Douglas Preston / Lincoln Child – Formula – Tunnel des Grauens

Bauarbeiten in einem halb vergessenen Stadtviertel von New York fördern ein unterirdisches Gewölbe zu Tage. Darin finden sich die Knochen von 36 Jugendlichen, die hier um 1880 von Enoch Leng, einem irren Wissenschaftler, bei grausamen „medizinischen“ Eingriffen umgebracht und zerstückelt wurden.

Der Baulöwe Anthony Windhaven, der keine Zeit verlieren will, einen seiner Luxus- Wolkenkratzer hochzuziehen, nutzt seine durch Korruption und Drohungen erworbenen Beziehungen zu Politik und Polizei, den grausigen Fund vertuschen zu lassen. Er hat die Rechnung ohne FBI Special Agent Pendergast gemacht, der sich für groteske Kriminalfälle seit jeher interessiert (vgl. „Relic/Das Relikt – Museum der Angst“, Knaur-TB Nr. 60358, sowie die Fortsetzung „Attic“, Knaur-TB Nr. 61823).

Zur Unterstützung holt sich Pendergast die Archäologin Dr. Nora Kelly, die ihrerseits schon mit dem Übernatürlichen Bekanntschaft geschlossen hat („Thunderhead“, Knaur-TB Nr. 62158). Zur Zeit arbeitet sie am Naturwissenschaftlichen Museum von New York, dem größten Institut seiner Art in der Welt. Bürokraten und Sparschweine haben hier hinter den Kulissen das Ruder übernommen. Windhaven ist ein Mäzen und soll nicht verärgert werden.

Das bleibt nicht aus, da auch Kellys Freund, der Sensationsjournalist Bill Smithback, Wind von der Sache bekommt. Wie sich herausstellt, war Leng einst Kurator in einem der Kuriositätenkabinette, die sich im 19. Jahrhundert in New York großer Beliebtheit erfreuten. Offenbar hatte er seine Opfer unter den Besuchern gefunden und für Experimente missbraucht, die der Verlängerung des eigenen Lebens dienten.

Schlimmer noch: Die Morde nach bekanntem Muster setzen in der Gegenwart wieder ein. Haben die Berichte einen modernen Nachahmungstäter inspiriert, wie die ebenfalls von Fairhaven geschmierte Polizei behauptet? Oder trifft etwa zu, was Agent Pendergast vermutet – dass Leng erfolgreich war, aber nun neues Wunderelixier produzieren muss …?

„Formula – Tunnel des Todes“ ist ein fröhlich-brutaler Plünderzug durch Vergangenheit und Gegenwart des Bestseller-Unterhaltungsromans. Wie die Kuriositätenkabinette des (sehr viel besseren) Originaltitels präsentiert dieser Roman alle bekannten Ungeheuerlichkeiten, mit denen uns vor allem Hollywood ausgiebig verwöhnt (oder überfüttert) hat. Dr. Lecter kommt uns dieses Mal unsterblich, ist aber ansonsten genauso mordlustig wie in seiner eigentlichen Inkarnation.

Die Kulissen sind klassisch und bewährt: unterirdische, halb verschüttete Stollen; aus dem Dunkel kann jederzeit das Grauen brechen. Dasselbe gilt für finstere Gassen, einsame Häuser und vor allem für die unergründlichen Gewölbe des größten Museums der Welt.

Hier wird zum ersten Mal deutlich, dass „Formula“ wie fast alle Romane von Preston & Child leicht abgewandelt dieselbe Geschichte erzählt. Besagtes Museum war sogar schon einmal Schauplatz eines mysteriösen Verbrechens mit hohem Bodycount. „Relic“ (1995, dt. „Das Relikt – Museum des Grauens“, wurde auch aufwändig verfilmt) war der erste und mit Abstand beste Thriller des Schriftsteller-Duos. Hier stimmte eigentlich alles, aber vor allem mischten sich profunde Ortskenntnis und ein simpler, aber wunderbar entwickelter Plot zu einem furiosen Actionspaß.

Nie wieder fanden Preston & Child eine Bühne wie das Naturwissenschaftliche Museum. 3.000 Räume und katakombenähnliche Kellerräume, vollgestellt mit faszinierenden, absurden, grässlichen Schaustücken – ein Universum des vergessenen Wissens, ein Labyrinth mit unendlichen dramaturgischen Möglichkeiten, ein Fenster in die Vergangenheit hinter einer Hightech-Fassade. Kein Wunder, dass sie mit „Formula“ hierher zurückkehren.

Das Museum bleibt auch im Aufguss ein wunderbarer Spielplatz. Man merkt sofort, wie trittfest Preston & Child sich hier fühlen, während Werke wie „Ice Ship“ oder „Riptide“ sichtlich auf nur angelesenem Wissen basieren. Und es ist der ideale Ausgangspunkt, von dem die Hauptfiguren ausschwärmen können. Anders als „Attic“ mit seiner grotesk übertriebenen Reise in den Mittelpunkt der (New Yorker) Erde schalten die Verfasser in „Formula“ einen Gang zurück. Sie beschränken sich auf ausgewählte Episoden und Stätten der New Yorker Stadtgeschichte.

Die ist an farbigen und wahrlich üblen Aspekten reich, denn New York ist nicht nur eine große, sondern schon eine sehr alte Stadt. Sie blickt zurück auf eine Vergangenheit, die mehr als genug Anknüpfungspunkte für blutvolle Histörchen liefert. Preston & Child wählten klug die Kuriositätenkabinette des 19. Jahrhunderts. Die gibt es heute nur noch in Museen oder auf Jahrmärkten, aber einst waren sie riesig und vollgestopft mit den skurrilsten Objekten, die man sich vorstellen kann – menschliche und tierische Missgeburten, seltsam geformte Pflanzen oder Steine, Fossilien, Mord- und Folterinstrumente … Hauptsächlich auffällig musste es sein, Echtheit war keine Bedingung, politisch korrekte Zurückhaltung wurde nicht geübt.

Wundervoll „gotisch“, das heißt ohne Scheu vor Verfall, Staub und Verwesung, kommt „Formula“ – selbst ein Kabinett trivialliterarischer Kuriositäten – daher und wandelt sicher auf dem schmalen Grad zwischen Vergnügen und Lächerlichkeit. Das klappt lange gut, bis Preston & Child sich schließlich doch – auch das ein „Markenzeichen“ – alle Mühe geben es zu vermasseln. Völlig unnötig und ärgerlich ist es, urplötzlich dem Mörder und Agent Pendergast eine gemeinsame Herkunft aufzustülpen. Gleichzeitig wird dem Clan der Pendergasts eine Familiengeschichte geradezu lovecraftscher Dimension angedichtet; kollektiver Wahnsinn, geheimes Wissen, Verwicklung in uralte weltweite Komplotte – ganz offensichtlich legen die Verfasser hier den Grundstein für weitere Fortsetzungen. (Die erste wird unter dem Titel „Still Life with Crows“ erscheinen. In Deutschland wird daraus vermutlich „Todesvögel aus der Hölle“ …) So überdrehen sie die „Formula“-Schraube, aber glücklicherweise verzeiht man es ihnen, nachdem sie bisher vorzüglich unterhalten haben.

Man darf sich da nichts vormachen: „Formula“ bietet keinen Platz für tiefgründige Psychogramme. Typen stehen im Vordergrund: die energische, kluge, aber selbstverständlich hübsche und rettungswürdige Frau, der rasende Reporter, der handfeste Polizist, der weise Freund mit dem tiefen Geheimnis.

Noch schematischer treten „die Bösen“ auf. Damit ist nicht der schreckliche „Doktor“ Leng gemeint. Politiker, hohe Beamte, Wirtschaftsbosse – sie alle sind egoistische Karrieristen, offen kriminell oder wenigstens korrupt und charakterschwach. Die „echte“, an der Forschung interessierte Wissenschaft wird von Bürokraten beherrscht und geknebelt. Zwischen allen diesen üblen Zeitgenossen herrscht eine unheilvolle Allianz; Pack schlägt sich, aber es hilft auch einander. Konkurrenten und Reformer, die das einträgliche Spiel auf Kosten der ahnungslosen, dummen Mehrheit verderben könnten, werden kaltgestellt und ausgeschaltet: Hier zeichnet „Formula“ ein düsteres Bild, das womöglich auf Prestons und Childs Vergangenheit als Wissenschaftler hinweist, die keiner selbst ernannten Elite angehörten und mit ähnlichen Schwierigkeiten und Frustrationen wie Nora Kelly kämpfen mussten.

„Enoch Leng“ ist ein glücklicherweise lange gesichtslos bleibender Übeltäter, der aus dem Hinterhalt zuschlägt. Theatralisch im Auftreten, furchtbar im Wirken – das nie im blutigen Detail, sondern im Ergebnis geschildert wird, was der Vortellungskraft des Lesers reichlich Arbeit verschafft -, ist er das dämonisch attraktive „Böse an sich“, das der Serienmörder nur in Literatur und Film, aber niemals in der Realität verkörpert. Jack the Ripper, der unsterbliche Dracula, der das Blut der Menschen trinken muss, und natürlich Dr. Frankenstein, der Forscher, der sich über alle ethischen Grenzen hinwegsetzt, fließen in diesem Leng zusammen. (Direkt von Hannibal Lector geklaut ist Pendergasts Fähigkeit, sich kraft seines Geistes eine imaginäre Realität zu erschaffen und sogar in der Zeit zurückzureisen.)

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am American Museum of Natural History in New York (!) an. Während der Arbeit an einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ (= attic) – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei St. Martin’s Press mit einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“.

Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei St. Martins Press angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er nach Feierabend mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller.

Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.

Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Unter http://www.prestonchild.com wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).

Taschenbuch: 576 Seiten
Originaltitel: The Cabinet of Curiosities
www.droemer-knaur.de

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