Russell, Gary – Herr der Ringe, Der – Die Rückkehr des Königs: Die Erschaffung eines Filmkunstwerks

Wie die Extended-Fassung des jeweiligen Films in schöner Regelmäßigkeit zeigt, stellt der gezeigte Streifen das Ergebnis einer Auswahl dar, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Diese Varianten findet man in diesem Buch. Es ist verblüffend zu sehen, was alles möglich gewesen wäre. Und es ist interessant zu erfahren, warum sich Regisseur Peter Jackson gerade für eine Variante entschied.

Gary Russell hatte während der fünfjährigen Vorarbeiten zum Film uneingeschränkt Zugang zu allem künstlerischen Material in den neuseeländischen Studios. Russell hat als Herausgeber eines Magazins, als Romanautor, Kolumnist und Hörspielproduzent gearbeitet. Er kam laut Verlag relativ spät zu Tolkien und dessen Mythologie. Frühere Publikationen beschäftigen sich mit der britischen Science-Fiction-Kultserie „Doctor Who“ und mit den Simpsons.

Das Titelbild zum dritten Teil von „Die Erschaffung eines Filmkunstwerks“ zeigt diesmal nicht das Filmplakat (Aragorn mit dem Schwert Andúril), sondern den schwarz emporragenden Barad-dur, in dessen gegabelter Spitze das blutrote Auge Saurons umwölkt erstrahlt. Ich finde das einen weitaus beeindruckenderes Motiv als das sattsam bekannte Filmplakat. Im Plakat schaut einen Aragorn treuherzig an, aber auf dem Buchcover kann sich der Betrachter vorstellen, wie es wohl wäre, sich an einem solchen furchteinflößenden Ort zu befinden. Barad-dur ist die notwendige Leerstelle, an der sich der Zuschauer einbringen und seine Fantasie spielen lassen kann.
Die Rückseite des Umschlags zeigt den Angriff Rohans auf die Ork-Heere, die das bereits brennende Minas Tirith bestürmen. Eine der mitreißendsten Szenen des gesamten Films.
Die Innenseiten des Hardcover-Umschlags zieren jeweils doppelseitige „Breitwand“-Gemälde: Auf den vorderen Umschlagseiten reiten die Gefährten durch den überfluteten Isengart, im Hintergrund ragt der schwarze Turm Orthanc empor. Offensichtlich ist dies eine nicht geschnittene Szene aus dem Film, der sich die (gekürzte) Vertreibung Sarumans anschließen würde.
Die hintere Innenseite zeigt ebenfalls eine Farbstudie von Jeremy Bennett: die in goldenes Abendlicht getauchten Grauen Anfurten. Eines der letzten Bilder dieser Epilogszene, denn es fehlt bereits das Elbenschiff, das Frodo & Co. nach Valinor trägt. Die Erklärung steht auf Seite 218. Weitere Doppelseiten-Gemälde finden sich an jedem Kapitelanfang.

Gary Russell würdigt in seinem Vorwort die Anstrengungen des riesigen LOTR-Teams in den höchsten Tönen – das ist ja wohl auch das Mindeste, um seinen Dank abzustatten an jene Menschen, die ihm seine drei Bücher ermöglicht haben. Den dritten LOTR-Film betrachtet auch er als Krönung der Filmtrilogie – mit Fug und Recht. Ob wohl das dritte Buch dazu ebenso gut geworden ist?

Die Einleitung ist wieder einmal ein sehr wichtiger Text. Sobald man die winzige Schrift, in der sie gedruckt wurde, entziffert hat, stößt man auf eine Abfolge sehr interessanter Interviews, die Russell hierfür ausgewertet hat. Da ist zum Einen die Co-Autorin Philippa Boyens, die die Änderungen und Neuerungen an der Story klug zu rechtfertigen weiß.
Da ist sodann die OSCAR-geehrte Kostümbildnerin Ngila Dickson, von der wir erfahren, was sie sich bei den Kostümen der Hobbits und der Elben so gedacht hat. Auf das Hochzeitsgewand Arwens ist sie offenbar ganz besonders stolz.

Dan Hennah (er ist kurz in der Rüstkammer von Helms Klamm zu sehen) und Grant Major sind als Art Directors (Hennah löste Major ab) für alle Kulissen, Modelle, Ausstattungen an den Sets etc. verantwortlich gewesen und dirigierten die Konzeptdesigner Howe und Lee sowie die Pre-Visualisierungskünstler Paul Lasaine und Jeremy Bennett. Die Arbeiten dieser vier Künstler machen das Gros des vorliegenden Bandes aus, und deshalb ist er wohl das schönste der drei Artwork-Bücher geworden. Die Firma von Major und Hennah heißt „3Foot6“ (die angenommene Größe eines Hobbits) und des Öfteren sieht man in den Dokus Leute mit diesem Schriftzug auf der Schirmmütze durchs Bild wandern.

Ein Aspekt, der dem Zuschauer kaum auffällt, aber schon jetzt der Trilogie ihren Platz in der Filmgeschichte gesichert hat, ist die technische Handhabung der Farbgebung. Alle Bilder sind offenbar farblich manipuliert, um unterschwellig bestimmte Emotionen zu erzeugen – ähnlich wie die Musik. Dafür wurde extra eine neue Software geschrieben. Was diese bewirkt, war in einer der Dokus der ersten Extended-DVD angedeutet zu sehen: Wie jeder gewöhnliche Adobe Photoshop kann sie Stellen des Bildes digital aufhellen und abdunkeln. Darüber hinaus kann sie ganze Szenen mit einer einheitlichen Farbskala versehen – am deutlichsten ist dies in Lothlorien zu erkennen: Mit Ausnahme der später wieder einkopierten Anfangsszene, in der die Gefährten den goldenen Wald betreten, sind alle Objekte und Lichter mit einem Lavendelton versehen und alle Konturen weich gezeichnet. Lórien ist ein äußerst romantischer, magischer Ort.

Geradezu von höchster Ironie ist ein Umstand, den der Farbtechniker Peter Doyle von „The PostHouse“ erzählt: Weil das Außenlicht auf der Südhalbkugel aufgrund der dortigen Luftreinheit sehr hart und grell sowie das neuseeländische Gras „unvorstellbar grün“ ist, musste man beides digital nachbearbeiten – natürlich nur auf Film.

Das Nachwort von Peter Jackson: Ein ganz schön langer Text für ein Nachwort – hier etwa zwei Seiten. Sie sind von ungewöhnlichen Motiven flankiert: einem Schwarzen Reiter und einem Höhlentroll – Jacksons Art des Humors? Man weiß ja, dass er auf schräge Horroreffekte steht.

Jedenfalls: Er erzählt, wie er mit den Künstlern, die in diesem Buch verewigt sind, zusammengearbeitet hat. Bekanntlich war er es, der auf die (inzwischen weltbekannten) Illustratoren John Howe und Alan Lee bestanden hat. Sie und andere Zeichner und Designer überraschten ihn offenbar immer wieder mit bizarren Einfällen, so etwa für das Balrog, von dem zu Beginn nur die vageste Vorstellung von seinem Aussehen existierte. Tolkiens Beschreibung ist nicht sonderlich aufschlussreich. Daraus machten Howe & Co. jedoch die beeindruckendsten Action-Aufnahmen der ganzen Trilogie: Das Duell auf der Brücke von Khazad-dum (in Teil 1) und der anschließende Sturz in die Tiefen des Nebelgebirges, während Gandalf weiterhin das Balrog bekämpft (Anfang von Teil 2).

Langer Rede kurzer Sinn: Ohne die Pre-Visualisierung durch alle Künstler und Designer hätte Jackson den Film so nicht realisieren können, wie er heute zu sehen und zu bewundern ist.

Der Hauptteil besteht aus den elf Kapiteln, in die sich der 3. Teil aufteilen lässt, bis hin zum „Epilog“. Den Beginn macht nicht etwa das überflutete Isengart (siehe oben), sondern der Eingang zum düsteren Morgul-Tal, wo sich Frodo und Sam unter Gollums Führung an der Festung des Hexenkönigs vorbeischleichen müssen, um die Endlose Treppe zu erklimmen.

Es wäre recht müßig (und mühselig) und langweilig, nun sämtliche Kapitel durchzuhecheln. Worauf es ankommt, ist ja mehr der Nutzeffekt für den Leser und Betrachter. Diesmal ist jedes einzelne Bild mit einem Kommentar versehen, der von seinem Urheber stammt. Wenn als Urheber „Three Foot Six Art Dept.“ angegeben ist, so kann man davon ausgehen, dass es sich um einen der Manager oder einen derart unbedeutenden Künstler handelt, dass er nicht in der am Schluss abgedruckten Liste des Teams zu finden ist. Unter anderem sind auch Entwürfe von Alan Lees Tochter Virginia zu sehen, ohne dass diese extra genannt wird. Der stolze Vater weist manchmal darauf hin.

Diese Kommentare erzählen mitunter richtige Geschichten. So erfahren wir beispielsweise, welche Mühe J. Bennett mit dem zweiten Tor von Gondor hatte. Es sah zunächst aus wie etwas aus Marokko, sollte aber eigentlich römisch oder wenigstens byzantinisch (also oströmisch) aussehen.

Solche Werdegänge zeichnen sich auch bei der Entstehung der endgültigen Entwürfe für die Rüstungen ab. Da sind eine ganze Reihe von militärischen Rängen unter den Gondorern: Infanterie, Zinnenwächter, schließlich die Elitetruppe der Brunnenwächter. Es ist mitunter recht erheiternd, dass frühe Entwürfe damit entschuldigt werden, dass sie vor der Ankunft John Howes entstanden. Erst Howe hat ja bekanntlich jeden Künstler über die Funktionsweise einer Rüstung aufgeklärt, wie die Dokus der 1. Extended-DVD belegen.

(Dass er das konnte, liegt daran, dass er selbst einem Klub angehört, der es sich zur Aufgabe macht, die ritterliche Vergangenheit wiederzubeleben. Ähnliche Klubs für „kreativen Anachronismus“ gibt es in Kalifornien, wo u.a. die Fantasy-Autorin Katherine Kurtz Mitglied ist.) [Dass man in Nordamerika versucht, eine der dortigen Kultur unbekannte ritterliche Vergangenheit zu beleben, finde ich recht putzig. Derlei „Reenactment“-Vereine gibt es bei uns ebenfalls reichlich. Anm. d. Lektors]

Ebenfalls amüsant sind die ersten Entwürfe für die Rüstungen, weil sie keineswegs europäisch anmuten, sondern auf orientalische und sogar „babylonische“ Quellen zurückgreifen. Welche das sind, verrät der Künstler nicht und es entzieht sich meiner Kenntnis. Weitere Quellen sind z.B. italienisches Möbeldesign, das auf Proportionen, Naturmaterialien und Funktionalität Wert legt.

Was mich zudem erstaunt hat, ist die Mühe und Sorgfalt, die auf so kurze Szenen wie Dunharg oder Cirith Ungol verwendet wurde. Beide Schauplätze erhielten ihr entsprechendes Design, und zwar nicht nur von den Malern wie Jeremy Bennett, sondern auch von den Großen: Alan Lee und John Howe. Oder wie es einer aus dem „3Foot6 Art Department“ sagte: „Wir waren entfesselte, besessene Irre!“

600 Entwürfe, Skizzen, Gemälde und Digitalbilder aus dem Film sind zu bestaunen und zu „verdauen“. Man sollte sich einfach zwei oder noch mehr Stunden Auszeit nehmen, sich zurücklehnen und in eine andere Welt entführen lassen. Trotz dieser Bilderflut bleibt die eigene Vorstellungskraft unbeeinträchtigt, wie ich finde.

Die fotografische und drucktechnische Wiedergabe ist von ausgezeichneter Qualität. Die Kommentare etc. sind von Joachim Körber und Hans J. Schütz einwandfrei übersetzt, obwohl eigentlich Wolfgang Krege als „der“ Tolkien-Experte gilt. Der Preis für solch ein Werk ist keineswegs zu hoch; Kunstbände sind weitaus teurer.

Dieses Buch will sicher jeder haben, der sich ernsthaft mit dem Film und vielleicht auch mit Tolkiens Roman auseinandersetzt. Es gewährt ja einen Blick hinter die Kulissen, aber in künstlerischer Hinsicht. Denn dies hier ist der „Stand der Technik“, was die Konzepte angeht. Im Computer werden die Dinge nicht entworfen, sondern ausgearbeitet, verfeinert, koloriert usw. Was wir hier sehen, sind die ursprünglichen Grundlagen des Production Designs: die Ideen, mit denen dann CGI-Bearbeiter von Weta Digital, -Workshop und -FX, Kostümschneider, Bühnenbauer, Schmiede und all die anderen Handwerker als Grundlage arbeiten.

Insofern dokumentiert dieses Buch einen Meilenstein auf dem Weg der Weiterentwicklung des Fantasyfilms. Jacksons „Lord of the Rings“, bereits für für Teil 1 und 2 mit Oscars ausgezeichnet, setzt ja bereits jetzt Maßstäbe, und künftige Filmemacher werden sich daran messen lassen müssen. Wie armselig und unglaubwürdig sieht doch bereits jetzt der Film „Dungeons and Dragons“ aus.

Wer nur Spaß an einer guten Fantasystory sucht, braucht das Buch nicht – dem reichen der Roman (schon schwer genug zu lesen) und die drei Filme. Man kann ja das gesparte Geld in die DVD mit all ihren Making-ofs und „Featurettes“ investieren und so viele schöne Stunden verbringen.

_Michael Matzer_ (c) 2004ff