Christopher Priest – Prestige – Die Meister der Magie (Das Kabinett des Magiers)

SF-Thriller im magischen Gewand

Dies ist nicht nur eine Geschichte über eine 100 Jahre währende Familienfehde, sondern eindeutig auch eine Geistergeschichte. Und eine ins 19. Jahrhundert verlegte Science-Fiction-Geschichte, die den feinen Grenzbereich zwischen „echter“ Wissenschaft und magischer Illusion untersucht. Wie sich zeigt, lässt sich das eine für das andere einsetzen bzw. missbrauchen.

Für diesen vielschichtigen, aber spannenden Roman erhielt Christopher Priest den begehrten World Fantasy Award.

Handlung

Als der Londoner Journalist Andrew Westley ins abgelegene englische Derbyshire gerufen wird, ahnt er noch nicht, was er alles über sich selbst erfahren wird. Denn er ist der Letzte aus der Familie Borden, und deren größtes Mitglied war einer besten Magier des viktorianischen London, Alfred Borden, „Le professeur de la magie“.

Doch die 30-jährige Frau, die ihn eingeladen hat, Kate Angier, stellt sich ebenfalls als letzte Angehörige ihrer Familie, derer von Colderdale, heraus. Deren bekanntestes Mitglied war ebenfalls ein bekannter viktorianischer Magier, Rupert Angier, und zufällig der größte Rivale von Alfred Borden.

Wie sich aufgrund der Westley gezeigten Dokumente zeigt, sind beide Familien über 100 Jahre hinweg Opfer ihrer Fehde gewesen, die aus der fatalen Rivalität der zwei Magier resultierte. Borden hatte Angier einmal bei einer spiritistischen Sitzung als Scharlatan entlarvt, daraufhin verfolgte Angier Bordens Darbietungen und entlarvte diese als plumpe Tricks. Nur bei einer Illusion musste er passen: Bordens „Der neue transportierte Mann“ konnte er nicht verstehen, darum kopierte er diesen Trick mit einer eigenen Illusion und übertraf damit Bordens Nummer. Leider endete Angiers Karriere abrupt, nachdem Borden seine letzte Vorstellung sabotiert hatte. Nach seinem Tod erscheint Angier seinem Rivalen sogar noch im Traum. So lautet zumindest die Darstellung in Borden Tagebuch …

Der infernalische Apparat, den Angier für seine berühmte Nummer „In einem Blitz“ verwendet hatte, war jahrelang im Keller des Familiensitzes untergebracht, bis eines unheilvollen Tages 1970 dort ein Mord geschah. Kate Angiers, Westleys Gastgeberin, war damals erst fünf Jahre alt. Clive Borden war mit seinem zweijährigen Sohn Nick zu Besuch. Eines führte zum anderen, und der damalige rechthaberische Angier führte die Blitz-Maschine, einen Tesla-Stromgenerator, vor, um etwas zu beweisen. In einem Anfall sinnloser Wut warf er den kleinen Jungen in den Generator und tötete ihn durch die Blitze, die aus der Maschine schlugen.

Kate, die alles mit ansah, erlitt dabei ein psychisches Trauma, das sie seitdem wie an das dunkle Geheimnis des Hauses gefesselt hält. Doch viele Rätsel bleiben, die die zwei folgenden Teile des Romans aufzudecken helfen: Rupert Angiers Tagebuch und die Ereignisse der Nacht auf Gut Colderdale. Um die Spannung zu erhalten, möchte ich nichts weiter davon verraten. So scheint beispielsweise Nick mit Andrew Westley identisch zu sein, doch wie kann ein Toter wiederauferstehen? Und doch: Ständig fühlt Andrew einen telepathischen Kontakt mit einem geistigen Zwilling, der ihn drängt, im Haus zu bleiben.

Der vierte und weitaus umfangreichste Teil (212 Seiten) ist wie gesagt Rupert Angiers, des Magiers, persönliches Tagebuch. Er verrät, wie er den Tesla-Apparat von dem gleichnamigen Erfinder Nikola Tesla selbst in den USA entwickeln ließ und wie er in seiner letzten Vorstellung „tödlich“ verletzt wurde. Er wurde nicht verletzt – er wurde verdoppelt!

Der nachfolgende, abschließende Teil ist natürlich den recht gruseligen und unheimlichen Geschehnissen in der Nacht nach diesen Enthüllungen gewidmet, die sich in der Familiengruft derer von Colderdale ereignen und in deren Mittelpunkt Andrew Westley steht. Ich werde kein Wort davon verlauten lassen, um euch die Spannung nicht vorwegzunehmen.

Was ist ‚Prestige‘?

In den Vorstellungen kommt der zentrale Begriff des ganzen Buchs zum Tragen: das Prestige. Angier benutzt „Prestige“ in einem ganz anderen Sinne als sein Rivale Borden.

Während für Borden „Prestige“ der geistige Effekt des Zaubertricks ist, also immateriell, produziert Angier sehr handfestes Prestige: die tote Hülle der transportierten Menschen nämlich.

Fazit

Dieser Roman ist, abgesehen von der einfach gestrickten Rahmenhandlung um Westley, recht kunstvoll aufgebaut. Er enthält zwei Autobiografien, die sich in wichtigen Punkten widersprechen und ergänzen. Nochmalige Lektüre ist also ratsam. Das Buch ist besonders im Original sprachlich hervorragend erzählt, aber leider mit dem geschraubten Sprachschatz vom Ende des 19. Jahrhunderts und eines Dickens würdig.

Über die vielschichtigen Bedeutungsebenen habe ich bereits Andeutungen gemacht. Manche Rezensenten entdeckten logische Fehler in dem Buch: So wird etwa nicht mit letzter Sicherheit geklärt, wie Borden seinen Trick bewerkstelligte. Die Nachforschungen legen nahe, dass er einen Zwillingsbruder hatte und einsetzte. Aber das wirft sehr viele Fragen auf, die der Plausibilität entbehren.

Halten wir uns also an Angier, der doch ein recht schlichtes Gemüt hat und dessen Beweggründe wie ein offenes Buch sind. Demgegenüber erscheint Borden wie ein Schizophrener, der den Leser nicht nur dadurch verwirrt, dass er in zwei „Tonlagen“ spricht (zwei Brüder?!), sondern zudem behauptet, die reine Wahrheit zu berichten. Am Schluss ist klar, dass sein Notizbuch ein Zaubertrick ist und ebenfalls ein Prestige erzeugt: das Prestige, das vielleicht jeder berühmte Mensch zu hinterlassen bestrebt ist – „seht her, mein Prestige ist größer als das meines Rivalen!“ Doch durch Angier wissen wir, was ein Prestige wirklich bedeutet: Berge von Leichen im Keller.

Taschenbuch: 459 Seiten
Originaltitel: The Prestige, 1995
Aus dem Englischen übertragen von Michael Morgental
www.heyne.de
Website des Kinofilms: theprestige.movies.go.com