Colin Dexter – Der letzte Bus nach Woodstock

Ein schon geklärt geglaubter Mordfall erregt das Misstrauen eines unkonventionellen Polizeibeamten, der sich von unwilligen Vorgesetzten und Kollegen nicht bremsen lässt und zu einer gänzlich neuen Deutung der Indizien gelangt … – Bereits der erste Roman um Inspektor Morse verbindet englische Whodunit-Kunst der klassischen Art mit dem modernen Krimi; noch zeigt der Handlungsfluss Stockungen, was Autor Dexter jedoch bald in den Griff bekam: ein moderner Klassiker, spannend und witzig!

Das geschieht:

Etwa auf halber Strecke zwischen der Universitätsstadt Oxford und dem Shakespeare-Städtchen Stratford-on-Avon liegt Woodstock. Der kleine Ort ist reich an Zeugen einer eindrucksvollen Vergangenheit – so wurde Winston Churchill hier geboren und begraben – und wird daher von den Bewohnern der umliegenden Gemeinden gern besucht. Viele Leute kommen nach Woodstock; das ist ein wichtiger Punkt, denn für Chefinspektor Morse und Sergeant Lewis von der Thames Valley Police erweitert es den Kreis der Verdächtigen erheblich, die für den Mord an Sylvia Kayes verantwortlich sein könnten. Die junge Frau wurde im Hinterhof des beliebten Pubs „Black Prince“ vergewaltigt und erschlagen.

Die Ermittlungen ergeben, dass Sylvia Kayes nach Woodstock getrampt ist und von ihrem Mörder auf der Straße aufgelesen wurde. Doch sie war nicht allein; Zeugen sahen sie gemeinsam mit einer anderen Frau, die sie offensichtlich kannte. Wieso meldet sich diese nicht auf die Aufrufe der Polizei? Die Fahndung im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreise der Ermordeten bleibt zunächst ergebnislos. Lewis macht dafür die unkonventionellen Methoden seines exzentrischen Vorgesetzten verantwortlich, der eher auf Eingebungen als auf das Polizeihandbuch setzt, geflissentlich das Alkoholverbot im Dienst ignoriert und gern einmal ein paar Pfund bei einer illegalen Pferdewette riskiert. Zudem bändelt der Inspektor mit Sue Widdowson an, einer Mitbewohnerin Sylvia Kayes.

Ein Durchbruch ist erzielt, als der Wagen gefunden wird, in dem Sylvia Kayes ihre letzte Fahrt unternahm. Aber Bernard Crowther, der Eigentümer, ist nicht der Täter. Bevor Morse Crowther intensiver auf den Zahn fühlen kann, begeht plötzlich dessen Gattin Selbstmord. Sie schickt Morse einen Abschiedsbrief, in dem sie sich des Mordes bezichtigt: Per Zufall habe sie entdeckt, dass ihr Gatte sie betrügt, und die Ehebrecherin darob in einem Eifersuchtsanfall erschlagen.

Für Lewis ist der Fall damit geklärt, doch Morse ist unzufrieden. Crowther kann nicht mehr vernommen werden; er erliegt einem tödlichen Herzinfarkt. Deshalb rollt Morse zum Missfallen seines Kollegen den Fall noch einmal neu auf …

Gutes Handwerk wird niemals altmodisch

Er war nicht unbedingt ein origineller Ermittler, dieser ebenso intelligenten wie verschrobenen Hagestolz Endeavour Morse, der in diesem Roman aus dem Jahre 1975 sein Debüt als unkonventioneller Kriminalist gab. Nicht von ungefähr erinnert Morse an eine upgedatete Neuauflage des unsterblichen Sherlock Holmes erinnert. Auch einen Dr. Watson, der stellvertretend für den Leser die dummen Fragen stellt, gibt es, obwohl sich der treue und geduldige Sergeant Lewis rasch vom Steigbügelhalter zum Reiter emanzipiert und seinen sprunghaften Chef und bald auch Freund hervorragend ergänzt.

Die Kriminalromane von Colin Dexter bestechen zudem weniger durch ihre komplexen Plots. Auch „Der letzte Bus nach Woodstock“ erzählt grundsätzlich die nur zu bekannte Geschichte vom Mord aus Eifersucht. Dexter interessiert sich stets mehr für die Menschen hinter der Tat, die das Duo Morse und Lewis auf den Plan ruft. Seine beiden Helden sind davon nicht ausgeschlossen. Die Morse/Lewis-Serie ist auch eine chronologische und durchaus dichte Biografie des Chefinspektors und seines Sergeanten. Bereits dieser erste Roman legt dabei das Fundament für jene zwölf Bände, die noch folgen sollten. Morses Einsamkeit, seine Liebe zum Alkohol, der Weg zum Notarzt – das sind nur drei Elemente, denen der Leser immer wieder begegnen wird und die sein geistiger Vater nicht nur einsetzt, um seiner Figur Konturen zu verleihen: An einem Zuviel der genannten Trias hat Dexter seinen tragischen Helden – zum Entsetzen zahlreicher Leser – 1999 in „Und kurz ist unser Leben“, dem 13. (!) Morse-Roman, enden lassen.

Herausforderung als Lebenselixier

Das einzige, worauf sich Morse immer verlassen kann, ist sein kriminalistischer Scharfsinn. „Sie können den Eiger in Hausschuhen besteigen, vorausgesetzt, Sie beginnen den Aufstieg an der richtigen Stelle“, fasst er im vorliegenden Roman sein Credo zusammen. Genauso geht Morse als Polizist vor. Ohnehin ist er ein Quereinsteiger, der seine Zeitgenossen gern und mit der Arroganz des unsicheren Aufsteigers an die humanistischen Studien seiner College-Zeit erinnert.

Aber auch Colin Dexter, der lange Jahre Latein und Griechisch in Oxford unterrichtete, kommentiert das Tun und Treiben seiner Figuren gern durch vorzüglich ausgewählte Zitate oder Gedichte aus der klassischen Literatur. Diese konterkariert er allerdings jederzeit bedenkenlos z. B. durch einen Spruch, wie man ihn auf der Tür einer gut frequentierten Gaststätten-Toilette lesen kann: Britischer Humor, der scheinbar mühelos das Alltägliche mit dem Absurden, das Feine mit dem Niederen verbinden und alles in der täuschenden Sachlichkeit des Vortrags auf einen Nenner bringen kann, wird von Colin Dexter in höchster Vollendung zelebriert: ebenbürtig war ihm darin höchstens Reginald Hill.

Morses Ungeschick als Heimwerker, die peinlich-boshaften Gerüchte, die darüber im Polizeirevier kursieren, Morses selbstironisch-verzweifelte Versuch, ihrer wieder Herr zu werden, oder seine unbeholfenen Bemühungen, sich für eine der seltenen Frauen in seinem Leben in möglichst vorteilhaftes Licht zu rücken: Dexter versteht es meisterhaft, gleichzeitig die Komik und die Tragik herauszustellen, die solchen Begebenheiten innewohnt.

Ein paar Fäden zu viel

Dass Colin Dexter seinen ersten Roman während eines verregneten Sommerurlaubs in Wales geschrieben hat, ist wohl zum Teil eine jener Legenden, mit denen die üblicherweise wenig spektakulären Lehr- und Wanderjahre später zu Ruhm und Erfolg gekommener Schriftsteller von den Medien gern verklärt werden. Dennoch lassen sich gewisse inhaltliche wie formale Schwächen nicht verkennen, die Dexter in seinen späteren Romanen nicht mehr unterlaufen sind. So hängt der Plot ein wenig zu sehr an einer ganzen Kette von Zufällen, die in ihrer Häufung die Nachsicht des Lesers auf eine harte Probe stellen.

Dexter bemüht sich zwar, die Straße zwischen Oxford und Stratford-upon-Avon und den kleinen Ort Woodstock dazwischen als natürlichen Schnittpunkt für seine Figuren glaubhaft zu machen, doch lässt er die Handlung ein paar Haken zu viel schlagen. Das zwingt ihn im Finale zur seitenlangen und recht ermüdenden Nacherzählung dessen, was eigentlich geschehen ist, und richtet die Aufmerksamkeit erst recht auf die Schwachstellen.

Weil Dexter jedoch die Zeichnung seiner beiden Hauptfiguren auf Anhieb so verblüffend gut geraten ist, können diese Einwände das Vergnügen an der Lektüre kaum mindern. Wer also melancholische, grüblerische, einsame, schlaue Polizisten schätzt und die notorisch depressive Welt skandinavischer Polizisten für eine Weile verlassen möchte, ist gut beraten, der Thames Valley Police einen Besuch abzustatten. Die Welt ist auch dort so schlecht wie anderswo, aber wenigstens hilft eine gesunde Dosis trockener Humor über diesen Tatbestand hinweg!

Autor

Norman Colin Dexter, geboren am 29. September 1930 in Stamford in der englischen Grafschaft Lincolnshire, studierte klassische Sprachen und Literatur in der Universitätsstadt Cambridge. Nach dem Abschluss lehrte er zunächst an einer Oberschule. Mitte der 1960er Jahre begann Dexter sein Gehör zu verlieren, was ihn für den Schuldienst disqualifizierte. Er wechselte an ein philologisches College in Oxford, wo er vor allem für die Ausarbeitung der Prüfungsangaben zuständig war.

Als Schriftsteller wurde Dexter Anfang der 1970er Jahre aktiv. Sein Werk blieb schmal und beschränkt sich auf 13 Romane und diverse Kurzgeschichten um das Polizeigespann (Chief) Inspector Morse und Sergeant Lewis, die deutlich in der Tradition von Sherlock Holmes und Dr. Watson stehen, denen Dexter jedoch sehr eigenständige Wesenszüge verleiht, die sie zu einem der beliebtesten Detektiv-Duos der Neuzeit werden ließen. Verzwickte und wunderbar ziselierte Plots und ein trockener, sehr britischer Humor trugen zum Erfolg bei, den eine ganze Flut von Buchpreisen auch faktisch belegte. Zwischen 1987 und 2000 entstanden 33 Folgen einer Inspector-Morse-TV-Serie, die als ein Höhepunkt der britischen Fernsehgeschichte gilt. Seit 2007 ermittelt Morses ehemaliger Assistent Lewis in einer eigenen, ebenfalls erfolgreichen Serie.

Ungeachtet der sich erhebenden Proteste brach Dexter seine Serie 1999 ab, weil ihm die Ideen ausgingen. Inspector Morse gehört zu den seltenen prominenten Gestalten der Kriminalliteratur, die definitiv sterben. Dabei ist es tatsächlich geblieben. In seinem 87. Lebensjahr ist Colin Dexter am 21. März 2017 in Oxford gestorben.

Taschenbuch: 316 Seiten
Originaltitel: Last Bus to Woodstock (London : Macmillan London Ltd. 1975)
Übersetzung: Marie S. Hammer
www.rowohlt.de

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