Larry Niven – Rainbow Mars

Niven Rainbow Mars Cover kleinDas geschieht:

Die Erde ist im Jahre 3054 ein durch Raubbau und Umweltverschmutzung zerstörter Planet. Da ist es gut, dass die Zeitmaschine inzwischen erfunden wurde. Sie sollte es möglichmachen, das Ausgerottete kurzerhand aus der Vergangenheit zu holen und in der Zukunft neu anzusiedeln. Genauso befiehlt es Waldemar X., der geistig leicht unterbelichtete aber politisch gewiefte Generalsekretär der Vereinten Nationen, die inzwischen das Sagen auf der Erde haben.

In der Realität ist das Abfischen der Vergangenheit allerdings mit zahlreichen schwer kalkulierbaren Risiken behaftet. Waldemar reicht dieses Problem an das „Institut für Zeitforschung“ weiter. Ra Chen, der Direktor, und vor allem Hanville Svetz, seines Zeichens Zeitreisender, müssen viele Zwischenfälle meistern: Die Zeitmaschine kann zudem in parallele Dimensionen abgleiten, was neben der Gefahr auch die Möglichkeit, dem Generalsekretär interessante Beute vorzuweisen, erhöht.

Kritisch wird es, als die UNO das Institut nach dem Tode Waldemars X. dem „Amt für Himmelsdomänen“ angliedert. Willy Gorky, der neue Leiter, muss Erfolge vorweisen, sonst droht man den Zeitforschern die Mittel zu streichen. Gemeinsam mit Ra Chen, Hanville Svetz und Miya Thorsven, Svetz‘ neuer Kollegin und bald Gefährtin, heckt Gorky einen abenteuerlichen Plan aus: Waldemar XI. ist ein großer Freund der Weltraumfahrt. Mit entsprechenden Sensationen könnte man sein Wohlwollen gewinnen. Leider kann die aktuelle Raumfahrt mit Aufregung, Abenteuern oder Außerirdische nicht dienen. Allerdings fanden sich auf dem Mars Spuren einer untergegangenen Zivilisation. Svetz und Thorsven machen sich auf den Weg!

Der Sprung in die Vergangenheit gelingt, aber wie immer bei diesen Zeitreisen geht bald alles schief. Die Reisenden treffen gleich fünf marsianische Intelligenzvölker an, die sich spinnefeind sind. Immerhin können bieten, was die Besucher suchen. Ins Auge sticht ihnen ein buchstäblich himmelhoch wachsender Baum, der ideal als orbitaler Fahrstuhl geeignet wäre und auf der Erde die teuren Raketenstarts ins All überflüssig machen könnte. Doch wie schafft man es, inmitten eines interplanetaren Krieges einen gigantischen Baum zu stehlen, während jedes Marsvolk die Besucher auf seine Seite ziehen oder wenigstens umbringen möchte …?

Gute Ideen, matte Umsetzung

„Rainbow Mars“ ist sowohl in den USA als auch hierzulande bei der Kritik auf ein zwiespältiges Echo gestoßen. Möglicherweise würde sich die Unsicherheit darüber, wie man dieses seltsame Buch beurteilen muss, schnell legen, wenn man a) berücksichtigt, dass „Rainbow Mars“ einen neuen Roman und einige ältere Kurzgeschichten sammelt, die b) tunlichst zuerst gelesen werden sollten, weil sie grundsätzliche Informationen liefern, ohne die der Roman schwer oder gar nicht verständlich ist. Wieso dies vom Verlag nicht berücksichtigt und der Leser darauf hingewiesen wurde, bleibt unklar; es hat sich dort wohl niemand wirklich die Mühe gemacht, den Roman/Story-Hybriden eines näheren Blickes zu würdigen.

Gemeinsamer Nenner von „Rainbow Mars“ ist das „Institut für Zeitforschung“ und sein pittoreskes Personal, allen voran Hanville Svetz, der – wenn er denn ein Held ist – als höchst unfreiwilliger Vertreter seiner Gattung bezeichnet werden muss. Tatsächlich ist Svetz ein recht durchschnittlicher Zeitgenosse, der meist mehr schlecht als recht aber immerhin einfallsreich einem ungewöhnlichen Job nachgeht.

Das tut er freilich in einer Welt, die einem Tollhaus gleicht. Auf der Erde des 31. Jahrhunderts geht es in der Regel so chaotisch zu, dass sich Svetz‘ Einsätze und vor allem seine Eskapaden vor dem Hintergrund einer sicher nicht den Roddenberryschen Vorgaben stetigen Fortschritts bei Überwindung aller sozialen und kulturellen Probleme gehorchenden Zukunftswelt perfekt in das groteske Gesamtbild fügen.

Humor ist ein Minenfeld

Leider ist die bloße Entschlossenheit, humorvoll oder auch nur witzig zu sein, keine Garantie, dieses Ziel auch zu erreichen. Nivens dick aufgetragene „Tongue-in-Cheek“-Science Fiction funktioniert als Kurzgeschichte, die hier die ideale Form darstellt, einen Gag auszuspielen. „Mars unterm Regenbogen“, der Roman, zerfällt dagegen in eine Nummernrevue komischer Episoden, die nie zu einer Einheit finden wollen und die eigentliche Handlung – die es durchaus gibt – unter sich begraben.

Es ist die Krux aufgewärmter Erfolge der Vergangenheit, dass sie in der Regel eine Zeit zu beleben und eine Atmosphäre heraufzubeschwören versuchen, die längst verschwunden ist. Erinnert sei nachdrücklich an die Entstehungszeit – 1969 bis 1971 – der Svetz-Storys. Nicht ohne Grund wirken sie recht psychedelisch, sind sie doch zur Hochzeit der Flower-Power-Bewegung entstanden.

Larry Niven war vielleicht schon ein bisschen alt aber noch jung genug, sich ein wenig vom Geist jener Tage mitreißen zu lassen. Kritisch wird es, wenn er dies volle drei Jahrzehnte später erneut versucht – und nun gleich über stolze 350 Seiten! Dummerweise verfügen die Leser über keine Zeitmaschine. Stattdessen haben sie Jahrzehnte des Fernsehens und des Internets erheblich schlauer und zynischer werden lassen: Mit den harmlosen Scherzchen von „Rainbow Mars“ lassen sie sich nicht mehr hinterm Smartphone hervorlocken!

Hier mag sich negativ bemerkbar machen, dass sich Nivens anfängliche Zusammenarbeit mit Terry Pratchett zerschlug. Der Schöpfer der ungemein erfolgreichen „Scheibenwelt“-Romane versteht es, eine Handlung kunstvoll und witzig ins Absurde zu übersteigern. Er weiß um das Risiko: Eine Drehung an falscher Stelle zu viel, und der erwünschte Effekt verkehrt sich ins Gegenteil. Was dann entsteht – eine peinliche Leere dort, wo Gelächter provoziert werden sollte -, demonstriert unfreiwillig Niven mit „Rainbow Mars“.

Anspruch ersetzt keine Handlung

Dabei besitzt die Handlung durchaus Potenzial. Zeitreise-Geschichten liest man immer gern, der rote Planet hat weiterhin Konjunktur, und Larry „Ringwelt“ Niven ist wahrlich kein Anfänger! „Rainbow Mars“ ist kein wirklich schlechter Roman. Soweit es möglich ist, die Story hinter dem Zwang, originell sein zu wollen, noch zu erkennen, darf man ein wenig trauern um ein Abenteuer, das hätte sein können.

Schließlich hat Niven sich nostalgisch jener Vergangenheit bedient, die einen von Kanälen bedeckten sowie von exotischen, wilden, bösartigen, philosophischen oder anderweitig interessanten Bewohner bevölkerten Mars erschaffen hat. Die in „Rainbow Mars“ präsentierten Völker gehen auf diese klassischen Vorbilder zurück:

– H. G. Wells (1866-1946): War of the Worlds (1897/98, dt. „Krieg der Welten“)
– Edgar Rice Burroughs (1875-1950): A Princess from Mars (1917; dt. „Die Prinzessin vom Mars“) sowie die weiteren Bände der „Barsoom“- bzw. „John-Carter“-Serie
– Stanley G. Weinbaum (1902-1935): A Martian Odyssey (1934; dt. „Eine Mars-Odyssee“)
– C. S. Lewis (1898-1963): Out of the Silent Planet (1938; dt. „Jenseits des schweigenden Sterns“)
– Ray Bradbury (1920-2012): The Martian Chronicles (1950; „Die Mars-Chroniken”)

Solche Spielereien sind reizvoll. Sie dürfen sich freilich nicht auf die Idee beschränken, sondern müssen das Aufgegriffene in eine neue Handlung integrieren. Mit diesem zweiten Schritt tut sich Niven sichtlich schwer. In den alten Kurzgeschichten klafft die Schere zwischen Anspruch und Umsetzung dagegen nicht so weit auseinander, obwohl sich ein gewisser Wiederholungseffekt einstellt, wenn Svetz versehentlich statt des angeforderten Pferdes ein Einhorn oder Moby Dick oder den mythologischen Quetzalcoatl mitbringt. Hier spinnt Niven ein Garn, das er rechtzeitig abschneidet, bevor es zu lang bzw. langweilig wird.

Altes Garn auf neuer Spule

„Sobald eine Geschichte bereit ist, erzählt zu werden, schreibe ich sie“, gibt Larry Niven im (seltsam konfusen) Nachwort zu „Rainbow Mars“ bekannt. Die Frage, wieso er ausgerechnet auf die zwar populären, aber deutlich von der Zeit eingeholten Svetz-Storys zurückgriff und damit dreißig Jahre wartete, kann er trotzdem nicht zufriedenstellend beantworten. Vielleicht reizte ihn die Herausforderung, aber unterm Strich hat er nur unter Beweis gestellt, dass auch ein Profi kein Blut aus einem Stein pressen kann.

So bleibt in erster Linie die Freude, die alten Svetz-Stories wiederzusehen. „Der Flug des Pferdes“, der sie zum ersten Mal präsentierte, erschien hierzulande 1981 und dürfte für Nichtsammler oder die jüngere SF-Leserschaft nicht so einfach zu bekommen sein, wie diese Neuausgabe, die eine durchaus schöne Chance bietet, nur angestaubtes SF-Gold neu zu entdecken – und als solches sowie als Zeugnis für ein Scheitern auf hohem Niveau sollte man „Rainbow Mars“ vor allem betrachten!

Autor

Als Lawrence van Cott Niven am 30. April 1938 in Los Angeles als Sohn eines Anwalts geboren, studierte Niven Mathematik und Physik an Universitäten in Kalifornien und Kansas. Nach dem Abschluss begann selbst zu schreiben; eine erste Kurzgeschichte, „The Coldest Place“, wurde 1964 veröffentlicht. Sie zeigt ihn als typischen Verfasser ‚harter‘ SF, der eine spannende Handlung in einen wissenschaftlich möglichst akkurat gestalteten (oder wenigstens so wirkenden) Rahmen einbettet.

Ende der 1960er Jahre entstand Nivens „Ringworld“-Universum, das zum Schauplatz zahlreicher Romane und Storys wurde, die nicht zwangsläufig miteinander verknüpft sind, obwohl manche separate Unterzyklen bilden; allein die (nachträglich von Niven bearbeitete) Geschichte der „Kzin-Kriege“ umfasst inzwischen mehr als zehn Bände. Für „Ringworld“ (dt. „Ringwelt“) wurde Niven 1970 sowohl mit dem „Hugo“ als auch mit dem „Nebula Award“ für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.

Niven arbeitet oft mit Ko-Autoren. Mit Jerry Pournelle schuf er 1974 die inzwischen klassische Space-Opera „The Mote in God’s Eye“ (dt. „Der Splitter im Auge Gottes“). Weiterhin arbeitete er mit Steven Barnes, Edward M. Lerner, Michael Flynn oder Brenda Cooper zusammen.

Taschenbuch: 477 Seiten
Originaltitel: Rainbow Mars (New York : Tor Books 1999)
Übersetzung: Thomas Schichtel
http://www.luebbe.de

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