Wallace, Edgar – Hexer, Der

Inspektor Alan Wembury von Scotland Yard übernimmt den „R-Bezirk“ im Londoner Stadtteil Deptford. Der ist ein unruhiges Pflaster, in dem sich diverse Größen der Unterwelt behaglich eingerichtet haben. Zu ihnen gehört der halbseidene Rechtsanwalt Maurice Messer, der Polizei bekannt und verhasst als höchst eloquenter Streiter weniger für als gegen das Gesetz, dem er seine zwielichtigen Klienten vor den Schranken des Gerichts immer wieder zu entreißen weiß.

Dass Messer selbst ein Verbrecher ist, blieb bisher unbekannt. Der junge Johnny Lenley ist da besser im Bilde, schließt er doch gerade ein Geschäft mit dem Anwalt ab. Aus vornehmen Hause stammend, aber inzwischen völlig verarmt, will Johnny die Rückkehr in jene Kreise, denen er sich zugehörig fühlt, notfalls auf krummen Wegen erzwingen. Vor einiger Zeit hat er die berühmte Perlenkette der Lady Darnleigh gestohlen, deren Verkauf Messer als Hehler übernehmen soll.

Die Polizei ist misstrauisch aber machtlos, Inspektor Wembury zudem privat in den Fall verwickelt. Er kennt Johnny Lenley seit Jahrzehnten, desgleichen dessen blutjunge Schwester, die hübsche Mary, für die Wembury mehr als freundschaftliche Gefühle hegt. Messer verfolgt dagegen weniger ehrenhafte Absichten. Die Geldnot der Geschwister ausnutzend, stellt er Mary als seine Privatsekretärin ein. Als Johnny ihn durchschaut, lässt ihn Messer in eine Falle laufen, die ihn direkt ins Gefängnis bringt. Zwischen der unschuldigen Mary und ihrem schurkischen Arbeitgeber scheint nur noch Inspektor Wembury zu stehen aber der hält sich fern, weil er fälschlich glaubt, von Mary für die Verhaftung des Bruders verantwortlich gemacht zu werden.

Doch der lange Arm der Gerechtigkeit greift bereits nach Messer. Der hatte vor einigen Monaten Marys Vorgängerin vom Sekretärinnenstuhl auf sein Lotterbett gezogen, ausgiebig entehrt und dabei geschwängert. Erst (zu) spät besann sich Gwenda Milton ihrer Ehre und wählte (wie es sich gehört) den Freitod in der Themse. Das weckte den Zorn ihres Bruders, und der ist ein Gegner, den man ungern gegen sich aufbringt: Henry Artur Milton, genannt der „Hexer“, ist ein international bekannter und verfolgter Verbrecher. Als moderner Vigilant hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Bösewichter dieser Welt dort zu strafen, wo das Gesetz machtlos bleibt: Er bringt sie kurzerhand um und ist sehr erfolgreich dabei!

Dass Milton nach England kommen wird, gilt als sicher: Des Hexers Gattin Cora Ann ist bereits dort eingetroffen, Milton wird nicht lange auf sich warten lassen. Aber der Hexer trägt seinen Spitznamen nicht ohne Grund. Er ist ein Meister der Verkleidung und der Täuschung und tritt unter vielen Masken immer genau dort auf, wo ihn seine Verfolger am wenigstens vermuten …

„Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“ Mit diesen großen Worten warb einst der |Goldmann|-Verlag für die zahlreichen Romane dieses Verfassers. Zur Dankbarkeit bestand Grund genug, denn über viele Jahrzehnte bildeten seine Werke nicht nur ein Standbein, sondern geradezu das Fundament des Hauses Goldmann. Die fünf Jahre nach dem II. Weltkrieg eingeführte Reihe der „Roten Goldmann-(Taschen-)Krimis“ gründete ihren Ruhm und ihren Erfolg auf Edgar Wallace; zeitweise stammte jeder zweite Band der Reihe aus seiner Feder.

Mehr als vier Jahrzehnte wurden diese frühen Goldmann-Krimis immer wieder aufgelegt. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnte man in Deutschland die Begriffe „Wallace“ und „Krimi“ durchaus als Synonyme verstehen. In dieser Zeit entstanden auch die unzähligen Wallace-Kinofilme, die noch heute einen festen Bestandteil in den Programmplänen deutscher TV-Sender bilden. Generationen von Lesern, Kinobesuchern und Fernsehzuschauern wurden von Edgar-Wallace-Krimis geradezu geprägt.

Das ist heute schwer verständlich. „Der Hexer“ ist einer der bekanntesten Wallace-Thriller, doch die Lektüre lässt den Leser, der zuvor womöglich nie ein Werk dieses Schriftstellers gelesen hat, recht ratlos zurück. Nach einem recht verheißungsvollen Beginn, der das ganze nostalgische Inventar des britischen Kriminalromans zwischen den beiden Weltkriegen auffährt, tritt die Handlung bis zum spannungsarmen Schluss unverkennbar auf der Stelle. Sie verlässt bis auf wenige kurze Episoden nie die staubige Höhle des Übelfingers Messer, und die Protagonisten beschränken sich darauf, gern und ausgiebig zu reden … und zu reden … und zu reden. Kein Wunder, denn „Der Hexer“ hat das Licht der Künstlerwelt nicht als Roman, sondern als Theaterstück („The Gaunt Stranger“, 1925) erblickt, das vom geschäftstüchtigen Wallace später umgeschrieben wurde. Wie es seine Art war, hat er sich dabei auf die nötigsten Handgriffe beschränkt, das Honorar eingestrichen und zum nächsten Wettschalter getragen.

Während die (in jeder Hinsicht) blutleere Handlung besonders den irritiert, der die oben erwähnten Edgar-Wallace-Kinofilme kennt – offenbar haben die viel gescholtenen Zelluloid-Handwerker des deutschen Kinos vor der bleiernen Zeit des Autorenfilms doch etwas von ihrem Job verstanden -, ruft die schauerliche Figurenzeichnung echten Ärger hervor. Doppelt fremd muss uns heute die unglaubliche Popularität der Wallace-Krimis in Deutschland erscheinen, wenn wir mit den scherenschnitthaften Karikaturen konfrontiert werden, die der tiefsten Mottenkiste des Stummfilm-Melodrams entsprungen sind. Mary Lenley ist die hilflos-händeringende Schöne, die vom langweilig-edelmütigen Helden vor dem buschigbrauig-lüsternen Bösewicht gerettet werden muss. Nachdem er dies zum tausendsten Male versucht hat und sich doch wieder nicht getraut hat, dem Objekt seiner Bemühungen endlich seine Liebe zu gestehen, während dieses schlicht zu blöd ist, seine verzweifelten Anstalten zu deuten, hat man es einfach nur gründlich satt.

Der „Hexer“ selbst kann da das Eisen erst recht nicht mehr aus dem Feuer reißen. Das angebliche Genie des Verbrechens, Schrecken der Polizei diverser Kontinente, ist ein selbstgerechter und eingebildeter Rächer, unsympathisch dort, wo Wallace ihn faszinierend erscheinen lassen wollte, und als dunkle Heldengestalt denkbar ungeeignet.

Denn Edgar Wallace war das britische Pendant zum Groschenheft-Zeilenschinder späterer Jahre. Das ist eine provokante These, die sich allerdings allzu leicht belegen lässt. Der typische Wallace-Krimi entstand nach dem Baukasten-Prinzip. Drei, vier thematische Grundkonstellationen und einige wenige Knallchargen (zu den oben erwähnten Figuren gesellen sich da der rasende Reporter, der kauzige Adlige, der treuherzige Kleinkriminelle usw.) müssen ausreichen, knapp 200 Seiten zu füllen: Wallace hatte weder die Geduld noch vor allem die Zeit, sein zweifellos vorhandenes erzählerisches Talent zu entfalten. Seine zahllosen Gläubiger stets dicht auf den Fersen, diktierte er seine Bücher quasi direkt in die Druckerpresse. Trotzdem muss er lange Zeit einen Nerv berührt haben, auch wenn es heute schwer fällt zu entscheiden, welcher dies gewesen sein könnte. Ursprünglich muss es wohl der Reiz gewesen sein, den rasante Trivialliteratur durchaus ausstrahlen kann. Hinzu kam die pure Quantität der einschlägigen Titel: Wallace warf einen Thriller nach dem anderen auf den Buchmarkt. Dort kam man gar nicht umhin, diese Titel zur Kenntnis zu nehmen.

Im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit war es dann die Werbung, die erfolgreich „spannende Krimis mit Niveau“ ankündigte. Man macht sich heute keine Vorstellung mehr davon, wie dreist sich profitorientierte Verlage vor ihr Publikum hinstellen und ihm Qualität suggerieren konnten; es wurde geglaubt, so wie man tausend und zwölf Jahre vieles geglaubt hatte. Wer weiß denn heute noch, dass sich Goldmann z. B. offen damit brüstete, dem „harten“ Thriller à la Raymond Chandler oder Dashiell Hammett kein Forum zu bieten, weil diese gar zu deutlich die dunklen Seiten der zeitgenössischen Gesellschaft beleuchteten und einige soziale Sprengkraft besaßen. Die naiven Krimis des Edgar Wallace waren dagegen ungefährlich in einem Land, das nicht nur in der Politik der Devise „Keine Experimente!“ folgte; sie spielten in einem harm- und zeitlosen Märchenland, in dem Gut und Böse auf den ersten Blick zu erkennen waren, väterliche Polizei-Autorität für Zucht und Ordnung sorgte, die Frauen rein, die Männer hochherzig waren und der Schurke ganz sicher im Finale seine gerechte Strafe erhielt.

Dieselben Gründe, die einst Edgar Wallace die oberen Ränge der Bestseller-Listen garantierten, führten später zu seinem Fall. Auch in Deutschland, wo er ohnehin lange beliebter war als in seiner britischen Heimat, ist Wallace heute nicht vergessen, wurde aber von der Zeit endgültig eingeholt. Ein wenig erwachsener ist das lesende Publikum eben doch geworden. Sporadisch hält der Goldmann-Verlag seinem einstigen Goldesel die Treue und veröffentlicht einige Titel neu. Dabei wird auf den Nostalgie-Faktor gesetzt, und das ist wohl der richtige Weg, denn nur auf diese Weise lassen sich Geschichten wie der vom „Hexer“ noch unterhaltsame Seiten abgewinnen.

„Der Hexer“ erfuhr übrigens eine Fortsetzung; in diesem Punkt war Wallace ganz modern. „Again the Ringer“/“The Ringer Returns“ (dt. „Neues vom Hexer“, Goldmann-Krimi Nr. 5297) ist ein beinahe bizarres Werk; eine Sammlung von Kurzgeschichten um Henry Artur Milton, die der Autor durch schlampig formulierte überleitende Passagen notdürftig zu einem „Roman“ zusammengeklittert hat.

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