Colin Dexter – Und kurz ist unser Leben

Nur unwillig nimmt Chefinspektor Morse die Ermittlungen in einem ‚kalten‘ Mordfall auf; kein Wunder, denn er war selbst in die Ereignisse verwickelt und scheint bemüht, seine Spuren zu verwischen … – Der 13. Morse-Roman ist der letzte einer Serie, deren Bände längst moderne Klassiker sind. Mit einem Paukenschlag tritt der unkonventionelle Held unwiderruflich ab: betrauert von seinem Publikum aber auf der Höhe seiner Unterhaltungskraft.

Das geschieht:

Chief Inspector Morse von der Thames Valley Police erhält in seinem Sommerurlaub unerwarteten Besuch: Sein Vorgesetzter, Chief Superintendant Strange, bittet ihn, einen alten Mordfall zu übernehmen. Ein Jahr zuvor fand man die Krankenschwester Yvonne Harrison ermordet in ihrem Bett: nackt, mit Handschellen gefesselt und erschlagen. Der ungeklärte Fall lässt Strange, dessen Pensionierung ansteht, keine Ruhe.

Morse winkt ab und schützt Krankheit vor. Strange lenkt ein und überträgt den Fall Sergeant Lewis, Morses langjährigem Mitarbeiter und Freund. Dieser sieht sich einer langen Reihe von Schwierigkeiten ausgesetzt. Kurz nach dem Tod konzentrierte sich die Fahndung auf die Familie der Toten. Ehemann Frank, Investmentdirektor einer großen Londoner Bank, Simon, der hörbehinderte Sohn, und Sarah, Ärztin in dem Dialysezentrum, das auch der zuckerkranke Morse betreut, schienen der Polizei aus verschiedenen Gründen verdächtig. Nachgewiesen werden konnte ihnen nichts. Lewis bemüht sich, die längst erkaltete Spur aufzunehmen. Morse, den die Ratlosigkeit des alten Freundes rührt, gibt ihm Tipps. Bei seinen Nachforschungen entdeckt Lewis verblüfft, dass sein Vorgesetzter private Ermittlungen durchführt. Lewis ist frustriert, denn Morse ist ihm stets einen Schritt voraus. Außerdem entdeckt er Hinweise darauf, die Morse in Verbindung mit Yvonne Harrison bringen; er hatte offensichtlich ein Verhältnis mit ihr, was er unbedingt verborgen halten will.

Wie zufällig finden Morse und Lewis wieder zusammen. Der Chief Inspector wartet mit neuen Erkenntnissen auf: In der Mordnacht haben drei Zeugen das Haus der Harrisons beobachtet. Sie könnten die Alibis der Angehörigen erschüttern. Aber auch der Mörder hat erfahren, dass man ihm (oder ihr) auf die Spur zu kommen beginnt. Die Polizei findet die Zeugen – sie sind alle tot! Während Lewis weiter recherchiert, macht sie Morse daran, die zahlreichen echten und falschen Spuren zu sortieren und zu ordnen. Er findet die Lösung und macht sich daran, sie niederzuschreiben – da steckt ihn ein Herzinfarkt nieder. Im Krankenhaus müssen die Ärzte feststellen, dass sein Herz irreparabel geschädigt ist. Kurze Zeit darauf stirbt Morse. Einem völlig aus dem Gleichgewicht gebrachten Lewis obliegt es, die Fäden des Harrison-Falls zu verknüpfen …

Heldentod als Autorenfrevel

In der Geschichte des Kriminalromans ist es schon häufig vorgekommen, dass ein Autor seines Helden überdrüssig wurde. Selten ist er (oder sie) allerdings konsequent genug, diesen deswegen umzubringen. Niemand schlachtet gern die Gans, die goldene Eier legt – und wie groß ist die Chance, mit einer anderen Figur jemals wieder erfolgreich zu werden? So schleppt sich so manche Serie dahin, während ihr die Luft längst ausgegangen ist, während eine andere ruht oder still ausläuft, nachdem ihr Schöpfer das Zeitliche segnet. Mancher Held überlebt seinen Schöpfer sogar – Sherlock Holmes, Nero Wolfe oder Hercule Poirot haben längst neue Autoren-Vater gefunden.

Arthur Conan Doyle hat den Heldenmord versucht, doch die Empörung seines Publikums, das sich um Sherlock Holmes gebracht sah (sowie eine Menge Geld) veranlassten ihn, den genialen Detektiv aus der Baker Street wieder auferstehen zu lassen; Agatha Christie ließ den „Letzten Vorhang“ über Hercule Poirot fallen, doch sie wartete damit lieber, bis sie selbst gestorben war. (2014 kehrte Poirot dank Sophie Hannah in „The Monogram Murders“ zurück.) Nicholas Freeling wagte es offen; sein Inspektor Van der Falk starb, von Kugeln durchsiebt. Mannhaft ertrug Freeling die Wellen des Zorns, die gegen seinen Schreibtisch brandeten.

Der Schock, der nicht nur durch das britische Krimi-Publikum ging, als es erfahren musste, dass Colin Dexter seinen Inspektor Morse sterben ließ – und das definitiv; ein Hintertürchen gibt es nicht -, war ungleich größer. Was dem ‚echten‘ Morse Schauer des Schreckens über den Rücken hätte jagen lassen, war ihm längst zugestoßen: Er war zum Volksgut geworden. Dies konnte man in Deutschland schwerer nachvollziehen, denn hier fehlte lange der eigentliche Katalysator des Morse-Mythos: die unerhört erfolgreiche TV-Serie, die sich in England über viele Jahre zu einem Straßenfeger entwickelt hatte.

Die Suche nach dem Schuldigen

Dem Fernsehen wurde denn auch die Hauptschuld am Tode des beliebten Inspectors gegeben. Hätte es Autor Dexter nicht so gut bezahlt, könnte er sich nicht zur Ruhe setzen, sondern würde sich weiter fleißig neue Morse-Abenteuer ausdenken, grollt Volkes Stimme. Allem Zorn und Kummer zum Trotz gab es jedoch mindestens zwei gewichtige Argumente, die Colin Dexters Entschluss verständlich machten. Er war 70 Jahre alt, als er auf das ihm zustehende Privileg pochte, sich in den Ruhestand zurückzuziehen. Zwar war dies ungewöhnlich; Schriftsteller sterben üblicherweise mit der Feder in der Hand.

Das bringt uns zu Punkt 2: Dexter fiel nichts mehr ein zu seinem Helden – und wirklich: Der 13. und letzte Band trumpft noch einmal mächtig auf. Doch es lässt sich nicht leugnen, dass der Höhepunkt überschritten und die Figur des Endeavour Morse bis in den letzten Winkel ausgelotet ist. Dasselbe trifft auf Sergeant Lewis zu. Dexter könnte das Duo natürlich weiter knifflige Fälle lösen lassen, die indes nach dem inzwischen bekannten und beliebten Schema ablaufen würden. Den meisten Lesern würde dies wahrscheinlich genügen, aber Dexter hält sich an den Spruch, nach dem man aufhören soll, wenn´s am schönsten ist.

Er hat es gerade noch geschafft, und so bleibt neben der Trauer die Erinnerung an eine Serie, die über mehr als ein Dutzend Bände ihr konstant hohes Niveau halten konnte. So betrachtet ist Inspektor Morse nicht wirklich tot: Im Bücherschrank jedes Krimi-Afficionados lebt und murrt er weiter.

Abschied mit humorvollen Untertönen

Dem traurigen Anlaß angemessen, liegt über „Und kurz ist unser Leben“ ein Hauch von Melancholie und Abschiedsstimmung. Morse ist gesundheitlich angeschlagen, er trinkt stärker denn je, und mehr als einmal äußert er kaum verhüllte Todesahnungen oder Selbstmorddrohungen. Seinen Kollegen bleibt dies nicht verborgen. Sergeant Lewis bringt es auf den Punkt, als er bemerkt: „Es ist ihm alles nicht mehr so wichtig.“

Dennoch glänzt Colin Dexter auch im letzten Morse-Roman noch einmal mit feinem, britischem Humor. Köstlich ist Morses behagliche, in ihrer Sachlichkeit umso stärker wirkende Diskussion mit dem Leiter der örtlichen Müllverwertungsanlage, wie man am besten eine Leiche in einer Müllpresse entsorgen könne. Auch der arme Lewis muss noch einmal unter den genialen Attacken seines unberechenbaren Chefs und Freundes leiden: Er fühlt sich wie der fabelhafte Hase, der bei seinem Wettlauf mit dem Igel feststellen muss, dass dieser immer schon vor ihm am Ziel angekommen ist. Morse bleibt Morse – bis zum Ende; es bleibt ihm sogar die Zeit, sich über die in seinen Augen mangelnde Begeisterung jener Mediziner zu ärgern, denen er seinen Körper zu Forschungszwecken vermacht.

Ausklang mit Stil

Der Kriminalfall Harrison droht dagegen manches Mal in den Hintergrund zu geraten. Das liegt aber nicht daran, dass Dexter sich mit dem Plot weniger Mühe gegeben hat als sonst; es ist so kompliziert und sauber entwickelt wie immer. Aber auch Dexter konnte nicht verhindern, dass die Kriminalgeschichte stark an Bedeutung verliert, sobald Morse sein tragisches Ende ereilt.

Ein Lob sei einmal mehr der deutschen Übersetzung gezollt, die den leichten, ironischen, aber immer wieder ins Ernsthafte umschlagenden Tonfall der Vorlage getroffen hat. Nicht überlebt hat leider das schöne Wortspiel des Originaltitel: „The Remorseful Day“ ließe sich wahrscheinlich am besten mit „Der Tag der Reue“ übersetzen. Dies erfasst perfekt beide Aspekte des Romans: die Aufklärung eines halbvergessenen Mordfalls wie die Chronik der letzten Tages des Inspektors Morse.

Ihn unter einem Titel enden zu lassen, der offenbar Anklänge an die grauenvollen, aber wie Schnittbrot zu verkaufenden Elisabeth George-Schwafel-Dramoletten wecken soll, das hat er nicht verdient!

Autor

Norman Colin Dexter, geboren am 29. September 1930 in Stamford in der englischen Grafschaft Lincolnshire, studierte klassische Sprachen und Literatur in der Universitätsstadt Cambridge. Nach dem Abschluss lehrte er zunächst an einer Oberschule. Mitte der 1960er Jahre begann Dexter sein Gehör zu verlieren, was ihn für den Schuldienst disqualifizierte. Er wechselte an ein philologisches College in Oxford, wo er vor allem für die Ausarbeitung der Prüfungsangaben zuständig war.

Als Schriftsteller wurde Dexter Anfang der 1970er Jahre aktiv. Sein Werk blieb schmal und beschränkt sich auf 13 Romane und diverse Kurzgeschichten um das Polizeigespann (Chief) Inspector Morse und Sergeant Lewis, die deutlich in der Tradition von Sherlock Holmes und Dr. Watson stehen, denen Dexter jedoch sehr eigenständige Wesenszüge verleiht, die sie zu einem der beliebtesten Detektiv-Duos der Neuzeit werden ließen. Verzwickte und wunderbar ziselierte Plots und ein trockener, sehr britischer Humor trugen zum Erfolg bei, den eine ganze Flut von Buchpreisen auch faktisch belegte. Zwischen 1987 und 2000 entstanden 33 Folgen einer Inspector-Morse-TV-Serie, die als ein Höhepunkt der britischen Fernsehgeschichte gilt. Seit 2007 ermittelt Morses ehemaliger Assistent Lewis in einer eigenen, ebenfalls erfolgreichen Serie.

Ungeachtet der sich erhebenden Proteste brach Dexter seine Serie 1999 ab, weil ihm die Ideen ausgingen. Inspector Morse gehört zu den seltenen prominenten Gestalten der Kriminalliteratur, die definitiv sterben. Dabei ist es tatsächlich geblieben. In seinem 87. Lebensjahr ist Colin Dexter am 21. März 2017 in Oxford gestorben.

Inspektor-Morse-Serie

(1975) Der letzte Bus nach Woodstock (Last Bus to Woodstock)
(1976) … wurde sie zuletzt gesehen (Last Seen Wearing)
(1977) Die schweigende Welt des Nicholas Quinn (The Silent World of Nicholas Quinn)
(1979) Eine Messe für all die Toten (Service of All the Dead)
(1981) Die Toten von Jericho (The Dead of Jericho)
(1983) Das Rätsel der dritten Meile (The Riddle of the Third Mile)
(1986) Hüte dich vor Maskeraden (The Secret of Annexe 3)
(1989) Mord am Oxford-Kanal (The Wench Is Dead)
(1991) Tod für Don Juan (The Jewel That Was Ours)
(1992) Finstere Gründe (The Way through the Woods)
(1994) Die Leiche am Fluss (The Daughter of Cain)
(1996) Der Tod ist mein Nachbar (Death is Now My Neighbour)
(1999) Und kurz ist unser Leben (The Remorseful Day)

Außerdem erschien eine Sammlung von Kurzgeschichten:

(1993) Ihr Fall, Inspector Morse (Morse’s Greatest Mystery and Other Stories)

Alle Bände erschienen im Rowohl Verlag.

Taschenbuch: 381 Seiten
Originaltitel: The Remorseful Day (London : Macmillan 1999)
Übersetzung: Ute Tanner
www.rowohlt.de

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