Kazuaki Takano – Extinction

Als im zentralafrikanischen Dschungel ein Mensch mit schier unbegrenzter Intelligenz geboren wird, fürchtet die ultrakonservative US-Regierung um ihre Weltmachtstellung und bläst zur Hatz auf den noch kindlichen Mutanten, während eine kleine Rettergruppe sich auf dessen Seite stellt … – Spannender Wissenschafts-Thriller, der Sachwissen mit Verfolgungsjagden mischt sowie erstaunlich deutlich und kritisch die USA als Bösewicht darstellt: interessante Variante der üblichen „Wunder-&-Rätsel-der-Natur“-Garne.

Das geschieht:

Eine spontane Mutation, wie sie die Evolution manchmal hervorbringt, ließ vor drei Jahren tief im Dschungel des zentralafrikanischen Kongo einen ‚neuen‘ Menschen zur Welt kommen: Akili ist schon als Kind so intelligent, dass sich kein Supercomputer mit ihm messen kann. Vor ihm gibt es keine Geheimnisse, denn Akili knackt im Kopf jede Verschlüsselung.

Akilis Existenz ist dem US-Geheimdienst nicht verborgen geblieben. Die ultrakonservative Regierung des Präsidenten Burns reagiert mit Misstrauen: Wird dieses Wesen womöglich die durch geheime Aktionen und offene Kriege zementierte Vormachtstellung der USA gefährden? Fachleute befürchten sogar die Auslöschung einer Menschheit, die Akili primitiv und brutal erscheinen muss.

Burns schickt eine Söldnertruppe in den Kongo. Die vier Männer sollen Akili aufspüren und töten. Sie werden über den wahren Hintergrund ihrer Mission getäuscht und sind in dem Glauben, den Träger einer tödlichen Seuche auszuschalten. Doch Akili hat lange vor dem US-Geheimdienst die Initiative ergriffen. Längst hat er sämtliche wichtigen Datenleitungen infiltriert und Gegenmaßnahmen getroffen.

In Japan tritt der Pharmazie-Student Kento Koga das rätselhafte Erbe seines jäh verstorbenen Vaters an: Seiji Koga, eine Virologe, arbeitete an der Entwicklung eines Medikaments, mit dem eine bisher tödliche Lungenkrankheit geheilt werden kann. Die dafür eingesetzte Software ist dem gegenwärtigen Entwicklungsstand um Jahrzehnte voraus. Dies führt den US-Geheimdienst auch auf Kentos Spur.

Im Kongo hat Akili die Söldner inzwischen auf seine Seite gezogen. Man versucht die Flucht nach Japan, während der Geheimdienst Killer aller Art in Gang setzt, um Akilis und der ‚Verräter‘ habhaft zu werden …

Nur ein Platz auf dem Gipfel

Auf dem Gipfel ist es nicht nur einsam, wie ein Sprichwort sagt. Man hat von dort auch einen ausgezeichneten Blick in die Ferne, und die schnöde Welt bleibt unter dem Gipfelstürmer zurück: Endlich ist man ganz oben, hat niemanden mehr über sich und darf sich folglich als König bzw. Krone der Schöpfung fühlen!

So erging es dem Homo sapiens, als er die Bildfläche betrat. Dabei musste er sich vor 50000 Jahren den Globus noch mit vier weiteren Menschenarten teilen. Doch recht rasch waren sie alle überflügelt, d. h. verdrängt und ausgerottet worden oder – wenn sie Glück hatten – in der neuen Art aufgegangen. Heute herrscht der Homo sapiens allein. Sein Erfolg lässt sich u. a. daran messen, dass er in Milliardenzahl die Erde bevölkert.

Dort fühlt er sich wohl als Herr aller Dinge und denkt nicht oft oder gar gern daran, dass es ihm ergehen könnte wie beispielsweise dem Neandertaler. Einige Wissenschaftler beschäftigen sich zwar mit entsprechenden Planspielen, aber wie der im Auftrag der US-Regierung entstandene „Heismann-Report“, in dem Autor Kazuaki Takano den Auftritt eines ‚neuen‘ Menschen und die Konsequenzen voraussagen lässt, verstauben sie seit Jahrzehnten in den Archiven.

Hier ist es nun doch soweit: In Afrika lässt die Evolution erneut in einem Quantensprung eine Menschenart entstehen, die buchstäblich hinter die Kulissen des Universums blicken, dessen Funktionsweise begreifen sowie steuern kann. Was bedeutet dies für den ‚alten‘ Menschen? Takano ist kein Optimist. Für ihn steht fest, dass der Mensch die ‚Neuen‘ mit Misstrauen und als zukünftige Konkurrenten betrachten und behandeln wird.

Die Angst vor der Konkurrenz

Vor allem die etablierten Mächte fürchten Kräfte, die sie nicht kontrollieren, d. h. unterdrücken oder tilgen können. Für Takano sitzt die selbsternannte globale Supermacht USA ganz vorn auf der Anklagebank. Der Autor extrapoliert Erkenntnisse der jüngeren Vergangenheit. Vor allem die US-Regierungen nach Nine-Eleven sind für ihn regelrecht Diktaturen geworden, die sich von den Regimes der angeklagten und verfolgten „Schurkenstaaten“ nur noch schwer unterscheiden lassen.

Die Angst vor Feinden und Terroristen haben zur Aufweichung jener Menschenrechte geführt, in deren Namen die Vereinigten Staaten einst entstanden. Takano nennt die Dinge unverhohlen beim Namen. Kriminelles Handeln wird vertuscht, indem man ‚offizielle‘ Soldaten durch privat angeheuerte Söldner ersetzt, für deren Schmutzarbeit man der Öffentlichkeit keine Rechenschaft ablegen muss. Verdächtige werden in gut geschmierten Ausländern ohne Möglichkeit der Verteidigung gefoltert und hingerichtet. Mit Drohnen wird oft nur auf Verdacht aus der Ferne getötet.

Im Namen eines ahnungslosen (oder gleichgültigen) Volkes mutieren die USA selbst zu einem Gottesstaat. Takano nennt ‚seinen‘ Präsidenten Gregory S. Burns. Schon der Name klingt nach George W. Bush, und die fiktive Biografie stimmt mit der realen überein. Abermals erstaunt (und erfreut) die respektfreie Deutlichkeit, mit der Takano nicht nur für Spannung sorgt, sondern auch Kritik an existierenden Missständen äußert. Für Burns/Bush postuliert er einen fundamentalen Gottesglauben, der einem verpfuschten Leben im Schatten eines übermächtigen Vaters Struktur und Sinn aber kein stabiles Fundament gab. Cäsaren- oder besser: Cowboy-Wahn mischt sich nun mit Minderwertigkeitskomplexen, was den mächtigsten Mann der Welt auch zum gefährlichsten macht: Burns duldet keine Konkurrenz. Widerspruch nimmt er persönlich, Schwäche glaubt er durch rigorose Gewalt ausgleichen zu müssen.

Die Einsamkeit des Übermenschen

Generell hat der Homo sapiens seine Alleinherrschaft nach Takano vor allem ausgenutzt. Trotz Wissenschaft, Technik und Philosophie wird sein Denken und Handeln wie eh und je von Gewalt geprägt. Takano lässt Akili auch deshalb aus dem Kongo stammen, um exemplarisch auf ein Grauen hinzuweisen, das dort Alltag ist und aus dem Ausland gesteuert wird, um heimlich eigene Interessen zu wahren. Warlords, Milizen, Mordschwadronen, Kindersoldaten, Aids und Ebola, Umweltzerstörung: Takano schildert das daraus resultierende Pandämonium in drastischen Szenen.

Daneben gibt es Menschen, die sich nicht auf die Jagd nach Akili beteiligen. Diese Idealisten sind in der Unterzahl und wären normalerweise hoffnungslos unterlegen, denn mit erheblichem Einfallsreichtum beschreibt Takano eine von Geheimdiensten unterwanderte Welt, die auf dieser Sub-Ebene global geworden ist.

Zwischen den Lagern steht Arthur Rubens, ein Wissenschaftler im Dienst des Pentagons. Bisher war er an juristisch fragwürdigen Aktionen nur aus sicherer Entfernung beteiligt. Nun erlebt Rubens dank moderner Kommunikationstechniken die kollateralschaden- und damit leichenreiche Hatz auf Akili an vorderster Front mit und gerät in einen Zwiespalt. Wer nicht für Burns ist, ist gegen ihn, wird als Terrorist gebrandmarkt und verschwindet in einem der zahlreichen Geheimgefängnisse. Deshalb muss Rubens geschickt taktieren, obwohl er kein Verräter ist, sondern die schlichte Wahrheit erkennt: Gegen Akili kommt selbst die USA nicht mehr an. Der Versuch provoziert das dreijährige Wunderkind zu Gegenmaßnahmen, die am nicht nur geistigen Potenzial des ‚neuen‘ Menschen keinen Zweifel lassen.

So wird die Jagd auf Akili vor allem zum Amoklauf des Homo sapiens. Akili muss keinen Finger rühren, sondern die Jäger manipulieren, was ihm leicht fällt: Versteht die Ameise, was der Mensch über ihr plant? So rotten sich die Verfolger immer wieder gegeneinander aus, weil sie außerstande sind, die ihnen gestellten Fallen zu erkennen.

Die Welt als Spielfeld

„Extinction“ ist ein klassischer Wissenschaftsthriller, der Sachwissen und Spannung mischt und beiden gerecht wird. Takano macht es weder sich noch seinen Lesern einfach. Jenseits gut umgesetzter Action-Szenen geht es immer wieder um zwischenmenschliche Konflikte, die aber keine Love-Story einschließen: Dieses Klischee klammert der Autor vollständig aus und ersetzt es durch einen Vater-Sohn-Konflikt, mit dem sich die Hauptfigur des in Japan spielenden Handlungsstrangs auseinandersetzen muss. Dafür darf man dankbar sein, denn Takano zeichnet seine Figuren wie Holzschnitte – und sein Messer ist reichlich stumpf. Geht es gefühlsmäßig doch einmal zur Sache, wird es eher theatralisch als emotional.

Ein wenig zu ausführlich und detailfroh fallen Takanos Lektionen in Sachen Pharmazie und Medizin aus. Er hat sich mit der Materie beschäftigt und wie ein Science-Fiction-Autor alter Schule zukünftiges Wissen und darauf basierende Innovationen nicht nur behauptet, sondern plausibel beschrieben. Fachleute dürften die Nähte bemerken, mit denen Takano seine Argumentation zusammenhält, und die sicherlich vorhandenen Fehler und Fantasie-Schlussfolgerungen belächeln. Die überwältigende Mehrheit der Leserschaft interessiert das nicht.

Sie wird über mehr als 500 Seiten gut unterhalten, denn die Handlung ist dynamisch – allerdings auch überfrachtet: Whistleblowing, Drohnenkrieg, Pandemie-Probleme – das Weltgeschehen ist immer Teil der Geschichte, die darüber manchmal in die Knie zu gehen droht. Immerhin nimmt das Geschehen einen unerwarteten Verlauf: Das Ende der Verfolgungsjagd ist gleichzeitig Ende der Geschichte. Die tatsächlichen Taten des voll entwickelten Neo-Menschen interessieren Takano zumindest aktuell nicht. Womöglich hält er sich die Option für eine Fortsetzung offen; als Drehbuchautor weiß er um dem Wert eines Stoffes, der sich filmisch um- und fortsetzen lässt. Dazu könnte es kommen, denn mit „Extinction“ ist dem Verfasser zu Recht ein Bestseller weit über die Grenzen Japans hinaus gelungen.

Anmerkung

„Extinction“ wurde nicht nach dem japanischen Original, sondern nach der US-Ausgabe („Genocide of One“) übersetzt, ist also die Übersetzung einer Übersetzung. Dies schwächt den O-Ton noch stärker als die übliche einmalige Eindeutschung und erklärt vielleicht die steifen Dialoge oder distanziert und förmlich wirkenden Figuren.

Autor

Kazuaki Takano wurde 1964 in Tokyo geboren. Er interessierte sich schon in jungen Jahren für Filme. Das Filmhandwerk lernte er professionell u. a. als Assistent des japanischen Regisseurs Kihachi Okamoto (1923-2005). Ein Universitätsstudium brach Takano ab bzw. wechselte in die USA und an das Los Angeles City College (1989-1991). Anschließend arbeitete Takano in Hollywood. Nach seiner Rückkehr nach Japan schrieb Takano Drehbücher für Kino- und Fernsehfilme. Für „Jusan kaidan” (= „Die dreizehn Schritte“) wurde er mit einem „Edogawa Rampo Award“ ausgezeichnet.

Parallel zu seiner Filmtätigkeit begann Takano nach dem Millennium Romane zu schreiben, die ebenfalls sehr erfolgreich wurden. Für „Jenosaido“ (‚dt.‘ „Extinction“) erhielt er 2011 den „Yamada Futaro Prize“. Takano ist Mitglied der (1947 gegründeten) „Mystery Writers of Japan“.

Paperback: 557 Seiten
Originaltitel: Jenosaido (Tokyo : Kadokawa Shoten 2011)
Übersetzung: Rainer Schmidt
http://www.www.randomhouse.de/cbertelsmann

Taschenbuch: 557 Seiten
ISBN-13: 978-3-328-10009-6
http://www.penguin-verlag.de

eBook: 1104 KB
ISBN-13: 978-3-641-12596-7
http://www.randomhouse.de/cbertelsmann

Hörbuch-Download: 1171 min. (ungekürzt), gelesen von Sascha Rotermund
ISBN-13: 978-3-8445-1750-7
http://www.www.randomhouse.de/hoerverlag

Hörbuch/MP3-CD: 1171 min. (ungekürzt), gelesen von Sascha Rotermund
ISBN-13: 978-3-8445-1856-6
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