Mikael Niemi – Populärmusik aus Vittula. Jugendbuch

Rock ’n‘ Roll am Polarkreis: groteskes Panorama

Die Rock ’n‘ Roll Music hält in den 60er Jahren Einzug in dem verschlafenen nordschwedischen Hinterwäldlernest Vittula. Der Erzähler Matti und seine seltsamer Freund Niila sorgen dafür, dass die neuen Töne aus England auch Anklang finden. Noch viele weitere Abenteuer bilden das Panorama des Lebens, das dieser Roman vor dem Leser ausbreitet.

Der Autor

Mikael Niemi, Jahrgang 1959, ist der Autor zweier Gedichtsammlungen und einer Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. „Populärmusik“ aus Vittula ist sein lange erwarteter erster Roman für Erwachsene und wurde vielfach preisgekrönt, darunter auch mit dem Augustpreis, dem wichtigsten Literaturpreis Schwedens. Das Buch wurde über eine halbe Million Mal verkauft.

Romane (Auswahl)

Populärmusik aus Vittula. btb Verlag, München 2002, ISBN 978-3-4427-5071-9
Das Loch in der Schwarte. btb Verlag, München 2006, ISBN 978-3-4427-5154-9
Der Mann, der starb wie ein Lachs. btb Verlag, München 2009, ISBN 978-3-4427-4017-8
Erschieß die Apfelsine. btb Verlag, München 2013, ISBN 978-3-4427-4497-8
Die Flutwelle. btb Verlag, München 2014, ISBN 978-3-4427-5401-4
Wie man einen Bären kocht. btb Verlag, München 2020, ISBN 978-3-4427-5800-5

Inhalte

Das Buch beginnt auf einem 5400 Meter hoch gelegenen Bergpass in Nepal, wo unserem Helden beim Versuch, den Göttern zu danken, Lippen und Zunge an einer metallenen Gebetstafel festfrieren. Was tun, wenn Nacht und Sturm nahen? – Der Erzähler gerät ständig in solche Situationen. Und nur ungewöhnlichste Methoden können ihn retten.

Der Roman erzählt die ziemlich abgefahrene Geschichte zweier pubertierender Jungen in den sechziger Jahren. Matti und sein schweigsamer Freund Niila (er gehört zu einer Sektenfamilie) wachsen fernab der wirklichen Welt, im äußersten Norden Schwedens, an der Grenze zu Finnland auf – dort wohnen aus Stockholmer Sicht wirklich nur Hinterwäldler. Tatsächlich aber macht auch der Fortschritt vor Vittula nicht Halt: Das Dorf hat jetzt eine Asphaltstraße.

Das dynamische Duo erlebt Familientragik, Abenteuerreisen (sie kommen sogar bis Frankfurt/M.), Sex, viel Natur etc. Aber eigentlich haben sie schon früh nichts anderes im Kopf, als sich von diesem merkwürdigen Ort wegzu träumen. Eines Tages hält der Rock ’n‘ Roll Einzug im kleinen Hinterwäldlertal Tornedal – und ihre Zeit ist gekommen.

Matti und Niila haben den Song “ Rock ’n‘ Roll Music“ von den Beatles gehört und kennen nur eine Mission: Diese Art von Musik selbst zu machen. Unterstützt von ihrem Musiklehrer brechen sie mit ihren ersten Auftritten die herzen der Mädchen – und darauf kommt es ihrer Ansicht beim Rock ’n‘ Roll vor allem an. Holgeri steuert Gitarrensoli à la Jimi Hendrix bei, und Erkki malträtiert die Trommeln und Becken.

Seine musikalische Karriere bildet aber nicht den Hauptteil des Buches. Es sind noch viele andere Aspekte des ländlichen Lebens in Nordschweden eingefangen. Immer wieder tauchen die Alten auf, die sich noch an die 20er und 30er Jahre sowie an die Kriege in Finnland erinnern. Sogar ein aus dem 2. Weltkrieg übrig gebliebener Deutscher taucht auf und schreibt ein. Matti befreit ihn von einer Rattenplage – mit höchst unkonventionellen Mitteln

Immer wieder gibt es Familienfeste, auf denen die unterschiedlichsten Ansichten aus den einzelnen Stadtvierteln und Regionen der Privinz Norrbotten aufeinandertreffen – und regelmäßig im Trinkwettstreit beigelegt werden. Das sind dann die weniger schönen Seiten des Buches, aber offenbar für Schweden die lustigsten.

Mein Eindruck

Die schwedischen Kritiker haben sich offenbar vor Begeisterung überschlagen, nachdem sie dieses Buch gelesen hatten. Und der deutsche Verlag zögert natürlich nicht, sämtliche Begeisterungsstürme zu kolportieren. Doch der deutsche Leser sollte selbst urteilen.

Mich selbst hat das Buch nur zum Schmunzeln und Lächeln gebracht, aber keineswegs Glücksgefühle bei mir ausgelöst. Viele der erzählten begebenheiten sind durchaus traurig oder verweisen auf bedauerliche Zustände, so etwa auf gewalttätige Zustände in Niilas Elternhaus, die damit enden, dass die Söhne ihren Vater Isak fast zu Tode prügeln und treten. Ist das vielleicht lustig? Wohl eher nicht. Ich habe bereits die grotesken Saufgelage zitiert: Dabei sterben drei alte Männer an Alkoholvergiftung. Wirklich sehr witzig.

Doch was sich für das Buch sagen lässt, sind die Begeisterung für die Ereignisse in der Natur sowie die zärtliche und genaue Menschenzeichnung. Zu den genau beobachteten Naturereignissen gehören etwa das eindrucksvolle Brechen des Eises spät im Frühling, die romantische Mitternachtssonne und die vielfältigen Blumen und Vögel. Dabei schreckt der Autor auch nicht vor dem poetischen Gebracuh der Sprache zurück.

Die zärtlich beschriebenen Menschen: Da ist natürlich zunächst Niila selbst, der ein ebenso verschlossener wie ungewöhnlicher Junge ist, und seine sektiererische Familie. Aber da ist auch Mattis eigener Vater, der seinen Sohn bei einer längeren Saunasitzung vom Jungen zum Mann befördert, indem er ihm die Geschichte der Familie und der blutigen Fehden, die sie mit anderen Clans führt, überliefert. Nun sieht Matti seinen Platz in der Welt. So schnell kann’s gehen.

Schade eigentlich, dass das Buch nicht wieder mit der Szene auf dem nepalesischen Bergpass endet. Der Verdacht liegt nahe, dass die Fortsetzung bereits in Arbeit ist: Mattis und Niilas Lebensweg ist ja erst bis zum 15. Lebensjahr erzählt. Viel muss noch kommen.

Die Übersetzung

Die Übersetzerin Christel Hildebrandt mag ja im Schwedischen sehr bewandert sein, doch mit dem Deutschen scheint sie noch so ihre Probleme zu haben. Oder waren dies alles Flüchtigkeitsfehler? Statt „Kaulquappen“ schreibt sie „Kaulquallen“ (S. 93), statt prestigeträchtig“ bevorzugt sie „prestigevoll“ (S. 238). Seltsamer sind da schon die falschen Bezüge vom Possessivpronomen auf sein Substantiv: „die Gegend … seine blutigen Familienfehden“ (207/08) und „Die Wolkenbank ergoss seinen schaurigen Inhalt über uns“ (173). Offensichtlich war bei diesem doch nicht ganz billigen Buch kein wachsamer Lektor am Werke, wie er zumindest über Machwerke von Michael Crichton (Blessing-Verlag) wacht.

Viele direkte Zitate aus dem Schwedischen sind nicht übersetzt worden, und etliche Begriffe aus dem Fachjargon wurden für wert befunden, in einer Fußnote erklärt zu werden. Begriffe wie „Wuhne“ (Eisloch) muss man selbst im Duden nachschlagen. Der nächste Niemi sollte sorgfältiger ediert werden.

Unterm Strich

Ein vielfach amüsantes, aber auch groteskes Buch, das durchaus an Jugendromane wie etwa „Die Blechtrommel“ erinnert. Dem Erzähler gelten Schreckliches und Wundervolles in seiner Unschuld gleich viel. Ob dem Leser nun zum Lachen oder zum Weinen zumute ist, ganz gleich: Es ist eine interessante Erfahrung, so viele ungewöhnliche Dinge vom Leben der Menschen am Polarkreis zu erfahren.

Taschenbuch: 304 Seiten.
O-Titel: Populärmusik från Vittula, 2000;
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt,
ISBN-13: 978-3442731725

https://www.penguin.de/Verlag/btb/2000.rhd

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