Hayder, Mo – Tokio

_Beklemmend: Der Teufel geht um in Nanking_

Ein unaussprechliches Geheimnis treibt die englische Studentin Grey nach Tokio. Hier hofft sie, den Schlüssel zu einer Tragödie zu finden, die sie seit Jahren verfolgt. Ein Filmausschnitt, der Gräueltaten japanischer Soldaten im chinesischen Nanking 1937 zeigt, soll die Lösung des Rätsels enthalten. Doch der Besitzer des Films, ein chinesischer Wissenschaftler, ist nur unter einer Bedingung bereit, ihr die Bilder zu zeigen: Grey soll ein Elixier auftreiben, das sich in den Händen des einflussreichsten und gefährlichsten Mannes von Tokio befindet. Grey kann nicht ahnen, dass die Geschichte dieses Elixiers eng mit ihrer eigenen Tragödie verknüpft ist – eine blutige Spur von 1937 bis heute. (abgewandelte Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Mo Hayder wurde in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen, und hat später viele Jahre im Ausland verbracht. Dabei lebte sie u. a. in Japan, wo sie als Hostess in einem Tokioter Nachtclub arbeitete. Mit ihrem Romandebüt, dem Psychothriller „Der Vogelmann“, wurde sie zur Bestsellerautorin. Diesem Buch folgte „Die Behandlung“, ebenfalls ein Psychothriller mit Detective Inspector Jack Caffery.

Sie hat Creative Writing studiert und unterrichtet gelegentlich auch an ihrer alten Uni, der Bath Spa University. Hayder lebt als freie Schriftstellerin mit Lebensgefährte und Tochter in London. Sie arbeite gegenwärtig an ihrem vierten Roman, schreibt der Verlag |Random House|.

_Die Sprecherin_

Die Schauspielerin Sophie Rois, geboren 1961 in Linz/Österreich, hat die großen Frauen des letzten Jahrhunderts, darunter Rosa Luxemburg und Sophie Scholl, gespielt. Über ihre Arbeit sagt sie: „Für mich ist Theater eine der letzten großen kultischen Veranstaltungen, eben weil es Schweiß und Tränen kostet.“ Für die Rolle der Erika Mann in dem TV-Dreiteiler „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ wurde Rois mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ihre „Reibeisenstimme“ hat sie schon für mehrere Hörbücher eingesetzt.

Regie führte Wolf-Dietrich Fruck, und den Ton steuerte Dicky Hank (klingt gemütlich). Karin Weingart besorgte die Bearbeitung des Hörbuchtextes, sprich Kürzung.

_Handlung_

|PROLOG.| Ein Mann schreibt am 21.12.1937 in sein Tagebuch über die Gräueltaten, die in Nanking, der Hauptstadt Chinas, von den japanischen Invasoren begangen worden sind. 300.000 Menschen wurden von ihnen [massakriert,]http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker__von__Nanking aber das war noch nicht das Schlimmste. Das, was ihm selbst und seiner Frau zugestoßen ist, ist unendlich schwer in Worte zu fassen. Der Kameramann, der alles gefilmt hat, starb von der Hand des Tagebuchschreibers, der ihm den Film aus der Kamera nahm und ihn in Sicherheit brachte. Für jenen Tag, an dem er Gerechtigkeit erhalten würde.

|Haupthandlung.|

Tokio im Jahr 1990. Grey – so lässt sie sich zumindest nennen – steht nach neun Jahren und sieben Monaten endlich vor dem Ziel ihrer Wünsche: vor dem Eingang der berühmten Todai-Universität in Tokio. Hier besucht sie Professor Shi Shon-ming, der hier eine Gastprofessur für chinesische Heilkunde innehat. Der Professor ist erstaunlich klein und schon über 70, aber auch erstaunlich willensstark. Sie hat keine Umgangsformen: Sofort kommt sie auf den Anlass ihres Besuches zu sprechen: das Massaker von Nanking anno ’37. Sofort schließt der Prof alle Türen und Jalousien und flüstert nur noch – aus Vorsicht vor den japanischen Nationalisten. Die schweigen diese Kriegsschuld nämlich tot.

Grey insistiert: Shi Shon-ming hat ein Buch und laut einer Fachzeitschrift auch einen Film über die Gräueltaten der Japaner. Den Film will sie unbedingt sehen. Sie sucht Bilder von einer besonderen Foltermethode. Den Grund nennt sie ihm nicht, und so wimmelt er sie ab.

Nach einer Übernachtung im Park wird Grey von einem Amerikaner begrüßt, der sich Jason nennt und sie einlädt, in seinem Haus zu wohnen, fast kostenlos, behauptet er. Das Haus ist uralt und noch aus Holz gebaut, ringsum umgeben von Betonburgen und zum Abriss bestimmt. Ein Flügel ist komplett abgesperrt – sehr geheimnisvoll. Aber der Garten ist wunderschön. Zwei Russinnen wohnen neben Jason; er nennt sie die Baba-Yagas. (Die Baba-Yagá ist eine alte Hexe aus russischen Märchen.) Sie geben der unbedarften Grey ein paar Tipps.

Um ihre Miete zu zahlen, soll sie als Hostess in einem Nachtklub namens „Some like it hot“ arbeiten. Nichts Sexuelles, sondern lediglich Animation zu erhöhtem Alkoholkonsum, you understand? Der Klub liegt im 50. Stockwerk eines Wolkenkratzers. Mama-san heißt Strawberry Nakatani, sieht aus wie die Monroe und war früher mal mit einem Gangster liiert. Wie sich herausstellt, kann Grey nicht nur animieren, perfekt Japanisch sprechen und lesen, sondern auch mit einem Geschichtswissen aufwarten, das seinesgleichen sucht. Die japanischen Kunden hängen an ihren Lippen, als sie von Nanking 1937 erzählt, ihrem Spezialgebiet. Ihre Vater und Großväter hatten sie nie darüber aufgeklärt, was sie in China eigentlich machten. Grey bekommt ein dickes Trinkgeld.

Eines Tages kommt der Gangsterboss Fujuki in den Klub. Umgeben von sechs Gorillas und einer Krankenschwester wird er in seinem Rollstuhl hereingefahren, ein uralter, kleiner Mann, wie eine lebende Mumie. Selbstredend erhält er eine Vorzugsbehandlung: Er ist der Kopf der lokalen Yakuza-Mafia, ein Ojabun, und somit der mächtigste Mann in der Stadt. Selbst Mama-san schlottern die Knie. Später erzählt sie Grey ein paar Gräuelgeschichten über Fujukis Yakuza.

Grey hat das Kanji-Schriftzeichen auf der Visitenkarte des Mannes erkannt: Es ist das Zeichen für „Winterbaum“. Wie poetisch, findet sie. Er ist darüber erstaunt. Sie beobachtet, wie er einen Hustenanfall hat, aber die herbeigeeilte Krankenschwester – sie heißt Ogawa – ihm sofort ein Stärkungsmittel verabreicht. Es ist bräunlich und hinterlässt im Glas einen dunklen Satz. Was mag es wohl sein, fragt sich Grey.

Wochen vergehen, ohne dass sich Prof Shi zu einer Kooperation bereit erklärt. Da endlich kontaktiert er sie, in ihrem Domizil, geht in den Garten, bewundert die alte japanische Tradition. Er gibt der jungen Frau ein Geschenk als Warnung: Aus einem Origami-Kranich springt ein roter Drache, der sie in Panik versetzt. Er lacht. Das könne passieren, wenn man die Vergangenheit wecke. Man müsse ihr mit Respekt begegnen. Er sucht ein Stärkungsmittel, das ein bestimmter Mann besitzt, um es industriell herstellen zu können. Dieser Mann sei Fujuki. Nur sie, Grey, könne mit Fujuki sprechen, er, Shi, aber nicht. Sobald sie ihm, Shi, sagen kann, woraus das Tonikum besteht, wolle er ihr den gewünschten Nanking-Film zeigen. Aber Fujuki darf nie von Shi Shon-ming erfahren.

Sie ist einverstanden. Sie ahnt nicht, dass dieser Auftrag lebensgefährlich wird. Und nicht nur für sie, sondern für alle, die sie kennt. Aber Prof. Shi weiß nicht, dass auch Grey ein dunkles Geheimnis hütet …

Unterdessen nähert sich das Tagebuch des Mannes in Nanking (in der Parallelhandlung) seinem Ende. Es ist der 21.12.1937. Er hat alles verloren, was ihm auf der Welt lieb und teuer war: seine Frau, ihr ungeborenes Kind Mondseele, das Haus, die inzwischen verwüstete Stadt, die Regierung von Tschiang Kai-schek, den Glauben an die Macht der Vernunft. Etwas anderes wurde ihm stattdessen gegeben: Er weiß jetzt, dass nun, da die Vernunft abgedankt hat, der Teufel, der Yangwangye des Volksglaubens, existiert. Und er geht in Nanking um und verrichtet sein Werk.

_Mein Eindruck_

Drei Menschen scheint das Schicksal (= Autorin) auf verhängnisvolle Weise in Japans Hauptstadt zusammengeführt zu haben. Grey sucht die Antwort auf die Frage nach ihrer persönlichen Schuld und Verantwortung am Tod ihres Ungeborenen. Der diese Antwort geben soll, ist der Besitzer eines Filmes aus dem Jahr 1937, als Ungeborene in Massen von einer bestimmten Person auf grausame Weise getötet wurden.

~ SPOILER ~

Dieser Mann ist Prof. Shi Shon-ming. Auch er macht sich seit 53 Jahren schwere Vorwürfe, dass er nicht auf seine Frau gehört und sofort die Stadt verlassen hat, als die Japaner noch vor den Toren Nankings standen. Aber er vertraute auf Regierung und Streitkräfte, die beide versagten. Sein Rationalismus erwies sich als wertlos, der Volksglaube – vielleicht auch der Überlebensinstinkt – seiner Frau enthielt die Wahrheit. Seine Entscheidung kam viel zu spät. Auch sein Ungeborenes musste sterben, und er selbst spielte eine verhängnisvolle Rolle bei seinem Tod.

Was Grey wissen will: Kann Unwissenheit das Gleiche sein wie Verderbtheit? Sie beging ihre Tat aus Unwissenheit – war das pervers und verderbt? Welche Schuld lud Shi für seine Tat auf sich? Und beging „der Teufel“ seine Taten aus Verderbtheit oder aus Unwissenheit? Denn was er suchte, fand er nicht: körperliche Heilung. Das Mittel, das er sich nahm, hatte nur einen Placeboeffekt – er war medizinisch unwissend. Und er blieb bei seinem Unglauben bis zum Tag seines Todes.

~ SPOILER ENDE ~

„Kann Unwissenheit das Gleiche sein wie Verderbtheit?“ Dies ist die wichtigste Frage, die sich zwei der drei Figuren stellen, die schicksalhaft miteinander verstrickt sind. Die Antwort nach der Natur und der Beurteilung des Bösen fällt ganz unterschiedlich aus. Doch es gibt eine andere Figur, die eindeutig böse erscheint: Fujukis Krankenschwester Ogawa wird von Prof. Shi als die „Bestie von Saitama“ bezeichnet, und wie sich zeigt, trifft diese Bezeichnung völlig zu.

Ogawa – es ist nie klar, ob sie eine Frau oder ein Mann ist – kennt wie ein reißendes Raubtier keinerlei Skrupel, wenn es um die Wiederbeschaffung des gestohlenen Stärkungsmittels ihres Herrn geht. Sie sucht lediglich die Beute, ganz egal, wer dabei auf der Strecke bleibt. Jason bekommt dies am eigenen Leib zu spüren, und Grey entgeht Ogawas todbringender Suche nur um Haaresbreite. Selbst Mama-san Strawberry schlottern die Knie, wenn sie Ogawa ansieht, nur Jason scheint solche Angst – zunächst jedenfalls – nicht zu kennen. Er wird eines Besseren belehrt.

Die Spannung steigert sich also bis zum Unerträglichen, und zwar sowohl in der Haupthandlung um Grey wie auch in der Parallelhandlung um die Geschehnisse in und um Nanking. Die häppchenweise verabreichten Dosen an Wahrheit und Enthüllung haben nun eine kritische Masse erreicht, so dass sich der imaginative Leser bzw. Hörer schon ungefähr ausrechnen kann, wie die beiden Handlungsstränge fortgeführt werden. Und endlich ist auch ein Punkt in beiden Handlungen erreicht, an dem das zunehmend angespanntere Warten und Argumentieren in Aktion umschlägt, die dann – endlich – die Entscheidung herbeiführt, zum Guten oder zum Schlechten.

Doch dies ist noch nicht der Gipfel der Erkenntnis. Denn Grey hat Shis Film immer noch nicht gesehen. Als sie die alten Bilder aus dem Dezember 1937 endlich zu Gesicht bekommt, werden die beiden bislang getrennt vorangetriebenen Erzählstränge eins und gehen ineinander über. Es ist wie eine schmerzvolle Erlösung von Ungewissheit, vielleicht Unwissenheit, und der Weg, den Grey und Shi nun gehen müssen, liegt deutlich vor ihnen: Die Wahrheit über das, was damals geschah, muss der Welt mitgeteilt werden. Erst dann wird den beiden getöteten Ungeborenen und allen anderen Opfern Gerechtigkeit widerfahren.

(Ich habe die Identität des „Teufels“ mit Absicht nicht enthüllt. Der kluge Leser wird sie sich bereits erschlossen haben.)

_Die Sprecherin_

Sophie Rois hat eine raue, fast schon heisere Stimme, an die man sich erst gewöhnen muss. Sobald das erfolgt ist, kann man sich auf ihre Wandlungsfähigkeit im Ausdruck konzentrieren. Jeweils der Situation in der Geschichte angemessen, spricht sie mal langsam und zuweilen flüsternd, dann aber wieder auch schnell und dramatisch. Wenn sie schreien muss, kippt ihre Stimme fast in ein Kieksen um. Recht merkwürdig wird ihr sprachlicher Ausdruck, wenn sie den verletzten Jason im letzten Viertel sprechen lässt: Es klingt wie Nuscheln, aber mehr so, als hätte man Jason die Zungenspitze genommen.

Viel witziger ist dagegen Rois’ russischer Akzent, wenn sie die beiden Baba-yagas erzählen lässt. Da rollen Rs und Ls, dass es schon ziemlich echt klingt. Wie ein Vergleich mit anderen Sprechern, die einen russischen Akzent imitieren müssen, zeigt, ist Rois’ Leistung diesbezüglich hervorragend. Dass sie auch psychologisch extreme Situationen meistern kann, belegt ihre Darstellung der Todesszene im Wald von Nanking, die an Horror schwer zu überbieten ist. Da hilft nur nüchterner Vortrag.

Ansonsten hat das Hörbuch weder Musik noch Geräusche vorzuweisen. Aber eine zu diesem Thriller passende Musik lässt sich schwer vorstellen, und so ist die Vorstellungskraft des Zuhörers völlig frei und ungebunden.

_Unterm Strich_

Mit „Tokio“ ist der bestens eingeführten Bestsellerautorin Mo Hayder ein weiterer packender Thriller gelungen, der vom Leser bzw. wirklich gute Nerven erfordert, um die jeweiligen Höhepunkte aushalten zu können. Ich habe in meinen Ausführungen ja nur Andeutungen fallen lassen, um was es eigentlich im Kern geht. Aber mehr zu sagen, würde meines Erachtens bedeuten, zu viel zu verraten. Und das wäre unfair gegenüber meinem Leser.

Ich habe die zunehmend beklemmende Geschichte jedenfalls genossen und kann sie jedem sittlich gefestigten Leser bzw. Hörer empfehlen. Alle, die keinen stabilen Magen haben, sollten den Roman meiden. Das war aber schon bei Hayders Thrillern „Der Vogelmann“ und „Die Behandlung“ so. Wer diese gut und erträglich fand, wird auch „Tokio“ mögen. Der einzige Unterschied besteht in der historischen Dimension und den Schuldfragen, die dabei berührt werden – und die für Japaner und Chinesen immer noch aktuelle Gültigkeit haben.

Sophie Rois’ Vortrag bringt einen interessanten Akzent ein, wenn man das Hörbuch beurteilen will. Ihre Stimme hat nicht die wohlgefällige Ausdrucksweise, die man von Nachrichtensprecherinnen gewohnt ist, sondern eine rauere, eigentümlichere Art. Dass sie auch russischen Akzent beherrscht, ist amüsant, aber wichtiger ist, dass sie beim Vortragen selbst grauenhafter Szenen die Nerven behält und sich nicht in das zu Sagende einmischt. Das Urteil sollte stets dem Zuhörer vorbehalten bleiben.

|420 Minuten auf 6 CDs|

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