Conrad Anker/David Roberts – Verschollen am Mount Everest

Anker Robert Verschollen am Mount Everest Cover 2000 kleinNachdem 1999 der mumifizierte Leichnam des möglichen Mount-Everest-Erstbesteigers George Mallory gefunden wurde, kehrte die Geschichte der Gipfel-Expedition von 1924 in die multimediale Gegenwart zurück; auch dieses Buch erläutert Rolle und Bedeutung dieses historischen Unternehmens. Der faktenreiche Text leidet unter der Ärmlichkeit des Bildmaterials und ist nur einer von vielen, inhaltlich zum Teil deckungsgleichen Beiträgen zum Thema.

Große Erwartungen, übermächtige Realität

Im Jahre 1999 ging es durch alle Medien: Auf einem Steilhang des Mount Everest hatte in über 8000 Metern Höhe eine Expedition die Leiche von George Mallory entdeckt. Genau ein Dreivierteljahrhundert war dieser aufgebrochen, den höchsten Berg der Erde zu erklimmen und dabei spurlos verschollen. Was bisher nur vermutet werden konnte, wurde nun Gewissheit: Mallory hatte das gewagte Unternehmen nicht überlebt.

Seine Geschichte war schon zuvor oft erzählt worden: Im Jahre 1924 macht sich eine Gruppe unerschrockener Männer auf, den höchsten Berg der Erde zu besteigen bzw. zu erobern. Sie sind Engländer zu einer Zeit, als es im Gefüge des britischen Weltreiches zwar schon ordentlich kracht, es aber immer noch eine Weltmacht mit überaus nationalstolzen Bürgern ist. George Mallory und seine Gefährten sind typische Vertreter eines seither untergegangenen, in zahllosen Büchern und Filmen verewigten und karikierten Menschenschlags, der selbst in lebensbedrohlichen Situationen und gerade dann unerschütterlich die Haltung bewahrt. Damit wissen Mallory und seine Männer ihre Zeitgenossen für sich einzunehmen, und sie verfügen nachweislich über außerordentlichen Mut und überdurchschnittliches Können: Kein Wunder also, dass die Welt 1924 nach Tibet blickt.

Aber die Männer stehen auch unter Druck. In drei vorangegangenen Jahren sind bereits zwei Gipfelexpeditionen gescheitert. Es ist fraglich, ob eine weitere finanziert werden könnte. Mallory hat an beiden Versuchen teilgenommen. Sein Ruf als Meisterkletterer hat dabei Kratzer abbekommen, und mit seinen 38 Jahren ist er nicht mehr der Jüngste. Eine Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg macht ihm zu schaffen. In England erwarten ihn eine ungewisse berufliche Zukunft und ein ungeordnetes Privatleben: George Mallory braucht den Erfolg, und er braucht ihn bald.

Ruhmreich im Nichts verschollen

Schon ohne diese Belastung ist die Besteigung des Mount Everest ein lebensgefährliches Unternehmen. Niemand kennt die Auswirkungen eines längeren Aufenthaltes in einer Höhe von beinahe neun Kilometern auf den menschlichen Körper. Die Ausrüstung dieser Zeit ist absolut unzulänglich. Dennoch wagen Mallory und sein junger Begleiter Andrew Irvine den Aufstieg zum Dach der Welt. Als sie zum letzten Mal gesehen werden, scheinen sie ihrem Ziel zum Greifen nahe gekommen zu sein. Dann verschwinden sie am 8. Juni 1924; für sie und ihre Familien eine Tragödie, gleichzeitig aber der direkte Weg in die Unsterblichkeit, denn sie gewinnen durch die Größe ihres Scheiterns einen Ruf, den sie vermutlich nicht einmal errungen hätten, wäre ihr Vorhaben geglückt.

In dem Dreivierteljahrhundert nach ihrem Verschwinden wurde immer wieder über ihr Schicksals spekuliert. Im Vordergrund stand die Frage, ob sie es vor ihrem Ende womöglich doch geschafft hatten, den Mount Everest zu besteigen – drei Jahrzehnte vor Edmund Hillary und Tenzing Norgay (1953). Viele Versuche wurden seither unternommen, das Rätsel zu klären. Doch erst als sich 1999 der Tag des tragischen Gipfelsturms medienwirksam zum 75. Mal jährte, fand die gut vorbereitete und gezielt suchende „Mallory & Irvine Research Expedition“ auf einer Höhe von 8160 m den Leichnam George Mallorys. Der Bergsteiger war bei einem Sturz ums Leben gekommen. Sein Körper hatte sich in der eisigen Luft erhalten. Die Entdecker konnten zahlreiche Instrumente, Briefe und persönliche Gegenstände sicherstellen, die später sorgfältig ausgewertet wurden und zusätzliche Erkenntnisse über die Expedition von 1924 erbrachten.

Kritische Bestandsaufnahme

„Verschollen am Mount Everest“ ist weder das erste noch das einzige Buch, das die Abenteuer der „Mallory & Irvine Research Expedition“ beschreibt. Jochen Hemmleb, Larry Johnson und Eric Simonson, drei weitere Teilnehmer, haben ihre Erfahrungen ebenfalls schriftlich niedergelegt („Die Geister des Mount Everest“), Ihr Buch erschien nur fünf Monate nach dem Abschluss der Expedition – eine beachtliche Leistung und ein schöner Beleg dafür, dass in der heutigen Medienwelt hauptsächlich der frühe Vogel den Wurm fängt.

Zwischen den beiden Büchern gibt es verständlicherweise große inhaltliche Ähnlichkeiten aber auch interessante Unterschiede. Liest man sie parallel, kann man leicht den Eindruck gewinnen, es hätten sich 1999 zwei völlig unterschiedliche Expeditionen auf die Suche begeben. Hemmleb, Johnson und Simonson auf der einen und Anker und Roberts auf der anderen Seite streichen ihre Rollen heraus und rücken die übrigen Teilnehmer unauffällig in den Hintergrund. Das lässt Rückschlüsse auf die ‚Harmonie‘ unter den Teilnehmern zu, macht aber vor allem deutlich, was man zynisch so ausdrücken könnte: Mallorys morsche Knochen sind blankes Gold wert! Den von allen schreibenden Teilnehmern gern und reichlich geäußerten schönen Worten über die Würde des toten Bergsteigers zum Trotz wurde dessen Leiche tüchtig gefleddert, und dies gleich zweimal – unmittelbar nach ihrer Auffindung, als man Mallory die Taschen leerte, und dann im übertragenen Sinn und mit vielen Bildern in den Büchern.

In dieser Beziehung stehen die Autoren des vorliegenden Bandes allerdings weniger gut da. Offensichtlich haben sich ihre Konkurrenten zumindest die Bildrechte am Mallory-Kadaver sichern können. So sehen wir bei Anker und Roberts hauptsächlich schneebedeckte Berge und nur ein Foto vom bäuchlings im Gesteinsschutt festgefrorenen Gipfelstürmer. Die fehlenden Abbildungen machen die Autoren durch Beschreibungen der Leiche wett, die an Deutlichkeit (leider) nichts zu wünschen übrig lassen und das in der Presse gern und ausgiebig beschworene Bild vom friedlich entschlafenen und wundersam als „Marmormumie“ aus dem Dämmer der Geschichte getretenen Everest-Pionier Mallory nachhaltig Lügen straft. („Der Körper war regelrecht ausgehöhlt worden. Man konnte Körner und die Reste dessen sehen, was Mallory vor seinem Tod zu sich genommen hatte.“)

Medienkrieg um eine Mumie

Die Notwendigkeit, ein wenig tiefer graben zu müssen als die Konkurrenz, hat allerdings auch ihr Gutes. Anker und Roberts sind, auch was den lebendigen George Mallory angeht, deutlich weniger von übersteigerter Ehrfurcht erfüllt als ihre ehemaligen Expeditionsgefährten. Der Held des Everest war ein Ausnahme-Bergsteiger, aber eben auch ein vom Ehrgeiz getriebener, im Leben wenig erfolgreicher, im Gebirge eher durch Wagemut als durch Planung, Teamgeist und Rücksicht glänzender, seelisch unausgeglichener und womöglich bisexueller Bruder Leichtfuß: Das ist Sand im Getriebe der modernen Mallory-Marketing-Maschinerie aber gleichzeitig der Beweis dafür, dass George Mallory ein ganz normaler Mensch war und kein Objekt, das man 75 Jahre nach seinem Tod beliebig manipulieren kann.

Geschichte wird freilich von den Überlebenden geschrieben. Was dies bedeutet und wie groß die Macht der Medien selbst in den Todeszonen dieser Welt inzwischen geworden ist, zeigt ebenso drastisch wie exemplarisch die Everest-Katastrophe von 1996, als binnen weniger Stunden mehr als ein halbes Dutzend Bergsteiger auf tragische Weise ihr Leben verloren. Anschließend hat praktisch jeder Überlebende seine Sicht der Ereignisse in Buchform vermarktet. Was damals wirklich in über acht Kilometern Höhe geschehen ist, weiß man indes immer noch nicht. Eines ist allerdings klar und weist zurück auf die Mallory-Expedition: Für das Desaster von 1996 war menschliches Versagen mindestens ebenso verantwortlich wie unwiderstehliche Naturgewalten!

Höchst aufschlussreich ist deshalb Ankers/Roberts Schilderung eines Medienkrieges über den Wolken. Expeditionen in ferne Länder sind teuer, Sponsoren immer rar. Gleichzeitig reichen Internet und Satellitentelefon inzwischen auch in die fernsten Winkel. Wieso nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, d. h. die interessierte Welt quasi live an sensationellen Entdeckungen teilnehmen lassen? Die Mallory-Such-Expedition lotete diese Möglichkeit aus. Sie musste dabei feststellen, dass es selbst auf dem Mount Everest kaum mehr möglich ist, ein Geheimnis zu hüten. Die Nachricht von der Entdeckung der Leiche erreichte die Öffentlichkeit beinahe schneller als das Basislager. Wie es dazu kam, liest sich spannend wie ein Thriller.

Ende offen

Die Tragödie von 1924 blieb ohne Zeugen. Das Rätsel um George Mallory konnte durch die Expedition von 1999 gelüftet aber bis heute nicht gelöst werden. Die Frage, ob er oder Andrew Irvine den Gipfel erreichten, muss offen bleiben. Große Hoffnungen werden in weitere Expeditionen gesetzt, deren Ziel es sein soll, den Körper Irvines zu finden. Bei seiner Leiche vermutet man den kleinen Fotoapparat, der die Gefährten auf ihrem Gipfelsturm begleitete. Es ist davon auszugehen, dass sie ein Gelingen des Unternehmens im Bild festgehalten haben – und Filmmaterial hält sich in trockener Kälte ausgezeichnet! Bei Mallory wurde das Gerät nicht gefunden.

Letztlich ist die Antwort auf die Frage, ob Mallory und Irvine ‚es‘ geschafft haben, eher unerheblich; sie sind wohl gescheitert, wie Anker nüchtern aber schlüssig nachweist. Auch in den Jahren, die seit dem Fund der Mallory-Leiche vergangen sind, hat sich kein relevantes Beweismaterial finden lassen. Unter den Bedingungen ihrer Epoche haben sie und ihre Begleiter auf jeden Fall Unglaubliches geleistet. Daher fügen sich die Ereignisse ihrer Everest-Expedition fern allen unangebrachten Presserummels zu einer Geschichte, die es wert ist erzählt zu werden, und Conrad Anker und David Roberts ist diesgelungen.

Taschenbuch: 255 Seiten
Originaltitel: The Lost Explorer (New York : Simon & Schuster 1999)
Übersetzung: Michael Windgassen
http://www.randomhouse.de/diana

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