Evangelisti, Valerio – Schatten des Inquisitors, Der (Inquisitor-Zyklus Band 1)

_Der Dämonenjäger des Papstes_

Fans von „Der Name der Rose“ dürften diesen Roman ebenso mögen wie eingefleischte Fantasy- oder Science-Fiction-Leser. Der Italiener Evangelisti, mit seinem „Nostradamus“-Zyklus (bei |Goldmann|) als Mittelalter-Fachmann ausgewiesen, bietet in den drei Handlungssträngen seines Romans jedem etwas.

_Der Autor_

Valerio Evangelisti, geboren 1952 in Bologna, studierte Geschichte und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Später befasste er sich vorwiegend mit fantastischer Literatur, bis er 1994 selbst zum preisgekrönten Fantasy-Schriftsteller wurde. Seither werden seine Romane in vielen Ländern aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Mit seiner Nostradamus-Trilogie wurde er schließlich zum internationalen Bestsellerautor. Seine Werke werden bereits für das italienische Fernsehen verfilmt. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Der verschrobene junge Physiker Markus Frullifer hat die Psytronen erfunden, mit deren Hilfe ein Raumschiff durch die Imaginäre Leere eine Phantasiekopie seiner selbst und der Passagiere projizieren kann, beispielsweise ins Jahr 1352 der Erde.

Zweiter Handlungsstrang: Eines der ersten Psytronenraumschiffe, die „Malpertuis“, dringt mit einer recht merkwürdigen Führungscrew in die Imaginäre Leere vor, um auf einem Planeten namens Olympus (dem Götterberg, genau) interessante Wesen gefangen zu nehmen. Sie finden im falschen Jahr – nämlich 1352 -, aber auf dem richtigen Himmelskörper Wesen mit einem Kopf, aber zwei Gesichtern. Und dann tauchen zwei riesige Wesen auf, die stark an die Jägerin Diana und ihren Hund erinnern.

Die Haupthandlung dreht sich um Nicolas Eymerich, einen jungen Dominikaner im spanischen Königreich Aragon. Der an der Pest sterbende Inquisitor der Hl. Römischen Katholischen Kirche macht Eymerich 1352 zu seinem Nachfolger, zum Großinquisitor. Nachdem er sich den Titel hat bestätigen lassen, schreitet er zu seiner ersten Großtat: Der Aushebung jenes Nestes von heidnischen Kultanhängern, die im königlichen Kloster zu Piedra Gottesdienste für Diana abhalten. Selbst über der Hauptstadt Saragossa wurde das Antlitz der antiken Göttin bereits gesichtet. Es dauert nicht lange und Eymerich gelingt es mit genialen Verhörmethoden, das Kloster auszuheben und die unheiligen Vorgänge dort zu beenden, allerdings nur unter eigener Beschwörung des Teufels …

Eymerich ist ein interessant gezeichneter Charakter. Um zu erklären, warum er so wütend gegen die friedlichen Kultanhänger – in erster Linie Frauen – vorgeht, wird Eymerich zu einem gefühlskalten Rationalisten stilisiert, der in Frauen entweder Hexen oder Huren sieht. Er schreckt nicht einmal davor zurück, neunjährige Mädchen wie Maria, die das Diana-Abbild beschwor, zu töten. Er ist ein Gegner der Religionsvermischung, wie sie nach dem Abzug der Mauren in Aragon praktiziert wurde: Christen lebten in Frieden mit Juden und Moslems zusammen. Mag sein, dass sich Eymerich für etwas Besonderes hält, nachdem er die Europa entvölkernde Pestseuche von 1348 überlebt hat. Er ist jedenfalls sehr hygienebewusst. Dem Leser erscheint er nicht unsympathisch, aber auch nicht als makelloser Superheld: ein eifernder Vetter des detektivischen Mönchs aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Diese Figur soll noch in mindestens drei weiteren Romanen die Hauptrolle spielen.

_Mein Eindruck_

Ein vielversprechender Auftakt für einen erfolgreichen Fantasy-Zyklus! Der Roman liest sich flott, unterhaltsam und spannend. Durch die zwei begleitenden Handlungsstränge entstehen zahlreiche ironische Reflexe, aber auch gegenseitige Erklärungen.

Dies hebt den Zyklus weit über das dröge CONAN-Niveau hinaus in Richtung Umberto Eco. Runde Charaktere, klare Bilder und geschliffene Dialoge sorgen für unterhaltsamen Tiefgang, der wiederum dafür sorgt, dass man sich an den Roman auch nach der letzten Seite noch erinnert.