Mankell, Henning – Mann mit der Maske, Der

_Süd trifft Nord: Wallander in der Klemme_

Polizeipräsidium Malmö am Weihnachtsabend. Kommissar Kurt Wallander soll noch bei einer alten Dame vorbeisehen, die sich über einen verdächtigen Mann beschwert hat. Er findet die Frau tot vor und wird selbst niedergeschlagen. Gelingt es Wallander, den Mann mit der Maske zu überführen?

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Mocambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

_Der Sprecher_

Axel Milberg, geborten 1956, ist einer der vielseitigsten Schauspieler in Deutschland. Nach Absolvierung seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München ist er seit 1981 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Dort arbeitete er u. a. unter Dieter Dorn, Peter Zadek und Alexander Lang, so etwa in Dorns „Faust“-Inszenierung. Milberg spielte außerdem in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen mit, so etwa in „Rossini“ (1996), „Jahrestage“ (2000) und „Stauffenberg“ (2004), aber leider auch in „Harte Jungs“.

_Handlung_

Es ist Heiligabend 1975, als Kriminalassistent Kurt Wallander im Polizeipräsidium Malmo einen letzten Auftrag vor Weihnachten erhält. Bevor Wallander zu Frau und Kind nach Ystad fährt, möchte Kommissar Hemberg, dass er dem Anruf einer alten Dame namens Elma Hågmann nachgeht und bei ihr nach dem Rechten schaut. Sie mache sich Sorgen wegen einer „sonderbaren Person“. Und es würde ja bloß zehn Minuten kosten. Wallander nickt.

Als er vor dem Lebensmittelladen eintrifft, lässt er den Schlüssel stecken und die Tür offen, denn er denkt, es dauert ja eh nicht lange. Er soll sich getäuscht haben. Der Laden ist leer, doch im Hinterzimmer sieht er eine alte Frau auf dem Boden liegen, in ihrem Blut. Wo aber ist der Täter? Als er sich wegen eines Geräusches umdreht, wird er niedergeschlagen.

Wallander erwacht auf dem Boden des Ladens, gefesselt mit seinem eigenen Abschleppseil. Es ist zehn nach 18 Uhr. Hoffentlich ruft seine Frau Mona bald Hemberg an, um zu fragen, wo er nur bleibt. Ein großer Mann mit schwarzer Maske und Handschuhen bedroht Wallander mit einem Eisenrohr, sagt aber kein Wort. Als er wieder weggeht, streift der Polizist das Seil ab und stürzt sich auf den Zurückkehrenden. Doch dieser zieht eine Pistole und zielt auf Wallanders Stirn.

Wallander verlegt sich aufs Verhandeln, doch der Mann sagt weiterhin kein Wort. Auch auf das mehrmalige Klingeln des Telefons reagiert er nicht. Noch weiß der Mann nicht, dass er es mit einem Polizisten zu tun hat. Da gibt er sich zu erkennen und bittet den Maskierten, die Waffe wegzulegen. Erst da gibt es eine Reaktion. Unter der Maske kommt ein Afrikaner zum Vorschein. Deshalb also konnte er Wallander nicht verstehen. Der Polizist verlegt sich auf Englisch und erhält eine Antwort: Er heiße Oliver und komme aus Südafrika, sei geflohen.

Da wird Wallander einiges klar. In Südafrika herrscht die Apartheid und die weiße Minderheit unterdrückt die protestierende schwarze Mehrheit mit wachsender Brutalität. Er kann sich das Elend, in dem Oliver seit seiner Flucht gelebt hat, vorstellen. Und nun wollte er den Laden einer alten Dame ausrauben, um an ein wenig Geld zu kommen. Das ging schief.

Es ist inzwischen nach 18:35 Uhr. Die Situation eskaliert, als Kommissar Hemberg eintrifft und an die Tür des Ladens klopft …

_Mein Eindruck_

Wallander philosophiert über den Riss nach, den er in der Gesellschaft wahrzunehmen glaubt, erst in der schwedischen, dann in der weltweiten. Als der Mann noch maskiert ist, wundert er sich über die zunehmende Gewalt und Brutalität, die so völlig unmotiviert und sinnlos erscheint. Aber als der Mann seine Maske abnimmt und seine Geschichte von Tod, Verfolgung und Tod erzählt, erhält der Riss ein Gesicht und einen Hintergrund.

Danach verteidigt Wallander den Schwarzen, was Hemberg leider nicht verstehen kann. Der Unterschied ist der, dass Hemberg nur die „Flut von Ausländern“ sieht und deren Gewalt, Wallander aber keine „Flut von Ausländern“ wahrnimmt und im Gegensatz zu Hemberg das Kommen von Leuten wie Oliver versteht. Vertrieben aus einem Gewaltstaat, geflohen in einen Rechtsstaat, glaubte Oliver, sich in Schweden mit Gewalt behaupten zu können. Doch eine einfache Frage Wallanders entwaffnet ihn: „Was würde dein Vater über das denken, was du getan hast und was du immer noch tust?“ Olivers Vater war Mitglied des African National Congress (ANC), der um die Rechte der schwarzen Mehrheit in Südafrika kämpfte. Oliver schämt sich seiner Taten und handelt entsprechend.

Aber die Komplexität dieser Situation scheint Wallander seinem Chef nicht klarmachen zu können. Und wie soll er seiner Frau Mona erklären, was passiert ist – dass er beinahe getötet worden wäre? Sie macht sich eh schon zu viele Sorgen um ihn. Es ist 20:10 Uhr. Er befolgt den Rat Hembergs und sagt Mona nichts davon. So können beide mit Tochter Linda einen schönen Heiligabend verbringen.

|Der Sprecher|

Ich verstehe nicht, warum Axel Milberg vom Verlag so gelobt wird. Seine Leistung ist nicht gerade überragend zu nennen. Er trägt zwar deutlich und gut betont vor, doch alle seine Figuren sind nicht voneinander zu unterscheiden. Für jeden der drei Männer hat er die gleiche Tonlage und Sprechweise. (Oliver kommt eh nicht zu Wort.) Weder Musik noch Geräusche unterstützen seinen Vortrag. Die akustische Umsetzung begeistert mich also überhaupt nicht.

_Unterm Strich_

Das Hörbuch entspricht in jeder Weise dem, was man thematisch von Mankell erwartet. Der Gesetzeshüter der schwedischen Gesellschaft trifft auf einen politischen Flüchtling aus dem südlichen Afrika – ich habe sofort erwartet, er komme aus Mosambik, wo Mankell zeitweilig lebt. Dass Wallander mit einem Opfer der Apartheidspolitik der weißen Regierung in Pretoria konfrontiert wird, ist für die Zeit um 1975 äußerst aktuell. Es ist die Zeit von Steve Biko und des ANC, als sich auch zunehmend westliche Künstler des Problems bewusst werden. (Peter Gabriel komponierte ein Lied über Steve Biko, allerdings erst in den Achtzigern.)

Die Story wird schnörkellos, aber spannend geschildert. Wallanders Verhandlungsversuche werden von Kämpfen abgelöst, ohne zu einem Ergebnis zu führen. Erst als er sein Gegenüber ernst nimmt und sich in dessen Geschichte hineinversetzt, führt er die entscheidende Wende herbei. Wallander handelt hierin stellvertretend für alle westlichen Gesetzeshüter. Das ist vielleicht ein wenig idealistisch von Mankell dargestellt.

Milbergs Vortrag hat mich nicht beeindruckt, sondern eher durch mittelmäßige Kompetenz beruhigt. So konnte ich mich auf das konzentrieren, was im Text gesagt wird. Das ist zwar nicht viel, was sich für Milbergs Vortrag sagen lässt, aber es ist für den Hörer jedenfalls ein Vorteil.

|55 Minuten auf 1 CD|
http://www.hoerverlag.de

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