Bradbury, Ray – Fahrenheit 451

In einem totalitären Zukunftsstaat sind Bücher verboten. Die Feuerwehr dient nicht dem Löschen von Feuer, sondern dem Verbrennen der gefährlichen Literatur. Einer der Feuerwehrmänner wandelt sich in seinen Ansichten zum Systemgegner, doch der Ausstieg ist gar nicht so einfach, wie er schnell herausfindet.

_Der Autor_

Raymond Bradbury, geboren 1920 (und immer noch quicklebendig!) in Waukegan, Illinois, ist einer der bekanntesten Erzähler der USA, und zwar nicht nur in der Science-Fiction, sondern auch im sogenannten Mainstream. Als Ray 14 Jahre alt war, übersiedelte seine Familie nach Kalifornien, wo er 1938 seinen Highschool-Abschluss machte. Diesen Verlust der Heimat hat er immer wieder thematisiert.

1937 kam er erstmals mit der Science-Fiction-Szene in Kontakt, als er Ray Harryhausen (Film), Forrest Ackerman (Fandom) und Henry Kuttner (Autor) traf. Zum Teil konnte er seine Träume mit ihnen erfüllen. Harryhausen wurde zu einem der größten Trick- und Special-Effects-Könner auf dem Gebiet des phantastischen Films („Kampf der Titanen“ u. v. a.), während Bradbury später als Autor weit über die Grenzen des Genres hinaus bekannt wurde.

Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin („Star Wars Episode V“) Leigh Brackett beeinflusste ihn wesentlich in seiner Entwicklung. 1943 wurde sein Stil poetischer, nostalgisch und zeigte einen Hang zum Makabren. Die damals großen Magazine wie die „Saturday Evening Post“ sollen sich angeblich um seine Storys gerissen haben. Er schrieb für John Huston das Drehbuch zu „Moby Dick“.

In letzter Zeit ist es still um Bradbury geworden, aber von ihm erscheinen immer noch aufwendig gemachte Novellen- und Storybände. Ridley Scott hat in seinem Film „Blade Runner“ eine Hommage eingebaut: Das Hotel, in dem der Showdown stattfindet, heißt „The Bradbury“. Und der Regen fällt wie in Bradburys Story „The Day It Rained Forever“ unablässig.

Seine wichtigsten Werke:

Fahrenheit 451 (1953, verfilmt 1966 von F. Truffaut)
Der illustrierte Mann (1951, verfilmt 1968 mit Rod Steiger, dt. Titel: „Der Tätowierte“)
Die Mars-Chroniken (1946-50, verfilmt 1980 mit Rock Hudson)

_Handlung_

Fahrenheit 451 – oder 232° Celsius – ist die Temperatur, bei der Buchpapier Feuer fängt. Und um Bücher scheint es vordergründig zu gehen. Sie sind nämlich selten – und außerdem ist ihr Besitz strengstens verboten. Wer damit erwischt wird, ein Buch zu besitzen, zu lesen, daraus für andere zu rezitieren, dessen Haus wird mitsamt der Bibliothek abgefackelt. Das ist nicht so schlimm, wie es klingt, denn die meisten modernen Häuser in dem geschilderten Land sind sowieso feuerfest. Bis auf gewisse Ausnahmen.

Die Jungs, die das Verbrennen besorgen, sobald eine entsprechender Befehl in der Zentrale eingegangen ist, sind natürlich die Feuerwehrmänner. Jungs wie Guy Montag: brav in der Berufsausübung, effizient in der Aktion und vor allem linientreu. Montag ist ein Feuerwehrmann, also Angehöriger des Staatlichen Ordnungsdienstes, der mit seinem „Salamander“ bzw. „Feuerwehrauto“ in den Einsatz fährt, um das Kerosin zu verspritzen.

Als er einmal zu einem Haus gerufen wird und das ordnungsgemäße Bücherverbrennen beginnen soll, weigert sich die alte Hausbewohnerin, ihr Domizil zu verlassen. Doch wie die Pflicht erfüllen? Montags Boss Beatty hat zum Glück keine Skrupel, doch er kommt zu spät. Die alte Dame hat selbst ein Streichholz angerissen und das überall verspritzte Kerosin in Brand gesteckt. Montag ist ziemlich verstört. Etwas kann hier nicht stimmen.

Er lebt in einem totalitären Zukunftsstaat, der sich bemüht, das Denken und Handeln seiner Bürger vollständig zu kontrollieren. Bücherlesen ist ein unkalkulierbarer Risikofaktor. Hauptmann Beatty erklärt es Montag haarklein, immer wieder: |Das Wichtigste ist das Glück, das in der Gemütsruhe, dem Seelenfrieden liegt. Alles andere ist zweitrangig. Was den Seelenfrieden und die allgemeine Ordnung stört, muss eliminiert werden.| Doch wer legt fest, was dem „Seelenfrieden“ förderlich und was schädlich ist? Nun, jedenfalls sind Bücher schädlich und die Dauerberieselung durch multimediale Funkkanäle mit Seifenopern förderlich.

Während sich Montags Frau Mildred bis zur Besinnungslosigkeit von den drei bis zur Decke reichenden Fernsehwänden mit dem staatlichen Unterhaltungsprogramm berieseln lässt, hält es Montag nicht bei solchem Stumpfsinn. Er lernt beim Spazierengehen die 16-jährige Clarisse McClellan kennen. Sie kennt nicht nur Bücher und wie man liest, sondern führt auch, o Wunder, ein reges Familienleben. Durch sie ändert sich seine Einstellung ziemlich grundlegend. Außerdem hat er selbst etwa 20 Bücher mitgehen lassen und in seinem Haus versteckt.

Doch Montags Wandel stößt auf allseitigen Widerstand: Mildred ist zunächst unverständig, dann ablehnend, schließlich denunziert sie ihn. Clarisse McClellan wird mitsamt ihrer Familie abgeführt und getötet. Und Hauptmann Beatty, der linientreue Vertreter der Regierung, liest seinem „Fireman“ Montag die Leviten. Dabei zeigt sich Beatty als ein sehr belesener Zeitgenosse, der sogar Shakespeare auswendig zu zitieren vermag.

Die einzige Hilfe erhält Montag von dem alten Mann Faber, der nicht nur eine Bibliothek sein Eigen nennt, sondern auch ein Elektrobastler ist. Er gibt Montag einen Funkempfänger, den er in die Ohrmuschel stecken kann. So kann er Montag vor kritischen Situationen warnen. Das ist auch vielfach notwendig, denn Montags Wut und Frustration kennt nach Clarisses Tod kaum noch Grenzen. Emotionaler Höhepunkt ist Montags Rezitation des viktorianischen Gedichts „Dover Beach“: „ignorant armies clash by night“ (sehr Kuttner-esk).

|(Achtung: Spoiler!)|

Es kommt zur Katastrophe: Der nächste Einsatz führt zu Montags eigenem Haus. Doch ihm gelingt es, Beatty auszuschalten und zu fliehen. Doch der mechanische Hund ist nun die größte Gefahr: Das künstliche Tier lähmt oder tötet seine Opfer mit einer „Procain“-Spritze, die es aus dem Maul ausfährt. Beinahe erwischt es auch den Fliehenden, bevor er in den Fluss springen kann, der die Stadt von der Wildnis abgrenzt.

In der Wildnis begegnet er Leuten, von denen ihm schon Clarisse erzählt hatte: Jeder der ehemaligen Professoren der Literatur und Philosophie hat ein Buch oder Buchteil memoriert. Diese Erinnerungen sind das Einzige, was von den Büchern übrig geblieben ist. Die Angehörigen der Gruppe, die im ganzen Land Kontakte hat, ziehen umher und verbreiten das Wort denjenigen, die es hören wollen. Es ist sehr passend, dass Montag Teile des Bibelteils „Buch des Predigers Salomo“ erinnert.

Doch kaum ist Montag in die Gruppe aufgenommen, bricht der schon lange erwartete Krieg aus. Flogen bislang nur Düsenbomber über den Himmel, so fallen nun die Wasserstoffbomben. Es ist ein Drei-Minuten-Krieg: kaum begonnen, schon vorbei. Doch danach existiert die Stadt nicht mehr. Und so ist für Montag und Co. die Zeit gekommen, einen Neuanfang zu machen und „das Wort“ zu verbreiten: „und die Blätter des Baumes dienten zur Heilung der Völker“.

|(Spoiler Ende)|

_Mein Eindruck_

In „Fahrenheit 451“ hat Bradbury Anfang der fünfziger Jahre seine Wut und Frustration herausgelassen. Sein Wutschrei gilt den Massenmedien des 20. Jahrhunderts, die er in Form des frühen Fernsehens bereits aufkommen sah und vor deren vermeintlichen Folgen er warnte. Fernsehen, Popmusik, Massensportveranstaltungen, sogar Comics und Freizeitparks – Bradbury lehnt alles ab, was nicht der Erbauung, sondern nur dem bloßen Vergnügen dient. Deshalb kommt es für ihn einer Todsünde gleich, Bücher, dieses Gedächtnis einer Kultur, verbannen und vernichten zu wollen. Denn er weiß (mit Heinrich Heine): „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch bald Menschen.“ So geschehen in Nazi-Deutschland, über das Bradbury sicher einige Berichte gehört, gelesen oder sogar gesehen hat.

Allerdings ist das Buch, das er geschrieben hat, auch die Litanei eines konservativen, puritanischen Moralisten. Montag macht eine moralische Entwicklung durch, angestoßen durch ein junges, intellektuell erscheinendes Mädchen (Clarisse). Seine Kontrahenten sind seine Frau Mildred und sein Hauptmann Beatty. Bradbury ist regelrecht sexistisch, wenn er Montag seine Frau als „stupid, empty-headed woman“ bezeichnen lässt, wenn sie Seifenopern via Wandfernsehen und Kopfhörersound in sich aufnimmt und darin versinkt. Doch im Gegensatz zu Montag hat sie noch Freunde. Beatty hingegen ist ein aufgeklärter Regimevertreter, der sehr an Winstons Peiniger in Orwells Roman „1984“ (1948) erinnert. Er hat selbst eine Menge Bücher gelesen und heuchelt seine Linientreue lediglich. Um seinen Job zu behalten, muss er allerdings Abweichler wie Montag ausmerzen.

Der einzige Freund, den Bradbury Montag gestattet, ist im Grunde Faber. Dieser „Handwerker“ (von lateinisch ‚faber‘) und Bücherfreund wird Montags Verbindung zum Untergrundnetz. So gelangt er zu den lebenden Büchern, die sich in der Wildnis treffen. Montag wandelt sich hier in Bradburys Ideal: zum Prediger des Wortes, zum Bewahrer der buchbasierten Kultur. Hätte Bradbury sein Buch dreißig Jahre später geschrieben, hätte er sicher gegen Computerspiele und Heimvideos gewettert. (Montag würde heute aber nicht mehr als Wanderprediger auftreten, sondern auch im Fernsehen oder Internet.)

Es ist daher kein Wunder, dass seine Botschaft bei Lehrern und anderen Kulturwächtern gerne gehört wurde. Da die Botschaft in eine unterhaltsame Geschichte mit poetischen Untertönen verpackt ist, stellte sie sich auch mit der Zeit als sehr akzeptabel heraus – nicht nur im Westen, sondern auch in der UdSSR (1956, 1963ff) und in der DDR (1974), wie Erik Simon in einer Fußnote zur |Heyne|-Ausgabe darlegt. Schön, wenn da ein Westler mal gegen die modernen Auswüchse des kapitalistischen Systems wettert.

Bradburys Buch ist daher weltweit in den Bücherkanon und die Lehrpläne aufgenommen worden – nicht nur weil es so schön schmal ist, sondern weil es auch frei von Sex und ähnlich schlüpfrigen Dingen ist. (Natürlich ist Clarisse kein weibliches Wesen; sie spricht ja nicht einmal wie ein Mächen, sondern genau wie Mädchen bei vielen anderen Science-Fiction-Autoren der vierziger und fünfziger Jahre, etwa bei Asimov: hölzerne Phrasen, die allesamt wie Botschaften eines Alter Ego des Autors klingen.) Dass sich darin eine Frau verbrennt und der Atomkrieg ausbricht, scheint nicht weiter schlimm zu sein. Man könnte das Buch ja sonst für harmlos halten.

Als Traktat für Teenager hat diese einfach gehaltene Dystopie sicher ihre Meriten, doch es handelt sich nicht um einen Science-Fiction-Klassiker für Erwachsene. „Fahrenheit 451“ ist zu unausgewogen, als dass man es als ernsthaften Versuch betrachten könnte, mit erzählerischen Mitteln die moralischen Folgen des Mediensperrfeuers, dem Montags Gesellschaft und Heim ausgesetzt sind, umzusetzen und darzustellen. Vielmehr ist Montag von vornherein immun gegen die Medienberieselung, die seine „dumme, hohlköpfige“ Frau über sich ergehen lässt. Er lehnt „Big Brother“ – in jedem Sinne – ab. Das macht seinen Sinneswandel aber nur wenig verständlicher.

_Unterm Strich_

Man sollte das Buch nicht mit François Truffauts Film vergleichen. Und wer die Story des Films ohne weiteres auf das Buch überträgt, begeht einen Fehler. Beide folgen ihren eigenen Gesetzen, verfügen über ihre eigenen Ausdrucksmittel. Die poetische Sprache ist im Film kaum je wiederzufinden, doch die Bilder des Films sagen etwas anderes als das Buch. Ein Vergleich täte beiden Unrecht, deshalb versuche ich das gar nicht.

Wer kann, sollte den Roman im Original lesen, nicht nur wegen der schöneren und genaueren Sprache, sondern auch wegen der Vollständigkeit des Textes. Ist schon die |Diogenes|-Fassung länger als die bei |Heyne| abgedruckte, so erfährt man in der „Encyclopedia of Science Fiction“, dass in den letzten Textfassungen zwei Kurzgeschichten, eine Coda und ein Nachwort des Autors hinzugekommen sind. Das wäre dann die definitive Ausgabe.

Wer wirklich gute Prosa von Bradbury lesen will, der greife zu den „Mars-Chroniken“ und dem „illustrierten Mann“, also sehr frühen Texten. Beide wurde verfilmt.