Anaïs Nin – Das Delta der Venus

Einfühlsame Führerin ins Wunderland des Sexus

Ein Kurzroman und vierzehn kürzere Erzählungen bilden eines der besten Erotika der Literatur. „Das Delta der Venus“ ist, wie Henry Miller schrieb, „schamlos und schön“ und beeindruckt noch heute, über sechzig Jahre nach der Entstehung dieser Auftragsarbeiten, mit unverklemmter Darstellung und einem unvoreingenommenen, tiefen, wissenden Blick für Frauen wie auch für Männer.

Das Hörbuch bietet die ungekürzte Lesung des gesamten Textes. Ich habe dies anhand der Knaur-Taschenbuch-Ausgabe nachgeprüft und bestätigt gefunden. Kein einziger Satz wurde weggelassen.

Die Autorin

Juana Edelmira Antolina Rosa Nin y Castellanos, genannt Anaïs Nin, wurde am 21.2.1903 als erstes Kind des spanischen Musikprofessors, Komponisten und Konzertpianisten Joaquin Nin y Castellanos und der dänisch-französischen Sängerin Rosa Culmell Nin in Paris geboren. Der Vater verließ die Familie, als Anaïs zehn Jahre alt war, ein Ereignis, das sie nachhaltig traumatisierte. Sie fühlte sich verraten und schrieb später in ihrem berühmten Tagebuch, sie sei zerbrochen. Sie gab sich an seinem Wegang selbst die Schuld.

1914 wanderte ihre Mutter mit den drei Kindern nach New York City aus. Dort begann Anaïs, ihrem schmerzlich vermissten Vater Briefe in Form eines Tagebuchs zu schreiben. 1923 heiratete sie einen Bankier, mit dem sie nach Paris übersiedelte. Die anfangs glückliche Ehe füllte Anaïs schließlich nicht mehr aus und sie begann 1929 eine Liebesaffäre mit dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler John Erskine, die sie in eine tiefe Krise stürzte. 1932 veröffentlichte sie ihre erste schriftstellerische Arbeit über D. H. Lawrence.

Damals lernte sie auch Henry und June Miller kennen und lieben, ein Jahr später verbrachte sie ein „paar leidenschaftliche Tage“ (Booklet) mit ihrem Vater in Südfrankreich. Sie begann eine Analyse bei dem Psychoanalytiker Otto Rank, analysierte selbst. 1939 verließ sie mit ihrem Mann Frankreich und blieb fortan in den USA. 1942 erschien ihr Erzählband „Under a glass bell“ im Eigenverlag. In dieser Zeit entstanden die Geschichten, die in „Das Delta der Venus“ gesammelt sind (im Abschnitt „Mein Eindruck“ mehr dazu). Sie erschienen 1977 erstmals in gedruckter Form, kurz nach Nins Tod.

1947 lernte sie den 17 Jahre jüngeren Rupert Pole kennen, behielt aber ihren Gatten Guiler, so dass sie zwischen West- und Ostküste pendeln musste. 1966 wagte sie es, in stark zensierter Form mit der Veröffentlichung ihrer „Tagebücher“, ihrem eigentlichen Hauptwerk, zu beginnen. Ihr gelang endlich der große Durchbruch. Sie wurde damit zur Ikone befreiter Weiblichkeit. In der Folge gab sie Kurse in Kreativem Schreiben an der Uni von L.A., hielt Vorträge und bekam durchschnittlich 200 Leserbriefe pro Woche. Sie starb am 14.1.1977 an Krebs und wurde von Pole eingeäschert.

Regie führte Torsten Feuerstein, Tonmeister war Patrick Ehrlich, für das umfangreiche illustrierte Booklet zeichnet Bettina Hesse verantwortlich.

Die Sprecherin

Angela Winkler, geboren 1944 in Templin/Uckermark, ist eine der wenigen international anerkannten deutschen Schauspielerinnen. Am bekanntesten sie wohl für die Titelrolle in Schlöndorffs Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. 1979 spielte sie Oskar Matzeraths Mutter in Schlöndorffs Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“, die mit einem OSCAR ausgezeichnet wurde.

1999 wurde sie für ihre Rolle als Hamlet in der Shakespeare-Inszenierung von Peter Zadek zur „Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Aktuell ist sie in seiner Inszenierung von Ibsens „Peer Gynt“ und in Robert Wilsons Inszenierung „Wintermärchen“ zu sehen. Winkler lebt in Berlin und Frankreich und hat vier Kinder.

Die Erzählungen

1) Elena

„Elena“ ist der mit Abstand längste Text und soll dementsprechend länger gewürdigt werden.—Elena ist eine junge Pariser Schriftstellerin, die mit dem Zug in die Berge fährt, um dort eine paar Tage auszuspannen und das Erscheinen ihres neuen Buches abzuwarten. Auf der Fahrt liest sie D.H. Lawrences indizierten Liebesroman „Lady Chatterley’s Lover“. Elena hätte auch gerne solche lustvollen Gefühle, wie sie die Romanfiguren erfahren.

Ein Mann, der mit seiner Familie in der gleichen Pension logiert, fällt ihr ins Auge: braun gebrannter Oberkörper, graues Haar. Er hat den Blick Pariser Zuhälter: unverfroren und intensiv. Als er sie anlächelt, weiß die erschütterte Elena, dass sie in Gefahr ist, sich zu verlieben, doch sie bleibt. Pierre behauptet, seine Familie sei nur „geborgt“ und gar nicht seine eigene. Er brauche sie als Tarnung, denn er werde politisch verfolgt. Sie kommen einander näher, im Wald lieben sie sich. Das setzen sie im Chalet ausgiebiger fort, wo eine animalische Sinnlichkeit von Elena Besitz ergreift.

Als eine schöne Russin eintrifft, nimmt Pierre ihre Anweisungen entgegen und entschuldigt sich bei Elena: Er müsse dringend weiter nach Genf. Elena fürchtet, ihn an die Frau zu verlieren und fühlt sich verletzt. Als sie wieder in Paris ist, trifft sie ihre Jugendliebe Miguel wieder, den sie seit acht Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch Miguel stellt Elena auf einen Sockel, so als wäre sie seine Mutter und er ihr kleiner Sohn. Sex mit ihr wäre also wie Inzest. Daher bevorzugt er unschuldige Knaben wie Donald. Dieser Jüngling ist wie ein Zwillingsbruder für Elena und beide verschwören sich, Miguel zu verführen, Sex mit Elena zu haben …

Pierre kehrt nach Paris zurück und versteckt sich bei Elena. Ihre Leidenschaft füreinander entbrennt von Neuem. Für Elena wird der Sex mit ihm zu einer Droge, die sie süchtig macht. Schon eine Nacht ohne Sex verursacht ihr Schlaflosigkeit und Albträume. Er erniedrigt sich selbst, um sie zu zurückzugewinnen: Er sei nur ein redender, kein handelnder Revoluzzer, so wie diese Figur bei Gogol. Sein Geständnis befreit Elena, und die Sexorgien gehen verstärkt los. Das Auf und Ab von Besitz, Verlust, Sicherheit und Gewissheit führt Pierres Liebe in eine neue Phase.

Dann lernt Elena die lesbische Liebe in Gestalt der Sängerin Leila kennen …

2) Der ungarische Abenteurer

Es war einmal ein ungarischer Abenteurer, der war ein genialer Liebhaber und so vornehm, dass ihm die Frauen den Spitznamen „Der Baron“ gaben. Er war anpassungsfähig wie ein Schauspieler, so dass es ihm leicht fiel, unter den Prominenten seiner Zeit eine Gattin nach der anderen zu finden und sie auszunehmen. Hatte sie kein Geld mehr, zog er weiter. Doch sie beschwerten sich nie, denn sie fühlten sich privilegiert, seine Bekanntschaft gemacht zu haben.

Seine Reisen führten ihn nach Peru, wo er in Lima der brasilianischen Sängerin Anita begegnete. Sie war eine Tigerin in der Liebe und stand auf animalischen Sex. Sie malte ihr Geschlecht an wie ihre Mundlippen, und wenn sie in den Logen der Oper die Runde machte, lagen nicht die Männer ihr zu Füßen, sondern sie ihnen, wenn sie ihnen einen blies. Natürlich machte sie damit ein Vermögen und natürlich wollte auch der Ungar sie haben.

Jahre später lernt er in New York City, wo er als verheirateter Mann und Vater eines Sohnes lebt, seine beiden Töchter kennen, die ihm Anita schenkte. Anita starb an einer Überdosis Opium. Die zwei fast erwachsenen Mädels wollten mit ihm zusammen leben, und er hat gar nichts dagegen. Doch als seine Frau dahinterkommt, was er mit den Mädels treibt, gibt es mächtig Zoff – der Anfang vom Ende des ungarischen Abenteurers.

3) Mathilde

Mathilde ist eine Pariser Putzmacherin, die einen Baron kennen lernt. Er erzählt ihr von seinen Abenteuern in Südamerika. Je nach dem Wochentag spielt Mathilde eine Rolle, und heute geht sie als Firmenvertreterin. Sie schafft es, mit ihrem fortwährenden Lächeln einen Auftrag zu ergattern, und schifft sich nach Lima ein, von dem ihr der Baron erzählt hat. Auf dem Dampfer bezaubert ihr Auftreten Dalvedo, einen leibhaftigen Generalvertreter. Doch sein Begehren drückt er viel zu ungeschickt und direkt aus, so dass sie sich wie eine billige Hure vorkommt. Beleidigt weist sie ihn ab.

In Lima verkauft sie ihre Nächte meistbietend an die strammen Burschen, die ihr den Hof machen. Bis sie an Antonio, den Boxer, gerät. Er ist zwar verheiratet, aber was macht das schon. Er macht Mathilde zu seiner Geliebten und will sie vom Opium, das er im Hafen billig bekommt, abhängig machen. Der Sex im Opiumrausch ist auch nicht zu verachten, findet sie. Allerdings ahnt Mathilde nicht, dass Antonio als „Hurenschlitzer“ von der Polizei gesucht wird, und als sie aus einem Opiumrausch erwacht, ist es für sie beinahe schon zu spät.

4) Das Internat

Das streng von Jesuiten geführte katholische Internat liegt weit draußen auf dem brasilianischen Lande. Hier leben nur Mönche und ihre Zöglinge. Einer der Mönche, Vater Dubó, scheint eine nicht ganz platonische Vorliebe für die Knaben zu haben, ganz besonders für einen Blonden, der fast wie ein Mädchen aussieht. Nicht nur ihn unterzieht er strenger Beichtstuhl-Inquisition, doch seine Fragen erzeugen mehr Fantasien statt sie zu vertreiben. Außerdem erlegt er seinen Sündern kuriose Exerzitien als Buße auf. Sein Hauptopfer ist dabei ein widerspenstiger Junge, der etwas maurisch aussieht und stets nackt schläft. Regelmäßig wird er von dem alten Mönch „kontrolliert“. So viel Aufmerksamkeit erregt den Neid der anderen Jungen, und bei der Gelegenheit eines Landausflugs fallen sie über den „Blonden“ her.

5) Der Ring

Bei den Indios in Peru ist es Brauch, dass Verlobte Ringe austauschen, die wie eine Kette aussehen. Es begibt sich, dass ein Indio, ein Angehöriger der Unterschicht, eine sanischstämmige Angehörige der Oberschicht zur Frau nehmen möchte. Natürlich ist ihr Vater gegen die Heirat und stößt üble Drohungen gegen den Indio aus. Aber die Frau mag den Indio und will mit ihm Liebe machen. Weil er aber seinen Ring auf sein Glied augfesteckt hat und dieses bei Annäherung seiner Liebsten hart wird, leidet er solche Schmerzen, dass es nicht zu einem Verkehr kommt. Der Ring muss erst entfernt werden, was auch erfolgt.

Sie fliehen vor dem Zorn des Vaters in eine andere Stadt, wo er sie versteckt. Er arbeitet des Nachts, und nur der junge Nachtwächter der Stadt leistet ihr Gesellschaft. Er erzählt eine unheimliche Legende über Indios, die sich in Tiere verwandeln, wenn sie wütend sind. Eines Nachts kommt der Indiomann der Frau nach Hause und ist eifersüchtig auf den Nachtwächter, denn wegen seines schmerzenden Gliedes fühlt er sich als Mann immer noch ungenügend. Er benimmt sich fast wie einer dieses legendären Indios, die zum Tier werden. Erst als sie ihm beweist, dass sie ihm immer treu war, beruhigt er sich und wird wieder normal. Danach haben sie den besten Sex, den sie jemals erlebt haben. Doch worin besteht ihr Beweis?

6) Mallorca

Bei Deja auf Mallorca soll es eine Bucht geben, wo einst nur einheimische Frauen zu baden pflegten. Allerdings waren sie angezogen, im Gegensatz zu den heutigen Nudisten, Fremden und anderen Heiden. Eines Abends spazierte Maria, eine 18 Jahre junge Mallorqinerin, am Strand entlang in diese Bucht. Sie sieht dort jemanden schwimmen und sie rufen und denkt, es sei Evelyn, die Amerikanerin, die Maria schon kennt. Maria zieht ihr Kleid aus und geht ins Wasser. Dass sie sehr schön gebaut ist, kann man trotz des Hemdes, das sie noch anhat, sehen.

Evelyn und Maria tollen im Wasser umher wie Kinder, doch dabei verliert Maria ihr Hemd und ist nackt. Allmählich wundert sie sich über Evelyns kleine Brüste, bis sie merkt, dass sich auch ein Schwanz an ihr reibt. Es ist Evelyns jüngerer Bruder, der sie nun streichelt. Nach einem kleinen Kampf gehen sie an Land, wo sie sich ermattet der Liebe hingeben. Hier wird es noch weitere nächtliche Begegnungen geben.

7) Künstler und Modelle

Im Greenwich Village besucht die Ich-Erzählerin den Bildhauer Millard, um ihm Modell zu stehen. Sie sei damals noch unschuldig gewesen, doch Millard, der einst am Montparnasse arbeitete, weist sie in den Kosmos des Eros ein. Unter anderem erzählt er von seiner Zeit in Paris …

Die Ehefrau eines Malers, die eine Haut weiß wie Schnee hat, ist eine Nymphomanin. Sie trägt einen 15 cm breiten, juwelenbesetzten Silbergürtel um die Hüfte, dass sie aussieht wie eine Sklavin, die einen Keuschheitsgürtel trägt. Die Sexhungrige heißt Louise, ihr Mann ist rasend vor Eifersucht wegen ihrer Eskapaden. Aus Angst, sie zu verlieren, führt er ihr alle seine Freunde zu, doch das nützt ihm nichts, als sie einen feschen Kubaner kennen lernt. Während Antonio ihr das Kleid zerfetzt, muss sie ihren Silbergürtel anbehalten. Dann macht er sie wahnsinnig vor Verlangen nach sexueller Erfüllung, doch er zögert den Höhepunkt immer hinaus. Auf diese und andere Weise macht er sie zu seiner Sexsklavin, so dass sie, wenn sie kommen darf, nicht nur Freude, sondern auch Hass für ihn empfindet.

Eine zweite Geschichte, die Millard erzählt, dreht sich um Mafouka, Mafouka ist ein aus Russland stammender Hermaphrodit und lebt am Montparnasse. Sie hat also zwei Geschlechter: flachbrüstig, aber mit Strumpfbändern angetan, führt sie sich auf wie ein Mann, lebt aber mit zwei Lesben zusammen. Als Millard sie kennen lernt, darf er ihre Geschlechtsteile sehen: eine unberührte Vagina hinter einem kleinen Penis, der nie steif wird. Millard kommt Mafouka vor wie die Verkörperung seines Zeitalters (dreißiger Jahre), in dem Männer und Frauen Merkmale des jeweils anderen Geschlechts annehmen.

Millard nimmt sein Modell auf eine Künstlerparty mit. An den Wänden hängen erotische Gemälde. Hier lernt sie Molly und Ethel kennen. Molly mag Düfte, z. B. den von Mottenkugeln. Die Ich-Erzählerin lernt John, einen Maler, kennen, der sie mit seiner „Zauberstimme“ verführt. Endlich gibt sich unser Modell auch Millard hin, und weil seine Frau eifersüchtig ist und ihn kontrolliert, ist die Beziehung nicht ganz einfach. Sie müssen sich in der Wohnung eines Freundes treffen, um sich lieben zu können. Er lehrt sie, was er in Paris schätzen gelernt hat: wenn sie ihre Vaginamuskeln anspannt, kann sie mit ihrem Geschlecht an seinem Glied saugen wie ein Mund an einem Finger. Als sie jedoch diesen und andere neue Tricks auch bei John zum Einsatz bringt, wird dieser misstrauisch und eifersüchtig. Die beiden Verhältnisse aufrechtzuerhalten, erweist sich als zunehmend mühevoller – und aufregender.

8) Lilith

Lilith ist frigide, und ihr Mann Billy ahnt es. Deshalb gibt er ihr eines Tages etwas, das er als Spanische Fliege bezeichnet. Lilith ist nicht blöd, sondern weiß genau, dass der darin enthaltene Stoff Cantharidin ein Aphrodisiakum ist. Und er sieht genauso aus wie der Süßstoff, den sie zum Kaffee nimmt. Doch beide unterliegen einem Trugschluss, wenn sie glauben, dies könne ihre Eheprobleme lösen. Denn der wahre Grund für Liliths angebliche Frigidität ist die Tatsache, dass sich Billy immer auf eine sachliche Ebene zurückzieht, sobald sie Anzeichen sexuellen Verlangens an den Tag legt. Er ist es also, der sich ändern müsste. Sie aber ist wie ein wildes Tier in einem Käfig, das sich nach Freiheit und grenzenloser Hingabe sehnt.

Doch ach! Lilith hat eine Verabredung zum Kinobesuch mit ihrer Freundin, und die will sie keinesfalls versetzen. Während also das Aphrodisiakum während der Filmvorstellung zu wirken beginnen müsste, kommt Lilith auf allerlei dumme Gedanken und hat jede Menge lesbische Phantasien, die um Mabels vollbusige Gestalt kreisen …

9) Marianne

Die Ich-Erzählerin bezeichnet sich als „Puffmutter eines literarischen Bordells“: Sie und ihre Freunde und Bekannten schreiben Erotika wie am Fließband. Doch irgendjemand muss ihr Geschreibsel auch abtippen, und das ist Marianne. Die junge Frau kommt aus der Provinz, ist knackig und frisch, versteckt jedoch ihre Reize unter unförmigen Kleidungsstücken. Psychologisch aber nicht physisch ist sie noch Jungfrau. Die Psychoanalyse, zu der die Erzählerin sie schickt, fördert diesbezüglich einige Erlebnisse zutage.

Eines Tages entdeckt die Erzählerin, dass Marianne eine eigene Story geschrieben hat. Obwohl sie keine Handlung hat, wird klar, dass sich Marianne danach sehnt, sich einem Mann, den sie liebt, völlig hinzugeben. Mariannes Heldin ist eine Malerin, die eines Tages Besuch von einem schüchternen jungen Mann erhält, der ein Bild bestellt: Es soll ihn als nackten Athleten zeigen. Sie hat keinerlei Problemen mit Akten. Was sie allerdings verblüfft, ist die Tatsache, dass sein Schwanz beim Modellstehen wunderschön steif wird. Sofort packt die Begierde sie und lässt sie vor ihm niederknien und den Zauberstab liebkosen. Dies ist genau das, was er sich ersehnt hat. Allerdings hat sie zu viel Angst vor ihrer eigenen Courage, lässt davon ab und beginnt wieder zu malen …

Wie sich im Gespräch mit Marianne herausstellt, handelt es sich bei der Geschichte nicht um Fiktion, sondern Tatsache. Der junge Mann heißt Fred. Wenige Tage später zieht er bei ihr ein, und es kommt zu näheren Kontakten. Seine erotische Vorliebe ist auf ein bestimmendes Erlebnis in Paris zurückzuführen … Doch als sich der mittellose Fred entschließt, einer Kunstklasse als Modell zu dienen, sieht sich Marianne in ihren Hoffnungen getäuscht und gibt ihm wütend den Laufpass. Sie tippt wieder erotische Fantasien.

10) Die verschleierte Frau

Der stets knapp bei Kasse befindliche George lernt eines Abends in seiner Stammbar ein elegantes Paar kennen, bei dem ihn besonders die verschleierte Dame betört. Als sie gegangen ist, macht ihr Begleiter (Mann?) George ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Die Dame treibe es nur mit Unbekannten, denen sie nie zuvor begegnet sei und die sie danach nie wieder sehen wolle. Für George spränge ein hübsches Sümmchen heraus, das ihn einen Monat über Wasser halten würde. Gebongt!

Nachdem George mit verbundenen Augen zu einer Luxusvilla gefahren worden ist, betritt er ein Boudoir, das sich vor allem durch seine Vollverspiegelung auszeichnet. George lässt sich dadurch nicht abschrecken, denn die nun eintretende Dame des Hauses ist ein wahrer Leckerbissen. Ihr schulterfreies Seidenkleid regt seine Fantasie aufs Äußerste an, zudem steht er auf ihre vollen Lippen und ihre wallenden Haare, vom kurvenreichen Fahrgestell kann zu schweigen.

Doch kein Preis ohne Schweiß, scheint die stets schweigsame Dame zu denken, und so muss sich George bei seinen Liebkosungen mächtig ins Zeug legen, bis sie sich dazu bereitfindet, sich entblättern zu lassen und sich seinen erobernden Fingern zu öffnen.

Monate später, nachdem, er seinen Lohn empfangen hat, trifft er einen alten Bekannten wieder, der ihn zu einem Drink einlädt und ihm eine sonderbare Geschichte erzählt. Er habe einer schönen Frau zusehen dürfen, die in einem Zimmer voller Spiegel von einem Galan nach allen Regeln der Kunst verführt wurde. Und für das Vergnügen musste er dem Begleiter der Frau, der ihn aus einer geheimen Kammer habe zusehen lassen, lediglich hundert Piepen zahlen …

11) Der Baske und Bijou

Der Baske, ein kopierender Maler, hat gerade ein Bild verkauft und fühlt sich reich. Daher steht ihm der Sinn nach sexuellem Vergnügen, und er geht ins Bordell. Die Puffmutter taxiert den Freier, um das passende Mädchen für ihn zu wählen. Viviane ist ein Rubensmädchen mit einem ausladenden Hintern, aber der Fähigkeit, den Höhepunkt hinauszuzögern. Dementsprechend ist das Vergnügen des Basken mit ihr von beträchtlicher Dauer.

Doch eines Tages entdeckt der Baske bei einem flotten Vierer, bei dem er Voyeur spielt, die feurige Spanierin Bijou. Die schlanke Schönheit hat das Temperament eines Pumas! Er bittet sie, sie malen zu dürfen, und sie zieht zu ihm. Stolz präsentiert er ihre beachtlichen Reize seinen Freunden, doch sie spürt, dass er sie damit quälen will. Auch die Intimrasur lässt sie nur widerwillig über sich ergehen. Deshalb organisiert sie unbemerkt vom Basken Seitensprünge mit den Studenten der Kunstakademie.

Eines Tages geht sie zu einem Schwarzafrikaner, der von sich behauptet, ein Hellseher zu sein. Während sie sich hypnotisiert stellt, erkundet der Schwarze ihren stolzen Körper, streichelt, karessiert, vögelt sie sogar. Da erst tut sie so, als erwache sie. Stracks bringt sie wegen des erlebten Vergnügens auch ihre Freundinnen Leila und Elena (siehe oben „Elena“) mit, und zu viert machen sie sich einen schönen Tag. Dabei spielt ein Kunstglied eine tragende Rolle. Erst als er sie in der Muschi piercen will, wie es bei ihm daheim Brauch ist, kriegt sie es mit der Angst zu tun und haut ab.

Nach Abenteuern mit einem Fremden am Quai der Seine und mit Leila bei einem Ausritt begeben sich Bijou, der Baske, der Afrikaner und ihre Freunde zu einer Orgie in den Bois de Boulogne. Sogar der Hund darf mitmachen. Doch weil dies den Basken eifersüchtig werden lässt, dauert der Spaß nicht lange. Er verlässt sie, und sie schlägt sich mit Modeln und schließlich auf dem Strich durchs Leben.

Mit 17 Jahren erlebte der Baske ein bizarres Abenteuer, in dem er seinem Fetisch, den duftenden Dessous bestimmter Damen, frönen konnte. Insbesondere eine Gouvernante hatte es dem Jüngling angetan, und ein spannendes Spiel entwickelte sich. Doch die Pointe war nicht ganz das, was er erwartet hatte.

12) Pierre

Pierre erlebt eines Tages an der Seine, wie die nackte Leiche einer schönen Frau aus dem Fluss gezogen wird. Während der Fischer die Polizei holt, vergeht sich der bewunderungsvolle Pierre an der wehrlosen Schönheit, die sogar noch warm ist … Als er in einem Fischerdorf, das eine Malerkolonie beherbergt, übernachtet, erlebt er durch einen Schlitz in der Wand, was nebenan in der Toilette passiert. Eine Fünfzigjährige weiht einen Jüngling in die Wonnen des oralen Sex ein … Das erinnert ihn an eine Freundin, die seine Mutter immer besuchte. Sie verführte den Jüngling mit ihren unzähligen duftenden Unterröcken, bis er schließlich den schützenden Wandschirm umwarf. Bei einem privaten Treffen mit dieser MaryAnn jedoch muss er entdecken, dass sie sich zwar ansehen und streicheln, aber nicht vögeln lässt. Sie sei von Preußen vergewaltigt worden, verrät ihm seine Mutter ganz nebenbei.

Pierre ist Mitte 40 und hat seine Beziehung zu Elena (siehe oben) beendet. Seit zwei Jahren ist er mit Sylvia verheiratet, doch sie ist kränklich und bekommt sexuelle Enthaltsamkeit verschrieben. Das frustet ihn ziemlich, doch zum Glück haben die beiden zwei Waisenkinder adoptiert. John und Martha sind beide um die 16. Während Martha ein rechter Wildfang mit rabenschwarzem Haar ist, neigt John zu grübelndem Studieren und hat einen Abscheu vor jedwedem „tierischen“ Verhalten, wie es Martha zuweilen an den Tag legt. Martha erweckt in Pierre das Begehren, und als aus dem Mädchen eine junge Frau wird, begehrt sie ihrerseits – Pierre als väterlichen Freund, aber noch viel mehr John, der für sie wie ein Bruder ist. Um ihn zu gewinnen, muss sie beweisen, dass sie kein „Tier“ ist, und sie zeigt ihm, wie das am einfachsten geht.

13) Manuel

Manuel ist ein Pariser Exhibitionist, der ungeheuer stolz ist auf seinen mächtigen Apparat, der in krassem Gegensatz zu seinem durchgeistigten, asketischen Gesicht steht. Nach vielen Abenteuern und Frustrationen begegnet ihm eines Tages im Zug eine Schwester im Geiste. Da sie einander so gut verstehen, was läge näher als einander zu heiraten?

14) Linda

Lindas Mund ist für ihren etwas älteren Mann André wie ein Geschlechtsorgan und er behandelt ihn auch so. Er begehrt ihn derart und erobert ihn immer wieder, dass man seine Frau für seine Mätresse hält. Sie haben Sex an allen möglichen öffentlichen und halböffentlichen Örtlichkeiten, wo er sie wie eine Hure behandelt. Aber das macht sie nur scharf, wie er sehr wohl weiß.

Als er für zehn Tage wegmuss, bekommt sie sofort eine Einladung zu einer Kostümparty – lies: Orgie – im Bois de Boulogne. Sie zieht ein aufregendes Seidenkleid an, aber kein Höschen. Achtzig Gäste lassen sich auf eine lauschige Lichtung kutschieren, schicken die Fahrer weg und lassen den Schampus strömen. Schon bald ist die Orgie in vollem Gange, und Linda lässt sich gehen, bis sie die Besinnung verliert.

Sie erwacht neben einem blonden Athleten – im Bett. Wie er gesteht, gehört er gar nicht zur Abendgesellschaft. Er ist ein einfacher Arbeiter und habe sich nur hineingeschgmuggelt, um am Spaß teilzuhaben. Das ist ihm voll gelungen. Sie bleibt ein Jahr bei ihm, bis er eine andere heiratet, um eine Familie zu gründen. Da sie seinen animalischen Sex vermisst, probiert sie alle Männer aus, derer sie habhaft werden kann – zwecklos. Sie vertraut sich schließlich der obersten Instanz des Geschmacks an: ihrem Frisör. Er hatte aus ihr, der ahnungslosen Landpomeranze, eine Pariser Dame mit Chic gemacht.

Michel weiß, dass nur eine Hure eine richtige Frau sein kann, denn nur sie benutzt den Sex nicht geizig zur Erpressung, sondern gibt großzügig. Daher schickt er sie in ein Luxusbordell, doch die Erfahrung mit ihrem ersten „Kunden“ ist für Linda entmutigend. Im Bois riecht sie einen Fremden, dessen aufregendes Parfum sie an eine Affäre erinnert, die sie mit einem Araber im französisch-marokkanischen Fes hatte. Es ist nur dieses Parfum, das sie so scharf macht, und als ihrem neuen Freund der Nachschub ausgeht, verfliegt sein Zauber sofort.

15) Marcel

Marcel ist ein komplizierter Charakter, obwohl man es dem etwas bäurisch wirkenden Mann nicht ansieht. Er kommt aufs Hausboot, wo sie und Hans ihre Manuskripte verfassen, doch als auch Gustavo über Nacht zu bleiben gedenkt, wendet sich Marcel wieder von ihr, der Ich-Erzählerin, ab, nimmt sie beiseite und lädt sie in seine Wohnung ein. Sie weiß zwar, dass er ein proteischer Schauspieler und völlig unberechenbar ist, doch dass er sie in der farbenfrohen Tracht eines Lappländers empfängt, hätte sie dennoch nicht erwartet. Der Sex mit ihm ist lang und ausdauernd, für ihre Geduld bedankt er sich – und nimmt gleich einen zweiten Anlauf.

Um seine Fantasien auszuleben, bittet er sie, jede Menge Unterröcke anzuziehen, damit er ihr darunter schauen kann. Dann soll sie grausam zu ihm sein, doch als sie ihm befiehlt, ihr beim Vögeln mit seinem Nachbarn, einem nur allzu bereitwilligen Russen, zuzuschauen, ist ihm das auch nicht recht. Erst als er sie von hinten nehmen darf, während sie wie zwei brave Bürger am Fenster lehnen und auf die Straße gucken, hat er seinen Spaß.

Doch dann bricht der Krieg aus, Verdunkelung ist angeordnet, und die Stadt der Lichter versinkt in Trübsinn. Und die Frauen erst! Alle guten Männer wurden eingezogen, die Ausländer haben Paris fluchtartig verlassen, und man kann sich nur noch mit dem Bodensatz an Männern begnügen. Marcel erinnert sich an sein Abenteuer mit der jungen Hure Yvonne aus Clichy, mit der er sich zwei Tage lang in ihr Zimmer einschloss, um nicht anderes zu tun als sie zu vögeln. Und sie, die Ich-Erzählerin, weint den schönen, lauen Sommerabenden in St. Tropez nach, als sich die Yachtbesitzer zu den Malern und Theaterleuten setzten, als wäre sie eines gemeinsamen Standes.

16) Das Vorwort (das ein Nachwort bildet)

Das dem Buch vorangestellte „Postskriptum“ (das „Vorwort“ beschließt das Buch) klärt den Leser bzw. Hörer darüber auf, dass es sich lediglich um Auftragsarbeiten handle, die von einem Sammler bestellt wurden. Da Henry Miller den Auftrag, für 1 Dollar eine Seite Erotika zu liefern (so entstand „Opus Pistorum“) nicht ganz erfüllen konnte, sprang Nin ein, um ihnen beiden den Lebensunterhalt zu verdienen. Das Geld hatten sie auch bitter nötig, denn in Greenwich Village lebten sie arm wie die Kirchenmäuse. Der Sammler bestand darauf, dass sie alle Poesie wegließ.

Doch was und wie konnte sie schreiben? Das Vorbild für Erotika bildeten in den 1940er Jahren nur die Schriften der Männer. („Josefine Mutzenbacher“ war in den USA offenbar unbekannt.) Doch Nin sah die weibliche Sexualität als eine Art Büchse der Pandora: Alles war möglich. Frauen wollen ihrer Ansicht Liebe statt Sex und Mono- statt Polygamie. Das bedeutete ihrer Ansicht nach eine neue Art, weiblichen Sex zu beschreiben. Ihre feste Überzeugung durchdringt ihr Schreiben: „Frauen haben nie Sex vom Gefühl getrennt, von der Begegnung mit dem ganzen Mann.“ Ob sie dabei auch an Prostituierte gedacht hat?

Die Autorin schreibt in einem Auszug aus ihrem berühmten Tagebuch über das vorliegende Buch, wie es zustande kam und verteidigt sich gegen die Forderung des „Sammlers“ und Auftraggebers, alle Poesie wegzulassen. Es ist eine Apologie eben dieser Poesie des Sexus. Sie habe heimliche Ironie einfließen lassen und manchmal eine Karikatur des Sex gezeichnet – doch all dies sei unbemerkt geblieben. Dabei hätten sie und ihre Schar von Koautoren nicht nur das „Kama Sutra“ geplündert, sondern auch sämtliche einschlägigen Werke von Krafft-Ebing („Psychopathia sexualis“), Freud und anderen, die eigentlich bekannt sein müssten. Das Plagiieren blieb unbemerkt, aber der Lohn von 100 Dollar pro Monat war natürlich höchst willkommen.

Mein Eindruck

So viele Geschichten, die sich nur um das Eine drehen, sollte man nur in fein abgemessenen Dosen genießen. So ging es auch mir. Ich konnte immer nur zwei, drei Geschichten auf einmal aufnehmen, von dem Kurzroman „Elena“ ganz zu schweigen. Denn wer zu viel auf einmal davon kostet, dem wird dieses Erotikum bald wie ein Einheitsbrei vorkommen.

Zum Glück gibt es aber auch einen inneren Zusammenhang. Nicht alles dieses Werks ist eine beliebige Aneinanderreihung von Bumsszenen, die sich in Bizarrerie und Frivolität zu übertreffen versuchen. Es tauchen immer wieder die gleichen Figuren auf. Dazu gehören Elena, die Titelheldin der ersten Erzählung, und ihr Galan Pierre, dem die vorletzte Geschichte gewidmet ist. Diese beiden Figuren bilden mit ihren Abenteuern eine gewisse Klammer, die das Werk vor dem Auseinanderfallen bewahrt.

Die Entwicklung der Frau

Elena sei stellvertretend für viele Frauenfiguren betrachtet. Sie durchläuft den idealtypischen Werdegang von der ungebildeten oder intellektuellen, aber in sexuellen Dingen unerfahrenen Frau, die sich in einen ansprechenden Mann verliebt (oder ihn zumindest begehrt), der weitaus erfahrener ist. Seine Vorlieben entpuppen sich jedoch meist als derart ausgefallen, dass der Dame eigentlich der Verstand sagen müsste, dass er nicht ganz ihr Fall sein dürfte, doch zum Glück für den Leser kommt es in den seltensten Fällen dazu, dass sie nicht kooperiert. Wie sollte sie sonst Erfahrungen mit den Männern sammeln?

Panorama der Kultur

Auffällig ist bei manchen Männern (wie Pierre), dass sie ihren Jugenderlebnissen mit dem anderen Geschlecht hinterherhängen, so etwa den unzähligen Unterröcken und verführerisch duftenden Dessous der Damen der Belle Epoque. Übrigens geht es manchen Frauen genauso, so etwa Linda, die sich an ihr intensiv-intimes Beichterlebnis mit ihrem lokalen Pfarrer erinnert, mit dem sie ihren ersten Höhepunkt erlebte, ohne dass er etwas davon ahnte.

Es sind diese scheinbar unwichtigen Details, die die Erzählungen zu kulturgeschichtlichen Dokumenten machen. Der Weg von der Belle Epoque über die wilden Zwanziger über die Dreißigerjahre bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Dann enden die Erzählungen, denn die meisten Autoren waren Ausländer und mussten das Land vor den anrückenden Deutschen verlassen. Dennoch durchweht die Sehnsucht nach den vergangenen Schönheiten die Geschichten, ganz besonders aber „Marcel“. Am Schluss wird gesagt, dass dies „der letzte Sommer“ gewesen sei. Wie kann man so etwas sagen, wenn doch das Leben weitergeht? Offenbar ist die Zeit der Freuden vorbei, und die Storys erhalten einen erhöhten nostalgischen Reiz durch den Blick zurück auf etwas, das unwiederbringlich verloren ist.

Verstöße als Prinzip

Der Leser bzw. Hörer lernt allmählich die Vorlieben der Damen und Herren, die hier auftreten, zu schätzen oder interessiert zu erwarten. Neben den erwähnten Dessous sind dies Düfte (besonders von Unterwäche) und Positionen (z. B. unter den Rock schauen). Die zweite Kategorie sind die Verstöße gegen Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft oder gegen Tabus der Allgemeinheit. Ein Konventionsbruch ist zum Beispiel Exhibitionismus, wie ihn Manuel so liebt (am liebsten im unerwartetsten Moment).

Ein Tabubruch hingegen ist beispielsweise der Verkehr mit scheinbar engen Verwandten, wie er in „Pierre“ zwischen Pierre und seinen beiden Adoptivkindern Martha und John stattfindet. Ein weiterer Tabubruch ist Sex mit Toten (der Anfang von „Pierre“) und mit Tieren („Der Baske und Bijou“). Es fehlt jedoch Sex mit Klerikern oder anderen Autoritätspersonen, wie er noch bei Rabelais und in Balzacs „Tolldreisten Geschichten“ zu finden war.

Die Autorin und ihre Schar Beiträger ist eben mehr in der Bohème zu Hause, wo sie sich bestens auskennt. Henry Miller, seine Frau June und ihr Freundeskreis werden verschleiert mit in die Geschichten aufgenommen. Er tritt in „Marcel“ vermutlich als „Hans“ auf. Elena ist selbst ebenfalls Schriftstellerin und hat wahrscheinlich ein Vorbild in der Pariser Gesellschaft. Ich tippe auf Djuna Barnes („Nightwood“).

Kein TV

Die Bohème trifft sich in Cafés (im Separée), im Varieté, in der Oper (in dunklen Logen), reitet hinaus in den Bois de Boulogne, verbringt den Sommer an der Küste in malerischen Fischerdörfern (St. Tropez), aber keinesfalls in diesen bourgeoisen Kurorten wie etwa Deauville oder Biarritz. Obwohl es bereits Kinos gibt, geht doch kaum eine der Figuren – außer Lilith – dorthin, wo es sich ebenfalls im Dunkeln gut munkeln lässt. Dies ist offenbar ein amerikanisches Phänomen.

Weder TV noch Video sind erfunden, von Spielekonsolen ganz zu schweigen, und so haben die Menschen jede Menge Zeit, einander zu treffen – und sich auf ein Schäferstündchen oder zwei zu verabreden. Mir kommt die geschilderte Zeit wesentlich langsamer und menschlicher vor als unser Zeitalter. Aber ein Bankier oder Polizist aus jener Epoche würde das wahrscheinlich abstreiten.

Nins Erzählungen gehören wegen diesen Schilderungen und ihrem Blick für humorvoll geschilderte Verhaltensweise (von der Ironie bis zur Karikatur, siege das „Vorwort“) zur Oberliga der literarischen Erotika. Meines Wissens wurde keine einzige davon verfilmt, und das finde ich ein wenig seltsam. D.H. Lawrence, mit dem sie sich im „Vorwort“ vergleicht, wurde ungleich größere Aufmerksamkeit zuteil.

Alle Lust will Ewigkeit

Das könnte daran liegen, dass den Erzählungen Nins die dramaturgisch geeignete Struktur fehlt: Es gibt keinen Spannungsaufbau, und weil sich eine Episode an die nächste reiht, gibt es nur eine innere, lose Entwicklung, doch diese verlangt selten nach einer positiven Lösung. Die Storys „Lilith“, „Pierre“ und „Manuel“ bilden eine Ausnahme: Sie enden mit einer positiven, häufig humorvollen Pointe.

Aber lange Erzählungen wie „Elena“ und „Linda“ ziehen sich hin, ohne ein Ende zu finden. Sie folgen dem Nietzsche-Prinzip, wonach „alle Lust nach Ewigkeit“ strebt und sich daher stets selbst perpetuieren muss. Würde sie Erfüllung finden, müsste sie enden. Das unterscheidet die Lustschriftstellerei von den Romanzen, die stets ihre Erfüllung jenseits der Lust suchen und finden, nämlich in tiefer Liebe und / oder der Ehe, möglichst noch mit Kindersegen. Und auf diese Ebene hinabzusteigen, weigert sich Nin ganz einfach. Sie ist auch parteilich: Männliche Homosexualität kommt nur in „Elena“ vor, lesbische Liebe scheint ungleich populärer. War auch dies ein Zugeständnis an den Geschmack des „Sammlers“?

Das Booklet

Wie immer bei Argons Klassikerausgaben, liegt auch dieser Box ein schön gestaltetes Booklet bei. Die ersten Seiten sind der Autorin Anaïs Nin gewidmet, weitere Seiten der Sprecherin Angela Winkler. Dann erst darf die Essayistin Bettina Hesse loslegen, uns das Werk an sich sowie seine Wirkung vorzustellen. Den Abschluss bildet eine Übersicht über die Verteilung der Erzählungen auf die einzelnen CDs.

Jeder Abschnitt ist durch eine Abbildung abgetrennt: Nin, Winkler, dann folgen drei Gemälde von Gustav Klimt. Diese sind leider nicht mit ihren Titeln kenntlich gemacht, was ich etwas suboptimal finde. Auf dem mittleren Bild sind eindeutig zwei Damen aus Klimts Bekanntenkreis abgebildet – wer sind sie?

Die Sprecherin

Angela Winkler liest mit viel Feingefühl und Sympathie für die weiblichen Figuren. Zu keinem Zeitpunkt konnte ich ihr so etwas wie Abneigung oder Widerwillen anhören. Ihr Vortrag klingt, als würde sie den Hörer in ein Märchenwunderland entführen wollen, und wenn man an die geschilderten Praktiken denkt, so liegt dieser Gedanke gar nicht so fern. Weil aber jede Erzählung einer Fahrt ins Märchenland gleicht, darf man nicht zu viele auf einmal unternehmen – sonst wirkt alles gleich.

Im übrigen liest sie, wie ich anhand der Buchausgabe nachprüfen konnte, den ungekürzten Text sowohl der 15 Erzählungen als auch des Nach- und des Vorwortes. Und wenn sich die Nin mit einem engagierten Brief schlussendlich an ihren Auftraggeber wendet, so bringt auch die Winkler den entsprechenden Enthusiasmus auf, der zu der Entrüstung der Autorin passt. Wie stets ist auch hierbei jedes Wort zu verstehen und deutlich betont. Es gibt kein Genuschel, auch keine Hast, sondern die Sprecherin bietet Gelegenheit, jeden Satz einzeln auszukosten. Auch deshalb sollte man sich für alles an diesem Werk Zeit nehmen.

Unterm Strich

Wie oben gezeigt, kann man diesem wichtigen Werk der erotischen Literatur eine Vielzahl von Aspekten abgewinnen. Aber letzten Endes wird der Eindruck entscheiden, ob es erregen konnte oder nicht. Das kann es durchaus, nur eben auf eine geschmackvolle Art und Weise, die aber an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Nin ist nicht an der Mechanik der Kopulation interessiert, die ja wohl jedem Leser bzw. Hörer sattsam bekannt sein dürfte, sondern vielmehr an der Vielfalt der Variationsmöglichkeiten in der Begegnung von Mann und Frau. Sie scheut dabei keineswegs vor Tabubrüchen zurück: Sex mit Toten, mit Tieren, mit (scheinbaren) Familienangehörigen – es kommt alles in die Tüte. Was verboten ist, macht uns ja gerade scharf.

Die Initiation, die den weiblichen und männlichen Figuren widerfährt, ist die in ein Wunderland des Sexus, und so muss die Erzählerin immer wieder Neues aus ihrer Trickkisten zaubern, um den Pilger im Wunderland zu unterhalten und – aber nur ein bisschen – zu belehren. Der moralische Zeigefinger wird nie erhoben, ganz im Gegenteil: Hier gelten die Sitten der Bohème, nicht der Bourgeoisie. Erlaubt ist daher, was gefällt – honi soit qui mal y pense.

Die Sprecherin Angela Winkler, für mich eine der größten deutschsprachigen Schauspielerinnen, schafft es, die schlüpfrigen Texte mit Enthusiasmus und Sympathie, aber auch sehr deutlich und verständlich vorzutragen. Sie bekundet niemals Widerwillen beim Lesen, vielmehr scheint es ihr ein Anliegen zu sein, uns dieses Wunderland in jedem Detail deutlich vor Augen zu führen. Wie alles an diesem Werk sollte auch ihr Vortrag in Maßen und nicht in Massen genossen werden, sonst stellt sich allzu leicht Überdruss ein. Und das wäre nun wirklich ein Verbrechen.

757 Minuten auf 11 CDs plus 1 MP3-CD
Originaltitel: Delta of Venus, 1977
Aus dem US-Englischen übersetzt von Eva Bornemann
www.argon-verlag.de