Carter Dickson – Vitriol und Belladonna

Carr Vitriol Scherz CoverDas geschieht:

Die junge Schriftstellerin Monica Stanton hat mit „Sehnsucht“, einem schmalzig-verruchten Liebesroman, einen Bestseller gelandet. Produzent Thomas Hackett will das Buch nicht nur verfilmen, sondern wirbt Monica außerdem als Drehbuchautorin an. Sie landet in der Grafschaft Buckinghamshire und dort in den Pineham-Ateliers, wo sie der ebenfalls als Autor angeheuerte Krimi-Schriftsteller William Cartwright unter seine Fittiche nehmen soll. Dabei gerät Monica in die Dreharbeiten zum Thriller „Spione auf See“ und trifft ihre Lieblings-Schauspielerin Frances Fleur. Auch Regisseur Howard Fisk und sein Assistent Kurt von Gagern lernt sie kennen; dieses Team wird später „Sehnsucht“ in einen Film verwandeln.

Man ist im Atelier allerdings ein wenig abgelenkt, denn aus der Werkstatt ist mehr als ein Liter hochgiftiger Schwefelsäure verschwunden. Die Hälfte taucht später in einer Wasserkaraffe auf dem Set von „Spione auf See“ auf, wo eine Katastrophe gerade noch verhindert werden kann. Wenig später lockt ein Unbekannter Monica in eine andere Kulisse und wartet dort mit dem Rest der Säure auf sie; der Anschlag missglückt nur knapp.


Niemand kann erklären, wieso gerade Monica von einem Attentäter verfolgt wird. Bill Cartwright wendet sich ratsuchend an den ihm bekannten Chefinspektor Masters, der wiederum seinen Freund, Sir Henry Merrivale vom Militärischen Geheimdienst, informiert. Doch wir schreiben das Jahr 1939, im September bricht der II. Weltkrieg aus. Nun gibt es Wichtigeres als seltsame Umtriebe in einem Filmstudio.

In Pineham läuft der Betrieb weiter. Dann verschwinden Filmaufnahmen von einem Marinestützpunkt, die „Spione auf See“ mehr Glaubwürdigkeit verschaffen sollten und nun dem nazideutschen Feind sehr hilfreich wären. Sir Henry kehrt zurück – und über Pineham bricht buchstäblich die Realität herein …

Schwierige Zeiten für trickreiche Strolche

Der Ausbruch des II. Weltkriegs im September 1939 bedingte eine ganze Weile bedeutender Zäsuren. Nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch kulturell und künstlerisch galt es, die turbulenten Zeitläufe zu bewältigen, zu verarbeiten und nicht selten einfach zu überleben.

Mit einer gewissen Zeitverzögerung begann die Unterhaltungsindustrie auf die kriegsbedingten Veränderungen zu reagieren. In den Filmstudios entstanden nun Propagandafilme, in denen „der Feind“ möglichst lumpig aber dank entschlossener Gegenwehr niemals siegreich dargestellt wurde. „Spione auf See“, jener Streifen, der im hier besprochenen Kriminalroman in den Pineham-Ateliers entsteht, ist so ein Film, der Spannung mit einer Botschaft verbindet.

In den großen und unübersichtlichen Hallen scheinen darüber hinaus leibhaftige Spione ihr Unwesen zu treiben, obwohl es selbst John Dickson Carr nicht leicht fällt zu begründen, was diese ausgerechnet in einem Filmstudio verloren haben: Gibt es in einem Krieg nicht wichtigere Ziele für Mord & Sabotage?

Doch Carr reagierte auf das Problem, einer von der Realität allzu gründlich aufgeschreckten Leserschaft einen typischen Rätsel-Krimi schmackhaft zu machen. Diese klammern die Wirklichkeit normalerweise mehr oder weniger aus, was es möglich macht, die Handlung auf die Auflösung kunstvoll konstruierter Mord- und Übeltaten zu konzentrieren. Frieden im Land trägt zur Wirkungskraft eines solchen „Whodunits“ bei.

Mit leichten Tricks auf altem Kurs

Offensichtlich wurde John Dickson Carr, der seit den 1930er Jahren in England lebte, wie so viele seiner Landsleute vom Kriegsausbruch überrascht. „Vitriol und Belladonna“ klammert ihn nicht aus, für die Handlung ist er jedoch nicht nötig. Insgesamt beschränkt sich Carr auf entsprechende Andeutungen, bezieht einmal geschickt die notwendig gewordenen Verdunklungsvorhänge ins Geschehen ein, erwähnt nebenbei über London schwebende „Blimps“ oder lässt einen Regisseur klagen, weil die Armee für einen Historienfilm als Statisten abgestellte Soldaten an die Front kommandiert.

Man kann freilich argumentieren, dass Carr die Gegebenheiten einer sich allmählich bildenden Heimatfront als zusätzliche Elemente der Verwirrung nutzt. Krieg hin, Krieg her: Der Verfasser bleibt klassisch. Die Wahrheit hinter den rätselhaften weil motivlosen Anschlägen auf eine junge Autorin weicht von Verdachtsmomenten, die auf Nazi-Spionage hindeuten, denkbar weit ab. „Whodunit“-typisch wird der Leser in die Ermittlungen eingeschlossen, wobei es ihm überlassen bleibt, die sorgsam ‚getarnten‘ Hinweise als solche zu erkennen und zu deuten.

Sie sind jedenfalls da, wie der Leser angenehm überrascht und wie üblich beschämt feststellt, nachdem sie ihm von einem selbstverständlich täuschungsresistenten Sir Henry Merrivale mit Aplomb um die Ohren geschlagen wurden. Über die logische Relevanz dieser Auflösung sollte man sich lieber keine Gedanken machen. Sie funktioniert und überrascht, und sie muss vor dem Hintergrund einer zeitgenössischen Gesellschaftsordnung bewertet werden, die heute auf Unverständnis stößt.

Frauen und „Mädchen“

Carr führt dies aus, als er zu Beginn Monica Stantons unfreiwilligen Aufstieg zur ‚Skandal-Autorin‘ beschreibt: Nüchtern betrachtet hat sie nur einen schwülstigen Liebesroman in historischen Kulissen verfasst. Da sie erst 22 Jahre alt und die Tochter eines Pfarrers ist, weckt dies die Neugier der Presse, die zur Steigerung der Auflagen gern den ohnehin schwelenden Verdacht schürt, die junge Frau habe ‚ausprobiert‘, was sie später in Worte fasste.

Monica Stanton mag volljährig sein, doch selbstständig ist sie nicht. Regelmäßig durchsucht die neugierige Tante Flossie ihre Habseligkeiten, um dem „Kind“ im Bedarfsfall die nötige Kontrolle zukommen zu lassen. Als Monica in Pineham angestellt wird, geht diese Funktion übergangslos auf den stattlichen William Cartwright über. Er ist einige Jahre älter und „erfahren“, und er verliebt sich prompt in die unbedarfte Maid. Sie sträubt sich zunächst, wie es im Rahmen der zeitgenössischen Werbung vorgeschrieben ist, fügt sich jedoch bald ihren weiblichen Gefühlen und verlangt zukünftig nach der Anwesenheit des „Beschützers“. (Die in Anführungsstriche gesetzten Worte kommen so im Romantext vor.)

Der Gegenentwurf zur fraulichen Monica ist das Karriereweib Tilly Parsons, das mit dem Erfolg jede Weiblichkeit verlor und faltig, kettenrauchend & fluchend versucht, es den Jungs gleichzutun, obwohl sie insgeheim voller Wehmut an die Jahre zurückdenkt, als sie selbst noch ganz Frau war. Deshalb betätigt sie sich voller Wonne als Kupplerin und macht dabei vor allem deutlich, dass und wie Carr den „Whodunit“ einer behutsamen Aktualisierung unterziehen möchte: „Vitriol und Belladonna“ ist kein reiner, auf das Krimi-Rätsel zentrierter Rätsel-Krimi mehr, sondern will auch eine Liebesgeschichte erzählen. Wie sein Kollege Ellery Queen hatte Carr begriffen, dass er seine Leserschaft (und damit seine Einkünfte) vergrößern konnte, wenn er dem weiblichen Publikum Zugeständnisse machte.

Die Ebenen des Vergnügens

Carr kann nichts dafür, dass genau diese Szenen heute irritieren, langweilen oder ärgern. Die beschriebenen Manierismen entsprachen dem Zeitgeist und sind erst in späteren Jahrzehnten zu Klischees geronnen. Womöglich lagen dem Verfasser solche Einlagen auch nicht. Deutlich besser glückte Carr jedenfalls ein weiteres Experiment: „Vitriol und Belladonna“ zeigt einen Verfasser mit Humor. Gelungen ist ihm vor allem ein „running gag“: Immer wieder hören unsere Heldinnen und Helden zufällig Fetzen der Gespräche eines Regisseurs, der sich mit einem Drehbuchautoren streitet. Man dreht einen Film über Napoleons letzte Kaiserjahre, und immer dreister und drastischer vergewaltigt dieser Regisseur – der für das Geschehen sonst keinerlei Bedeutung hat – die historische Wahrheit, bis aus einem „Kunstfilm“ ein absurdes Abenteuer-Märchen und damit wohl ein Blockbuster geworden ist.

Die ohnehin als überdreht geltende Welt des Films verschafft Carr einen idealen Hintergrund. Natürlich sind die „Pineham-Ateliers“ realiter die erst 1935 entstandenen Pinewood-Studios westlich von London. Bis heute werden hier bekannte Filme und Filmszenen (u. a. für die James-Bond-Serie) gedreht. Carr muss sich dort umgeschaut haben, denn er schildert den Studio-Alltag und den Trubel in den Ateliers nicht nur interessant, sondern auch kundig. In diesem Umfeld ist der Irrsinn wie gesagt Alltag. Ein Mörder, der versucht, Schwefelsäure durch ein viktorianisches Sprachrohr in den Mund seines Opfers zu gießen, dürfte sich hier wie zu Hause fühlen …

Der exzentrische Henry Merrivale gibt ganz offen zu, dass auch ihn kindliche Neugier in das Studio treibt. Ansonsten ist er tagesaktuell wieder im Einsatz, während er in neun früheren Romanen als Agentenschreck der Militärischen Abwehr eine ruhige Kugel schob und schon deshalb gern als Detektiv aktiv wurde. Doch für sein Hobby nimmt sich Merrivale trotz des Krieges die Zeit. Sein ortsangemessen theatralischer Finalauftritt krönt diesen Roman, der wie fast alle Krimis, die John Dickson Carr in den 1930er und 1940er Jahren schrieb, zu den lesenswerten Klassikern des Genres gehört.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus; die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Taschenbuch: 189 Seiten
Originaltitel: And So to Murder (New York : William Morrow 1940/London : William Heinemann 1941)
Übersetzung: Margret Haas

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