Lewis, Kevin – Jagd auf Frankie

Jeder ist sich selbst der Nächste – dieses Sprichwort gilt, laut der Hauptfigur in Kevin Lewis‘ Thriller „Jagd auf Frankie“, vor allem auf der Straße. Die Obdachlose Frankie begeht den Fehler, sich nicht an diese Maxime zu halten. Sie setzt damit etwas in Gang, das eine Nummer zu groß für sie zu sein scheint.

Frankie ist neunzehn Jahre alt und lebt seit vier Jahren in den Gassen Londons. Sie ist eine Einzelgängerin, doch als sie sieht, wie ein Zuhälter eine Minderjährige vergewaltigen will, legt sich bei ihr ein Schalter um. Sie verteidigt die Kleine und zieht dem Gangster in Notwehr eine Flasche über den Kopf. Wohl wissend, dass der Mord sie ins Gefängnis bringen kann und die Freunde des Zuhälters nicht ruhen werden, bis diese sie gefasst haben, ergreift sie die Flucht. Dabei überfällt sie eine ältere Dame, um an Geld für ein Zugticket zu kommen. Was sie nicht weiß: Das Medaillon, das sie ihrem Opfer entreißt, enthält einen USB-Stick mit brisanten Daten, und ehe Frankie sich versehen hat, ist ihr halb London auf den Fersen.

Sie flieht nach Bath, wo sie die ältere Blumenhändlerin June kennenlernt. June nimmt sie bei sich auf, ohne Fragen zu stellen. Plötzlich hat Frankie, die seit vier Jahren kein Dach über den Kopf hat, eine Arbeit, einen Schlafplatz und eigenes Geld. Sie beginnt ein neues Leben und hofft, dass irgendwann Gras über die Sache wächst. Doch sie hat die Beharrlichkeit ihrer Verfolger unterschätzt …

„Jagd auf Frankie“ ist nicht unbedingt ein klassischer Thriller, sondern erzählt vielmehr die Geschichte Frankies über mehrere Jahre hinweg und die damit verbundenen Ereignisse, die sie in der Mordnacht auslöste. Kevin Lewis setzt weniger auf Action, sondern bevorzugt eine glaubwürdige Darstellung der Ereignisse. Nüchtern und sachlich arbeitet er die einzelnen Handlungsstationen ab, und gerade seine authentische Darstellungsweise erzeugt Spannung. Da Frankie dem Leser ans Herz wächst, fiebert man mit der jungen Frau mit und möchte alles über ihr Schicksal wissen. Das – und nicht etwa zahllose Verfolgungsjagden oder die Frage nach dem Täter – ist der Grund, wieso man den Roman nicht aus der Hand legen kann. Eine einfache Formel, die nur wenige Autoren beherrschen.

Viele Thriller spielen in Regierungs- oder Wirtschaftskreisen, in manchen werden normale Bürger in einen Strudel von Ereignissen geworfen. Lewis geht einen eher ungewöhnlichen Weg und rekrutiert als Hauptperson ein Mädchen von der Straße. Er verschafft dabei nicht nur einen Einblick in einen Lebensbereich, der den meisten Lesern fremd sein wird, sondern gestaltet auch einen sehr vielschichtigen Charakter. Frankies Vergangenheit spielt eine bedeutende Rolle in der Geschichte und zeigt, wie verschieden die Biografien von Heimatlosen sein können. Obwohl der Autor sehr distanziert mit Frankie umgeht und ein direkter Zugang zu ihr kaum möglich ist, leidet man während der Lektüre mit ihr mit, denn man merkt schnell, dass sie bislang nur Pech in ihrem Leben hatte. Lewis nimmt den Leser folglich mit auf eine Achterbahn der Gefühle, und obwohl Nebenperspektiven existieren, ist es Frankie, die durch das Buch führt.

Die beinahe schon extreme Distanz wird bei der Betrachtung des Schreibstils besonders deutlich. Lewis schreibt kühl und simpel. Einen großen Zauber in Form von rhetorischen Stilmitteln darf man nicht erwarten. Der Autor beschränkt sich mehr oder weniger auf die Schilderung der Ereignisse und Frankies Innenleben, ohne diese bunter auszugestalten. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig und sicherlich nicht die stärkste Lösung.

Sie erfüllt jedoch ihren Zweck. „Jagd auf Frankie“ ist ein gut lesbares und spannendes Buch, das Einblicke in das Leben auf der Straße gewährt. Die damit verbundene Handlung ist ruhig und authentisch und nimmt der Hauptperson Frankie nicht das Scheinwerferlicht. Wer gerne einen etwas anderen Thriller genießen möchte, ist mit Kevin Lewis‘ Roman gut bedient.

|Originaltitel: Frankie
Deutsch von Gisela Stern
ISBN-13: 978-3-423-21114-7
380 Seiten, Taschenbuch|
http://www.dtv.de
http://www.kevinlewisonline.com

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