James P. Hogan – Das Erbe der Sterne

Auf dem Mond entdeckt man die Leiche eines mumifizierten Mannes im Raumanzug. Wer ist dieser Mensch, der vor 50 Jahrtausenden starb? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaftler der ganzen Welt, die einem Rätsel auf die Spur kommen, das zur Neufassung der Menschheitsgeschichte führen wird … – Ein moderner Klassiker der „harten“ Science-Fiction. Rätsel und Konflikte werden auf dem Boden wissenschaftlicher Fakten und friedlich gelöst. Das ist spannend und wird unterhaltsam erzählt, zumal eine gut umgesetzte Idee hinter der Geschichte steht.

Das geschieht:

Im Jahre 2028 herrscht Friede auf Erden. Statt sich zu streiten, auszubeuten oder aufzurüsten, investieren die Nationen in Forschung und Wissenschaft. Die Belohnung bleibt nicht aus: Eindrucksvolle Raumschiffe durchstreifen das Sonnensystem, auf vielen Planeten und Monden gibt es Stützpunkte und Forschungsstationen. Der Erdmond wird kolonisiert und dabei ausgiebig vermessen. Dabei stößt man auf das Höhlengrab eines unbekannten Raumfahrers. „Charlie“ wird er genannt, und er hat sich in der Luftleere des Mondes gut erhalten, obwohl er dort mehr als 50.000 Jahre gelegen hat. Die Aufregung ist groß, denn Charlie ist definitiv ein Mensch. Aber zu seinen Lebzeiten gab es keine Raumfahrt auf Erden.

Die UN-Weltraumorganisation (UNWO) heuert auf der ganzen Welt Fachleute an. Viele Monate werden kluge Köpfe zerbrochen, diskutieren und streiten die Wissenschaftler – und sie kommen voran: Charlie ist ein Bewohner des Planeten Minerva, der einst zwischen Mars und Jupiter durch unser Sonnensystem kreiste, aber vor 50.000 Jahren zerbarst. Doch wie kamen Menschen auf die Erde, und wie gelangten sie später auf den irdischen Mond?

Als ob dies nicht schon mehr als genug wäre, kommt auf dem Jupiter-Mond Ganymed das Raumschiff einer völlig unbekannten Spezies zum Vorschein. 25 Millionen Jahre ist es alt. Im Laderaum: Tiere aus der Frühzeit der Erde – und ein Urmensch. Die Ganymeder bilden ein wichtiges Steinchen im Charlie-Puzzle, aber wohin gehört es? Es braucht wiederum viel Zeit und einige aufregende Expeditionen durch das All, bis auch dieses Geheimnis gelüftet werden kann …

Eine Zukunft, die Gutes verhieß

Die „harte“ Science Fiction ist ein ehrwürdiges Genre der Zukunftsliteratur. Bis in die 1960er Jahre dominierte sie die SF, doch später fristete sie lange ein Schattendasein, propagier(t)en ihre Vertreter doch eine Welt, die sich durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt stetig zum Besseren entwickelt. Dabei ‚wissen‘ wir doch längst, dass die Technik an sich böse und die Wissenschaft zu kostspielig ist sowie die Zukunft nur Schlechtes bringen wird. Darüber wurden besonders in den 1970er Jahren viele deprimierende (aber durchaus hervorragende) SF-Geschichten verfasst. Verpönt war die in der Tat übertriebene Fortschrittsgläubigkeit der Gernsback-Ära. Über Bord ging leider auch der Spaß am Fabulieren, geopfert dem Bierernst professioneller und selbst ernannter Weltverbesserer.

Natürlich wird die Welt nicht am Fortschritt genesen, aber es bereitet durchaus Vergnügen sich vorzustellen, wie es sein könnte, würde es so funktionieren. Glücklicherweise darf man sich heute dieses unschuldigen Zeitvertreibs längst wieder erfreuen, ohne sich dafür im Keller verstecken zu müssen. Dass dies ist, verdanken wir unverzagten und fähigen Erneuerern wie Gregory Benford, Greg Bear, Robert L. Forward oder James P. Hogan.

Diese Zukunft ist heute Vergangenheit

„Der tote Raumfahrer“ ist harte SF in Reinkultur. Davon künden die (der Kritik oft zu) ausführlichen Schilderungen einer zukünftigen Alltagswelt, die zu verfolgen fast dreißig Jahre später doppelten Spaß bereitet: Nun lässt sich nämlich feststellen, was Wirklichkeit geworden ist und was Spekulation blieb. Siehe da, Hogan lag manchmal gar nicht so falsch. Wir finden – noch unter anderen Namen – das Internet oder die Computertomographie.

Genauso oft lag Hogan daneben. Mit der Raumfahrt wird es wohl sogar in diesem 21. Jahrhunderts nichts mehr. Der Anschluss an eine viel versprechende Vergangenheit wurde verpasst, die Gegenwart sieht düster aus, abzuwarten bleibt, ob die markig angekündigten Kolonien im Weltraum tatsächlich Realität werden: Charlie muss wohl keine Entdeckung fürchten. Wohlstand für alle Menschen wird definitiv eine Fiktion bleiben; in gesellschaftlicher Hinsicht steht zu befürchten, dass die Cyberpunk-Unken das präzisere Bild einer unerfreulichen Zukunft zeichneten.

Jenseits der Spekulation erzählt Hogan eine SF-Geschichte als buntes Abenteuer, das weniger auf Action, sondern auf Köpfchen setzt und dennoch oder gerade deswegen fesseln kann. Auch dieser Aspekt – das Primat der Idee – wird der harten Science Fiction vorgeworfen. Da die Beschäftigung mit dem „Inner Space“ des Menschen der Kritik seit seiner Entdeckung hart am Herzen liegt, gilt SF à la „Der tote Raumfahrer“ mit ihrem schlüssig entworfenen und umgesetzten Plot als nicht „gesellschaftsrelevant“, als zu „rational“, als zu „technisch“. Dabei war genau dies ein Aspekt, der Hogan am Herzen lag; Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltall“, hatte er sehr genossen, aber weder verstanden noch die daraus resultierende Verwirrung als erwünschtes Resultat akzeptiert.

Als der Verstand noch triumphieren durfte

Wissenschaftler sind seltsame Zeitgenossen; sie beschäftigen sich mit praxisfernen Dingen, die den gesunden Menschenverstand übersteigen, und erwarten dafür auch noch finanzielle Mittel oder gar persönliche Entlohnung. Für diese Dreistigkeit wird ihnen seit jeher in Zeiten, da das Geld knapp wird, die Rechnung präsentiert: fort mit Schaden.

Vielleicht sähe die Welt ein wenig mehr der Zukunft ähnlich, die Hogan uns hier ausmalt, wenn Männer wie Victor Hunt, Gregg Caldwell oder Chris Danchekker mehr gälten. Andererseits weiß Hogan deutlich zu machen, wieso dies niemals geschehen wird: Sie sind einfach zu sehr Forscher und wissen ihre Ellenbogen nicht einzusetzen. Nur die Science-Fiction verleiht ihnen Flügel. In der Realität würde die mit Köpfchen und Zusammenarbeit erzielte Lösung eines Rätsels, das hauptsächlich die menschliche Neugier befriedigt, fantastische Summen verschlingt und nur theoretisch Profit einbringt, niemals zu Stande kommen. Wie es funktionieren könnte, ist ein intellektueller, wenn nicht akademischer und im positiven Sinne naiver Lesespaß.

Denn es mag überraschen, aber „Der tote Raumfahrer” ist eine leichte Lektüre; dies sogar buchstäblich, denn mit 250 Seiten ist das Werk nach heutigen Maßstäben sträflich untermotorisiert. Daher stört es nicht, dass Hogans Protagonisten recht zweidimensional bleiben. Sie lieben ihren Job und gehen in ihm auf. Ein Privatleben haben sie nicht bzw. sie stellen es zurück. Seelische Verwirrungen, mit denen auch die moderne SF viel zu oft auf ein ‚literarisches‘ Niveau gehievt werden soll, bleiben ausgespart, und siehe da, man vermisst sie wirklich nicht. Und selbstverständlich geht das Abenteuer weiter: Hogan setzte die Saga vom Planeten Minerva und den Riesen vom Ganymed mehrfach fort.

Autor

James Patrick Hogan wurde 1941 in London als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Seine Jugendjahre waren schwierig, da eine angeborene Deformation beider Füße umfangreiche Operationen erforderlich machten. Der junge James verbrachte viel Zeit in Krankenhäusern, lesend zumeist, was ihn nach eigener Auskunft und kaum verwunderlich nachhaltig prägte.

Die Schule verließ Hogan bereits mit 16 Jahren und versuchte sich wenig erfolgreich in vielen Jobs. Später ließ er sich zum Ingenieur mit den Spezialgebieten Elektronik und Digitaltechnik ausbilden, ging in die Computertechnik, begann sie im Dienste diverser Großkonzerne weltweit zu verkaufen und bildete schließlich eine neue Generation von Handelsvertretern aus.

Ende der 1970er Jahre verlor Hogan seinen Job, seine zweite Ehe scheiterte. Er beschloss, aus seinem Hobby, der Schriftstellerei, einen Beruf zu machen. Noch in Lohn und Brot hatte er 1977 „Inherit the Stars“ geschrieben, der von Leserschaft und Kritik gut aufgenommen wurde. Die ersten Jahre waren dennoch schwierig, zumal Hogan ein drittes Mal heiratete und die Schar seiner Kinder auf sechs anwuchs.

In den späten 1980er Jahren zog die Familie ostwärts über den Atlantik und ließ sich in Irland unweit von Dublin nieder. In Pensalcola, Florida, hielt sie sich aber ein Stückchen Heimaterde warm. Als Schriftsteller hatte Hogan inzwischen sein Spektrum erweitert; er schrieb auch Polit- („The Proteus Operation“, „Endgame Enigma“) und Techno-Thriller („The Mirror Maze“) – dies nicht immer zur ungeteilten Begeisterung seiner Leser, die den schwungvollen SF-Spektakeln der früheren Jahre nachtrauerten.

Am 12. Juli 2010 starb James P. Hogan an einem Herzinfarkt.

Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: Inherit the Stars (New York : Ballantine/Del Rey 1977)
Übersetzung: Andreas Brandhorst (überarbeitet von Rainer Michael Rahn)
www.randomhouse.de/heyne

E-Book
ISBN-13: 978-3-641-17821-5
www.randomhouse.de/heyne

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