Haydon, Elizabeth – Tochter des Sturms (Rhapsody / Symphony of Ages)

Band 1: [„Tochter des Windes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=37
Band 2: [„Tochter der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=329
Band 3: [„Tochter des Feuers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=401
Band 4: [„Tochter der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1437

Als Achmed von der Westküste zurückkehrt, wo er Rhapsodys Entführer nachgejagt ist, findet er schon auf den Krevensfeldern Glassplitter, die eindeutig von den Scheiben in der Kuppel des Gurgus stammen! Fluchend reitet er weiter. Aber kaum zu Hause angekommen, muss er schon wieder aufbrechen …

Rhapsody und Ashe haben beschlossen, Gwydion sei alt genug, um die Nachfolge seines Vaters als Herzog von Navarne anzutreten. Zusammen mit Anborn führt ihn sein erster offizieller Staatsbesuch nach Tyrian. Die Fortsetzung der Reise nach Sorbold ist eher weniger offizieller Natur. Schon die ersten Entdeckungen allerdings sorgen dafür, dass Gwydion eilig nach Navarne zurückkehrt, um Ashe zu warnen, während Anborn auf seiner Erkundung bis in die Hauptstadt Jierna’Sid vordringt …

Ashe ist allerdings nicht mehr zu Hause, als Gwydion zurückkehrt. Denn Rhapsody ist gleichzeitig mit Gwydion aufgebrochen, um die Drachin Elynsinos zu besuchen, wo jetzt wiederum Ashe sie besucht, denn sie fehlt ihm ganz entsetzlich! Er kommt fast gleichzeitig mit Achmed dort an, der zum Glück Krinsel, die Hebamme, dabeihat. Nur alle gemeinsam sind sie in der Lage, Rhapsody und ihr Kind heil durch die Geburt zu bringen! Der Knabe erhält den Namen Meridion.

Er ist allerdings noch keine Stunde alt, als er sich bereits auf der Flucht befindet. Anwyn, die als Drachin das erste Konzil der Cymrer nach dem cymrischen Krieg verheerte und daraufhin von Rhapsody in der Erde eingeschlossen wurde, ist entgegen aller Annahmen nicht tot. Die Erschütterung der Explosion am Gurgus hat sie geweckt und ihr Gefängnis aufgebrochen. Nun will sie Rache!

Als wäre das noch nicht übel genug, hat der neue Kaiser von Sorbold Faron, das missgestaltete Kind von Rhapsodys Entführer, durch irgendeine alte Magie in eine Statue aus lebendigem Stein verpflanzt, um einen willenlosen und unbesiegbaren Soldaten zu schaffen. Dafür musste er die Kathedrale von Terreanfor schänden und hinterher sämtliche Priester beseitigen, weil sie allesamt Zeuge der Schändung waren.

Und dann taucht auch noch Estens Stellvertreter Dranth bei ihm auf, um ihm ein Geschäft vorzuschlagen …

Sechs verschiedene Handlungsstränge, das klingt komplizierter, als es wirklich ist. Grob gesagt teilt sich der Band in zwei Hälften, wobei „teilt“ eigentlich zu viel gesagt ist. Die Gewichtung verschiebt sich lediglich im Laufe der Erzählung ein wenig. Liegt sie zunächst etwas mehr auf Sorbold und seinem Kaiser, so wechselt sie später stärker zu den Ereignissen um Anwyn.

Kaiser Talquist von Sorbold stellt sich allmählich als extrem skrupellos heraus. Er giert nach Macht mindestens ebenso sehr wie die F’dor nach Zerstörung. Nicht nur, dass er die Waage manipuliert hat, um Kaiser zu werden, inzwischen zeigt sich, dass er absolut alles gnadenlos ausbeutet, was sich ihm nähert beziehungsweise dem er sich nähern kann. Der Nachschub an Sklaven, der durch Sorbold strömt, ist nahezu unermesslich, und man fragt sich, wo in aller Welt er diese vielen Menschen herholt! Er betreibt Raubbau an der Macht eines Heiligtums und bedient sich ihrer ganz unverblümt. Er benutzt jedermann, selbst jene, die ihn für ihren Freund halten, er intrigiert und schachert, und als Krönung verpflanzt er einfach ein Geschöpf von einem Körper in den nächsten, nur so als Test, und nimmt in Kauf, dass so ziemlich alles schief geht, was nur schief gehen kann. Und tatsächlich entzieht sich das Ergebnis des Experiments sogleich seiner Kontrolle …

Faron, das einst hilflose, ans Wasser gebundene Geschöpf, steckt jetzt in einem Körper, den es kaum versteht. Es versteht überhaupt fast nichts, weder die Welt selbst, noch die Wesen darin, noch was mit ihm geschehen ist. Aber er spürt die Klänge der bunten Schuppen, von denen ihm auf dem Weg nach Sobold zwei abhanden gekommen sind. Unwillkürlich folgt er den vertrauten Klängen durch den Kontinent zurück, um sich das Verlorene wiederzuholen. Und womöglich die violette Schuppe gleich dazu, die sich in den Händen Talquists befindet? Beim Anblick des stumpfsinnigen, aber unverwundbaren Kriegers aus lebendem Gestein packt den neuen Kaiser von Sorbold die Panik …

Am gelungensten fand ich die Beschreibung von Anwyn, die sich beim Erwachen an nichts mehr erinnert, nicht einmal an ihren eigenen Namen. Nur langsam und allmählich gehen ihre Gedanken über bloßen Instinkt hinaus, findet sie Antworten auf die vielen Fragen, die durch ihren Kopf schwirren. Und je mehr sie herausfindet, desto größer wird ihre Wut!

So kann man für diesen Band getrost dasselbe feststellen wie für den Vorgängerband: Die Autorin hat wieder viel Sorgfalt auf ihre Nebenfiguren verwendet.

Leider muss gleichzeitig auch für das ursprüngliche Trio Rhapsody/Achmed/Grunthor dasselbe festgestellt werden wie zuvor: Im Vergleich zu den ersten drei Bänden wirken sie einfach blass. Immerhin hat Rhapsody endlich ihr Kind entbunden. Jetzt, wo es ihr wieder besser geht, wird sie hoffentlich auch wieder aktiver und stärker, und zwar in jeder Hinsicht, in der sie es ursprünglich war. Auch Achmed wird hoffentlich wieder vermehrt zu dem dhrakischen F’dor-Jäger, der er sein sollte, denn im Augenblick ist er ein wenig zum Dauerretter Rhapsodys verkommen! Grunthor kommt ja fast gar nicht mehr vor.

Handwerklich gesehen, ist der Band gewohnt souverän aufgebaut. Elizabeth Haydon hat ein paar kleine Details eingestreut, die grundsätzlichen Fragen aber offen gelassen, um die Neugier wach zu halten. So erfährt der Leser zwar, dass es sich bei Farons bunten Schuppen offenbar um eine Art Kartenspiel handelt, aber nicht, wozu es dient und wie man es benutzt; dass die Glaskuppel, die Achmed so verbissen nachzubauen versucht, alte Magie anzapft, aber nichts Genaues über ihre Funktion. Außerdem finden sich wie gewohnt Ansätze zu neuen Handlungssträngen, zum Beispiel in der Figur des Jal’asee, des Gesandten der Magierinsel, oder der der Portia, die Ashe von Tristan Steward sozusagen aufgedrängt wurde, und die offenbar geheime Fähigkeiten hat. Die Frage, zu welchem Zweck genau Tristan sie unbedingt dort haben will, ist noch offen, ebenso wie die Pläne, die Dranth von der Rabengilde und der sorboldische Kaiser miteinander geschmiedet haben.

Das größte Rätsel ist allerdings erst zur Welt gekommen, nämlich Meridion. Aus dem dritten Band ist bekannt, dass er sein körperloses Selbst nicht nur durch die Zeit bewegen, sondern auch in die Geschehnisse eingreifen kann. Woher er diese Fähigkeiten hat, wie es dazu kam, dass er diese Fähigkeiten tatsächlich einsetzte, und wer sein Meister ist, der kurz erwähnt wurde, sind die Fragen, die mich derzeit am brennendsten interessieren. Ich fürchte allerdings, um diese zu beantworten, wird die Autorin – im Hinblick darauf, dass das Kind gerade erst geboren wurde – noch mal drei zusätzliche Bände brauchen! Ob sie dann noch alle Fäden ohne Verhedderungen weiterführen kann?

Schon in Band vier zeigen sich erste Schwierigkeiten, als Rhapsodys Entführer einen bestimmten Raum seiner Behausung aufsucht, um mit dem F’dor zu sprechen, dessen Wirt er doch ist, sodass das eigentlich gar nicht nötig sei sollte. Schnitzer dieser Art tauchen jetzt öfter auf. Anwyn hat bei ihrem Erwachen nicht mehr alle Verletzungen, die sie beim Kampf auf dem Konzil davongetragen hat, und von der Rede bei Meridions Namensgebung, die am Ende von Teil drei erwähnt wird, fehlt bei der tatsächlichen Namensgebung im neuesten Band jede Spur.

Auch das Lektorat war nicht ganz fehlerfrei. So tauchte die überraschende Mehrzahl Kinds auf, gemeint sein dürften wohl Kinder. Und obwohl sich die Verlage bei der Übersetzung von Titeln jegliche Freiheiten nehmen – was besonders bei den beiden neuesten Bänden auffällt, deren Titel wohl nur noch der Einheitlichkeit des Zyklus dienen und keinerlei Bezug zum Inhalt mehr haben -, schaffen sie es nicht, ihre Übersetzung sprachlicher Logik anzupassen. So heißt es an einer Stelle: “ … sprach drei Worte …: ‚Es tut mir leid.‘ „. Das sind eindeutig vier Worte, und nicht drei wie im englischen Original. Hier wäre ein Abweichen vom Originalwortlaut wenigstens mal sinnvoll gewesen!

Insgesamt entspricht das Niveau des fünften Bandes ungefähr dem vierten, was schade ist. Der Spannungsbogen ist längst nicht mehr so straff gespannt wie in den ersten drei Bänden. Der Leser ist zwar neugierig, weil die Autorin immer noch geschickt ihre Antworten nur häppchenweise verteilt, aber das Mitfiebern, das zu Anfang noch vorhanden war, schwindet zusehends, weil die drei Sympathieträger des Zyklus so schwächeln. So interessant die neuen Ideen auch sind, richtig mitreißen kann die Handlung nicht mehr. Ich hoffe doch sehr, dass wenigstens im sechsten Band, wo voraussichtlich die Zuspitzung auf den Höhepunkt erfolgen dürfte, endlich wieder Schwung in die Geschichte kommt.

Das Erscheinen dieses sechsten Bandes wurde allerdings auf Januar 2007 verschoben; wann die deutsche Übersetzung zu „Assassin King“ erscheinen wird, steht also noch in den Sternen. Ob diese großen Abstände zwischen den einzelnen Bänden dem Zusammenhang und der Logik dienlich sind, wird sich noch zeigen.

Elizabeth Haydon lebt an der Ostküste der USA mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie interessiert sich für Kräuterkunde und Geschichte, singt und spielt selbst Harfe. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie im Verlagswesen. Außer |Symphony of Ages| schrieb sie auch |The Journals of Ven Polypheme| für Kinder.

http://www.elizabethhaydon.com/
http://www.heyne.de

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