennen im Sumpf der Lüge

Noch am besten scheint wieder einmal Andrew Dalziel zurechtzukommen. Er ist auf fremdem Terrain standfest, weil sich hinter seiner grobschlächtig-poltrigen Fassade ein flinker Geist verbirgt. Auch Shakespeares Falstaff, nach dessen Vorbild Dalziel geschaffen wurde, war ein Mann mit dem Gespür für Volkes Stimme, die er darüber hinaus zu seinem Nutzen modulieren konnte.

Dalziels Untergebener, Freund und Prügelknabe Peter Pascoe tritt als Figur leicht in den Hintergrund. Zur Hauptperson wird dieses Mal der ewige Dritte im Bunde befördert. Edgar Wield erfährt Enscombe als dringend nötige Wende in seinem Leben. Mit seiner Homosexualität hat er sich arrangiert aber praktisch kein Privatleben. Wield vergräbt sich in seiner Arbeit und merkt inzwischen, dass er seinen emotionalen Defiziten auf diese Weise nicht länger entkommen kann. „Der Schrei des Eisvogels“ beschreibt Wields ‚seelisches Outing‘ und sein Aufgehen in der Gemeinschaft von Enscombe, die auch einen Platz für scheinbare Außenseiter bietet.

Die Menschen auf dem Land – es wird hier langsam zur Litanei – sind eben keine eindimensionalen Karikaturen. Deshalb ist Enscombes garstig-wirrköpfiger Squire tatsächlich ein recht patenter Kerl, liebt die bibelsüchtige Bäckersfrau heimlich einen wackeren Bauersmann, erweist sich der dorftrottelige Waffennarr als überaus vernünftig, findet der liebeskranke Pfarrer endlich zur Frau, die ihn wirklich haben will usw. – dies alles entwickelt ohne Kitsch und rührselige Schwafelei, sondern wie selbstverständlich aus der Situation, resultierend wieder einmal aus dem schlichten Faktum, dass in Enscombe die Welt nicht schlichter ist, sondern ein bisschen anders funktioniert.

Autor

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im Nordosten Englands geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Cumbria, wo Reginald seine gesamte Kindheit verbrachte. Später studierte er an der University of Oxford und arbeitete bis 1980 als Lehrer in Yorkshire, wo er auch seine beliebte Reihe um die beiden Polizisten Andrew Dalziel und Peter Pascoe ansiedelte.

Deren Abenteuer stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller war fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst: nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science Fiction. Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell.

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau. Dies schlug sich u. a. in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ (dt. „Die dunkle Lady meint es ernst“ bzw. „Mord auf Widerruf“) zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte ein „Diamond Dagger“. Reginald Hill lebte mit seiner Frau Pat in Cumbria. Dort ist er am 12. Januar 2012 den Folgen einer schweren Krankheit erlegen.

Taschenbuch: 464 Seiten
Originaltitel: Pictures of Perfection (London : HarperCollins 1994)
Übersetzung: Anke Kreutzer
http://www.droemer-knaur.de

eBook: 831 KB
ISBN-13: 978-3-426-41482-8
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