Gregory, Philippa – Schwiegertochter, Die

Ruth und Patrick Cleary sind seit vier Jahren glücklich verheiratet. Sie leben in einer hübschen Wohnung mitten in der Stadt Bristol, Patrick arbeitet erfolgreich bei den Fernsehnachrichten und Ruth ist zufrieden mit ihrem Job beim Radiosender. Da Ruth mit sieben Jahren zur Vollwaise wurde, ist es für sie umso schöner, dass Patrick engen Kontakt zu seinen Eltern pflegt. Regelmäßig stattet Ruth mit ihm ihren Schwiegereltern Elizabeth und Frederick Besuche ab, sogar die Wohnung war ein Geschenk von ihnen.

Bei einem ihrer Besuche eröffnet Frederick dem Paar, dass ein kleines Haus in der Nachbarschaft sehr günstig zum Verkauf steht. Elizabeth unterstützt den Vorschlag, dass Patrick und Ruth ihre Wohnung aufgeben und zu ihnen aufs Land ziehen sollen. Auch Patrick gefällt diese Idee. Passenderweise erhält er zur gleichen Zeit eine Beförderung, die den Kauf finanziell möglich macht. Nur Ruth ist anderer Meinung. Ihr gefällt die bisherige Wohnung, sie fühlt sich in der Stadt besser aufgehoben als auf dem abgeschiedenen Land und der neue Weg zur Arbeit wäre viel zu weit. Patrick und seine Eltern plädieren dafür, dass sie ihren Beruf aufgeben und bald ein Kind bekommen soll. Zwar möchte Ruth grundsätzlich gerne Kinder haben, doch erst in ein paar Jahren. Lieber möchte sie noch eine Weile arbeiten und schließlich ihren Traum vom Reisen verwirklichen – schon lange plante sie mit Patrick nach Boston zu fahren und dort ihr altes Zuhause zu suchen. Es gelingt ihr jedoch nicht, sich gegen die begeisterten Fürsprecher durchzusetzen.

Kurz darauf verliert Ruth, ebenso wie ein paar ihrer Kollegen, ihren Job durch Stellenabbau. Sie arbeitet nur noch freiberuflich, was Patrick zu ihrem Missfallen begrüßt. Genau zu diesem Zeitpunkt wird Ruth ungewollt schwanger. Während Patrick und seine Schwiegereltern außer sich vor Freude sind, wird Ruth immer deprimierter. Ihre alte Wohnung findet schnell Käufer und in der Übergangszeit zieht das Paar zu Elizabeth und Frederick. Zum Leidwesen von Ruth wird ihre Schwiegermutter immer aufdringlicher. Elizabeth übernimmt alle Organisationen und vermittelt der jungen Frau immer mehr das Gefühl, nichts zufrieden stellend zu erledigen. Das ändert sich auch nicht, als Ruth den kleinen Thomas zur Welt bringt. Im Gegenteil – Ruth verfällt in postnatale Depressionen, ist mit ihrem Kind völlig überfordert. Verzweifelt bemüht sie sich, ihre Schwiegermutter auf Abstand zu halten, die immer dominanter wird und Ruth offenbar vertreiben will …

Fünf sind einer zu viel, scheint das Motto des Romans zu sein. Wenn es nach dem Willen der Clearys geht, bilden Elizabeth, Frederick, Patrick und Baby Thomas das perfekte Quartett, in dem sich die Mutter nur wie ein Störenfried ausmacht. Es ist eine Mischung aus Thriller und Psychodrama, eine Geschichte über die Rivalität von Frauen, über Abhängigkeit und falsche Passivität ebenso wie über die erdrückende Überbehütung einer Mutter, was letztlich zu einer Eskalation im Duell beider Seiten führt.

|Keine Schwarz-Weiß-Malerei bei Charakteren|

Eine der Stärken des Romans liegt in der Darstellung von Ruth‘ Charakter, den der Leser nicht auf Anhieb einordnen kann. Im Beruf präsentiert sie sich als starke Frau, die ihren Willen durchsetzt, erfolgreiche Programme gestaltet und den Kollegen ein Vorbild und eine geschätzte Mitarbeiterin ist. Im Privatleben jedoch schaltete sie um auf Zurückhaltung. Patrick und seine Eltern sind die erste Familie, die Ruth haben darf, und sie ist bestrebt, es ihnen so recht wie möglich zu machen, um jeden Anflug von Zwist zu vermeiden. Sie ordnet sich Patrick völlig unter, was dem dominanten Ehemann wiederum nur zu gut ins Konzept passt. Ruth bewundert ihren attraktiven, beruflich höchst erfolgreichen Mann und fühlt sich kaum würdig, seine Ehefrau zu sein.

Auch Patricks Eltern fördern unbewusst dieses Verhalten. Sein Vater Frederick ist ein kerniger Mann mit Autorität, einem einflussreichen Bekanntenkreis und traditionellen Vorstellungen. Elizabeth ist nicht nur eine hervorragende Hausfrau, sondern auch stets top gestylt, hingebungsvolle Mutter und Ehefrau in einem.

Von Anfang an wagt es das Waisenkind Ruth nicht, dieses Dreiergespann in Frage zu stellen oder gar aufzubegehren. Etwaige Zweifel werden leise, zögerlich und passiv geäußert, ehe Ruth sich der Mehrheit anschließt. Bis zu diesem Punkt genießt sie die Sympathie und das Mitleid des Lesers. Sehr positiv ist jedoch, dass Philippa Gregory sich nicht mit einer Schwarz-Weiß-Darstellung der Charaktere begnügt. Tatsächlich gibt es mehrere Situationen, in denen man Elizabeth zugute halten muss, dass Ruth ihr zu Recht für vieles dankbar ist. Voller Elan übernimmt sie auch unangenehme Aufgaben, ohne Ruth ihren freiwilligen Einsatz vorzuhalten. Sie ist eine Hausfrau mit Leib und Seele, die ihren Männern in vielen Punkten eine Wärme und Geborgenheit bietet, die die junge und recht unerfahrene Ruth nicht vermitteln kann.

Umgekehrt ist Ruth nicht ausschließlich das Opferlamm, dem übel mitgespielt wird. Die ungewollte Schwangerschaft ist zum großen Teil Produkt ihrer Nachlässigkeit und hätte mit etwas Bemühen verhindert werden können. Oftmals ist sie ihrem neugeborenen Sohn nicht gewachsen, bringt ihn sogar mehrmals in Gefahr, so dass einige Kritikpunkte ihrer Schwiegereltern und ihres Mannes sehr gerechtfertigt sind. Mehrere Male reagiert Ruth unverständig auf die Vorwürfe, obwohl sie sich bewusst ist, dass sie ihrem Sohn Thomas alles andere als eine angemessene Mutter ist. Parallel dazu gibt sie manchmal Äußerungen von sich, bei denen ihr klar sein müsste, dass sie bei Patrick oder seinen Eltern Entsetzen hervorrufen und nicht dazu beitragen, ihr Vertrauen in sie zu stärken. Im Gegenteil, in emotionalen Diskussionen über ihre Mutterrolle rutschen ihr Bemerkungen heraus, in denen sie zugibt, dass sie oft nur noch genervt von ihrem Kind ist, einmal gar, dass sie es an manchen Tagen am liebsten aus dem Fenster würfe. Sie erläutert zwar sofort, dass sie diesen Gedanken nicht ernst meint, gießt dadurch aber natürlich unnötig Öl ins Feuer.

Die Autorin kreiert hier keine Heldin, bei der man jeden ihrer Schritte gutheißt, sondern eine durchaus zwiespältige junge Frau, die sich nicht bis ins letzte Detail in ein Raster einordnen lässt. In abgeschwächtem Maß gilt das auch für die restlichen Hauptcharaktere, die trotz ihrer grundsätzlichen Kontraposition zwischendurch immer wieder Verständnis für Ruth durchblicken lassen.

|Spannung bis zum Ende|

Von Anfang bis Ende ist für Spannung gesorgt, so dass der Leser beständig von der Handlung gefesselt ist. Zwar wird bereits auf den ersten Seiten klar, dass es auf einen Zweikampf zwischen Ruth und ihrer Schwiegermutter hinausläuft, aber welche Formen er schließlich annimmt, lässt sich nicht vorausahnen. Die Geschichte durchläuft mehrere Wendungen; sowohl Ruth als auch ihr Mann und dessen Familie greifen zu originellen Methoden, um sich gegeneinander zu verteidigen. Immer wieder bringt Frederick die dank seiner guten juristichen Kontakte als letzte Konsequenz mögliche Entmündigung und Einweisung Ruth ins Spiel, die damit ihren Sohn verlöre. Ärztliche Gutachten zur Untersuchung ihres Gemütszustandes werden angesetzt; bei Ruth wiederum wechseln sich stabile Phasen mit Betäubungsmittelmissbrauch ab. Was als scheinbar kleine Differenz zwischen Mutter und Schwiegertochter begann, wächst sich zu einem Psychokrieg aus, in dem beide Seiten sich gnadenlos bekämpfen und rücksichtslos vorgehen.

Der Leser kann nicht vorhersehen, in welche Richtung die Handlung driftet, denn alles ist denkbar: Wird Ruth ihr Kind durch die Behörden verlieren? Kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung von Mutter und Schwiegertochter? Wechseln Patrick und Frederick die Fronten? Bekommt Ruth von außerhalb Hilfe? All diese Fragen beantworten sich erst nach und nach, lange Zeit ist offen, welchen Ausgang der Roman für die Leser bereithält. Zum schnellen Lesetempo trägt außerdem der glatte Stil der Übersetzung bei. Das Werk beginnt |in medias res|, gleich zu Beginn werden die Fronten offenkundig und die Ereignisse spielen sich in rascher Zeitfolge ab.

|Zu stark konstruierte Ereignisse|

Abzüge gibt es dagegen für die konstruiert wirkende Anhäufung von Geschehnissen. Offenbar hat sich das Schicksal komplett gegen Ruth verschworen, denn alles, was sich in der nächsten Zeit ereignet, spricht gegen sie und für die Pläne ihrer Schwiegermutter. Ausgerechnet als Patrick und seine Eltern den Kauf des kleinen Hauses in Erwägung ziehen, verabschiedet sich mit Ruth‘ Arbeitsstelle eines ihrer Hauptargumente, das gegen den Umzug sprach. Ruth betont, wie gerne sie beim Radiosender arbeitet und dass sich dieser Job unmöglich mit der Entfernung der neuen Wohngegend vereinbaren lässt. Wenige Tage darauf werden Ruth und mehreren Kollegen aus Rationalisierungsgründen die Stellen gekündigt. Lediglich als Freie Mitarbeiterin darf sie weiterhin im kleinen Rahmen beim Sender mitwirken, was natürlich für Patrick kein Argument mehr gegen einen völligen Ausstieg bedeutet.

Genau zu diesem Zeitpunkt lässt Ruth eine Schwangerschaft zu, die sie endgültig ins Abseits der Argumente katapultiert. Zwar ist sie eigenen Kindern nicht abgeneigt, doch für sie steht fest, dass sie erst in einigen Jahren darüber näher nachdenken möchte. Indem sie sich auf Patricks Drängen auf ungeschützten Geschlechtsverkehr einlässt, besiegelt Ruth ihr Schicksal. Die werdende Mutter bemüht sich, das Beste aus ihrer Lage zu machen, doch auch hier ist ihr kein Glück vergönnt. Patrick erweist sich als unzuverlässiger Schwangerschaftsbegleiter; regelmäßige Überstunden hindern ihn, seiner Frau zur Seite zu stehen, die sich in einsamen Stunden mit Fachliteratur auf das große Ereignis vorbereitet. Wenn sie schon ungewollt schwanger geworden ist, will sie wenigstens möglichen Komplikationen so gut es geht entgegenwirken. Aber statt einer natürlichen Geburt erwartet sie ein komplizierter Kaiserschnitt.

Die ohnehin schon unsichere junge Frau wird nachts von Baby Thomas entbunden, erwacht mittags aus der Narkose und ist somit erst einen halben Tag nach der Geburt in der Lage, ihr Kind zu begrüßen. Nicht die Mutter, sondern Patrick und vor allem die herbeigeeilte Elizabeth verbringen die ersten Stunden mit dem Säugling. Als Ruth ihn zu Gesicht bekommt, ist er bereits gewaschen, gepudert und mit einem Strampler gekleidet. Wie es der böse Zufall will, ist auch Thomas von der langen zeitlichen Distanz beeinflusst und verweigert Ruth die Brust. Kein einziges Mal gelingt es Ruth, ihren Sohn zu stillen. Die mit Kindern unerfahrene Mutter nimmt die Abneigung sehr persönlich. Umgekehrt ist Elizabeth rund um die Uhr bereit, sich um den Kleinen zu kümmern und die Mutterrolle zu übernehmen. Eine übertriebene Verkettung misslicher Umstände sorgt dafür, dass Ruth keine Chance hat, ein normales Verhältnis zu ihrem Kind aufzubauen. Stattdessen spielen alle Entwicklungen ihrer Schwiegermutter in die Hände, was in seiner Gesamtheit sehr unrealistische und übertriebene Züge besitzt, die stark an Groschenheftromanmethode erinnern.

|Übertriebene Dramatik|

In die Richtung von Groschenheftromanen geht auch die zeitweilige Dramatik, die zu sehr auf die Spitze getrieben wird. Regelmäßig reden die Charaktere mit sich selber, sprechen bedeutsame Gedanken aus, die dunkel und unheilvoll in der Luft liegen und auf kommende Konflikte hindeuten, aber ganz und gar unrealistisch sind. Fast jedes Kapitel endet mit einem sinnträchtigen Ausspruch, einer Bemerkung, die Elizabeth‘ Ziele verdeutlicht, etwa wenn ein Unbeteiligter den Einsatz der lieben Oma lobt oder Elizabeth in einem ruhigen Moment darüber sinniert, wie sie Thomas noch mehr für sich vereinnahmen kann.

Während es bei den ersten Kapitel noch nicht weiter stört, fällt es mit zunehmender Lesedauer unangenehm auf. Statt subtile Andeutunmgen einzubauen, wird plakativ dargestellt, dass Elizabeth geradezu manisch in ihrem Vorhaben ist und dass jeder Außenstehender nur die aufopfernde Schwiegermutter in ihr sieht. Besonders ärgerlich ist diese reißerische Methode an der Stelle, an der Elizabeth sich spitz bei Ruth erkundigt, weshalb sie neuerdings von der Anrede „Mutter“ zu „Elizabeth“ gewechselt ist. Statt dass der Leser erfährt, wie sich Ruth aus dieser unangenehmen Situation befreit, endet das Kapitel, die Frage, obgleich sie wirklich interessant war, wird nicht wieder aufgegriffen, der Handlungsort somit zu früh verlassen, zum Zweck eines zweifelhaften Pseudo-Cliffhangers.

_Unterm Strich_ bleibt ein spannender, vor allem für Frauen interessanter Roman in einer Mixtur aus Psychodrama und Thriller. Der glatte, schnörkellose Stil sorgt für eine guten Lesbarkeit, ebenso der hohe Spannungsfaktor, der den Leser von Anfang bis Ende fesselt. Schwächen liegen dagegen in der übertriebenen Dramatik und den unrelistisch konstruierten Ereignissen. Kein Highlight, aber ein unterhaltsamer Roman für kurzweilige Stunden.

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