Williams, Tad / Hoffman, Nina Kiriki – Stimme der Finsternis, Die

_Scheherazades Brüder und der schwarze Vampir_

Dies ist ein Vampirroman, der sich als Märchen aus Tausendundeiner Nacht verkleidet hat. Und Tad Williams, der Autor von „Otherland“, zeigt uns, wie uns das Geschichtenerzählen à la Scheherazade den Hals retten kann. Und wie weit man eine Geschichte verschachteln kann.

_Handlung_

Pro- und Epilog der Hauptgeschichte spielen im Hause von Masrur, einem reichen Handelsherrn, der seine Gäste so gut bewirtet, dass sie mittlerweile schon recht bezecht sind. Da der Wein ausgegangen ist (es scheint kein moslemisches Land zu sein, in dem Masrur lebt), schickt er seinen Diener in die Weinhandlung. Bis zu dessen Rückkehr muss man sich die Zeit vertreiben, am besten mit einer guten Geschichte. Da Masrur gerne seinen Freund Ibn Fahad triezt, kommt dieser auch in der Story vor.

Masrur erzählt: In der Zeit der Herrschaft des Kalifen Harun al-Raschid wurde der junge Masrur mit einer Karawane des Kalifen in den Norden, zu den Armeniten geschickt. Deren Fürst hatte nämlich dem Kalifen viele Geschenke geschickt und ihn eingeladen. Doch die Karawane kommt nie beim Fürsten an, denn in den Bergen warten Räuber und ein Ungeheuer auf die müden Reisenden.

Nachdem sie von den Bergbanditen ausgeraubt wurden und froh sind, mit dem Leben davongekommen zu sein, machen sich die restlichen Reisenden auf den Rückweg. Doch sie haben keine Karte und verirren sich. Sie greifen einen Jungen auf, Kurken, der jedoch nicht ihre Sprache spricht. Ein junges Mädchen ist bei ihm, seine Geliebte, Sossi. Sie weisen den Überlebenden notdürftig den Weg.

Doch Kurken zeigt sich sehr nervös und das mit gutem Grund: Er erzählt ihnen radebrechend (er lernt schnell) von dem Ungeheuer, das in dieser Gegend hause. Anfangs kommen sie gut voran, nichts geschieht, nur die Stille ist etwas unheimlich. Doch eines Morgens fehlt einer der Soldaten. Am folgenden Morgen fehlt wieder einer. Man kann nur einen Schatten sehen, der durch den Waldrand huscht. Masrur sieht ein Augenpaar, das sich am Rande des Scheins vom Lagerfeuer aufhält. Lauscht das Ungeheuer etwa?

Als sie nur noch wenige sind, beschließen sie – vor allem Masrur -, dass es nur eine Möglichkeit gibt, dem Ungeheuer zu entkommen: Sie erzählen einander Geschichten. Verborgen in den Schatten hockt nun Nacht für Nacht der Vampir und vergisst über dem Zuhören die Zeit. Doch einen Abends, als den Reisenden die Storys ausgehen und die Kehlen heiser sind, bietet er den Männern und Jugendlichen einen tödlichen Wettstreit an: Wenn es ihnen gelingt, die traurigste Geschichte zu erzählen, so könnten sie ungehindert abziehen. Wenn aber er, der Vampir, den Wettstreit gewinne, so müsse sich einer der Ihren für sie opfern …

Nun, der Leser weiß ja, dass Masrur und Ibn Fahad mit dem Leben davongekommen sind. Aber was mag aus den anderen geworden sein? Aus Kurken und der lieblichen Sossi? (Ein Schelm, wer nun bereits zum Schluss vorblättert!)

_Fazit_

„Die Stimme der Finsternis“ ist ein bezauberndes Buch, genau wie Scheherazades Geschichten aus Tausendundeiner Nacht: klein aber fein. Nicht nur die Figuren werden lebendig gezeichnet, sondern auch die archaischen Szenen erwachen zum Leben: das Erzählen am Lagerfeuer und in der Kneipe, die Reise durch die Berge, das Grauen im Schatten des riesigen Vampirs.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass uns nicht nur Masrur in seinen Bann schlägt, sondern auch der Vampir. Und dass es diesem gelingt, nicht Furcht und Schrecken empfinden zu lassen, sondern Mitleid mit dieser verfluchten Kreatur, die das Licht der Sonne scheuen muss und doch einst ein Mensch war.

Die beiden Autoren spielen ihre Stärken sehr gut aus. Auch der Aufbau des Buches ist ausbalanciert und folgerichtig. Insgesamt stellt das Buch ein kleines Juwel an Erzählkunst dar. Es sei jedem Liebhaber von Fantasy- und Arabian-Nights-Geschichten wärmstens an Herz gelegt.

Auch die Übersetzung von Profi Peter Torberg – er übersetzte Mark Twain, Oscar Wilde und Irvine Welsh – kann sich sehen lassen: Sie ist makellos.
Mit einem Preis von 13,50 €uronen für 170 Seiten ist das Büchlein allerdings recht teuer veranschlagt.

|Originaltitel: Child of an ancient city, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Peter Torberg|