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Russell, Gary – Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs: Die Erschaffung eines Filmkunstwerks

Wie die Extended-Fassung des jeweiligen HdR-Films in schöner Regelmäßigkeit zeigt, stellt der gezeigte Streifen das Ergebnis einer Auswahl dar, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Diese Varianten findet man in diesem Buch. Es ist verblüffend zu sehen, was alles möglich gewesen wäre. Und es ist interessant zu erfahren, warum sich Regisseur Peter Jackson gerade für eine Variante entschied.

Der Autor

Gary Russell hatte während der fünfjährigen Vorarbeiten zum Film uneingeschränkt Zugang zu allem künstlerischen Material in den neuseeländischen Studios. Russell hat als Herausgeber eines Magazins, als Romanautor, Kolumnist und Hörspielproduzent gearbeitet. Er kam laut Verlag relativ spät zu Tolkien und dessen Mythologie. Frühere Publikationen beschäftigen sich mit der britischen Science-Fiction-Kultserie „Doctor Who“ und mit den Simpsons.

Die Aufmachung

Das Titelbild zum dritten Teil von „Die Erschaffung eines Filmkunstwerks“ zeigt diesmal nicht das Filmplakat (Aragorn mit dem Schwert Andúril), sondern den schwarz emporragenden Barad-dur, in dessen gegabelter Spitze das blutrote Auge Saurons umwölkt erstrahlt. Ich finde das einen weitaus beeindruckenderes Motiv als das sattsam bekannte Filmplakat. Im Plakat schaut einen Aragorn treuherzig an, aber auf dem Buchcover kann sich der Betrachter vorstellen, wie es wohl wäre, sich an einem solchen furchteinflößenden Ort zu befinden. Barad-dur ist die notwendige Leerstelle, an der sich der Zuschauer einbringen und seine Fantasie spielen lassen kann.
Die Rückseite des Umschlags zeigt den Angriff Rohans auf die Ork-Heere, die das bereits brennende Minas Tirith bestürmen. Eine der mitreißendsten Szenen des gesamten Films.
Die Innenseiten des Hardcover-Umschlags zieren jeweils doppelseitige „Breitwand“-Gemälde: Auf den vorderen Umschlagseiten reiten die Gefährten durch den überfluteten Isengart, im Hintergrund ragt der schwarze Turm Orthanc empor. Offensichtlich ist dies eine nicht geschnittene Szene aus dem Film, der sich die (gekürzte) Vertreibung Sarumans anschließen würde.
Die hintere Innenseite zeigt ebenfalls eine Farbstudie von Jeremy Bennett: die in goldenes Abendlicht getauchten Grauen Anfurten. Eines der letzten Bilder dieser Epilogszene, denn es fehlt bereits das Elbenschiff, das Frodo & Co. nach Valinor trägt. Die Erklärung steht auf Seite 218. Weitere Doppelseiten-Gemälde finden sich an jedem Kapitelanfang.

Vorwort

Gary Russell würdigt in seinem Vorwort die Anstrengungen des riesigen LOTR-Teams in den höchsten Tönen – das ist ja wohl auch das Mindeste, um seinen Dank abzustatten an jene Menschen, die ihm seine drei Bücher ermöglicht haben. Den dritten LOTR-Film betrachtet auch er als Krönung der Filmtrilogie – mit Fug und Recht. Ob wohl das dritte Buch dazu ebenso gut geworden ist?

Einleitung

Die Einleitung ist wieder einmal ein sehr wichtiger Text. Sobald man die winzige Schrift, in der sie gedruckt wurde, entziffert hat, stößt man auf eine Abfolge sehr interessanter Interviews, die Russell hierfür ausgewertet hat. Da ist zum Einen die Co-Autorin Philippa Boyens, die die Änderungen und Neuerungen an der Story klug zu rechtfertigen weiß.

Da ist sodann die OSCAR-geehrte Kostümbildnerin Ngila Dickson, von der wir erfahren, was sie sich bei den Kostümen der Hobbits und der Elben so gedacht hat. Auf das Hochzeitsgewand Arwens ist sie offenbar ganz besonders stolz.

Dan Hennah (er ist kurz in der Rüstkammer von Helms Klamm zu sehen) und Grant Major sind als Art Directors (Hennah löste Major ab) für alle Kulissen, Modelle, Ausstattungen an den Sets etc. verantwortlich gewesen und dirigierten die Konzeptdesigner Howe und Lee sowie die Pre-Visualisierungskünstler Paul Lasaine und Jeremy Bennett. Die Arbeiten dieser vier Künstler machen das Gros des vorliegenden Bandes aus, und deshalb ist er wohl das schönste der drei Artwork-Bücher geworden. Die Firma von Major und Hennah heißt „3Foot6“ (die angenommene Größe eines Hobbits) und des Öfteren sieht man in den Dokus Leute mit diesem Schriftzug auf der Schirmmütze durchs Bild wandern.

Ein Aspekt, der dem Zuschauer kaum auffällt, aber schon jetzt der Trilogie ihren Platz in der Filmgeschichte gesichert hat, ist die technische Handhabung der Farbgebung. Alle Bilder sind offenbar farblich manipuliert, um unterschwellig bestimmte Emotionen zu erzeugen – ähnlich wie die Musik. Dafür wurde extra eine neue Software geschrieben. Was diese bewirkt, war in einer der Dokus der ersten Extended-DVD angedeutet zu sehen: Wie jeder gewöhnliche Adobe Photoshop kann sie Stellen des Bildes digital aufhellen und abdunkeln. Darüber hinaus kann sie ganze Szenen mit einer einheitlichen Farbskala versehen – am deutlichsten ist dies in Lothlorien zu erkennen: Mit Ausnahme der später wieder einkopierten Anfangsszene, in der die Gefährten den goldenen Wald betreten, sind alle Objekte und Lichter mit einem Lavendelton versehen und alle Konturen weich gezeichnet. Lórien ist ein äußerst romantischer, magischer Ort.

Geradezu von höchster Ironie ist ein Umstand, den der Farbtechniker Peter Doyle von „The PostHouse“ erzählt: Weil das Außenlicht auf der Südhalbkugel aufgrund der dortigen Luftreinheit sehr hart und grell sowie das neuseeländische Gras „unvorstellbar grün“ ist, musste man beides digital nachbearbeiten – natürlich nur auf Film.

Nachwort

Das Nachwort von Peter Jackson: Ein ganz schön langer Text für ein Nachwort – hier etwa zwei Seiten. Sie sind von ungewöhnlichen Motiven flankiert: einem Schwarzen Reiter und einem Höhlentroll – Jacksons Art des Humors? Man weiß ja, dass er auf schräge Horroreffekte steht.

Jedenfalls: Er erzählt, wie er mit den Künstlern, die in diesem Buch verewigt sind, zusammengearbeitet hat. Bekanntlich war er es, der auf die (inzwischen weltbekannten) Illustratoren John Howe und Alan Lee bestanden hat. Sie und andere Zeichner und Designer überraschten ihn offenbar immer wieder mit bizarren Einfällen, so etwa für das Balrog, von dem zu Beginn nur die vageste Vorstellung von seinem Aussehen existierte. Tolkiens Beschreibung ist nicht sonderlich aufschlussreich. Daraus machten Howe & Co. jedoch die beeindruckendsten Action-Aufnahmen der ganzen Trilogie: Das Duell auf der Brücke von Khazad-dum (in Teil 1) und der anschließende Sturz in die Tiefen des Nebelgebirges, während Gandalf weiterhin das Balrog bekämpft (Anfang von Teil 2).

Langer Rede kurzer Sinn: Ohne die Pre-Visualisierung durch alle Künstler und Designer hätte Jackson den Film so nicht realisieren können, wie er heute zu sehen und zu bewundern ist.

Der Hauptteil

Der Hauptteil besteht aus den elf Kapiteln, in die sich der 3. Teil aufteilen lässt, bis hin zum „Epilog“. Den Beginn macht nicht etwa das überflutete Isengart (siehe oben), sondern der Eingang zum düsteren Morgul-Tal, wo sich Frodo und Sam unter Gollums Führung an der Festung des Hexenkönigs vorbeischleichen müssen, um die Endlose Treppe zu erklimmen.

Es wäre recht müßig (und mühselig) und langweilig, nun sämtliche Kapitel durchzuhecheln. Worauf es ankommt, ist ja mehr der Nutzeffekt für den Leser und Betrachter. Diesmal ist jedes einzelne Bild mit einem Kommentar versehen, der von seinem Urheber stammt. Wenn als Urheber „Three Foot Six Art Dept.“ angegeben ist, so kann man davon ausgehen, dass es sich um einen der Manager oder einen derart unbedeutenden Künstler handelt, dass er nicht in der am Schluss abgedruckten Liste des Teams zu finden ist. Unter anderem sind auch Entwürfe von Alan Lees Tochter Virginia zu sehen, ohne dass diese extra genannt wird. Der stolze Vater weist manchmal darauf hin.

Diese Kommentare erzählen mitunter richtige Geschichten. So erfahren wir beispielsweise, welche Mühe J. Bennett mit dem zweiten Tor von Gondor hatte. Es sah zunächst aus wie etwas aus Marokko, sollte aber eigentlich römisch oder wenigstens byzantinisch (also oströmisch) aussehen.

Solche Werdegänge zeichnen sich auch bei der Entstehung der endgültigen Entwürfe für die Rüstungen ab. Da sind eine ganze Reihe von militärischen Rängen unter den Gondorern: Infanterie, Zinnenwächter, schließlich die Elitetruppe der Brunnenwächter. Es ist mitunter recht erheiternd, dass frühe Entwürfe damit entschuldigt werden, dass sie vor der Ankunft John Howes entstanden. Erst Howe hat ja bekanntlich jeden Künstler über die Funktionsweise einer Rüstung aufgeklärt, wie die Dokus der 1. Extended-DVD belegen.

(Dass er das konnte, liegt daran, dass er selbst einem Klub angehört, der es sich zur Aufgabe macht, die ritterliche Vergangenheit wiederzubeleben. Ähnliche Klubs für „kreativen Anachronismus“ gibt es in Kalifornien, wo u.a. die Fantasy-Autorin Katherine Kurtz Mitglied ist.) [Dass man in Nordamerika versucht, eine der dortigen Kultur unbekannte ritterliche Vergangenheit zu beleben, finde ich recht putzig. Derlei „Reenactment“-Vereine gibt es bei uns ebenfalls reichlich. Anm. d. Lektors]

Ebenfalls amüsant sind die ersten Entwürfe für die Rüstungen, weil sie keineswegs europäisch anmuten, sondern auf orientalische und sogar „babylonische“ Quellen zurückgreifen. Welche das sind, verrät der Künstler nicht und es entzieht sich meiner Kenntnis. Weitere Quellen sind z.B. italienisches Möbeldesign, das auf Proportionen, Naturmaterialien und Funktionalität Wert legt.

Was mich zudem erstaunt hat, ist die Mühe und Sorgfalt, die auf so kurze Szenen wie Dunharg oder Cirith Ungol verwendet wurde. Beide Schauplätze erhielten ihr entsprechendes Design, und zwar nicht nur von den Malern wie Jeremy Bennett, sondern auch von den Großen: Alan Lee und John Howe. Oder wie es einer aus dem „3Foot6 Art Department“ sagte: „Wir waren entfesselte, besessene Irre!“

Grafische Qualität

600 Entwürfe, Skizzen, Gemälde und Digitalbilder aus dem Film sind zu bestaunen und zu „verdauen“. Man sollte sich einfach zwei oder noch mehr Stunden Auszeit nehmen, sich zurücklehnen und in eine andere Welt entführen lassen. Trotz dieser Bilderflut bleibt die eigene Vorstellungskraft unbeeinträchtigt, wie ich finde.

Die fotografische und drucktechnische Wiedergabe ist von ausgezeichneter Qualität. Die Kommentare etc. sind von Joachim Körber und Hans J. Schütz einwandfrei übersetzt, obwohl eigentlich Wolfgang Krege als „der“ Tolkien-Experte gilt. Der Preis für solch ein Werk ist keineswegs zu hoch; Kunstbände sind weitaus teurer.

Unterm Strich

Dieses Buch will sicher jeder haben, der sich ernsthaft mit dem Film und vielleicht auch mit Tolkiens Roman auseinandersetzt. Es gewährt ja einen Blick hinter die Kulissen, aber in künstlerischer Hinsicht. Denn dies hier ist der „Stand der Technik“, was die Konzepte angeht. Im Computer werden die Dinge nicht entworfen, sondern ausgearbeitet, verfeinert, koloriert usw. Was wir hier sehen, sind die ursprünglichen Grundlagen des Production Designs: die Ideen, mit denen dann CGI-Bearbeiter von Weta Digital, -Workshop und -FX, Kostümschneider, Bühnenbauer, Schmiede und all die anderen Handwerker als Grundlage arbeiten.

Insofern dokumentiert dieses Buch einen Meilenstein auf dem Weg der Weiterentwicklung des Fantasyfilms. Jacksons „Lord of the Rings“, bereits für für Teil 1 und 2 mit Oscars ausgezeichnet, setzt ja bereits jetzt Maßstäbe, und künftige Filmemacher werden sich daran messen lassen müssen. Wie armselig und unglaubwürdig sieht doch bereits jetzt der Film „Dungeons and Dragons“ aus.

Wer nur Spaß an einer guten Fantasystory sucht, braucht das Buch nicht – dem reichen der Roman (schon schwer genug zu lesen) und die drei Filme. Man kann ja das gesparte Geld in die DVD oder Blu-Ray mit all ihren Making-ofs und „Featurettes“ investieren und so viele schöne Stunden verbringen.

Michael Matzer (c) 2004ff
www.hobbitpresse.de

Smith, Chris – Herr der Ringe, Der: Waffen und Kriegskunst

Unter die Spezialdarstellungen über die Geschichte und den dreiteiligen Film „Der Herr der Ringe“ reiht sich dieses schöne Buch ein. Hier kommen nicht nur Rollenspieler und Tolkienfans voll auf ihre Kosten. Auch Einsteiger können von den historischen Darstellungen profitieren, denn sie erklären Ursachen und Hintergründe des Ringkrieges.

Der Autor und die Einleitungen

Chris Smith: Zu ihm macht der Verlag zwar keine Angaben, aber er war Angestellter der WETA-Workshop-Studios. Ich habe seinen Namen im Abspann von „Rückkehr des Königs“ entdeckt. Als WETA-Mitarbeiter hatte er natürlich hochrangigen Zugang zu allem möglichen Material: Informationen, Bilder, Interviews.
Daher ist es auch keine große Überraschung, dass sein Boss Richard Taylor die Einleitung zu Smiths Buch schrieb, zusammen mit Designer Daniel Falconer, der sämtliche Elbenkostüme und -waffen entwarf (und noch einiges mehr, wie man in den Art-Design-Büchern von Gary Russell feststellen kann). Die beiden liefern keinen Überfliegertext ab, sondern charakterisieren Mittelerde als einen Kontinent des Konflikts.
Die widerstreitenden Völker beschreiben sie in kurzen, prägnanten Sätzen und bringen somit das Thema des ganzen Buches indirekt auf den Punkt: Wie es die in der Minderzahl befindlichen Freien Menschen, die schwindenden Elben des Dritten Zeitalters und schließlich die kleinwüchsigen Hobbits schaffen konnten, gegen Saurons und Sarumans riesige Horden und Völkerschaften zu obsiegen. Und dass den Hobbits dabei eine besondere Rolle zufiel.

Das Vorwort stammt von Saruman-Darsteller Christopher Lee. Wir wissen ja von Peter Jackson, dass Lee eine Kapazität in Sachen Tolkien und besonders „Der Herr der Ringe“ ist, denn, wie Jackson auf der Extended-DVD von Teil 1 verrät, liest Lee dieses Buch jedes Jahr (!) einmal.
Lee erzählt, wie er über verschiedene Sagen und Mythen schließlich zur Lektüre von Tolkiens Büchern gelangte. Er betrachtet sich als Altphilologe, wie einst Tolkien sich selbst. Aus dieser Perspektive erscheint ihm insbesondere „Der Herr der Ringe“ als „Gipfel literarischer Erfindungskraft“. Und die Film-Trilogie Peter Jacksons, an der mitzuwirken er das Privileg gehabt habe (das schrieb er offenbar VOR seinem Boykott!), ist „Filmgeschichte…, die nicht übertroffen werden wird“. Darüber lässt sich trefflich streiten.
Lee charakterisiert das vorliegende Buch in einem Satz: „Viele militärische und historische Einzelheiten sind in [diesem Buch] festgehalten, und Leser dieses Buches werden weitere wertvolle Einsichten in die Geschichte des Ringkrieges gewinnen.“ Diesem Satz zumindest kann ich zustimmen.

Inhalte

Die komplette Darstellung folgt der chronologischen Abfolge der „historischen“ Ereignisse in Mittelerde während des Zweiten und Dritten Zeitalters. Allerdings hat der Autor Prioritäten gesetzt. Daher taucht die Beschreibung von Sauron und dem Einen Ring erst am Schluss auf, obwohl der Ring bereits im Zweiten Zeitalter geschmiedet wurde.

Fangen wir mal klein an: mit den Schlachtplänen und Übersichten

Der Prolog des ersten Films zeigt die letzte jener Schlachten, in der das Letzte Bündnis von Menschen (Númenorer) und Elben nach jahrelangem Krieg (3431-3446 ZA) Sauron besiegte und so das Zweite Zeitalter endete. Dies war die Schlacht auf der Dagorlad und an den Hängen des Schicksalsbergs, in der die Heerführer, der Elb Gil-galad und der Mensch Elendil, starben. Die Karte, die im Buch zu sehen ist, ist ziemlich einzigartig. Nur Karen Fonstad bietet auf Seite 47 (US-Ausgabe, 2. Auflage) ihres „Atlas von Mittelerde“ einen Vorgeschmack darauf, ohne allerdings zu sehr ins Detail zu gehen.
Die zweite entscheidende Schlacht tobt um Helms Klamm (132/133). Dieser Schlachtplan war bereits in Gary Russells Band über das Art Design von Teil 2 zu sehen. Neu ist hingegen der Schlachtplan für den Kampf um Minas Tirith (196/197).
Alle Schlachtpläne sind keine schematischen Darstellungen, sondern wirken wie Gemälde des echten Geschehens. Wir sehen also Nazgul im Bild, Schiffe, Reiter usw. Das lässt die Illustration viel lebendiger wirken. Um dennoch den Überblick zu erhalten, sind die einzelnen Kombattanten in chronologischer Abfolge durchnummeriert. Im Gondor-Schlachtplan fällt die Nummer 1 den Truppen von Minas Morgul zu, die Osgiliath einnehmen und dann weiter vorrücken. Nummer 10 ist den Schiffen aus Umbar vorbehalten, die den Anduin heraufsegeln und eine hübsche Überraschung bereithalten.

Illustrationen und Karten

Wer sich in den Gruben der Zwergenstadt von Moria orientieren will, konsultiert am besten die entsprechende Karte auf Seite 72. Eine Übersicht über die Reichweite von Waffen – ein entscheidender Faktor in der Kampftaktik und Kriegsführung – ist auf Seite 31 zu finden. Am weitesten fliegt ein Pfeil, der von Legolas‘ Galadhrim-Bogen abgeschossen wurde: 400 Meter!
Ein witziger Einfall sind die „echten historischen“ und seltenen Karten, die von den Zwergen und Elben sowie Númenorern angefertigt wurden und dementsprechend deren Schriftzeichen aufweisen. Wir sehen also auf der Zwergenkarte von Moria zwergische Runen oder Cirth. Auf einer númenorischen Karte von West-Mittelerde sind jedoch englische Wörter in elbisch anmutenden Buchstaben eingezeichnet (Seite 1). Auf Seite 145 ist eine elbische Karte von Gondor abgebildet, die elbische Tengwar-Schriftzeichen trägt. Die Krönung ist jedoch die orkische Karte vom Feldzug gegen Gondor, „die bei einer Orkleiche gefunden wurde“ (S. 171).
Ebenso liebevoll sind zahlreiche Design-Details, Entwürfe und Modelle abgebildet, die den diversen Völkern zugewiesen sind. Jede Seite ist gespickt mit grafischen Details, aber streng im Kontext gehalten. Es gibt keinerlei Beliebigkeit der Darstellung, und das ist gut so, denn sie würde Verwirrung stiften.

Historische Darstellungen

Als wirklich „sehr wertvoll“, wie Christopher Lee schreibt, erweisen sich die historischen Darstellungen, die natürlich in Textform vorliegen. Langweilige Zeittafeln gibt es also keine. Diese Ausführungen geben dem Leser, der vielleicht zum ersten Mal mit Tolkiens Universum in Kontakt kommt, nicht nur einen chronologischen Überblick über die Ereignisse im Zweiten und Dritten Zeitalter, sondern erklären auch die Gründe und Ursachen, wie es dazu kommen konnte. Diese Erklärungen muss man sich in den Filmen mühsam erarbeiten – kein Wunder, denn auf der Leinwand will man keine Laberköpfe sehen, sondern Action! So manche Szene, in der Galadriel und Gandalf Zusammenhänge erklären, wurde auf die Extended-DVD verbannt. Dramaturgisch gesehen ist das durchaus sinnvoll. Was einem dabei entgeht, kann man nun hier nachlesen.
Am spannendsten sind dabei vielleicht die letzten Kapitel: Aragorn, Sauron, Der Eine Ring. Dies sind die wichtigsten Teilnehmer an der letzten Auseinandersetzung vor und in Mordor. Mit der Vernichtung des Ring vergeht Saurons Macht in Mittelerde, und Aragorns Aufgabe besteht darin, Frodo die Zeit zu verschaffen, den Ring in das Feuer der Schicksalsklüfte zu werfen. (Die Ironie dabei ist ja, dass Frodo, indem er sich zum Besitzer des Rings erklärt, seine Freunde verrät: Es scheint, als habe der Ring ihn doch noch überwältigt. Und an dieser Stelle kommt zum Glück Gollum ins Spiel. Was nur zeigt, dass Frodo kein Überwesen, sondern „auch nur ein Mensch“ ist.) Die Ausführungen zum Ring sind deshalb so wichtig, weil es anscheinend viele Zuschauer nicht begreifen (können), von welcher Natur der Ring ist.

Beschreibung der Waffen und ihrer Anwender

Für Rollenspieler und solche, die es werden wollen, ist diese Komponente natürlich die wichtigste. Sie erfahren alles, einfach absolut ALLES über die jeweiligen Waffen und ihre Besitzer bzw. Anwender. Hier greift der Autor auf die Fülle an Infos zurück, die ihm nur der WETA Workshop liefern konnte: Hier wurden ja schließlich alle Waffen, Rüstungen, Banner usw. hergestellt.

Elben

Ein typisches Kapitel ist beispielsweise die Beschreibung der „Elben des Zweiten Zeitalters“, die wir im PROLOG sehen. Die – mitunter seitenlangen – Textkästen sind wie folgt eingeteilt: Schild, Bogen, Schwert, Speer, Rüstung.

Gil-galad

Ihr Heerführer Gil-galad wird kurz vorgestellt (inklusive Familienemblem!), dann folgen Textkästen zu Schild, Rüstung und Speer. Dieser Speer allerdings ist berühmt, so wie bei den Menschen die Schwerter. Es handelt sich um Aiglos, zu deutsch „Eiszapfen“. Diese Waffe wird detailliert beschrieben, wozu auch die magische Inschrift gehört – denn diese Inschriften verliehen allen elbischen Waffen, etwa Andúril oder Narsil, zusätzliche Macht: „Gil-galad führt einen prächtigen Speer; Der Ork wird meine eisige Spitze fürchten. Wenn er mich erblickt in Todesfurcht, Wird er meinen Namen kennen: Aiglos.“ (Ich lasse die elbische Variante weg.)

Berühmte Schwerter

Für Tolkienfans ebenso interessant sind die Schwerter von Elendil (Narsil), Elrond (Hadhafang), Gandalf (Glamdring; es gehörte einst dem König von Gondolin), Isildur, Théoden und Frodo (Stich). Besonderes Augenmerk gilt Aragorn Schwert Andúril und seinem restlichen Arsenal, dem noldorischen Jagdmesser (mit Elbeninschrift) und dem Bogen.

Das Balrog

In der Szene „Die Brücke von Khazad-dum“ mag sich so mancher aufmerksame Zuschauer gefragt haben, wo, zum Geier, das Balrog seine Waffen trägt: das feurige Schwert und dann, als das Schwert an Glamdring zerbricht, die enorme Peitsche. Die überraschende Antwort: Es trägt die Waffen in seinem Leib! Da es sich bei dem Balrog um einen Maia handelt, eine höhere Macht, kann es sich formen, wie es will. Und es kann nur von einem gleich- oder höherrangigen Wesen, einem anderen Maia, besiegt werden: Gandalf. (Nur ein Vala stünde noch höher als ein Maia. Auch Sauron gehört dieser Spezies an.)

Die Ringe

Auf indirekte Weise sind auch die RINGE zu den Waffen zu zählen. Daher werden sie in der „Geschichte des Ringkriegs“ ganz am Anfang (S. 2) vorgestellt: Die drei wunderschönen Elbenringe Narya (Ring des Feuers), Vilya (Ring der Luft) und – als mächtigster der drei – Nenya (Ring des Wassers). Dieser gehört Galadriel, und im Film zeigt sie ihn Frodo. Gil-galad trug Vilya zuerst, nach seinem Tod Elrond. Narya wurde zuerst Círdan, dem elbischen Schiffsbauer in Lindon, gegeben, doch dieser gab ihn Gandalf, als dieser Istar in Mittelerde ankam (um etwa 1000 DZ).

Sauron hatte sich im 2. Zeitalter als Geschenkegeber Annatar bei dem Elbenschmied Celebrimbor eingeschmeichelt, um die Schmiedekunst zu erlernen und zu beherrschen. Er schuf den Einen Ring ebenso wie Ringe für Zwerge und Menschenkönige, um alle zu beherrschen: Die Schätze der Zwergenkönige fielen in die Hände von Drachen oder Orks, die Menschenkönige wurden Nazgul, Ringgeister. (Wie er sie 3000 Jahre lang beherrschen konnte, nachdem er den Einen Ring verloren hatte, bleibt unklar, wie der Tolkien-Übersetzer Wolfgang Krege moniert. Aber sie waren längst Saurons Sklaven geworden.)

Der Eine Ring ist besonders schön dargestellt: Das Foto, das ihn an Saurons schwarzem Finger zeigt, beansprucht eine ganze Seite: Die Inschrift in Schwarzer Sprache (aber elbischen Schriftzeichen) glüht gelb. Wer sich mal gefragt hat, warum Sauron als einziges Wesen, das je diesen Ring trug, NICHT verschwand, hier wird er verstehen: Sauron ist der einzig wahre Gebieter des Rings, im wahrsten Sinne des Wortes „the lord of the rings“. Alle anderen Träger verschlingt der Ring, über kurz oder lang. Diese Inschrift wird als Grafik und als Text nochmals wiedergegeben und übersetzt.

Das Sachregister

Wenn man den Waffen- und Rüstungsexperten John Howe, einen der Konzeptdesigner bei Jacksons Filmprojekt, fragen würde, woraus eine Rüstung besteht, so würde er dem unbedarften Zuhörer wahrscheinlich die Fachausdrücke um die Ohren hauen.
Um diesen Effekt zu vermeiden, wenn Aus-Rüstungen fachgerecht beschrieben werden, gibt es das fünf Seiten lange Sachregister. Wenn also plötzlich von einem „Ricasso“ die Rede ist, so schlägt man unter R nach und erfährt unter diesem Begriff: „Der obere Teil der Schwertklinge, der im allgemeinen nicht scharf geschliffen ist, da Krieger oft ihren Zeigefinger vor der ‚Parierstange‘ (siehe dort) platzierten. (usw.)“ Aha. Und so muss man dann zu „Parierstange“ blättern usw., bis man schließlich alle Teile eines Schwertes kennen gelernt hat. Viggo Mortensen könnte einem dazu manches erzählen, so etwa die Story, wie er schwertschwingend durch friedliche neuseeländische Straßen lief und von der Polizei angehalten wurde, die besorgte Anwohner gerufen hatten.
Das Register schließt mit einem altenglischen Satz, der vermutlich direkt aus dem „Beowulf“-Epos stammt. Der Satz wird nicht übersetzt. Eine versteckte Aufforderung, mal den „Beowulf“ zu lesen?

Unterm Strich

Dieser prächtige Band ist nur mit den drei Design-Art-Bänden von Gary Russell zu vergleichen. Dabei könnte man sagen, dass er zum Teil die Quintessenz daraus bietet, indem er sich auf nur einen einzigen Aspekt konzentriert: Waffen, Krieger und Kriegskunst.
Das wäre aber nicht die ganze Wahrheit, wie man an meiner Inhaltsangabe ablesen kann. Das Buch bietet viel mehr. Es spricht nicht nur den Rollenspieler an, indem es massenhaft Details zu den Waffen etc. liefert, sondern informiert und unterhält auch jene Leser, die die Welt von Mittelerde nicht nur aus der kriegerischen Perspektive kennen lernen wollen.
Ihnen kommen die historischen Darstellungen entgegen, die schönen Illustrationen und „garantiert echten“ Landkarten auf „echtem Pergament“. Und sie erfahren, welche Bedeutung der Eine Ring letzten Endes für die Geschichte hat. Dabei bleibt der Autor immer auf dem Teppich, versteigt sich nie zu literarischen Interpretationen – das ist Gelehrten wie Tom Shippey vorbehalten.

Aber auch dieses Buch weist Fehler auf, die selbst dem Übersetzer und dem Korrektor entgangen sind. Auf Seite 209 wird behauptet, Sauron habe einmal „Minas Tirith“ erobert. Das ist nicht zutreffend, wenn ich die Annalen richtig kenne. Wenn man daraus allerdings „Minas Ithil“, das spätere „Minas Morgul“ macht, wird die Beschreibung sinnvoll. (In Minas Morgul erbeutete Sauron einen der Sehenden Steine, den Palantir, und konnte damit sowohl Saruman als auch Denethor täuschen und bezwingen. Und später schlug dort der Fürst der Nazgul, vormals der Hexenkönig von Angmar, sein Hauptquartier auf.)
Zudem ist bei der Berechnung von Aragorns Lebensalter ein Rechenfehler aufgetreten und bei der Anzahl der Reiter von Rohan hat sich eine zusätzliche Null eingeschlichen.

Fazit: Ich kann das Buch unter den genannten Bedingungen uneingeschränkt empfehlen. Zumal es nun mit 15 Euro einen recht günstigen Preis aufweist. Da ein Hardcover fehlt, sollte man es pfleglich behandeln.

Ein Tipp: Der erwähnte „Atlas von Mittelerde“ bildet eine sinnvolle Ergänzung für Rollenspieler und andere Tolkienisten. Die ausgebildete US-Geografin Karen Wynn Fonstad hat Karten zu allen Zeitaltern und wichtigen Ereignissen des „Herrn der Ringe“ gezeichnet und kommentiert. Die Kommentare stützen sich in erster Linie auf Tolkiens eigene (mitunter widersprüchliche) Angaben. Die 2. Auflage von 1991 (Klett-Cotta, Stuttgart, 1994) enthält korrigierte und erweiterte Darstellungen. Auf diese sollte man sich also stützen.

Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)
www.hobbitpresse.de

Daniel Falconer – Der Hobbit – Eine unerwartete Reise: Chroniken 2. Geschöpfe und Figuren

An der Entstehung des Films »Der Hobbit – Eine unerwartete Reise« sind hinter den Kulissen viele Künstler und Experten für Make-up, Kostüme und Special Effects beteiligt. Leser können im ersten Band der »Hobbit-Chroniken«-Serie erneut den Prozess ihrer Arbeit anhand von über 1000 Set-Fotos, Zeichnungen und Erläuterungstexten verfolgen. Ein farbenfrohes und informatives Juwel für jeden Hobbit-Fan! (erweiterte Verlagsinfo) Das Vorwort schrieb Ko-Regisseur und Gollum-Darsteller Andy Serkis, die Einleitung Joe Letteri.

Der Autor

Daniel Falconer – Der Hobbit – Eine unerwartete Reise: Chroniken 2. Geschöpfe und Figuren weiterlesen

Daniel Falconer – Der Hobbit – Eine unerwartete Reise: Chroniken 1. Kunst und Gestaltung

Kunst & Gestaltung des HOBBIT: Actionbilder & wertvolle Infos

An der Entstehung des Films »Der Hobbit – Eine unerwartete Reise« sind hinter den Kulissen viele Künstler und Experten für Make-up, Kostüme und Special Effects beteiligt. Leser können im ersten Band der »Hobbit-Chroniken«-Serie erneut den Prozess ihrer Arbeit anhand von über 1000 Set-Fotos, Zeichnungen und Erläuterungstexten verfolgen. Ein farbenfrohes und informatives Juwel für jeden Hobbit-Fan! (erweiterte Verlagsinfo) Die Einleitung schrieb Chefbühnenbildner Dan Hennah.

Der Autor

Daniel Falconer – Der Hobbit – Eine unerwartete Reise: Chroniken 1. Kunst und Gestaltung weiterlesen