Robert Knott: Robert B. Parker’s Bull River (Ein Cole-&-Hitch-Western)

Parker-Western Nr. 6: Teuflische Rache unter Brüdern

Die Marshals Virgil Cole und Everett Hitch liefern den mexikanischen Banditen „Captain“ Alejandro in San Cristóbal ab, wo er mutmaßlich zwei Männer erschossen hat. Da dort gerade ein Bankraub stattgefunden hat, bittet der Sheriff sie, ihm zu helfen. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie auf zwei Brüder, die Alejandro aus alten Tagen kennt. Als sie herausstellt, dass der Bankräuber gar nicht der ist, für den er sich ausgab und seine angebliche „Frau“ verschwunden ist, müssen sich die beiden Marshals ausgerechnet mit Alejandro zusammentun, um das geld, den Räuber und die Frau zu finden – sie ist die Tochter des Millionärs, dem fast die ganze Stadt gehört, und dementsprechend wertvoll …

Die Autoren

1) Robert Knott

Der Schauspieler, Produzent und Schriftsteller Robert Knott hat zusammen mit Parker das Drehbuch für die Verfilmung von „Appaloosa“, dem ersten Cole-&-Hitch-Western, geschrieben. Er war zusammen mit Schauspieler Ed Harris an der Produktion beteiligt. Knott schreibt für Bühne, Fernsehen und Film Drehbücher.

2) Robert B. Parker

Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 60 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der Spenser-Reihe wohl seine etwa acht Jesse-Stone-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wurde vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur Robert B. Parker lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.

Die „Cole & Hitch“-Reihe:

1) Appaloosa (2005)
2) Resolution (2008)
3) Brimstone (2009)
4) Blue-Eyed Devil (2010)
5) Ironhorse (2013)
6) Bull River (2014)

Handlung

Virgil Cole und Everett Hitch sind zwei freischaffende Marshals, die in dem Westernstädtchen Appaloosa angestellt sind. Cole hat dort seine Frau Allison French zurückgelassen ist mit Hitch aufgebrochen, um den mexikanischen Desperado „Captain“ Alejandro Vasquez festzunehmen und nach San Cristóbal zu eskortieren, wo ihm der Prozess gemacht werden soll: Vasquez soll hier zwei Männer erschossen haben. Hinzukommt, dass er auch einen Freund Virgil Coles auf dem Gewissen haben soll. Sie müssen erst ein halbes Dutzend Banditen erschießen, bevor sie ihn erwischen.

Sobald sie ihn hinter Gitter gebracht haben, beteuert Alejandro seine Unschuld. Es sei jemand anderes gewesen, der die Taten begangen habe. Sie glauben ihm natürlich kein Wort. Jeder, dem der Strang droht, würde das Blaue vom Himmel herunterlügen, ist doch klar.

Zudem sind sie stark abgelenkt durch eine Anfrage des lokalen Sheriffs und seines Konstablers. Ein Bankraub hat stattgefunden. Der Eigentümer der Bank, Comstock, verdächtigt den von ihm selbst eingesetzten Präsidenten der Bank, Henry Strode, den Raub bei hellichtem Tag begangen zu haben: Ausnahmsweise hatte er Strode den Zusatzschlüssel anvertraut, der nötig ist, um den Tresorraum zu öffnen. Diese günstige Gelegenheit nutzte Strode aus und ließ der Tresor ausräumen, angeblich um die rund 200.000 $ darin in Sicherheit zu bringen. Nun ist Strode verschwunden, und das Geld mit ihm. Er bietet Cole und Hitch jedwede Unterstützung an.

Strode wird in einem Bordell außerhalb der Stadt aufgefunden, zusammengeschlagen und bewusstlos. Die Puffmutter Slingshort Clark, ein recht attraktives Frauenzimmer, wie Hitch findet, behauptet, sie habe Strode vor ihrem Vordereingang „gefunden“. Coles Überredungskunst fördert zutage, dass es der reichste Mann von San Cristobal und Saint Louis, Jantz Wainwright, war, ihr Freier, der Strode fand. Den wollte sie mit ihrer „Diskretion“ schützen. Auch eine andere Prostituierte, die blonde, blauäugige Mary Mae vom Harvey House Hotel, ist sehr an Diskretion gelegen, was Jantz Wainwright angeht.

Wainwright gibt unumwunden zu, Strode gefunden zu haben. Und obwohl er Strode kaum gekannt hatte, sorgte er dafür, dass der Mann, der angeblich aus dem Osten kam, zum Bankpräsidenten ernannt wurde. Was Wainwright am meisten schmerzt: Seine Tochter Catherine, Strodes Frau, wurde nicht vor dem Bordell gefunden. Aber mit wem ist sie dann über alle Berge, würde Wainwright gerne wissen. Offenbar hat Strode einen Komplizen gehabt, der sich seiner entledigte und mit seiner Frau verduftete.

Virgil Cole lässt sich nicht von all diesen hochwohlgeborenen Selfmademen einwickeln. Eine simple telegraphische Anfrage in New York City ergibt: Henry Strode starb bereits vor drei Jahren. Wer aber ist dann der Mann, der gerade im Haus von Doctor Mayfair liegt?

Als hätte er es geahnt, verdünnisiert sich der angebliche Henry Strode. Wohin mag er unterwegs sein, welches Ziel hat er? Diese Frage kann Captain Alejandro Vasquez beantworten. Und nicht nur, um seinen Hals zu retten. Aber spielt er wirklich mit offenen Karten oder will er Virgil Cole aufs Kreuz legen?

Mein Eindruck

Ich habe den Western in nur drei Tagen gelesen. Die Geschichte, die völlig eigenständig angelegt ist und somit keine Vorkenntnisse erfordert, besteht fast nur aus Dialogen und ist somit sehr flüssig und flott zu lesen. Allerdings sind diese Dialoge gewöhnungsbedürftig, bestehen sie doch nicht selten aus dem Austausch von einsilbigen Wörtern wie „is“ oder „does“. Mir war das an ein paar Stellen etwas zu viel der Einsilbigkeit, denn dabei bleiben die Emotionen meist außen vor.

Knapper Stil

Man sollte aber daran denken, dass Knott, wie einst Parker, einen knappen Hemingway-Stil pflegt: Das Wichtigste steht ZWISCHEN den Zeilen, die die beiden wortkargen Marshals von sich geben. Sonst könnte man leicht den sehr trockenen Humor, die Anzüglichkeiten und Anspielungen übersehen. So wird in zarten Andeutungen spekuliert, ob Catherine Wainwright, verheiratete „Mrs. Henry Strode“, nicht doch vielleicht womöglich unter Umständen fremdgegangen ist. Das hätte ihren Vater ebenso wie ihren Gatten beispielsweise als Bankiers kompromittiert und als Ehremänner bloßgestellt. Ähnlich wie es Allie French gegenüber Virgil Cole zu tun pflegt.

Die Erklärungssuche verfällt dann auf den Begriff „inclinations“, also Neigungen, im Sinne von triebhaften inneren Beweggründen, nach dem Motto: „Ist die Katze (= der Gatte) aus dem Haus, tanzen die Mäuse (= Frauen) auf den Tischen.“ Man lese zu diesem Thema den Startband der Reihe „Appaloosa“ oder sehe sich die Verfilmung mit Ed Harris und Viggo „Aragorn“ Mortensen an.

Weitere interessante Frauenfiguren sind die Bordellchefin Slingshot Clark und Mary May vom Harvey Hotel, die für die Befreiung der Frau kämpft. Dabei sieht sie erstaunlicherweise Everettt völlig auf ihrer Seite. Merke: Die Huren in den Cloe & Hitch-Romanen sind allesamt befreite Frauen; die Ehefrauen hingegen werden entweder entführt oder, wie Allie, selbst Huren. Die Prostitution war nämlich, anders als in den meisten Westernklassikern (außer „Mr & Mrs McCabe“ von Robert Altman) dargestellt, neben Spiel und Alkoholausschank eines der lukrativsten und verbreitetsten Gewerbe im Westen, zumal für Frauen.

Desperado

Aber in aller Regel sind die harten Jungs wortkarg, zielbewusst und keine Freunde weitschweifiger Gefühlsausbrüche. Dafür ist nämlich Alejandro zuständig. Seine schillernde Figur ist nicht nur moralisch fragwürdig, er sorgt auch sowohl für die menschliche Tiefe der Story als auch für die Würze des Humors. Das darf er sich als gebürtiger Mexikaner offenbar erlauben. Je mehr sich allerdings die Suche des Trios ihrem Ende zuneigt, desto mehr Mitgefühl verdient Alejandro.

Er erinnert sich an seine beiden jugendlichen Spielkameraden, denen er nun auf den Fersen ist, darunter „Henry Strode“. Das Trio aus Waisenjungen machte eine harte Jugend durch und riss beizeiten aus dem improvisierten Waisenhaus und der Lehre bei einem Fischer in Veracruz aus. Nun zieht es ihn zu den Ort seiner Kindheit und Jugend zurück, aber nicht etwa aus eigener Nostalgie, sondern weil der Entführer Catherines hier eine ganz besonders teuflische Falle aufgestellt hat. Nur Alejandro kennt den Weg dorthin und wie man ihr entgeht.

Shootout

An einem dieser Jugendorte, der nach 20 Jahren längst in Trümmern liegt, kommt es zu einem furiosen Shootout mit den mexikanischen Militärpolizisten, den Federales. Sie wollen das angeblich ausgesetzte Lösegeld bzw. den Finderlohn für die entführte Frau kassieren, alle Gringos umlegen und dann mit der Lady verduften. Doch diese Gringos plus Alejandro machen ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung.

Dafür, dass die korrupten Federales so scharf auf das Geld sind, hat Catherines Vater Jantz Wainwright mit einer Serie von übereilten Telegrammen selbst gesorgt: Aus einer heimlichen Befreiungsaktion hat er dadurch eine landesweite Schatzsuche gemacht. „So stupid!“ jammert Alejandro völlig zu Recht. Die Gesetzeshüter können jetzt von Glück sagen, wenn sie einer Riesenmenge von Schatzjägern zuvorkommen können. Mexiko ist in den Jahren nach der Revolution gegen Kaiser Maximilian (nach 1865) voll von Desperados wie Alejandro.

El Diablo

Alejandro hat von Virgil Cole die seltene Chance gewährt bekommen, sich zu bewähren. Er darf beweisen, dass er im grund zu den Guten gehört und nicht in San Cristóbal am Strick baumeln sollte. Seine Entwicklung ist, wer dafür ein Auge hat, interessant zu verfolgen. In der finalen Auseinandersetzung mit dem Entführer Catherines, den er als „El Diablo“, den Teufel bezeichnet, spielt Alejandro und seine Vergangenheit eine entscheidende Rolle. Er wendet eine aussichtslose Situation zugunsten der Gesetzeshüter. Dieses Finale ist übrigens nichts für zartbesaitete Gemüter, denn es fließt reichlich Blut.

Schwächen

Leider fehlt diesmal eine Landkarte. So eine war noch in „Ironhorse“ sehr hilfreich gewesen. Ob San Cristóbal überhaupt existiert, ist noch die Frage. Es hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem ebenfalls großen San Antonio, einer der ältesten Siedlungen der spanischen Konqistadores in Neu-Spanien. (Santa Fé, die älteste spanische Stadt auf US-gebiet, wurde 1621 gegründet.)

Der spanische König, so lautete der Plan, wollte ja von Kalifornien (San Francisco, Los Angeles usw.) bis nach Florida ein geeintes Königreich neu-Spanien errichten. Daraus wurde bekanntlich nichts, nicht zuletzt, weil ihm das Imperium, das die Comanche errichtet hatten, einen Strich durch die Rechnung machten. Die Indianer wollten nämlich lieber keinen starken Einzelgegner, sondern lieber viele schwache Gegner, mit denen sie lebhaft Handel treiben konnten.

Nach dem Amerikanisch-mexikanischen Krieg von ca. 1848 plünderten die Comanche die Mexikaner regelmäßig aus und alles spanische Land nördlich des Rio Grande fiel an die USA. Ihr Plan ging bis 1875 auf und verhinderte die Errichtung von Neu-Spanien. Ohne sie sähe Nordamerika heute wohl völlig anders aus.

Unterm Strich

Der titelgebende Fluss Bull River liegt in der Nähe von Veracruz an der mexikanischen Golfküste. Das ist mal ein ziemlich ausgefallener Schauplatz für einen US-Western. Aber der reißende Fluss ist die perfekte Metapher, um das Leben der drei Desperados zu beschreiben, mit denen es die beiden Marshals Cole und Hitch zu tun haben.

Die drei sind Getriebene und ergreifen jede Gelegenheit, um etwas zu gewinnen: „Entweder bist du der Hai oder der Fisch“, sagt der Entführer Catherines – sie ist ein ziemlich appetitlicher Köder für seine Verfolger. Für ihn ist das Leben ein knallharter Kampf ums Überleben, und nur der Hai gewinnt, nicht der Fisch. Außerdem hat er einen reichlich teuflischen Charakter.

Cole hingegen zeigt sich auffallend einfühlsam. Es ist, als habe er einen sechsten Sinn, um das Verhalten des Trios berechnen und vorhersehen zu können. „Feelings get you killed“, ist Coles Motto. Er ist der rationale Sherlock Holmes des dynamischen Duos, und Hitch ist sein Doctor John H. Watson, seines Zeichens Chronist und Gunfighter.

Bei der Wahl zwischen seinen alten Kameraden und den beiden Marshals muss sich Alejandro Vasquez entscheiden: Will er lieber in San Cristóbal bei Richter Bing baumeln – oder doch lieber einer von den „Guten“ werden. Cole gibt ihm eigenmächtig eine zweite Chance. Der Fluss des Stieres, Bull River, ist eine innere Wegscheide. Jenseits davon hängt das Leben von der richtigen moralischen Entscheidung ab.

Ursprünglich wollte ich dem Roman nach zwei Dritteln nur drei Sterne geben, denn die Handlung lief mehr oder weniger vorhersehbar mechanisch ab, quasi wie ein aufgezogenes, gut geöltes Uhrwerk. Doch das letzte Drittel reißt das Ruder herum, wird äußerst spannend und obendrein menschlich interessant. Daher gönne ich dem Buch vier von fünf Sternen.

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-0399165269

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