Algernon Blackwood – Rächendes Feuer. Erzählungen

blackwood feuer cover kleinInhalt:

Ein Kurzroman, zwei längere und zwei kurze Geschichten von Algernon Blackwoods, Großmeister der klassischen Phantastik:

Rächendes Feuer (The Nemesis of Fire, 1908), S. 7-77: In einem englischen Landhaus treibt ein feuriger Elementargeist sein Unwesen. Als die Bewohner den Terror nicht mehr ertragen, holen sie Dr. John Silence, einen Spezialisten für das Übernatürliche, der den wahren und sehr exotischen Ursprung des Grauens offen legt.

Suspekte Schenkung (A Suspicious Gift, 1906), S. 78-89: Dem armen Schreiberling wird eine gewaltige Geldsumme in Aussicht gestellt, doch die scheinbare Bedingungslosigkeit dieser Gabe erweist sich als Teil eines geschickt eingefädelten, grausamen Plans.

Andere Orte, auf andere Weise (Elsewhere and Otherwise, 1935), S. 90-143: Ein Mann findet jenseits von Raum und Zeit einen Ort, der ihm ein Leben in unbändiger Freiheit und Jugend ermöglicht, doch irgendwann wird er den Preis dafür zahlen müssen.

Mortons befremdlicher Tod (The Singular Death of Morton, 1910), S. 144-154: In einem verwunschenen Schweizer Tal geht ein schönes, hungriges Vampirmädchen um.

Sand (Sand, 1912), S. 155-243: Auf einer Reise zu den Wundern Altägyptens gerät Felix Henriot in den Bann der mysteriösen Lady Statham und ihres ‚Neffen‘. Sie erzählen ihm von gewissen Zeremonien, mit denen man in der nächtlichen Wüste die elementaren Geister des Lebens auf diese Welt zurückrufen kann; die Beschwörung gelingt, bis das Böse das wieder erstehende Wunder besudelt und eine Katastrophe auslöst.

Reisen bildet – oder fördert die Einbildung

Sechs Sammlungen mit Novellen und Kurzgeschichten von Algernon Blackwood veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag zwischen 1969 und 1993. Diese Bände stellen nach wie vor die umfangreichste und umfassendste deutsche Werkschau dieses Autors dar, der zu den ganz großen Phantasten des 20. Jahrhunderts zählt. Während die ersten vier Bände mehrfach neu aufgelegt wurden, erschien „Rächendes Feuer“ (wie auch „Die gefiederte Seele“) nur einmal; das Buch ist heute deshalb selten bzw. antiquarisch meist nur um beträchtliche Geldsummen zu erstehen.

Die Lektüre der unter dem Titel „Rächendes Feuer“ zusammengetragenen Geschichten macht deutlich, wieso dieser Sammlung der Erfolg versagt blieb: Während die ersten vier Blackwood-Kollektionen primär klassische Gespenstergeschichten präsentierten, zeigt sich der Meister dieses Mal wesentlich sperriger.

Vor allem der Kurzroman „Sand“ stellt die Geduld des Lesers auf eine harte Probe. Hier übernahm der Reiseschriftsteller und Naturmystiker Blackwood die Feder. „Sand“ ist eine von mehreren Novellen, zu denen er sich durch eine Ägyptenreise inspirieren ließ. Für den vornehmen Engländer gehörte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geradezu zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm, das Land der Pharaonen zu bereisen und die Wunder des Altertums zu bestaunen. In einem Maße, das den globalisierten Zeitgenossen des 21. Jh. vermutlich erstaunt, ließen sich die kulturell interessierten und künstlerisch veranlagten (oder dies vorgebenden) Reisenden auch spirituell auf das Abenteuer Ägypten ein. Das unglaubliche Alter einer fremdartigen Hochkultur, deren Alltag exotisch und sogar bizarr zu nennen ist, bot den entsprechenden Rahmen.

Die Erkenntnis, dass dieses Versenken in eine bemerkenswerte Vergangenheit nur bedingt ‚authentisch‘ ist, bleibt erneut dem modernen Zyniker (oder Realisten) vorbehalten. Auch Blackwood beschwört ein Ägypten herauf, das primär auf eigener Interpretation basiert. Historische Fakten ignoriert er bzw. unterwirft sie seiner Handlung, was sein gutes Recht als Schriftsteller ist.

Der Tod kennt durchaus eine Wiederkehr

Er geht freilich sehr weit in seinem Bemühen, den Lesern einerseits die Wunder und Schrecken Ägyptens nahe zu bringen und andererseits Felix Henriots Konfrontation mit dem Mysteriösen in Worte zu fassen. Die eigentliche Geschichte ließe sich auf deutlich weniger Seiten zusammenfassen. Hier bildet sie ein Gerüst, in dessen Freiräumen Blackwood seiner Feder allzu freien Lauf lässt. Seine Formulierungen sind kunstvoll, die traumhafte Stimmung über diesem ägyptischen Abenteuer vermag er perfekt zu inszenieren. Gleichzeitig ist Blackwood aus- und abschweifend, was das Alter seiner Geschichte unvorteilhaft betont: Die Empfindungen eines Engländers in Ägypten um 1900 mögen den literaturhistorisch interessierten Leser fesseln – den ’normalen‘ Leser lassen sie kalt.

Gleiches gilt für Blackwoods umständlich vorgebrachte Gedanken über eine Natur, die weder göttlich im christlichen Sinn noch einfach ‚ist‘, sondern als ‚Produkt‘ uralter Mächte oder Kräfte existiert, die den Kosmos und natürlich auch diese Erde vor Äonen schufen und formten und die in der Natur fortleben. Von der Realität, wie wir sie kennen, trennt sie eine unsichtbare Membran, die Blackwoods Protagonisten immer wieder gern durchstoßen, was in fantastischen Erkenntnissen aber gern auch in Horror mündet. Seelenwanderung ist das fixe Element einer esoterischen Metaphysik, die nicht nur die reale Geschichte, sondern auch die Naturwissenschaft ignoriert; Blackwood schlägt in „Sand“ den Bogen vom versunkenen Atlantis über Altägypten bis in die Gegenwart und konserviert auf diese Weise zeitgenössische (manchmal bis heute überlebende) Theorien, die keinerlei objektive Beweiskraft besitzen.

Die handfesten Varianten des Spuks

Wesentlich lesbarer ist im Vergleich dazu die Titelgeschichte. Obwohl Dr. John Silence abermals seine übliche Schau abzieht und sein Tun als „physican extraordinary“ vor allem deshalb geheimnisvoll wirkt, weil er es selbst so inszeniert, teilt sich das Unheimliche oder besser Fremdartige, das von einem aggressiven Elementargeist ausgeht, dem Leser unmittelbar mit. Blackwood ist ein Meister des Wortes, und er beherrscht die seltene Kunst, Stimmungen zu beschreiben, die vordergründige Spannungsszenen überflüssig machen, obwohl er auch diese beherrscht. „Nackte Angst“ ist ein Terminus, der oft verwendet und selten verstanden wird. Blackwood zeigt, wie man ihn mit Leben füllt!

Auch „Rächendes Feuer“ zeugt von der Kraft, die eine quasi beseelte und der Wissenschaft kaum wirklich bekannte Natur ausüben kann. Die Parallelen zu „Sand“ sind offensichtlich, und sie finden sich – variiert oder weiterentwickelt – auch in „Andere Orte, auf andere Weise“ wieder. Dies ist im Grunde eine Science-Fiction-Geschichte, die freilich nichts mit den Storys gemein hat, die in den zeitgenössischen „Pulp“-Magazinen erschienen. Blackwood hat sich intensiv Gedanken über eine Welt gemacht, die wie von Einstein – den er im Text namentlich nennt – konstatiert mehr als nur drei Dimensionen aufweist. „Andere Orte, auf andere Weise“ ist die konsequent durchdachte Umsetzung dieses Konzeptes.

Dem heutigen Leser, der sich an eine schnelle, rasante SF gewöhnt hat, mag diese Geschichte langsam und umständlich erscheinen. So könnte sie schon 1935 gewirkt haben. Möglicherweise ist es aber die Dichte, die irritiert: Blackwood nimmt sein Gedankenspiel sehr ernst, womöglich zu ernst. Er verstrickt sich stark in dem, was wir heute „Technobabbel“ nennen, und versucht das Rätselhafte zu erklären und zu begründen. Dabei scheitert er, zwar auf hohem Niveau aber gründlich, denn mit dem Vokabular unserer dreidimensionalen Gegenwart lässt sich die Existenz einer mehrdimensionalen Parallelebene höchstens ansatzweise darstellen. „Andere Orte, auf andere Weise“ hinterlässt dennoch einen starken Eindruck, denn Blackwoods vermag die ‚Realität‘ eines Multiversums phasenweise bemerkenswert glaubhaft heraufzubeschwören.

Einfach geschrieben ist einfach gruselig

Knapp und präzise kommt Blackwood in seinen kurzen Storys auf den Punkt. Sein Geschick für Stimmung und Atmosphäre hält sich die Waage mit einer Handlung, die es an Spannung und Action nicht fehlen lässt. Ein kurzes Vorwort zu „Mortons befremdlicher Tod“ informiert darüber, dass diese Geschichte bei einem der zahlreichen Auslandsaufenthalte des kosmopolitischen Blackwood entstand, der sich 1909 für einige Zeit im Schweizer Jura niederließ. Diese Story ist im Vergleich zu den anderen Werken dieser Sammlung geradezu simpel; eindeutig ist es ein Vampir, der hier sein Unwesen treibt. Aus der mit den üblichen Ingredienzien des Genres gespickten Geschichte holt Blackwood dennoch das Beste heraus, wobei einmal mehr das Geschick begeistert, mit dem er Handlung und Handlungsort miteinander verknüpft: Selten wirkt die Schweiz so unheimlich wie hier!

Ungleich komplexer wirkt „Suspekte Schenkung“. Über weite Strecken bleibt das Geschehen unverständlich. Es setzt sich aus mehreren Einzelelementen zusammen, deren ‚Montage‘ Blackwood seinen Lesern überlässt. Die Logik – oder „die Moral von der Geschicht'“ – bleibt unklar, was der Wirkung keinen Abbruch tut.

Übersetzung mit Eigenwilligkeiten

Auf schwankendes Terrain muss man sich also wagen und einlassen. Dieser Gang wird stellenweise erschwert durch eine höchst eigenwillige Übersetzung. Friedrich Polakovics verfügt über eine eigene Stimme, die er deutlich in sein Werk einfließen lässt. Er transportiert Blackwoods Texte nicht in die Gegenwart, sondern übersetzt im Geist und im Stil des Originals. Dies ist eine schwierige Kunst, die zur Kritik herausfordert, denn so kunstvoll und eigentümlich faszinierend das Ergebnis klingt, müsste der Titel unserer Sammlung eigentlich „Friedrich Polakovics präsentiert Algernon Blackwoods ‚Rächendes Feuer'“ lauten. Die jüngeren Leser könnte der Tenor in die Flucht schlagen, womit dem Werk ein echter Bärendienst erwiesen wäre.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill (heute ein Teil von London, damals zur Grafschaft Kent gehörend) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an; ihr aufgeschlossener und kritischer Sohn blieb ihnen fremd. Algernon entwickelte eine ausgeprägte Skepsis der ‚etablierten‘ Religion gegenüber. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten. In diesen Jahren versuchte er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die in dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, im Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Story-Sammlungen, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon der 17-jährige Blackwood hatte in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Für ein wohlhabendes Mitglied der britischen Oberschicht war die Beschäftigung mit diesen aus heutiger Sicht etwas ungewöhnlichen ‚Studien‘ durchaus nicht ungewöhnlich. Algernon Blackwood gehörte allerdings zu jenen, die das Okkulte ernst nahmen. Im Jahre 1900 trat er dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt; dies wurden die Themen, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem die zweite Leidenschaft der gesellschaftlichen Oberschicht um die Jahrhundertwende: das Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse. Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach nur ’sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen der Zeitgenossen etwas Bestechendes. Recht schnell spiegelte sich dies in den Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller wider. Blackwood gehört zu den Pionieren, die eine ‚psychologische‘ Sicht auf die Welt des Okkulten warfen. Sein persönliches Interesse manifestierte sich in der Figur des Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“, wie er im Untertitel einer 1908 erschienenen Sammlung diese sehr deutlich am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Schöpfung betitelte.

Algernon Blackwood starb hoch betagt, aber als Schriftsteller halb vergessen im Jahre 1951. Trotzdem wurde sein Tod mit Bedauern zur Kenntnis genommen: Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) Blackwood als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Er hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte, Liedtexte u. a.

Die Algernon-Blackwood-Sammlungen des Suhrkamp-Verlags:

(1969) Das leere Haus (TB 30 u. 1664/Phantastische Bibliothek 12 u. 339)
(1970) Besuch von Drüben (TB 411 u. 2701/Phantastische Bibliothek 10 u. 331)
(1973) Der Griff aus dem Dunkel (TB 518/Phantastische Bibliothek 28)
(1982) Der Tanz in den Tod (TB 848 u. 2792/Phantastische Bibliothek 83 u. 355)
(1989) Die gefiederte Seele (TB 1620/Phantastische Bibliothek 229)
(1993) Rächendes Feuer (TB 2227/Phantastische Bibliothek 301)

Taschenbuch: 244 Seiten
Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
http://www.suhrkamp.de

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