Karl Schroeder – Planet der Sonnen (Das Buch von Virga 1)

Es gibt verschiedene Arten der Science Fiction, doch oft bietet sie ein Spielbrett für die faszinierendsten Weltenschöpfungen als Weiterentwicklung aus unserer Welt, und dort, in oder auf den fremden Planeten, spielen sich dann die Geschichten ab, die den Schriftstellern am Herzen liegen. Virga, Karl Schroeders „Planet der Sonnen“, ist so eine Welt. Sie bietet durch ihre Einzigartigkeit einen nahezu unbegrenzten Spielraum für Geschichten, denn, was sie von anderen Planeten unterscheidet, sie ist eher eine Sauerstoffsphäre im äußeren Bereich eines fernen Sonnensystems, gigantisch und doch weitgehend leer, schwerelos und mit unzähligen Attributen beschreibbar. In ihrem Zentrum schwebt Candesce, die erste Sonne, ein künstliches Gebilde, um das sich Habitate, drehende Städte, Planetoiden oder Plattformen bewegen und den Menschen als Lebensraum dienen.

Je weiter diese einzelnen bewohnten Bezirke von der ersten Sonne entfernt sind, desto mehr Material befindet sich zwischen ihm und dem Licht, weshalb Licht und Wärme ein kostbarer politischer und wirtschaftlicher Faktor ist. Es gibt weitere, kleinere Sonnen innerhalb Virgas, die kleine Lebenssphären in der Kälte der weiten Sphäre bilden und ihre jeweiligen Nationen mit Licht und Wärme versorgen. Wer keine eigene Sonne hat, ist abhängig von größeren Nationen, die ihrerseits diese Abhängigkeit erhalten wollen und daher oft den Bau eigener Sonnen sabotieren, verbieten, verhindern.

Hayden Griffin ist ein junger Bewohner der Nation Aerie, die von einer eigenen Sonne träumt und keine Mühen und Gefahren scheut, dieses Ziel zu erreichen. Aerie ist von der Nation Slipstream abhängig, doch da sich Slipstream auf einem frei fallenden Planetoiden durch die Sphäre Virgas bewegt, wird sie und ihre Sonne den Bereich von Aeries Habitaten in absehbarer Zeit verlassen und der Dunkelheit und Kälte überantworten. Trotzdem will Slipstream sich die Vorherrschaft erhalten und zerstört auf brutale und blutige Weise die neue Sonne und Teile Aeries. Griffin überlebt das Massaker und schwört dem befehlshabenden Admiral Rache.

Jahre später wird Slipstream selbst von mehreren Seiten bedroht. Besagter Admiral Fanning zieht mit einer kleinen Flotte von Schiffen aus, heimlich eine ultimative Waffe zu schaffen. Der Schlüssel dazu ist erstens die erste Sonne Candesce, zweitens eine Außenweltlerin, die überlegene Technik repräsentiert und die es aus unbekannten Gründen nach Virga verschlagen hat.

Hayden Griffin, auf der Suche nach der richtigen Chance, seine Rache zu vollenden, wird als persönlicher Pilot von Venera Fanning, des Admirals Frau, angeheuert und begleitet die abenteuerliche Expedition. Doch lange wartet er vergeblich auf eine Gelegenheit zum Mord, erfährt durch seine Nähe zu Fannings Frau ganz neue Informationen über den Ablauf des damaligen Massakers, erfährt die Gefahren und die Geheimnisse Virgas, verliebt sich in die Außenweltlerin und erhält auch noch die einmalige Chance, Aerie zu einer neuen Sonne zu verhelfen … Ihn quälen viele Fragen: Ist Fanning schuldig? Kann die Schuld überhaupt zugeordnet werden? Was verbirgt Virga noch für Geheimnisse? Was hält die NI, die Natürliche Intelligenz, die außerhalb Virgas alles beherrscht, vom Eindringen in die Sphäre ab, und was verbirgt die Außenweltlerin Aubri Mahallan für ein dunkles Geheimnis?

Fragen über Fragen, auf deren viele der Roman eine Antwort liefert. Geheimnisvoll und faszinierend bleibt sowohl Virga als auch der Rest des von Menschen und der NI besetzten Universums, hier kratzt Karl Schroeder nur an der Oberfläche, wirft ein paar heftige Brocken hin und entwirft mit diesem Roman gleich zwei so gegensätzliche Zukunftsvisionen, dass man unbedingt nach neuen Romanen aus diesem Material verlangt, um mehr darüber zu erfahren.

Viele Charaktere erhalten ihre Chance in diesem Roman, doch nur wenige wichtige erhalten mehr als ein paar porträtierende Striche. Hayden Griffin, die Fannings, ein grau gekleideter Agent, der so hintergründig ist, dass ich ihn mit „Herr Schmidt“ anreden würde, da ich seinen Namen immer vergesse, die Außenweltlerin Aubri Mahallan … Das sind Protagonisten mit Ecken und Kanten, wohl keiner von ihnen hat eine weiße Weste, manchen drückt ein Gewissen, andere scheinen auf zwei unterschiedlichen Seiten zu stehen. Schroeder macht zwar Griffin zu seiner Hauptfigur und zum Sympathieträger, aber gerade auch die merkwürdige Vielschichtigkeit von Venera Fanning macht sie zu einem interessanten Charakter. Da sie das Ende des Buches auch erlebt, kann man sicherlich damit rechnen, nochmal von ihr zu lesen.

Das Geheimnis Aubri Mahallans ist so komplex und gefährlich für die Sphäre, dass Schroeder sich bei seiner Offenbarung auf Eckpunkte beschränken musste. Trotzdem eröffnet er damit einen verstörenden Eindruck der Welt und des Lebens außerhalb Virgas, so dass man froh sein kann, ein Bewohner dieser Welt zu sein und von der anderen Seite weitgehend in Ruhe gelassen zu werden – so schwer das Leben auch sein kann.

Virga ist eine Welt, die von skurrilen Gegensätzen nur so strotzt. Schroeder streut schrittweise Informationen ein und entwirft so ein detailiertes Bild dieser Sphäre, in der die Schwerkraft nur durch Fliehkraft simuliert wird, Sturm ein Ausdruck der Eigengeschwindigkeit ist, Kugeln, die ihr Ziel verfehlen, jahrelang im freien Fall durch die Welt sausen und irgendwo eine verheerende Wirkung erzielen können … Es ist eine Welt voller Rätsel, und es verspricht eine spannende Reise zu werden, auf die uns der Autor hoffentlich in künftigen Romanen mitnimmt.

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel:
Book One of Virga: Sun of Suns
Aus dem Englischen von Irene Holicki
ISBN-13: 978-3453526266

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