Sands, Lynsay – Ein Vampir zum Vernaschen

Lucern ist Schriftsteller und ein absolut repräsentativer Vertreter seiner Spezies: Er ist ein einzelgängerischer Eigenbrötler, der außerhalb seiner Familie keine sozialen Kontakte pflegt und sich stattdessen in seinem Haus verschanzt, ohne wenigstens sporadisch an der Welt teilzunehmen. Außerdem ist er ein Vampir (was vielleicht für Schriftsteller nicht unbedingt typisch ist), aber das nur nebenbei.

Früher hat Lucern Sachbücher zu verschiedenen historischen Themen geschrieben, doch irgendwann beschloss er dann, in einzelnen Romanen die Lebens- und Liebesgeschichten seiner Familie zu Papier zu bringen. Das hat ihn zu einem Star unter den Romanzen-Schriftstellern gemacht, und jede kleine Buchhandlung, Bibliothek und Ladenkette in den USA und Kanada möchte Signierstunden mit ihm. Und da kommt Kate C. Leever, ihres Zeichens Lucerns Lektorin, ins Spiel. Wiederholt versucht sie, Lucern davon zu überzeugen, dass er mehr mit seinen Fans interagieren sollte, doch Lucern lehnt jedes Mal wortkarg ab und ignoriert Kate ansonsten gekonnt. In einer letzten Verzweiflungstat fliegt Kate von New York nach Toronto, um Lucern persönlich davon zu überzeugen, dass er auf Lesetour gehen sollte. Natürlich hat sie ihren Besuch vorher schriftlich angekündigt, doch da Lucern seine Post höchstens einmal im Monat öffnet, ist er reichlich überrascht, als plötzlich seine Lektorin vor der Tür steht.

Natürlich können sich beide zunächst nicht leiden, doch mit etwas Hilfe von Lucerns kupplerischer Mutter wird dem Armen dann doch noch ein Public-Relations-Termin aufgedrückt, und zwar die riesige, mehrere Tage dauernde |Romantic Times Convention|, bei der sich Fans, Verlage und Schriftsteller in einem Hotel treffen.

Lucern ist alles andere als begeistert, und das, obwohl Kate und ihr Kollege Chris einzig zu seinem Wohl und seiner Unterhaltung zur Verfügung stehen und ihn geradezu babysitten, damit er auch nichts hat, worüber er sich beschweren könnte. Kate und er kommen sich näher, sie findet heraus, dass er nicht nur über Vampire schreibt, sondern tatsächlich einer ist, es kommt zu einigen Verwicklungen, und am Schluss darf Autorin Lynsay Sands ein tief empfundenes „Happy End“ unter ihre Paranormal Romance mit dem nicht gerade effektvollen deutschen Titel „Ein Vampir zum Vernaschen“ setzen.

„Ein Vampir zum Vernaschen“ ist eigentlich der dritte Teil von Sands „Argeneau-Serie“, doch |Egmont LYX| hat sich entschieden, den Roman als Band zwei zu veröffentlichen. Das ist für alle Puritaner unter den Buchliebhabern sicher ärgerlich, praktisch macht es allerdings kaum einen Unterschied, in welcher Reihe man die Bücher liest. Zwar tauchen immer wieder die gleichen Charaktere auf – nämlich die Mitglieder der Familie Argeneau -, doch behandelt jeder Roman die Liebesgeschichte einer anderen Figur. So ist es relativ gleichgültig, mit welchem Band man einsteigt.

Sicher, Lynsay Sands hat eine astreine Paranormal Romance geschrieben, und das Genre ist alles andere als ein Garant für literarische Qualität. Auch Sands‘ Bücher sind letztlich nichts weiter als Gebrauchsliteratur, die sofort ihren Reiz verliert, sobald man das Buch zugeklappt hat. Doch muss man Sands auch zugestehen, dass sie einige Ideen hat, die ihren Roman über das Einerlei der Liebesromane herausheben, wobei sie genügend schriftstellerisches Geschick besitzt, diese Ideen auch überzeugend umzusetzen. Damit ist „Ein Vampir zum Vernaschen“ eine definitive Verbesserung gegenüber dem Vorgänger [„Verliebt in einen Vampir“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5796

So ist ihr erzählerischer Grundaufbau, nämlich den Roman im literarischen Betrieb anzusiedeln, geradezu metaliterarisch und sorgt wiederholt für Schmunzler und Aha-Effekte. Die Convention, auf die sie Lucern und Kate schickt (eher keine Konferenz, wie uns die Übersetzung weismachen will – das lässt den Leser an einen akademischen Anstrich glauben, den es so nicht gibt), existiert tatsächlich. Sie wird jährlich von der Zeitschrift |Romantic Times| ausgerichtet und ist ein Ort, wo man Fans und Autoren gleichermaßen treffen kann. Es gibt Kostümbälle, Signierstunden und offensichtlich auch die Möglichkeit, sich mal die ganzen gut gebauten Männer in natura anzuschauen, die sonst die Buchcover schmücken. Auch Kathryn Falk, die Gründerin der |Romantic Times|, kommt in einer kleinen (aber durchaus charmanten) Nebenrolle vor. Theoretisch macht dieses ungewöhnliche Setting den Roman für all jene interessanter, die die |Romantic Times| und deren Convention kennen, doch das wird wohl für kaum einen deutschen Leser zutreffen. Und trotzdem ist Sands‘ Einblick in den Schnulzenmarkt kurzweilig und auch humorig.

Da kann man ihr auch fast verzeihen, dass sie natürlich für ein Publikum schreibt, das eine ganze bestimmte Vorstellung von seinen Heldinnen und Helden hat, und dass ihre Liebesgeschichte dadurch natürlich einen formelhaften Anstrich bekommt. So ist ihre Heldin selbstverständlich unglaublich unabhängig und tough, in Liebesdingen aber eher schüchtern und unbedarft. Der Held dagegen scheint zunächst so viel Emotion wie ein Stein zu haben, erweist sich letztlich aber als Vampir mit einem Herzen aus Gold.

Die Unabhängigkeit und Lebensgewandtheit ihrer Heldin Kate äußert sich hauptsächlich darin, dass sie spleenige und völlig abwegige Ideen hat, wie zum Beispiel die, in eine Blutbank einzubrechen – komplett mit Skimasken und einem Rucksack voller Werkzeug aus dem Baumarkt. Als Lucern sie dann bittet, draußen zu warten, fühlt sie sich in ihrer Ehre gekränkt: „Das hier war ihre Idee gewesen; sie wollte verdammt sein, wenn sie draußen in einer Gasse wartete und die Hände rang wie eine dieser zimperlichen Heldinnen in einem altmodischen Roman.“ Eine solche Heldin wäre zwar nicht nach Kates Geschmack gewesen, sie hätte Lucern aber auch in weit weniger Schwierigkeiten gebracht und so beweist die taffe und selbstbestimmte Heldin eigentlich nur eines: nämlich, dass ihre Unabhängigkeit nur Fassade ist und allen mehr gedient wäre, wenn sie sich weniger einmischen würde.

Von diesen misslichen Details einmal abgesehen, kann man mit „Ein Vampir zum Vernaschen“ durchaus Spaß haben – ein empfehlenswerter Schmöker für eine laue Sommernacht.

|Originaltitel: Single White Vampire
Ins Deutsche übertragen von Regina Winter
380 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-8025-8172-4|
http://www.egmont-lyx.de

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