Henning Mankell – Hunde von Riga

Wallander goes East: Liebe und Verschwörung

An einem kalten Februartag des Jahres 1991 wird ein Rettungsboot bei Mossby Strand an die schwedische Küste getrieben. Darin liegen zwei Männer, beide tot, und wie Kurt Wallander feststellt, schon vor Tagen ermordet. Die Spuren führen ihn nach Riga, wo er Baiba Liepa kennen lernt, die Frau eines ermordeten Polizisten, der zu viel wusste über die Verbrechen in seinem Land. Wallander verliebt sich in Baiba, und sie hilft ihm bei seinen waghalsigen Ermittlungen, die ihn tief hineinführen in ein perfides Komplott

Der Autor

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Mocambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

Der Sprecher

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. 1994 wurde er mit dem „Bambi“ ausgezeichnet. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. Am bekanntesten ist er wohl für seine Mitwirkung an der POE-Hörspiel-Reihe des Lübbe-Audio-Verlags.

Regie führte Margrit Osterwold, den Ton steuerte Fabian Küttner. Pleitgen liest die vollständige Fassung.

Handlung

Der Kapitän eines schwedischen Schmugglerbootes gibt der Polizei von Ystad einen anonymen Tipp. An die südschwedische Küste bei Mossby Strand dürfte ein Rettungsschlauchboot treiben. Als eine Spaziergängerin ihren makaberen Fund meldet, stellen die Kriminaler schnell fest, was es mit dem Rettungsboot so Besonderes auf sich hat: Es liegen zwei männlichen Leichen darin, und sie sind wie Geschäftsleute angezogen. Der Gerichtsmediziner kann Kommissar Kurt Wallander schon bald sagen, wie sie starben: durch einen Schuss ins Herz. Sieht nach einer Hinrichtung aus.

Natürlich haben sie keine Papiere bei sich, wo also kommen sie her? Sind es Schweden, Dänen, Deutsche? Die Zahnplomben weisen auf russische Arbeit hin, und wie ein Zollkapitän i. R. berichtet, handelt es sich bei dem Rettungsboot um ein jugoslawisches Fabrikat, das in den Ostblock exportiert wurde. Auf jeden Fall nicht im Einsatz der schwedischen Flotte. Die gefundenen Pistolenkugeln sind ebenso unbekannt wie die Tätowierungen der Männer. Aber das im Blut gefundene Amphetamin deutet daraufhin, dass es sich um Drogenhändler handeln könnte – entweder aus dem Baltikum oder aus Dänemark, meinen die Meteorologen, die die Drift des Bootes berechnet haben. Wallander tippt auf Baltikum. Er lässt über Interpol fahnden.

Ein Major aus Lettland

Das Auswärtige Amt schickt ebenso einen Beamten wie die Mordkommission und das Rauschgiftdezernat der Reichspolizei. Wallander verwahrt sich gegen jede Einmischung und zeigt ihnen, wer der Herr im Hause ist; nämlich er (und nicht etwa sein Chef Björk). Am 17.2.1991 kündigt ein Telex aus Riga, der Hauptstadt Lettlands, die Ankunft eines Majors Karlis Liepa von der Kripo Riga an. Liepa ist zwar schweigsam und raucht wie ein Schlot, aber er ist auch effizient. Er merkt, dass Wallander etwas Wichtiges übersehen hat, weist ihn aber zu spät darauf hin: Das Rettungsboot wird direkt aus dem Keller des Polizeipräsidiums geklaut, bevor Wallander darauf kommt, die Schläuche des Bootes zu untersuchen. Darin war nämlich Rauschgift in Millionenwert versteckt. Dumm gelaufen, Herr Kommissar.

Liepa sagt, es handle sich bei den Ermordeten um bekannte Verbrecher – Russen, die in Lettland lebten, wahrscheinlich Angehörige einer Drogenmafia. Aber warum saßen diese schweren Jungs nur so kurz in Haft, will Wallander wissen. Liepa lächelt: In seinem Land seien Politik, Verwaltung, Polizei und Verbrechen miteinander verquickt. Die politische Elite verhindere also, dass man solche Leute länger bestrafe. Aber wer sind die Mörder der beiden, die könne man ja nicht einfach laufen lassen, oder? Wallander droht, sich wieder mal aufzuregen.

Am 20. Februar fegt ein Schneesturm über Südschweden. Major Liepa nimmt abends einen Drink in Wallanders Haus und sein Gastgeber legt eine Aufnahme der Oper „Turandot“ mit Maria Callas auf. Liepa geht ein wenig aus sich heraus, erzählt von seiner Frau Baiba, seinem Land. Am nächsten Tag stellt die Staatsanwältin Brolin den Fall ein, und Liepa kann heimfahren. Der Fall ist jetzt nur noch das Baby der Kripo Riga. Am 21. 2. fliegt er mit den Särgen und einem Buch über [Schonen]http://de.wikipedia.org/wiki/Schonen heim, das ihm Wallander geschenkt hat, heim.

Nach Riga

Drei Tage später erhält Wallander ein Telex, aus dem er erfährt, dass der Major noch am Abend seiner Heimkehr ermordet worden sei. Wallander soll helfen, seinen Tod aufzuklären. Björk gibt sein Okay, und am 28.2. lernt Wallander die beiden leitenden Polizeioffiziere kennen, mit denen er zusammenarbeiten soll: die Obersten Jaseps Putnis und Juris Murnies.

Schon nach wenigen Tagen gewinnt Wallander den Eindruck, dass diese beiden zwielichtigen Gestalten keinerlei Interesse daran haben, Liepas Tod aufzuklären, denn in ihrem Ermittlungsbericht fehlen wichtige Fakten hinsichtlich der Umstände der Ermordung und des Auffindens der Leiche. Im Hotel wird er von Spitzeln überwacht. Auch Baiba Liepa scheint unter einer Art Maulkorb zu leiden: Sie will – oder kann – nichts sagen. Etwas ist oberfaul im Lande Lettland.

Der ehrenwerte Herr Eckers

Das Zimmermädchen des Hotels gibt dem erstaunten Wallander den Umschlag des Buches, das er Liepa geschenkt hatte. Darauf steht eine Botschaft in Englisch. Er soll zu einer Unterredung mit der lettischen Unabhängigkeitsbewegung gebracht werden – aber das wird ihm natürlich nicht gesagt: Er denkt, er könne Baiba Liepa treffen. Er soll den Hinterausgang des Hotels benutzen, um den Polizeispitzeln zu entwischen, und dann einen bereitgestellten Wagen nehmen. Er werde unter dem Namen „Herr Eckers“ angerufen werden.

Ein lebensgefährliches Abenteuer beginnt. Dies wird nicht das letzte Mal bleiben, dass Wallander lettischen Boden betritt: Er verliebt sich in Baiba Liepa und versucht, mit ihrer Hilfe das Vermächtnis ihres ermordeten Mannes zu finden. Der Weg führt ihn in die Höhle des Löwen bzw. der Hunde von Riga.

Mein Eindruck

Dies ist Wallanders erstes Abenteuer, das er allein und ohne den Rat seines Mentors Rudberg durchstehen muss. Rudberg starb zuvor an Krebs, und auch Wallander macht sich, gerade mal vierzig, bereits Sorgen um seine Gesundheit. So findet er ein gelegentliches Stechen im Herzbereich nicht gerade beruhigend. Er ist unsicher, nicht nur wegen Rudbergs Fehlen, sondern auch, weil er merkt, dass er wichtige Fakten zu übersehen beginnt. Dass das Boot ihm unter der Nase weggeklaut wird, hätte einfach nicht passieren dürfen. Obendrein besteht ein Informationsleck im Polizeirevier, durch das der aktuelle Ermittlungsstand an die Presse durchsickert. Nicht nur sein Chef Björk ist dadurch auf 180.

Die Suche nach dem Testament

Auch in Lettland unterlaufen Wallander Fehler und die Polizeiarbeit ist kein Zuckerschlecken. Etwas kompliziert ist das Bild, das ihm die Untergrundbewegung von der lettischen Gesellschaft vermittelt. Der Perestroika-geschädigte Ostblock ist im Umbruch, die Russen haben aber im Lande immer noch das Sagen, wie seit ihrem Einmarsch 1945. Sie haben sich mit den lokalen Verbrechern zusammengetan, um Drogen im großen Maßstab nach Schweden und andere Länder zu exportieren. Major Liepa sei es gelungen, diese Verschwörung aufzudecken und beweisen zu können – das sei sein Testament und Vermächtnis, erfährt Wallander.

Nun kommt es darauf, dieses brisante Dokument wiederzufinden und gegen die Kriminellen zu verwenden, um so der Untergrundbewegung zu helfen. Doch der Gegner schläft nicht und hat selbst ein Komplott inszeniert, um eben diese Untergrundbewegung im Ausland zu diskreditieren. Wallander gerät zwischen die Fronten und kann einfach nicht entscheiden, wer sein Freund und wer sein Feind ist. Das wird ihm um ein Haar zum Verhängnis, und Baiba Liepa, die er liebt, ebenfalls.

Schwacher Schluss mit Showdown

Nun ist Kurt Wallander allerdings kein Dirty Harry. Und zudem wäre es nicht besonders diplomatisch von einem schwedischen Autor, seinen Helden ausländische Bösewichte niedermähen zu lassen. So etwas könnte die künftigen Beziehungen belasten. Daher ist es nicht Wallander, der im finalen Shootout – oh ja, es geht zu wie im Wilden Westen – den Abzug drückt, sondern ein Lette. Nicht gerade gentleman-like ist auch Wallanders Ohnmacht, die ihn der Aufgabe enthebt, sich um Baiba Liepas Wohlergehen zu kümmern. Er holt diese ritterliche Aufgabe anschließend zwei Tage lang nach, und hoffentlich hält er sich dabei an den Codex des Gentleman. In jedem Fall schweigt der Autor darüber, ob es zu einer grenzüberschreitenden Liebesaffäre kommt.

Thema Globalisierung

Auch „Hunde von Riga“ gehört in den Rahmen von Mankells Dauerbrennerthema Globalisierung des Verbrechens. Ob Menschenschmuggel, Asylanten oder Rechtsextreme, stets hat Mankell diese Themen durch seinen Helden Wallander aufarbeiten lassen und dabei Autoren wie Liza Marklund wichtige Schützenhilfe geleistet. Diesmal richtet Mankell den Blick des Lesers und Hörers auf Osteuropa, von wo die Drogenströme nach Schweden und Resteuropa fließen. Es ist nicht mehr nur die Balkanpipeline, durch die das weiße Gold fließt, sondern auch die Schiffs- und Flughäfen des Baltikums.

Die Begegnung mit der Untergrund- und Freiheitsbewegung der Letten mutet zunächst wie das Hochloben eines hehren politischen Ziels an, aber es stellt sich heraus, dass lettische Unabhängigkeit und Rechtsstaatlichkeit bzw. Bekämpfung der (russischen) Kriminalität Hand in Hand gehen. „Hunde von Riga“ ist wohl derjenige Roman Mankells, der einem osteuropäischen Polit- und Agententhriller noch am nächsten kommt. Dementsprechend spannend ist er auch aufgezogen.

Der Sprecher

Ulrich Pleitgen ist am besten, wenn er die Sprechweise von Männern gesetzteren Alters nutzen darf, um sie angemessen zu charakterisieren. So etwa den zimperlichen Polizeichef Björk, der sich nur zu gern aus der Verantwortung stiehlt, oder den gesetzteren Polizeiinspektor Svedberg, der mit einer langsamen Sprechweise unauffällige Autorität ausstrahlt. Ein markantes Stimmbild vermittelt Pleitgen von Oberst Murnies: leise, langsam und überlegt redend, wirkt er, als wüsste er viel mehr, als er zugeben oder ausdrücken könne, aber ob dies aus hinterlistigem Kalkül oder aus ehrlich gemeinter Rücksichtnahme auf den Angesprochenen erfolgt, lässt sich nicht durchschauen. Und wenn er schnell etwas von Ermittlungsergebnissen berichtet, so traut man dem Gesagten erst recht nicht.

Recht barsch drückt sich Wallanders Vater aus, denn er legt seine volle väterliche Autorität in seine Ausdrucksweise. Als Wallander zaghaft protestiert, fühlt sich sein Vater angegriffen und brüllt ihn nieder. Kein netter Typ, der Opa, aber man muss sich dennoch um ihn kümmern. Kein Wunder, dass sein Sohn hofft, ihn mit einer Schwiegertochter aus Riga besänftigen zu können …

Etwas gewöhnungsbedürftig ist Pleitgens Darstellung von jüngeren Männern und von Frauen. Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber Figuren wie Martinsson, ein junger Kriminaler, der beherzt zupacken kann, klingen doch nur etwas schwach im Vergleich zu den älteren Herrschaften.

Was ich noch unbedingt erwähnen muss: Pleitgen spricht die schwedischen Namen einwandfrei aus, so dass sie genauso klingen wie aus dem Munde eines Einheimischen, aber natürlich ganz anders, als man sie auf gedrucktem Papier vorfinden würde. Lund wird „Lünd“ ausgesprochen, „Peters“ wie „petersch“ und „Kristianstad“ klingt wie „krischanstad“. Das ist schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber ich verlasse mich darauf, dass das seine Richtigkeit hat, denn in den Liza-Marklund-Hörbüchern spricht Judy Winter ebenfalls auf diese Weise.

Unterm Strich

So ganz zufrieden war ich mit der Geschichte von Wallanders zwei Expeditionen nach Lettland nicht. Das liegt einerseits daran, dass er sich in die Sphäre des Agententhrillers begibt, in der alle Phänomene nicht eindeutig, sondern vieldeutig erscheinen. Zum andern benötigt Wallander zwei Anläufe, um Erfolg zu haben. Und drittens macht er einige Fehler und zeigt Unsicherheiten. Das macht ihn als menschliche Figur zwar glaubwürdig, aber sein Handeln nicht sonderlich unterhaltsam.

Einen ungewöhnlich sinnlichen Aspekt bilden jedoch die beiden Damen in Riga, mit denen Wallander nähere Bekanntschaft schließt. Doch Baiba ist Witwe und lässt ihn nicht ran, und Inesse ist zwar offiziell die „Geliebte“ von „Herrn Eckers“, doch leider viel zu früh mausetot. Den einzigen Ausgleich zu dieser Malaise bietet Wallanders ertragreicher Ausflug ins Archiv des Feindes mit anschließender Schießerei. Erst hier kommen Actionfreunde auf ihre Kosten.

Der Sprecher Ulrich Pleitgen macht seine Sache gewohnt gut und erweckt die Figuren zum Leben. Das zeigt sich besonders an den älteren Herrschaften, denen seine raue und tiefe Stimme am meisten zugute kommt. Auch Baiba Liepa gestaltet er auf sympathische Weise, wie es der Autor vorgesehen hat. Ständig wechselndes Personal und etliche Überraschungen sorgten dafür, dass ich interessiert zuhörte, was denn Wallander als nächstes widerfährt. Ein Wermutstropfen an diesem Hörbuch ist lediglich der hohe Preis von knapp 30 Euronen.

476 Minuten auf 6 CDs
Die Originalausgabe erschien 1992
Aus dem Schwedischen von Barbara Sirges und Paul Berf
www.hoerbucHHamburg.de