Michael J. Reaves – Drachenland

Michael Reaves ist den meisten Science-Fiction-Lesern inzwischen vornehmlich als Verfasser der aktuellen „Star Wars“-Novellen bekannt. Gemeinsam mit dem renommierten Steve Perry erschuf er vor allem in den letzten drei Jahren zahlreiche Geschichten um den Sternenkrieg und konnte sich nach einer ewig währenden Suche nach seiner Identität als Schriftsteller endlich mal langfristig etablieren. Dabei ist Reaves kein Unbekannter mehr; seit mehr als 30 Jahren ist er als Autor tätig, arbeitete mit bekannten Kollegen wie Byron Preiss und Neil Gaiman und hievte einige seiner Titel auf die Bestsellerlisten.

Dass Reaves nun mit „Drachenland“ nach Jahren wieder in den Fantasy-Bereich zurückkehrt, dürfte Fans und Kritiker nach der jüngsten Entwicklung allerdings überraschen. Doch ein genauerer Blick unter die Oberfläche offenbart, dass es sich bei diesem Einteiler um eine Story handelt, die nächstes Jahr bereits ihr 25-jähriges Jubiläum feiert …

Story:

In der Welt von Fandora herrscht blankes Entsetzen. Kürzlich wurden mehrere Kinder tot aufgefunden, und nirgends ist eine logische Ursache für den Mord an den kleinen Geschöpfen zu erahnen. Doch das Volk richtet selbst und entscheidet, dass die bösen Zauberer des benachbarten Königreichs von Simbala für das Drama verantwortlich sind und Fandora in den Krieg treiben wollen. Was die einfachen Bürger in Fandora jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Auch in Simbala wurden Kinderleichen gefunden, für deren Existenz es keine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Während sich die Fandoraner durch die vermeintliche Provokation darauf vorbereiten, nach Simbala zu marschieren und das Königreich mit einem verheerenden Angriff zu bestrafen, ahnt man dort noch nichts vom bevorstehenden Krieg. Erst als der Wissenschaftler Amsel nach Simbala reist und dort Kontakte knüpft, beginnt das kontinuierliche Wettrüsten. Beide Länder vertreten die Meinung, dass das jeweils andere für das Unglück verantwortlich ist.

Das Unvermeidliche steht bevor, und dennoch ist im Königreich der Ernst der Lage nicht bis in die obersten Regionen durchgedrungen. Statt sich nämlich mit der angekündigten Schlacht auseinanderzusetzen, versucht Prinzessin Erivae, den König vom Thron zu schubsen. Und genau diese Querelen sind Amsels letzte Chance …

Persönlicher Eindruck:

Der völlig unbegründete Zwist zweier Nationen als Aufhänger einer Fantasy-Story mag zwar nicht sonderlich erfrischend sein, bietet aber dennoch immer wieder genügend Potenzial, um die phantastische Gemeinde bei Laune zu halten und auch zu begeistern. Reaves‘ 85er-Werk beginnt damit viel versprechend und dramatisch und lässt zudem auch die authentische Härte im Aufbau der Dramaturgie nicht vermissen. Die Ausgangssituation entpuppt sich daher schon nach wenigen Kapiteln als aussichtsreich und mit gesundem Potenzial gestärkt – bis sich schließlich die ersten Ungereimtheiten in den Plot mischen.

Was Reaves nämlich in seinem Roman langfristig beinahe gänzlich missachtet, ist die potenzielle Vernunft seiner Akteure. Es wirkt ein bisschen weit hergeholt, dass nur der belesene Amsel von der Naivität befreit ist, ein böser Zauber habe die Kinder dahingerafft. Die Fandoraner agieren schlichtweg zu kopflos, hinterfragen nicht und kommen in ihrer Charakterisierung nicht besonders gut weg. Dies wäre zu verkraften, würden einzelne Aspekte ihres Denkens und Handelns einen Zacken logischer aufgebaut sein. Warum beispielsweise werden die einzelnen Warnrufe konsequent ignoriert, obschon sie in ihrer Darlegung sowie inhaltlich schlüssiger kaum sein könnten? Warum gibt es die Figur Amsel eigentlich, wo doch ihr ganzes Bestreben über weite Strecken keinen Wert hat? Und inwiefern ergibt es Sinn, mit Happyend-Tendenzen zu kalkulieren, wenn die schlussendliche Wendung schon so klar definiert ist, dass dadurch jeder Überraschungseffekt der Story von vorneherein ad acta gelegt werden kann?

Es gibt sehr viele Fragen, die sowohl die Struktur als auch die Entwicklung der Erzählung betreffen, und leider gibt es nur selten befriedigende Antworten, die der Autor im Text selber liefert. Dass zwei Völker im kontinuierlichen Wettrüsten eine Schlacht initiieren, die von grausamer Tragweite sein wird, ist geschenkt. Dass dieses Szenario auch über etliche Kapitel ausgekostet wird, ebenfalls. Aber warum muss man derart übertreiben, wie Reaves es hier in jeder Detailbeschreibung des Angriffs übernimmt? Da rudert eine riesige Flotte gen Simbala, ist den wildesten Stürmen während einer schier endlosen Überfahrt ausgesetzt, kommt aber ohne jegliche Blessur auf der gegnerischen Seite an. Ist das ‚realistisch‘ aufgebaute Fantasy? Wohl eher nicht …

Damit der Schauplatz ein wenig gestreckt wird, hat der Autor schließlich einige Nebenspielwiesen eingebaut, die das politische Komplott noch weiter ausdehnen, aber zur Entlastung der größtenteils bescheidenen Haupthandlung nur wenig beitragen. Viele Elemente sind von der Stange gerissen, nicht wirklich originell und zusätzlich auch noch mit kleinen Logikfehlern versehen – und auch wenn sich das Ganze bisweilen ganz entspannt liest, fehlt letzten Endes die Tiefe in der Darstellung, aber auch auf inhaltlicher Ebene.

Womöglich war es in den 80ern noch spektakulär, was Michael Reaves hier inszenierte. Doch im Hinblick auf das, was die moderne Fantasy heuer zu leisten imstande ist, muss man im Gesamtzusammenhang schon von einer echten Enttäuschung sprechen! Auch wenn der Release ein wenig historischen Charakter hat: Empfehlenswert oder mehr als im Ansatz überzeugend ist „Drachenland“ nicht!

Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: Dragonworld, 1985
Überarbeitete Neuausgabe 2008
Aus dem Englischen von Karin Polz
ISBN-13: 978-3-453-52454-5
www.heyne.de

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