Bernhard Borge – Tote Männer gehen an Land

Borge_Tote_Männer_Cover kleinDas geschieht:

Norwegen im Jahre 1938: Der Ölmagnat, Großspekulant und Multimillionär Arne Krag-Anderson ist nicht nur erfolgreich, sondern auch ein Liebling der Medien. Er ist jung, gutaussehend und pflegt neben einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung ein seltsames Hobby: Krag-Anderson sammelt Häuser. Auf der ganzen Welt kauft er sie in allen Größen, je älter und seltsamer, desto besser.

Seine aktuelle Neuerwerbung liegt auf einer Halbinsel vor der Vest-Agder-Küste im Sörland. Der berüchtigte Jonas Korp erbaute den „Kaperhof“ mit Schätzen, die er als Pirat während des norwegisch-englischen Seekriegs (1807-1814) zusammengerafft hatte. Als ihn die Engländer 1812 in eine Falle locken konnten, befreite sich Korp, indem er mit Hilfe seines Kumpanen, des Magiers Jörgen Uhl, einen Pakt mit dem Teufel einging, dem er seither dienen muss. Untot und ruhelos befahren er und seine unglückliche Mannschaft seither auf der „Krebs“ die Nordsee, munkeln abergläubische Bürger und Fischer, die ungern in die Nähe des Kaperhofes kommen. Auch dort soll es umgehen, nachdem Korp das mit Kunstschätzen vollgestopfte Anwesen mit einem Fluch belegte: Tod und Verderben drohen dem, der es wagt, auch nur ein Möbelstück zu verrücken!

Krag-Anderson stellt sich der Herausforderung nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Verlobten Monika Winterfeldt und vier guten Freunden: Paul Rickert, Vertrauter und Faktotum, Schriftsteller Karsten Järg sowie Ex-Polizist Tancred Cappelen-Jensen und Ehefrau Ebba. Ihr Übermut erhält einen Dämpfer, als sich die Zeichen mehren, dass es auf dem Kaperhof tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht. Dazu kommt die Feindseligkeit der Bevölkerung, die sich an Krag-Andersons Plan stößt, das Gut zu einem Ferienhotel umzubauen. Unklar bleibt, welche Rolle der zwielichtige Privatgelehrte Pahle spielt, ein ehemaliger Priester, der sich sehr für Schwarze Magie interessiert, über erstaunliche Suggestionskräfte verfügt und gut Freund mit dem unheimlichen Fischer Rein ist, den Tier und Mensch fürchten wie den Leibhaftigen …

Mörder und Spielverderber

Eine kleine, aber wunderbare Geschichte, ein Kleinod der Unterhaltungsliteratur, die von der Zeit völlig überrollt wurde. Zumindest in Deutschland trifft dies zu, während in Norwegen, dem Heimatland des Verfassers, „Tote Männer gehen an Land“ weiter in Ehren gehalten wird. Bernhard Borge war ein Pseudonym – eines von vielen, derer sich Jarl André Bjerke (1918-1985) bediente. „Tote Männer gehen an Land“ verfasste er nicht solo, sondern gemeinsam mit dem (in der deutschen Ausgabe unerwähnt bleibenden) Schriftsteller-Kollegen Bjørn Carling (1919-2005), der unter dem Namen Erik Vendel zu den großen Gestalten des klassischen norwegischen Kriminalromans gehört.

Ihnen gelang ein Werk, das sich mühelos mit den Meistern des angelsächsischen Spannungs- und Schauerromans der klassisch gepflegten Art messen kann. Dabei drängt bei der Lektüre sofort ein Name in den Vordergrund: John Dickson Carr (1906-1977), der ein enzyklopädisches Wissen um die Mechanismen des Krimis mit einer lebenslangen Vorliebe für das Unheimliche kombinierte. Seine Spezialität waren unglaublich komplizierte, weil rational unmögliche Morde in verschlossenen Räumen, die eigentlich nur Gespenster begangen haben konnten. Doch im großen Finale stellt dann ein allwissender Kriminalist dass (und wie) alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Diese stets logische, auf der anderen Seite recht unromantische Auflösung zerstört leicht die Wirkung einer solchen Geschichte und befriedigt wohl in erster Linie Literaturkritiker u. a. nüchterne Zeitgenossen. Stets spielt dabei der fatale Irrglaube, dass nur die Armen im Geiste an (erfundene) Geister glauben, eine unheilige Rolle. Es gilt als unfein, die unheimliche Literatur zu schätzen. Zumindest ein Feigenblatt wird deshalb gern in Anspruch genommen.

Eigentümliche Umtriebe in bekanntem Umfeld

Die Elemente einer typischen „Ghost Story“ sind grundsätzlich überschaubar. Gerade das sorgt für den besonderen Reiz; die scheinbare Transparenz des Geschehens wirkt wie das Vorzeigen offensichtlich leeren Hände bei einem Bühnenmagier: Seht genau hin, hier wird euch nichts vorgegaukelt!

Natürlich ist genau das Gegenteil der Fall. Der Magier täuscht uns, und im Geisterhaus beginnt es zu wispern, seltsame Schatten tauchen auf. Lange wollen die Bewohner nichts von Spuk wissen, sondern suchen nach ‚rationalen‘ Erklärungen. In der Regel wird eifrig über die Vorgeschichte des heimgesuchten Hauses recherchiert. Auch Borge informiert ausführlich über den Kaperhof und seinen zwielichtigen Bauherrn.

Die Geschichte spielt in einer Zeit und an einem Ort, die und der noch immer von Folklore i. S. von Aberglaube geprägt ist. Ohnehin passt die Sommergesellschaft auf dem Kaperhof nicht in das soziale Umfeld. Krag-Anderson und seine Begleiter wollen sich gar nicht akklimatisieren. Was Bauern und Fischer schaudern lässt, dient ihrer amüsierten – und blasierten – Unterhaltung.

Auch mit anderen Plänen stößt Krag-Anderson seine ‚Nachbarn‘ vor die Köpfe. Aus dem Kaperhof soll ein Hotel werden, was Fremde dauerhaft an die Vest-Agder-Küste bringen würde. Nicht ausschließlich Menschenscheu lässt die einheimische Bevölkerung dagegen aufstehen: Hier hat sich eine Schattenwelt etabliert, die das Tageslicht in Gestalt eines allzu präsenten Gesetzes mindestens ebenso scheut wie den Geist des Kapitäns Korp.

Spukt es oder treiben Gauner ihr Unwesen?

Die Arroganz der Neunmalklugen ist heute nicht mehr so ausgeprägt wie einst. Als der Ullstein-Verlag vor mehr als einem halben Jahrhundert seinen Lesern „Tote Männer gehen an Land“ präsentierte, fühlte sich dort jemand verpflichtet, vorab zu versichern, dass der Verfasser sich beeilen werde, „die seltsamsten Phänomene in einer Art zu erklären, die nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlässt“.

Tatsächlich – und glücklicherweise – kommt es anders. Borge hat keine Probleme damit, dem Leser die Entscheidung zu überlassen. Letztlich präsentiert er zwei Lösungen: die eine strikt rational, die andere wahrhaft übernatürlich. Dies geschieht völlig ungezwungen, sodass der Geschichte ihr Zauber erhalten bleibt.

Ohnehin ist diese längst nicht so simpel, wie der gestrenge Kritiker vielleicht meint. Borge weiß sehr genau, dass er keine große Literatur, sondern spannende Unterhaltung schreibt. Das ist eine gar nicht so einfache Aufgabe, wie jeder Leser bestätigen wird, der wieder einmal Zeit und Geld an eine von ‚guten‘ oder wenigstens prominenten Autoren tot geborene Story verschwendet hat. Borge macht es richtig. Der Plot mag ohne echte Überraschungen bleiben, funktioniert aber innerhalb der selbst gesteckten Grenzen vorzüglich, die Figuren stehen mit beiden Beinen in ihrer imaginären Welt. Dass die toten Männer in Norwegen an Land gehen, fällt dagegen weniger ins Gewicht – dies könnte an jeder beliebigen Nordseeküste geschehen. Doch wo steht geschrieben, dass jeder Roman aus (exotischem) Ausland eine Lektion in Folklore bieten muss?

Autor

Bernhard Borge – Schriftsteller, Abenteurer, Geisterjäger; einen skandinavischen Tintin (ohne Struppi) für leidlich Erwachsene könnte man ihn nennen. Dabei hat es ihn gar nicht gegeben. Bernhard Borge war ein Pseudonym und nur eines von vielen, derer sich André Bjerke (1918-1985) bediente.

Er war ein Multitalent des Unterhaltungsromans. Kein Wunder, dass man diesen Mann in seinem Heimatland auch Jahrzehnte nach seinem Tod nicht vergessen hat. Hier werden seine Werke noch heute immer wieder aufgelegt oder in Hörspiele verwandelt. „De dødes tjern“ wurde 1958 als Produktion der Norsk Film AS unter der Regie von Kåre Bergstrøm (auch Drehbuch) verfilmt.

Taschenbuch: 185 Seiten
Originaltitel: Døde menn går i land (Oslo : Aschehoug 1947)
Übersetzung: Karl Christiansen
www.ullsteinbuchverlag.de

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