Guy Gavriel Kay – Silbermantel (Die Herren von Fionavar 1)

Wundervolle Fantasy vom Tolkien-Gelehrten

Dies ist der erste Band der Trilogie „Die Herren von Fionavar“. Guy Gavriel Kay legte mit dieser wunderbaren Fantasy ein überzeugendes Debüt vor, das jeden Liebhaber des Genres sofort in seinen Bann schlagen wird. Es grenzt an ein Ding der Unmöglichkeit, einen einmal angefangenen Band wieder beiseite zu legen.

Diese Fantasy erinnert sowohl an Tolkiens Universum, besonders an sein „Simarillion“, aber auch an Robert Jordans später veröffentlichten Zyklus „Das Rad der Zeit“. Goldmann veröffentlichte die Trilogie 1989 zum ersten Mal, und ein zweites Mal 1996/97, wobei der dritte Band einen neuen Titel erhielt.

Handlung des ersten Bandes

„Fionavar“ ist eine tolkieneske Fantasy, in der fünf junge kanadische Studenten aus unserer in die „erste aller [alternativen] Welten des Webers“ geholt werden, um im Kampf des Lichtes gegen die Dunkelheit die Seite der guten Magier und Fürsten zu verstärken. Denn sollte diese wichtigste aller Welten fallen, so würden auch die restlichen Welten dem Schatten anheimfallen.

Tausend Jahre lang war Raukoth Maugrim, genannt „Der Entwirker“, unter dem größten aller Berge angekettet. Das erinnert den Tolkienkenner sofort an Melkors Verbannung in Valinor und später Beleriand, aber auch an das Verlies des Dunklen Herrschers in „Rad der Zeit“.

Nun aber hat er sich befreit, und das blaue Licht im Palast von Brennin, dem Hohen Königreich, erlosch. Erst Trockenheit, dann ewiger Winter überzogen Brennin, das ehemals fruchtbare Land. In größter Not machte sich Silbermantel, der Zauberer, auf, um Hilfe von anderen Welten zu holen – so wie im „Herrn der Ringe“ Gandalf zu den Hobbits geht.

Loren Silbermantel findet besagte fünf junge Menschen, die mit ihm kommen: Kimberley, Kevin, Jennifer, Dave (genannt Davor) – und Paul, der in Brennin nur Pwyll genannt wird (Pwyll war der Name eines berühmten guten Königs in den walisischen Sagen des „Mabinogion“). Doch schon auf der Reise geht Dave verloren (er landet in der Ebene) – und vier allein sind zu schwach, um dem Entwirker entgegenzutreten.
Das Schicksal der fünf Freunde besteht jedoch nicht in oberflächlichen Such-, Versteck- und Kampfspielen, wie man sie so häufig in Heroic Fantasy findet, sondern in überraschender und tiefgreifender Umwandlung ihrer Persönlichkeit.

Kimberley wird Seherin von Brennin, Paul wird zum Märtyrer gemacht: Er verbringt drei Tage und Nächte an den Sommerbaum gefesselt. Dave ist Kriegsherr bei den Dalrei-Kriegern der Ebene. Doch das schlimmste Schicksal hat Jennifer zu tragen: Sie soll den Sohn Rakoth Maugrims, des Entwirkers, gebären. Sie wird entführt und von diesem Gott körperlich und seelisch vergewaltigt. Doch vielleicht stellt ihr Sohn die letzte Rettung für Fionavar dar – wenn es nicht sein Untergang sein soll. Wie sich (im zweiten Band) herausstellt, ist sie die Inkarnation Guinveres, König Arthurs Gemahlin …

Mein Eindruck

Kays Fantasyroman packt den Leser nicht nur durch die Detailfülle, mit der die fremde Welt geschildert wird, oder durch die faszinierende Vielfalt der Völker, die hier anzutreffen sind. Es ist vielmehr das Prinzip der Transformation, das so fesselt. Kein Leser ahnt auch nur, welch schrecklichen Schicksale der Autor seinen Figuren zugedacht hat – und dass eine davon sterben wird. Kay scheint keine Gnade zu kennen, wenn es um ernsthafte Verwandlungen geht, die für die Welt von größter Bedeutung sind.

Hier finden keine Haschmich-Spiele statt, hier suchen auch keine James-Bond-Typen nach dem Mittel, um die Welt zu retten, sondern die Welt selbst wird durch den Kampf zwischen Licht und Schatten transformiert, zu etwas Wundervollem. Die „Encyclopedia of Fantasy“ behauptet, hier finde ein Kampf zwischen Matriarchat und Patriarchat statt – falls dies so ist, so habe ich nichts davon bemerkt.

Dass der Autor fünf moderne junge Menschen als Hauptfiguren auswählt, erlaubt es ihm, sie mit zeitgenössisch anmutenden Eigenschaften auszustatten. Sie reden auch dementsprechend, jedenfalls nicht so wahnsinnig gestelzt oder poetisch wie manche Figuren bei Tolkien. Auch die mehr exotischen Figuren sind gut porträtiert.

Dass hier Erlöser- und Kämpfergestalten auftauchen, liegt in der Natur der Sache – und auch an der Fiktion, dass der Weber in dem Gobelin der Fionavar-Welt mehrere Mythen miteinander verwoben habe. So kommt es, dass im zweiten Band König Arthur und Sir Lanzelot neben Lady Guinevere auftauchen. Auch andere Quellen obskureren Ursprungs tauchen auf (siehe das walisische „Mabinogion“), etwa aus altenglischen und nordischen Gefilden.

Unterm Strich

Metaphysik, Magie und schließlich auch Moral werden vom Autor zusammengebracht, um einen überzeugenden und zusammenhängenden Rahmen und eine Rechtfertigung für eine wundervolle, sehr unterhaltsame Geschichte zu liefern.

Der Autor

Der Kanadier Guy Gavriel Kay, geboren 1954, ist ein Tolkien-Gelehrter: Er unterstützte Tolkiens Sohn Christopher bei der Herausgabe des „Silmarillion“, das 1977 erschien. Seine Dialoge profitierten sicherlich von seiner Fernseharbeit für eine TV-Serie (1982-89). In mancher Hinsicht erinnern seine frühen Romane an frühe Fantasien von Charles de Lint, der ja ebenfalls Kanadier ist. So verwenden beide den Landesnamen „Cathal“, Charles de Lint tut das in „Into the Green“.

Inzwischen haben sich beide gewaltig weiterentwickelt. Während de Lint sich für urbane Fantasy entschied, entwickelt Kay historische Stoffe weiter und durchwirkt sie mit Fantasyelementen („Lied für Arbonne“, [„Die Löwen von al-Rassan“).

Zu seinen neuesten Werken gehört [„Die Reise nach Sarantium“. Der Titel ist angelehnt an den Stoff „Sailing to Byzantium“, den W. B. Yeats und Robert Silverberg bearbeitet haben. Kein Wunder, dass der Held es mit wahrhaft byzantinischen Intrigen zu tun bekommt.

Broschiert: 410 Seiten
Originaltitel: The Summer Tree, 1985
Aus dem CND-Englischen übertragen von Bernd Müller

(Visited 1 times, 1 visits today)