Todd Ritter – Totennacht

Das geschieht:

Perry Hollow ist eine Kleinstadt im Hinterland des US-amerikanischen Staates Pennsylvania. Hier dient Kat Campbell als Polizeichefin, ein Posten, den vor ihr bereits Vater Jim innehatte. Unter den Fällen, die Campbell Senior nie hatte lösen können, gehört das spurlose Verschwinden des 10-jährigen Charlie Olmstedt in der Nacht des 20. Juli 1969 – der Nacht der ersten Landung von Menschen auf dem Mond.

Die Familie Olmstead hat den Verlust nie verkraftet; die Eltern trennten sich, Sohn Eric wurde ein bekannter Kriminalschriftsteller, der auf diese Weise mit den Geschehnissen fertigzuwerden versucht. Um die totkranke Mutter zu pflegen, kehrte Eric nach Perry Hollow zurück. Als sie gestorben ist, will er ihren letzten Wunsch erfüllen und Charlies Schicksal klären.

Eric wendet sich an Nick Donnelly. Der ehemalige Polizist hat eine Stiftung gegründet, die sich der Auflösung offener Kriminalfälle widmet. Mit Kat Campbell hat er bereits zusammengearbeitet. Auch Eric kennt die Polizistin: Er hatte sie einst als Jugendliebe sitzenlassen, was sie ihm weiterhin nachträgt. Dennoch beteiligt sich Kat im Gedenken an ihren Vater an der Suche. Noch leben viele ehemalige Nachbarn der Olmsteads, die sich befragen lassen. Da gibt es einen ehemaligen Astronauten, der es nie ins All geschafft hat, einen psychisch gestörten Vietnamveteranen, der sich einem obskuren Mondkult angeschlossen hat, und weitere Bürger, die sich stark verdächtig benehmen.

Die Spuren sind nach vier Jahrzehnten längst kalt, doch nach einer sensationellen Entdeckung werden die Ermittlungen auch offiziell wieder aufgenommen: Erics Mutter hat privat Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass an jedem Tag einer Mondlandung Kinder unter ähnlichen Begleitumständen verschwunden sind! Mit Charlie sind es sechs Opfer – und womöglich kehrt der Täter zu seiner Obsession zurück, denn gerade ist eine weitere Rakete mit Ziel Mond gestartet …

Was kümmert‘s den Mond …

Kaum zu glauben, doch im ideenleergefischten Teich des Thrillers hat tatsächlich jemand noch einen kapitalen Einfall geangelt: Ein Serienkiller wird nur aktiv, wenn Menschen den Fuß auf den Mond setzen! Damit hat er eindeutig auf den falschen Fetisch gesetzt, da dies zuletzt im Dezember 1972 und seitdem nicht mehr geschah.

Aber dies gehört zu den vielen Elementen, die Autor Ritter uns zunächst als Sensation verkauft, bevor sich herausstellt, dass sie für das eigentliche Geschehen von nebensächlicher Bedeutung sind. Entkleidet man die Story aller Übertreibungen und falschen Fährten, bleibt eine solide und im Finale vor allem dramatische Krimi-Story, die uns sowohl in Teilen als auch insgesamt recht vertraut vorkommt.

Kein Wunder, denn Ritter, der auch ein Filmkritiker ist, kennt das Genre, in dem er ungeniert wildert. Der Effekt ist ihm dabei stets wichtiger als die Logik. Das verzeiht man ihm, solange er immer neue Geheimnisse andeutet. Man bleibt sogar bei ihm, wenn er sie lüftet und wir schnell lernen, dass Ritters Wundertüten vor allem mit heißer Luft gefüllt sind.

In einer kleinen, bösen Stadt

Der Blick auf den größten gemeinsamen Leser-Nenner ist keineswegs ein Vergehen. Es kommt auf das rechte Maß an. Ritter geht manches unnötige Risiko ein. Seine Zentralfigur ist weiblich, der Autor ist es nicht. Wieso macht er so etwas, das nur selten überzeugend gelingt? Warum stellt er keinen männlichen Cop in den Mittelpunkt?

Gleichwohl muss man dem Verfasser zugutehalten, dass er seine Figuren so flach zeichnet, dass die Anmaßung eines fremden Geschlechts nur selten wirklich durchscheint. Hat man Ritters Hang zum Bewährten erkannt, wirkt seine Wahl noch einleuchtender: Kat Campbell ist nicht nur Frau, sondern auch (alleinerziehende) Mutter. Hinzu kommt ein dramatischer Verstärker: Sohn James leidet unter dem Down-Syndrom und sorgt als schwieriges Kind‘ für jene Seifenoper-Elemente, die der Autor für die entsprechend gepolte Fraktion der Leserschaft unter die Handlung hebt.

Zu einem guten aber geplagten Cop gehört unbedingt ein chauvinistischer Chef. Diese Rolle übernimmt der Bürgermeister Burt Hammond, der darüber hinaus – sicher ist sicher – auch noch dick und gemein ist. Doch Ritter wäre nicht Ritter, würde er dieser Figur im Handlungsrahmen nicht eine völlig unerwartete Funktion übertragen. Sie ist sogar so unerwartet, dass sie krampfhaft übertrieben bis lächerlich wirkt – eine Reaktion, an die der Leser sich gewöhnen sollte.

Die Katze und ihre Musketiere

Obwohl Kat Campbell politisch korrekt selbstständig und selbstbewusst (aber trotzdem hübsch) ist, darf sie hin und wieder ihren Hormonen nachgeben. Noch nicht abgehakt ist nach Teil 1 der Serie Nick Donnelly, der Ex-Cop, der nun privat Strolchen hinterher ist. Dieses Mal bleibt ihm die Rolle des Extern-Ermittlers, der außerhalb Perry Hollows fahndet, während Campbell berufsbedingt dort gebunden bleibt.

Als mögliches Objekt amouröser Begierde schleust Ritter stattdessen den tragischen Eric Olmstead ein, der – wer hätte es gedacht! – nicht nur ein ansehnlicher Kerl ist, sondern mit einer deutlich jüngere Kat einst etwas gehabt hat. Diese Konstellation soll für weitere Funken sorgen, denn natürlich schwelen da noch Gefühle, mit deren Bewältigung der Verfasser weitere Seiten füllen kann.

Die Polizeiarbeit folgt in Perry Hollow eher dem (hoffentlich) gesunden Menschenverstand als den Regeln der organisierten Kriminalistik. So kann man den seltsamen Eiertanz wenigstens freundlich umschreiben, zu dem Autor Ritter vor allem Kat Campbell zwingt. Man könnte freilich auch sagen, dass die Polizei im Fall Olmstead üblen Mist gebaut hat: Dass es Querverweise auf andere Verbrechen gibt, hat Mutter Olmstead herausgefunden. Statt nachdrücklich Krach zu schlagen, hat sie sich in Resignation und Krankheit geflüchtet, was wenig überzeugend klingt aber Ritter die Möglichkeit gibt, eine stickstoffkalte Spur wieder aufzuwärmen; ohne diesen Trick käme der Krimi-Teil der Handlung gar nicht mehr in Gang.

Der Wahnsinn macht Bocksprünge

Als endlich feststeht, dass ein Serienkiller einst sein Unwesen getrieben hat, widmet sich das ungleiche Trio Kat, Nick und Eric mit freundlicher Unterstützung einiger gutmütiger Cops der Tätersuche. Dass dieser noch lebt, scheint nie in Frage zu stehen. Ritter zieht die Schraube wieder auf seine Weise an und lässt gerade jetzt eine chinesische Mondlandung anstehen: Die Ermittlung wird zum Wettlauf mit der Zeit, denn der nach vielen mondlandungslosen Jahren sicherlich frustrierte Mörder wird die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, wieder auf Kinderfang zu gehen!

Die Zeit drängt auch deshalb, weil Ritter uns eine halbe Fußballmannschaft dringend Verdächtiger vorsetzt. Die sind es selbstverständlich alle nicht gewesen. Stattdessen lässt Ritter im Finale alle Hunde von der Kette und führt als Höhepunkt alle am Drama beteiligten Personen auf einer morschen Brücke über reißenden Wassern zusammen. Dort lässt er die Ereigniskette twisten, bis nicht nur die Protagonisten vom Schwindel erfasst werden. Der Täter muss nach Ritters Willen diejenige Person sein, die niemand für schuldig gehalten hätte. Das ist kein Wunder, da sie in der Tat nur schuldig ist, weil Ritter hinter den Kulissen die Logik biegt und knetet, bis man sie knirschen hört.

Das Ergebnis ist trotz solcher Übertreibungen ein nicht wirklich schlechter i. S. von langweiliger Kriminalroman. Ritter kann schreiben; primär lässt die Selbstdisziplin im Rahmen der Spannungsschöpfung zu wünschen übrig. Selbst der unerfahrene Leser bemerkt immer wieder den Verfasser bei der Arbeit. So fällt es schwer, in einer Geschichte aufzugehen, die unnötig mehr verspricht, als sie halten kann – unnötig deshalb, weil sie auch ohne den Mond-Unfug und womöglich besser funktionieren würde.

Autor

Todd Ritter wurde am Neujahrstag des Jahres 1974 im US-Staat Pennsylvania geboren. Noch während er an der Penn State University studierte, schrieb er Filmkritiken. Später arbeitete Ritter als Polizeireporter. Beide Tätigkeiten flossen in seine Serie um die Polizistin Kat Campbell ein, deren erster Band („Death Notice“, dt. „Das Schweigen der Toten“) 2010 erschien. Da die Verkaufszahlen zu wünschen übrig ließen, stellte Ritter die Serie mit dem dritten Band offiziell ein.

Todd Ritter lebt und arbeitet in Princeton, New Jersey. Dort ist er hauptberuflich als Journalist für die größte Tageszeitung des Staates („The Star-Ledger“) tätig.

www.toddritteronline.com

2013 begann Ritter mit „Things Half in Shadow“ eine Serie von Historienkrimis mit übernatürlichen Elementen. Dafür legte er sich auf Anraten seiner Agentin das Pseudonym „Alan Finn“ zu.

www.alanfinnbooks.com

Todd Ritter ist außerdem Mitglied der Autoren-Tafelrunde „Algonquin Redux“, auf deren Website er hin und wieder von sich lesen lässt.

Taschenbuch: 415 Seiten
Originaltitel: Bad Moon (New York : Minotaur Books/St. Martin’s Press 2011)
Übersetzung: Michael Windgassen
www.rowohlt.de

eBook: 521 KB
ISBN-13: 978-3-644-47101-6
www.rowohlt.de

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