Gaiman, Neil – Keine Panik! – Mit Douglas Adams per Anhalter durch die Galaxis

_Alles über Arthur Dent, Trillian & Co._

Keine Panik! Habt ihr alle euer Handtuch dabei? Ja? Fein, dann kann euch ja nix mehr passieren, selbst wenn ihr diese Rezension lest – natürlich vollständig auf eigene Gefahr!

_Der Autor_

Neil Gaiman ist seinen Lesern vor allem als einfallsreicher Autor der Sandman-Comicbooks bekannt. Er hat mit [„Die Messerkönigin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1146 ausgezeichnete Grusel-, Fantasy- und Märchenstorys vorgelegt, sowie mit „Niemalsland“, „Sternwanderer“ und „American Gods“ drei vielbeachtete Romane (alle bei |Heyne| verlegt).

_Das Buch_

Das vorliegende Buch hatte Gaiman schon 1988 veröffentlicht, aber laufend ergänzt. Aktualisiert und erweitert wurde es schließlich von David K. Dickson und MJ Simpson, so dass es mittlerweile auf dem letzten Stand ist. Sogar das Programm für den Ablauf der Gedenkfeier für Douglas Adams ist berücksichtigt (S. 276/77), das in „Lachs im Zweifel“ detailliert abgedruckt ist (David Gilmour sang Pink Floyds „Wish you were here“!).

_Inhalte_

Wer war Douglas Adams? War er der wichtigste Autor des 20. Jahrhunderts – oder nur der witzigste? Feststeht, dass er der Science-Fiction als einer der wenigen Autor eine witzige Seite abringen konnte, und das ist schon eine bemerkenswerte Leistung in einem Genre, das sich zwischen Revolverhelden, glubschäugigen Monstern und Angst vor der Gedankenkontrolle bewegt – zumindest seit 1929, als ein gewisser Hugo Gernsback das heute so benannte Genre aus der Taufe hob, weil er in seinen Groschenheften nicht unendlich H. G. Wells und Jules Verne verkaufen konnte.

Kein Wunder, dass Adams nicht anders konnte, als sämtliche Klischees der Science-Fiction durch den Kakao zu ziehen. Dass er bei zwei bekannten englischen Komödientruppen aufgetreten war, schadete auch nicht: die Cambridge Footlights war die eine, Monty Python’s Flying Circus – allerdings nur im Hintergrund – die andere. Doch ach! Der Ruhm ließ auf sich warten, und so kam es, dass sich der 24-jährige Dougie ohne einen Penny in der Tasche bei seiner Muddi im abgeschiedenen Devonshire einquartierte und dort ein halbes Jahr lang einen Drehbuchentwurf nach dem anderen tippte und verwarf.

Endlich fand er eine Hauptfigur namens Aleric B., die er mit einem tragfähigen Plot ausstatten konnte. Und die Idee dazu war ihm auf einer (inzwischen längst zubetonierten) Wiese in der Nähe von Innsbruck gekommen, als er durch Europa trampte: Man müsste so etwas wie einen Reiseführer durch die Galaxis schreiben, einen „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“. Und so hieß denn auch das erste Manuskript, das Douglas an einen Produzenten bei der BBC schickte. Aus Aleric B. wurde Arthur Dent und den Guide schrieb unter anderem dessen bester Freund und Saufkumpan Ford Prefect. Der Rest ist Geschichte.

Und diese Geschichte ist in höchstem Maße multimedial – kulturhistorisch ein wichtiges Phänomen: Fortan findet Science-Fiction im Medienverbund statt. Zuerst gab es die Serie von Radiohörspielen. Dann gab es die Schallplatte und die TV-Serie. Wie die Arbeit beim Fernsehen ablief, ist ein faszinierendes Kapitel, denn mit dem Regisseur kam Douglas überhaupt nicht zurande, obwohl der Mann sicher sein Handwerk verstand.

Dann gab es noch die fünfteilige „Buchtrilogie“, die erst mit „Rupert“ endete. Ein durchgehendes Grundmotiv, das bei jedem Produkt, zu dem sich Adams durchquälte, wiederkehrte, besteht darin, dass er grundsätzlich zu spät abgab. Sein Verleger bei |PAN Books| ging dazu über, ihn für vier bis sechs Wochen in ein Zimmer (Haus, Hotel, wo auch immer) einzusperren, bis das Manuskript verwertbar war. So geschehen bei Band 1 der Buchserie, der denn auch recht abrupt endet, weil ihm der Verleger die Seiten aus den Händen riss …

|Dirk Gently|

Natürlich versuchte Adams, nicht ewig am „Anhalter“ zu schreiben. Er dachte sich einen Multikulti-Detektiv namens Dirk Gently aus. Zwei Romane erschienen zu Lebzeiten, ein halber posthum in der Sammlung „Lachs im Zweifel“. Gaiman hat zu jedem der drei Bände Infos zu ihrer Entstehung, ihren Inhalten und ihrer kritischen Aufnahme zusammengetragen, die jedem Laien eine gute Kaufberatung bieten. Das ist besonders bei „Lachs im Zweifel“ ebenso wichtig (das Hardcover ist teuer, im April 2005 erschien aber die Taschenbuchausgabe bei |Heyne|) wie aufschlussreich, denn Adams legte hierzu ja keine Hand mehr an (höchstens, öh, ektoplasmatisch). Der Herausgeber stoppelte zwei bis drei verschiedene Fassungen zu einer zusammen – da können schon Zeifel an der Vorgehensweise aufkommen.

|Erfinderisch|

Adams schrieb zwei sehr ungewöhnliche Bücher: „The Meaning of Liff“ (dt. als „Der tiefere Sinn des Labenz“) stellte eine Sammlung – mitunter neu erfundener – Wörter vor, die sich nicht in den Wörterbüchern befinden, aber doch bekannte Geistes- und Gemütszustände beschreiben. Die meisten solcher Wörter bestehen aber aus Ortsnamen (Woking, Ely, Rickmansworth etc.), und das brachte Adams einen Plagiatsvorwurf ein – Näheres im Buch.

Das andere, etwas erfolgreichere Buch heißt „Die Letzten ihrer Art“ und besteht aus Reportagen über die letzten Vertreter einer Spezies, meistens Tiere. Von diesen Reisen um die Welt und der Begegnung mit aussterbenden Arten rührt Adams Engagement für das (aussterbende) Rhinozeros und für Delphine her (Jangtse-Flussdelphine waren schon zu Adams‘ Zeiten vom Aussterben bedroht).

|Endlich online!|

Es ist nur wenig bekannt, dass Adams ein großer Fan der Informationstechnologie war. Er wurde zu zahlreichen Kongressen eingeladen und war ein witziger, origineller Redner. Auch das Web entdeckte er schon frühzeitig, und dort richtete er zunächst eine H2G2-Site zum „Anhalter“ ein (sie findet sich heute bei der BBC) und schrieb ein textbasiertes Abenteuerspiel zum „Anhalter“ – so etwas würde sich heute kaum noch verkaufen, war aber damals, vor Windows und GUIs, eine witzige Sache.

Zweitens richtete er eine Site namens „Global Village“ ein, auf der allerlei Wissen zusammengetragen wurde. Hier wurden auch die Entwürfe für „Raumschiff Titanic“ veröffnet, einem Computerspiel, dessen Romanfassung Terry Jones verfasste, ein früher Monty-Python-Kämpe. Das Spiel selbst ist nicht sonderlich witzig oder gar logisch, aber schön gezeichnet.

|Der Anhalter-Film|

Und der Spielfilm? Ja ja, der Anhalter-Spielfilm. Zunächst, etwa 1979/1980, wollte Hollywood so etwas wie eine „Star Wars“-Verulkung, doch dazu sagte Adams gerne „nein, danke“. Und nahm die Sache selbst in die Hand. Zwanzig Jahre lang. Diesen Abgabetermin durfte er immer wieder hinausschieben. So lange, bis ihm der große Regisseur im Himmel im Fitnessraum einen Herzinfarkt bescherte und Adams den Löffel abnahm. Und der Spielfilm? Ja ja, der Spielfilm. Er befand sich anschließend wieder in der „development hell“, wo ein anderer Autor, Karey Kirkpatrick, das Drehbuch zurechtbosselte.

|Die Anhänge (Bonusmaterial)|

1) Per Anhalter durch die Galaxis – die Original-Synopsis (der Radioversion)

2) Der Anhalter: Thema und Variation (die Inhalte der verschiedenen Fassungen auf Schallplatte, im TV und im Buch)

3) Who is who im Universum – einige Erläuterungen von Douglas Adams

4) Wie verlasse ich diesen Planeten auf dem schnellsten Wege? Endgültige Fassung

5) Dr. Who und die Krikkitmen – Auszug aus einem Drehbuchentwurf von Douglas Adams

_Mein Eindruck_

„Es ist alles schockierend wahr – bis auf die Stellen, die gelogen sind.“ Douglas Adams

„Wahrscheinlich das witzigste Buch, das ich seit dem Frühstück gelesen habe.“ Terry Jones

„Schreiben ist ganz einfach. Du musst nur so lange auf ein blankes Stück Papier starren, bis dir die Stirn blutet.“ Douglas Adams (S. 160)

Ich könnte noch tonnenweise weitere hübsche Zitate anführen, aber das wäre vermutlich ermüdend und würde nur die Kaffeeröster beglücken. (Ich nehme gerne Sponsorenspenden an …) Warum sollte man sich lang fassen, wenn es auch kurz geht? Also: Dieses Buch ist notwendig, kurzweilig, informativ und wahrscheinlich das witzigste im Universum, das es zu Douglas Adams gibt (witziger sogar als die offizielle Biografie, die für 2003 angekündigt war). Denn Neil Gaiman befindet sich als Autor auf der gleichen Wellenlänge wie Douglas Adams, interviewte ihn x-mal und trank wohl auch ab und zu mal einen Schoppen mit ihm.

Gaimans zwei Mitarbeiter David K. Dickson und MJ Simpson (MJ = Maryjane = Marihuana?) brachten die Infos auf den neusten Stand und trugen wahrscheinlich auch etliche Komponenten der Anhänge zusammen, so etwa das Drehbuch zu der „Dr. Who“-Folge „Dr. Who und die Krikkitmen“, aus der gewisse Teile für eines der Anhalter-Bücher verwendet wurden. („Dr. Who“ ist die erfolgreichste Science-Fiction-Serie in Großbritannien und besteht schon fast so lange wie die Regierungszeit der Queen.)

Nicht nur für Leser und solche, die es werden wollen (und noch Scrabble spielen), ist „Keine Panik!“ ein geeigneter Einstieg in das Anhalter-Universum, das Leben und den ganzen Rest. Auch für Sammler von Adams-Memorabilien und -Devotionalien bietet das Buch eine Fülle von Hinweisen. Sogar auf Bücher, die nur in einem Paralleluniversum erschienen sind, so etwa die PAN-Komplettausgabe der ersten drei Anhalter-Bände. Parallelweltreisende sollten sich also schnellstens melden: Sie bekommen ihr Exemplar dieser Ausgabe mit Gold aufgewogen. Das sollte für ein Rückticket reichen.

_Caveats_

Es empfiehlt sich, vor dem Aufschlagen der ersten Seite den einen oder anderen Anhalter-Roman gelesen oder die TV-Serie oder die DVD oder natürlich den Kinofilm gesehen zu haben. Ich hatte seinerzeit (ca. 1991) die |Klett-Cotta|-Ausgabe des deutschen Hörspiels gehört und war hingerissen. Trotzdem kann ich ohne Douglas Adams leben, was mich doch sehr erleichtert. Andere Zeitgenossen sind nicht so vom Glück gesegnet und jagen nach jeder Memorabilie und Devotionalie des Maestros, bis sie pleite sind. (Sie haben keine Chance, mich anzupumpen.)

Aber: Keine Panik! Es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch vor dem Ende der Welt weitere D.-Adams-Werke geben, die man aus seiner Festplatte ausgegraben hat. Und dann ist da ja immer noch der Spielfilm, auf den wir alle 25 Jahre warten mussten …

|Originaltitel: Don’t panic, 1988/2002
Aus dem Englischen übersetzt von Gerald Jung / Ralf Schmitz|
http://www.neilgaiman.de/